Eine Kleingartenkolonie zwischen Tempelhof und Kreuzberg (Bild: Tagesspiegel/Mike Wolff)
Audio: Inforadio| 22.06.2018 | Thorsten Gabriel | Bild: PA/Tagesspiegel/Mike Wolff

Berliner Kleingärten und die Politik - Die Angst der Laubenpieper vor dem Wohnungsbau

Mit seinen Kleingärten ist Berlin weltweit spitze: Keine andere Metropole hat so viel privat genutztes Grün mitten in der Stadt zu bieten. Doch die Laubenpieper sehen ihre Idylle bedroht. Von Thorsten Gabriel

Laubenpieper. Schrebergärten. Allein schon die Umgangssprache entfaltet eine Atmosphäre von Spießigkeit, wenn es ums Stadtgrün geht. Wer kleingärtnert, sieht sich irgendwo zwischen Gartenzwergen, Wachstuchtischdecken, bunten Streifen-Türvorhängen und Fahnenmasten mit Deutschlandflagge einsortiert. Doch das ist Klischee. Wer sucht, findet in den 900 Berliner Gartenkolonien zwar buchstäblich reihenweise Parzellen, auf die das Bild zutrifft. Trotzdem bildet es nur die halbe Wirklichkeit ab.

"Laubenpieper werden immer jünger"

"Die Kleingartenanlagen haben sich in den letzten Jahren sukzessive geöffnet", sagt Günter Landgraf. Er ist Präsident des Verbands der Gartenfreunde Berlin und beobachtet erfreut die Entwicklung. Die Gärten seien heute mehr denn je Begegnungsstätten zwischen Kleingärtnern und den anderen Bewohnern der Stadt. In Mode gekommene Schlagworte wie "Klimagärten" oder "Urban Gardening" spielen eine immer größere Rolle.

Mittlerweile sind es vor allem junge Familien, die sich um Parzellen bewerben. Der Anteil der Schrebergärtner mit Migrationshintergrund liegt bei acht bis zehn Prozent. Vor einem Jahrzehnt war der durchschnittliche Kleingärtner noch 67 Jahre alt, mittlerweile ist er Mitte 50. "Chillen wie die Spießer – Berlins Laubenpieper werden immer jünger und hipper", titelte vor zwei Jahren ein Berliner Boulevardblatt.

Betongrau statt Naturgrün

"Wir haben derzeit über 14.000 Bewerber auf Kleingartenplätze", sagt Gartenfreunde-Präsident Landgraf. Angesichts von 70.000 Parzellen, die es über die Stadt verteilt gibt, sollte da eigentlich genügend Platz für alle sein. Doch wer einen Kleingarten pachten will, muss mit mehreren Jahren Wartezeit rechnen. Die könnte sich nun auch noch verlängern, denn die Hauptstadt-Kleingärtner sind alarmiert. Weil Berlin zurzeit so rasant wächst, wachsen ebenso rasant auch die Sorgen der Laubenpieper, verdrängt zu werden.

Sie kennen das nur zu gut. Kleingärten als mögliche Baufläche? Das ist eigentlich nichts Neues. Immer wieder rollten in vergangenen Jahrzehnten Bagger über die Laubenkolonien. Immer wieder wurde aus Naturgrün Betongrau. "Es gibt sehr viele Kleingärtner, die gegenwärtig etwas Angst haben", sagt Landgraf. "Sie denken: Wenn meine Parzelle, mein Kleingartenverein den Bach runter geht, geht ein Stück Leben von mir mit verloren."

Wohnungsnot auch aus Laubenperspektive im Blick

Für 160 Kleingartenanlagen endet in anderthalb Jahren eine Schutzfrist. Die weitaus meisten betroffenen Kolonien befinden sich in Treptow-Köpenick und Pankow, gefolgt von Charlottenburg-Wilmersdorf, Neukölln und Marzahn-Hellersdorf. Was allerdings nicht bedeutet, dass ihr Schicksal mit Anbruch des Jahres 2020 besiegelt ist. Das zeigt die Erfahrung. Bereits im derzeit noch aktuellen Stadtentwicklungsplan Wohnen hatte der Senat vor vier Jahren 40 Kleingartenanlagen als mögliche Wohnungsbauflächen ausgewiesen. Geräumt wurden seitdem aber lediglich vier.

Es ist auch nicht so, dass sich die Gartenfreunde dem Wohnungsbau frontal entgegenstellen würden. Auch von der Laube aus ist die Wohnungsnot der Stadt gut erkennbar. Der Präsident des Kleingartenverbands betont aber, dass man sich dort, wo Flächen benötigt würden, an Gesetze halten müsse. "Und das Gesetz schreibt vor, dass es dann Austauschflächen gibt. Das spielt gegenwärtig aber keine Rolle", hält er dem Senat vor.

Kleingärtnern "Gewissheit geben, was sie erwartet"

Zumindest in ihrem Koalitionsvertrag beteuern SPD, Linke und Grüne genau dies: Kleingärten sollen dauerhaft gesichert werden und dort, wo das nicht möglich ist, Ersatzflächen geschaffen werden. Was das konkret bedeutet, darüber kann oder will der Senat derzeit allerdings noch keine Auskunft geben. Umweltstaatssekretär Stefan Tidow geht davon aus, dass im Herbst konkreter diskutiert werden kann, "wenn wir wissen wie die Planungen für die neuen Stadtquartiere aussehen". Tidow beteuert, dass dem Senat die Kleingärten weiterhin wichtig seien: "Wir von uns aus wollen Kleingärten weitestmöglich erhalten, weil sie fürs Klima und für die Biodiversität eine wichtige Funktion übernehmen." Es sind die gleichen Argumente, mit denen auch die Kleingärtner selbst für ihren Erhalt kämpfen.

Hört man sich im Abgeordnetenhaus um, gibt es keine Partei, die Kleingärtnerinnen und Kleingärtnern ihre Lauben streitig machen wollte – auch wenn alle sehen, dass es wohl Kleingartenflächen geben wird, die für den Wohnungsbau werden weichen müssen.

Das sieht auch der stadtentwicklungspolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Stefan Evers, so. "Natürlich wird es Notwendigkeiten geben, Veränderungen in der Kleingartenentwicklungsplanung vorzunehmen", sagt er. Aber er ergänzt: "Wir müssen doch denjenigen, die einen Kleingarten ihr Eigen nennen, die Gewissheit geben, was sie erwartet - und nicht wieder, wie wir es in den vergangenen Jahren erlebt haben, kurz vor Toresschluss oder schon danach mitteilen, dass Schutzfristen womöglich nicht verlängert werden."

"Wer Laubenpieper quält, wird abgewählt"

Fest steht: Noch keine Berliner Landesregierung hat sich ohne Not mit Kleingärtnern angelegt. Schon gar nicht in zeitlicher Nähe zu Wahlen. Als vor 30 Jahren, 1987, der West-Berliner Senat am Flächennutzungsplan herumwerkelte, zogen zehntausende empörte Kleingärtner vors Rathaus Schöneberg, dem damaligen Sitz von Senat und Abgeordnetenhaus. "Wer Laubenpieper quält, wird abgewählt", stand auf ihren Transparenten.

Die Macht der Kleingärtner ist bis heute in der Politik gefürchtet. Für Verbandspräsident Landgraf ist das leicht erklärlich. "Eine Viertelmillion Menschen haben indirekt oder direkt Kontakt mit Kleingärten", gibt er zu bedenken. In diesem Sinne hätten die Kleingärtner Macht. Und durchaus drohend fügt er hinzu: "Wenn notwendig, werden wir diese Macht auch einsetzen."

Beitrag von Thorsten Gabriel

Kommentar

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26 Kommentare

  1. 26.

    Erschreckend, wie die aus Südwestdeutschland Zugezogenen nun per Tagesspiegel eine regelrechte Kampagne gegen Kleingärten starten. Warum können diese Leute nicht akzeptieren, dass Berlin nicht Stuttgart ist? Warum diese Intoleranz? Gehen wir Berliner nach Bawü und zwängen den unseren Lifestyle auf?

  2. 25.

    Nach der Logik wäre auch das Bezahlen von Kfz-Steuer und Mineralölsteuer Privatsache und nichts, was der Autofahrer bezahlen sollte. Mit diesen Einnahmen ließen sich übrigens die Straßen locker zusätzlich vergolden. Von den 47 Milliarden, die die Autofahrer jährlich zahlen, fließen nämlich nur 5 Milliarden (10,6%) in den Straßenbau (Quelle DIE WELT vom 10.11.13).

  3. 22.

    In diesem Staat muß jeder Angst bekommen.

  4. 21.

    Wieder ein naiver Öko! Auf welchen Planeten leben Sie? Sicher kann man auf Parkstreifen entlang der Strasse Wohnungen bauen;)

  5. 20.

    Genau wegen der unmöglichen Parkplatzsituation und wegen solcher irren Forderungen würde ich NIE nach Berlin ziehen. Auf meinem Gehöft könnte ich locker 150 Stellplätze einrichten. Streitet Ihr Euch in Eurerm Moloch mal schön weiter um die Flächen.

  6. 19.

    Ein Unternehmen macht das, was Gewinnn bringt. Das liegt in der Natur der Sache. Beschweren Sie sich bei der Politik, wenn diese nicht den Rahmen vorgibt und obendrein auch noch Massen von Zuwanderern ins Land holt.

  7. 18.

    Diesen Eindruck habe ich auch. Besonders was die momentane Immobilien Lage in der Stadt anbelangt. Sieht man sehr schön an all die hübschen Neubauten, zugunsten einer Bevölkerungsschicht mit dickem Geldbeutel.

  8. 17.

    Bevor die Kleingärten weichen, müssen erstmal alle Parkplätze weg. Diese völlig fehlgenutzten, verschenkten Flächen, gilt es der Öffentlichkeit wieder zurückzugeben.

  9. 16.

    Die Bauunternehmen haben ja keinen zukunftweisenden Wohnungsbau entgegenzusetzten ! Anstatt grün und Umwelt, horende Mieten oder Eigentumswohnungen.

  10. 15.

    Sie müssen ja ganz schlechte Erfahrungen mit Kleingartenkolonien gemacht haben und vor allem wo? Aber jetzt Ihren ganzen Frust an all die liebevoll gestalteten Kleingärten auszulassen ist vollkommen irrelevant. Mit Sicherheit gibt es solche und solche Menschen, doch noch nie habe ich erlebt, das Kindern das beschauen eines schönen Gartens verboten wurde. Ganz im Gegenteil. Wer höflich fragt, kriegt auch meines Erachtens eine Antwort zurück. So einfach geht zwischenmenschliche Beziehung. Und kommen Sie mir jetzt nicht damit, dem ist nicht so. Noch nie sind mir böswillige Kleingärtner mit Schnappatmung über den Weg gelaufen.

  11. 14.

    Danke für Ihre Mitteilung. Auch ich stand einmal kurz davor mir eine sehr schöne Parzelle anzuschaffen, am kl. Wannsee. Selbst die Pacht schien mir nicht zu hochgegriffen. Das war aber alles zu einer Zeit wo ich noch Berufstätig war und da ich zukunftsweisend schauen mußte, merkte ich plötzlich, das ich als Rentner damit finanziell überfordert gewesen wäre. Heute sage ich mir, ich hätte es trotzdem tun sollen. Ich kann sehr wohl nachempfinden wie Sie sich fühlen. Ich kenne niemanden in meinem Bekanntenkreis der jemals freiwillig seinen kl. angestammten Kleingarten hergeben würde.

  12. 13.

    Typisches Berliner Geheule.Lieber RBB, berichtet doch mal über die, zum Teil, richtig großen und modernen Einfamilienhäuser zu denen die "Lauben" teilweise ausgebaut werden. Da bleibt dann nur noch ein kleiner Streifen Natur ums Häuschen. Oder all die Kleingärten mit Zaun und Tor vor den Anlagen, wo der gemeine Berliner keinen Zutritt hat. Oder all die unfreundlichen "Lauben" Besitzer die Schnappatmung bekommen sobald man vor dem Garten stehen bleibt und seinen Kindern einen Obstbaum zeigt. Oder die gestriegelten Gärten ohne einen Halm Unkraut, bestimmt super für die Natur. Die Aufzählungen ließen sich noch ne weile Fortsetzen. Das hören, die angeblich für Berlin so wichtigen Kleingärtner nicht so gerne. Von daher: Es würde kein Grad wärmer, kein bisschen weniger schön für die Mehrheit der Berliner würde man die Hälfte der Flächen bebauen.Muss sich der Senat hallt mal trauen.Aber statt dessen zählen natürlich wieder nur einzelne Interessengruppen und verkaufen dies als Mehrheitsmeinung

  13. 12.

    Tja, das ist nun mal der Preis der Großstadt. Angesichts der Wohnungssituation wird ein Teil der Laubenpieper seine Gärten irgendwann aufgeben müssen. Gleichzeitig wird sich die Stadt weiter ins Umland ausdehnen. Glücklich kann sich schätzen, wer von zuhause aus arbeiten kann und sich daher - so wie ich - im Umland einen parkähnlichen Hof von 1/3 Hektar samt 100-m²-Single-Wohnung leisten kann. Raum, Zeit und Ruhe werden in Zukunft zu immer teureren Luxusgütern werden.

  14. 11.

    Bei allem, was man gegen die Stadt und dessen Ausbreitung sagt, ob man für und gegen Kleingärten ist, muss man auch in Rechnung stellen, dass man gegen die "schlechte" Luft durchaus etwas unternimmt: rings um die Stadt werden riesige Propeller aufgestellt, die Frischluft in die Stadt pumpt.

  15. 10.

    Finger Weg von der Grünen Lunge Berlins. Sonst gibt's was auf die Finger! Ende der Diskussion. Mal schauen ob die sonst so linken Gruppen auch für Kleingärtner eintreten oder ob sich das mit den Idealen schon erledigt hat.

  16. 9.

    Man darf auch nicht vergessen, was finanziell die Kleingärtner in ihre Pazellen gesteckt haben. So müssen wir Kleingärtner vor 4 Jahren unser Abwassergruben Sanieren oder gar neue setzen, ob sie nun dicht waren oder nicht, nur die DIN zählte was den meisten mehrere tausend Euro kostete. Damit es nach ein paar Jahren heißt oh Sorry aber eure Kalonie brauen wir für den Wohnungsbau, den ein Investor hat was anderes mit euren Pazellen vor, um dann Wohnungsbau zu betreiben im Luxussegment und sich die Taschen voll macht. Und die angebotenen Ausgleichsflächen liegen dann in Nirgendwo ohne jegliche Infastucktur damit dem Gesetz genüge getan ist, nach dem Motto friss oder stirb.

  17. 8.

    Recht hat er, der Wolfgang, wozu Kleingärten oder Bäume, wozu Ruhe und Entspannung, wozu Natur in einer Großstadt, alles überflüssiger Mist.
    Häuserschluchten, stickige staubige Luft, Müll und Dreck wohin man schaut, Menschenmassen überall und natürlich Autos, Autos, Autos. Schließlich ist Berlin eine Großstadt, und wem das nicht passt, der kann ja nach Brandenburg ziehen.
    Sie sind echt der größte :-DDD

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