Schülerinnen und Schüler einer Sekundarschule in Berlin-Charlottenburg (Quelle: Imago)
Audio: Inforadio | 04.06.2018 | Dörthe Nath | Bild: imago

Interview | Schulleiter Detlef Pawollek - "Lehrer müssen mit dem Alltag in Berührung kommen"

An vielen Schulen Berlins treffen Kinder und Jugendliche aus ganz unterschiedlichen Kulturen und Schichten aufeinander. Das schafft Konflikte, mit denen Lehrer umgehen müssen. Schulleiter Detlev Pawollek weiß, worauf es in solchen Situationen ankommt.

An Berliner Schulen werden Auseinandersetzungen unter Schülern nicht selten mit anderen, viel größeren Konflikten vermengt. rbb-Reporter haben sich unter Lehrern umgehört und festgestellt: Viele fühlen sich nicht ausreichend auf das vorbereitet, was sie an der Schule an Konfliktpotenzial erwartet - vor allem an Schulen, die sowohl einen hohen Anteil an armen als auch an Schülern nicht-deutscher Herkunft haben.

rbb: Herr Pawollek, Sie sind Schulleiter an der Röntgen-Oberschule in Berlin-Neukölln, an der es genau diese soziale Mischung gibt. Sind Lehrer tatsächlich nicht ausreichend auf die möglichen Konflikte vorbereitet?

Detlef Pawollek: Wir müssen unterscheiden, von welchen Lehrern wir reden. Wenn es Kolleginnen und Kollegen sind, die gerade fertig geworden sind und ihr Referendariat beendet haben – und dann möglicherweise nach einem Schulwechsel diesen Standort als ihren zukünftigen Arbeitsplatz betrachten - kann das zutreffen. Wenn Sie von Quereinsteigern reden, kann das durchaus auch zutreffen. Wenn Sie allerdings von erfahrenen Kollegen reden, die an solch einem Standort schon lange Jahre arbeiten und das Kollegium stabil ist, dann trifft das nicht ohne weiteres zu.

Wie kann man sich denn auf solche Konflikte vorbereiten?

Es sind Erfahrungswerte. Man braucht erstmal ein geschlossenes Kollegium, so dass innerhalb der Schule Regeln herrschen, die auch allgemein Beachtung und Anwendung finden. Und das braucht die Geschlossenheit. Wenn es dann zu Konferenzen und Erziehungsmaßnahmen kommt - dass alle Kollegen an einem Strang ziehen und sich dabei auch unterstützen.

Detlef Pawollek, Leiter der Röntgen-Schule, Berlin-Neukölln | Bild:

Müssen solche Themen vielleicht auch eine größere Rolle im Studium spielen?

Das ist schwer. Ich glaube nicht, dass das Studium da angemessen darauf vorbereiten kann. Das Referendariat ist sicherlich schon der geeignete Ausbildungsort - und darüber hinaus dann noch Erfahrung, die hintendran kommt. Also die müssen einfach mit dem Alltag in Berührung kommen. Das dann in einem in einem abstrakten Rahmen versuchen vorwegzunehmen… das geht nicht.

Es gibt vermehrt Berichte über religiös aufgeladene Konflikte, dass Mädchen beschimpft werden, weil sie ein Kopftuch tragen - oder weil sie eben keins tragen. Oder antisemitische Beschimpfungen. Spielt Religion tatsächlich eine größere Rolle als das, was gemeinhin unter Religion alles zusammengefasst wird?

Das ist sehr differenziert zu betrachten. Wenn es die reine Religion wäre, hätten wir in den Schulen weniger Probleme, glaube ich. Die Schüler, die religiös sind, gibt es durchaus. Die haben meistens eine Haltung, die eher zurückgenommen ist. Somit treten sie auch zur Fastenzeit nicht den anderen Schülern gegenüber auf und sagen, was zu machen ist. Diejenigen, die dies tun, sind aus meiner Sicht gar nicht unbedingt die, die religiös sind, sondern die ganz andere Absichten haben. Die aus so einer Gemengelage von Pubertät, Unterschichten Milieu und Machtansprüchen heraus versuchen ihre eigene Position zu stärken oder aber ihren Freiraum auch auszubauen. Ich wäre mal vorsichtig damit, das auf die reine Lehre, auf die reine Religion zurückzuführen.

Also so etwas wie die Toiletten-Scharia, dass da jemand aufpasst, dass auf der Toilette während des Ramadan kein Wasser getrunken wird - sagen Sie, hat mit Religion erst mal nichts zu tun?

So würde ich das sehen. Es ist natürlich ein Phänomen, das beklagenswert ist und wogegen auch vorgegangen werden muss -  aber ich würde nicht den Fehler machen, immer davon zu sprechen, dass diese Jugendlichen, die das machen, dann auch noch religiös sind. Aus meiner Sicht sind das Ausprägungen. die eher ideologischen Charakter haben und die eher aus diesen Unterschichten heraus kommen. Möglicherweise auch noch durch andere Kräfte: durch Verbände, Vereine, durch Umfeld, durch Familie, durch Straße beeinflusst wird. Aber weniger, dass es eine reine Form des Glaubens wäre. Wenn Sie sich mit jemandem unterhalten, der auch authentisch ist, der auch seriös ist, der würde natürlich den Kopf schütteln und sagen: Das ist abwegig.

Ist pädagogische Einflussnahme denn da überhaupt möglich? Was können die Lehrer leisten?

Ich glaube, das ist eine gesellschaftspolitische Aufgabe, eine Aufgabe der Politik an sich. Und dass man aus Schule heraus in den angrenzenden Raum so stark einwirken kann, dass mit Hilfe von Informationen Einsicht und Verhalten ändert - das ist äußerst schwer. Denn das sind sehr zeitraubende Prozesse - und zweitens erfordert das eine sehr starke Bindung zu den jeweiligen Schülern und möglicherweise natürlich auch zu den Elternhäusern.

Aber ist nicht andersherum die Schule auch ein Ort, an dem das am ehesten möglich wäre. Eben weil die Schüler ja genau da sind und da auch ihre Konflikte ausleben?

Ja, das glauben die meisten. Wenn das so leicht wäre, dann wären wir ja nicht Reparaturwerkstatt des Bezirkes, des ganzen Umfeldes.  Dann hätten wir sicherlich diese ganzen Probleme nicht, aber ich glaube da überschätzt man einfach die Einflussnahme von Schule. Wir können appellieren. Wir können erziehen. Wir können als Vorbilder fungieren. Was wir aber nicht können ist, in den Sozialraum so stark hineinwirken, dass wir dort auch Einfluss nehmen. Wenn wir Hinterhof-Moscheen haben, wenn wir den Druck der Straße haben, wenn schon Familien ihrer Tochter anraten, ein Kopftuch aufzulegen, weil der Druck von der Straße so groß ist: Dann dürfen sie nicht glauben, dass die Schule die Möglichkeit hat, so etwas zu regulieren. Das sind gesellschaftspolitische Phänomene, da muss die Politik ran. Da muss letztlich an anderer Stelle eine Grenzziehung erfolgen oder von mir aus auch eine Konsequenz. Aber durch reine Informationsweitergabe sehe ich da keine Möglichkeiten.

Und was heißt das dann für Ihre konkrete Arbeit -  erst einmal Ärmel aufkrempeln und trotzdem weitermachen?

Ja, das mache ich ja schon seit 20 Jahren - und mit mir viele andere Kollegen. Was anderes kann man ja nicht machen. Man kann letztlich versuchen, den Raum Schule so zu befrieden und so zu führen und gemeinsam zu gestalten, dass man sich darin im Rahmen der Möglichkeiten wohlfühlt.

Das Interview führte Dörthe Nath, Redaktion Inforadio

Sendung: Inforadio, 04.06.2018, 9:05 Uhr  

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1 Kommentar

  1. 1.

    Lehrer sollten zuerst mal in das Schulgesetz schauen, gerade in die ersten Paragraphen.
    Lehrer haben einen Bildungs- UND Erziehungsauftrag.
    Wissensvermittlung ist nur ein Teil der Tätigkeit.
    Man sollte dazu schon eine entsprechende Eignung (Charakter, Resilienz)haben und nicht nur die entsprechende Qualifikation.
    In der Schule wachsen auch kleine Alphatiere heran, die nur von Alphatieren gelenkt werden können.
    Lehrer, die von Natur aus keine Alphatiere sind, müssen sich mit autoritärem Führungsstil behelfen.
    Also Lehrer besser nach der Eignung heraussuchen. Ansonsten muss ständig der Schulleiter oder die Polizei eingreifen.

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