Ulrike Gerbers Profil in ihrer App SITeinander (Bild: rbb/Michael Handel)
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Kitajagd - Berlin, der Platzkampf und ich | Teil 7 - Es braucht ein Dorf zum Babysitten

Immer noch keinen Kitaplatz in Berlin? Drei junge Frauen haben einen Lösungsansatz zum selbst Organisieren: Eine App mit Netzwerk. Das erweitert auch den Bekanntenkreis. Von Tina Handel 

"Machen Sie sich einen Notfallplan für die nächsten zwei Jahre!", hat eine Mitarbeiterin des Jugendamtes vor ein paar Wochen zu mir gesagt. Diesen Satz habe ich seitdem im Kopf – auch als mir jemand auf der Straße einen Flyer in die Hand drückt, auf dem der Spruch steht "It takes a village to raise a child". Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen. Angeblich ein afrikanisches Sprichwort, gerade unter Großstadteltern viel zitiert. Und spätestens in Zeiten der Kitakrise auch in Berlin ein geflügeltes Wort.

Drei junge Frauen wollen versuchen, dieses Dorf digital zu beleben – das weiß ich, seit ich die Mailadresse auf dem Flyer angeschrieben habe. "Siteinander" heißt ihr Startup-Unternehmen. "Die Idee ist einfach: Eltern helfen Eltern", sagt Ulrike Gerber, 32, eine der Gründerinnen. Vielleicht ja auch etwas für uns, zum Beispiel um die Zeit zu überbrücken, bis wir einen Kitaplatz haben?

Ein regelmäßiger Babysitter ist zu teuer

"Wir leben heute viel anonymer, viele ziehen weg aus der Heimat", sagt Ulrike. "Wenn sie dann selbst Eltern werden, haben sie kein Umfeld mehr, was sie unterstützt. Und gleichzeitig müssen heute alle flexibler arbeiten." Dazu komme, dass viele neben Kind und Arbeit auch noch eigene Freiräume haben wollen. "Und regelmäßig einen Babysitter kann sich kaum einer leisten", ergänzt Henrike Gerber, 27.

Ich treffe mich mit den beiden Gründerinnen, die zusammen mit ihrer Schwester Anna-Lena im vergangenen Jahr das Berliner Startup-Stipendium gewonnen haben: Geld und einen Co-Working-Arbeitsplatz in einem riesigen Büro in Kreuzberg, Tisch an Tisch mit anderen Entwicklern. Hier sieht es so aus, wie man sich das in der Branche vorstellt: an den Wänden Post-Its und die Logos bisher erfolgreicher Vorgänger-Startups. Sonst alles spartanisch eingerichtet, nur ein paar Laptops auf den Schreibtischen.

"Ich gebe ja mein Kind auch nicht fremden Leuten"

Die drei haben eine App entwickelt: Fünf bis acht Elternpaare oder Alleinerziehende finden sich in Gruppen in ihrem Kiez zusammen und betreuen gegenseitig ihre Kinder. "Als Ausgleich und zur Motivation bekommen die Eltern Punkte, wenn sie andere Kinder betreut haben", erklärt Henrike. "Und diese Punkte können sie dann wieder für Betreuungsstunden einsetzen." Damit untereinander Vertrauen entsteht, sollen sich die Familien im Netzwerk am Anfang erst einmal im Park treffen oder im eigenen Wohnzimmer. "Ich gebe ja mein Kind auch nicht fremden Leuten", sagt Ulrike.

Stimmt, das würde ich auch nicht. Aber ich weiß auch nicht, ob mir ein paar Tassen Kaffee im Wohnzimmer schon reichen, um meinen Sohn in sicheren Händen zu wissen. Vielleicht bin ich da später entspannter. Zum Kindergeburtstag würde man den eigenen Nachwuchs ja auch lassen, ist der Vergleich, mit dem die Siteinander-Gründerinnen auf solche Bedenken antworten.

vl: Henrike Gerber, Ulrike Gerber und Judith von SITeinander. (Bild: rbb/Michael Handel)v.l. Henrike Gerber, Ulrike Gerber und Judith

Am Anfang erst mal Riesenbammel

Im vergangenen Herbst gab es eine Pilotphase mit rund 60 Eltern. Kinder wurden betreut, Punkte verteilt, Spielnachmittage organisiert. Mit dabei war Steffi Klähne aus Pankow, die mit Mann und Sohn Dante aus München nach Berlin gezogen ist – und deshalb kaum andere Eltern kannte. "Mir war es wichtig, dass die Kinder erst einmal zusammen spielen und dass unser Sohn zum Beispiel die anderen Wohnungen kennt", erzählt Steffi mir am Telefon. Sie habe in der Testphase zwei Mal auf andere Kinder aufgepasst: "Ich hatte erst einen Riesenbammel", sagt sie. "Ich hatte Nudeln gekocht, Kuchen gebacken. Im Rückblick denke ich, ich habe wohl etwas übertrieben, damit alles gut wird." Jetzt traue sie sich grundsätzlich zu, auch anderer Leute Kinder zu betreuen.

Eine wichtige Erkenntnis der Testphase für die App-Entwickler: Das Ganze funktioniere nur, wenn die Eltern wirklich nah beieinander wohnen. Sonst sei es zu viel Stress und Orga.

Finanziert über die Crowd

"Eine der häufigsten Fragen war die nach der Sicherheit", sagt Henrike Gerber. Das kann ich verstehen. Was ist, wenn ein Kind sich beim Spielen verletzt oder etwas in der Wohnung der Babysitter-Eltern kaputt macht? "Wir empfehlen, dass Familien vorher in ihrer Haftpflichtversicherung nachlesen, ob so eine Betreuungssituation auch abgedeckt ist." Die Gründerinnen glauben nicht, dass es deswegen zu Zoff oder Klagen unter Mamas und Papas kommt: "Man ist ja auch befreundet, da möchte man sich nicht streiten", sagt Henrike Gerber. Bei diesem Punkt bin ich nicht so sicher, ob die Unternehmerinnen das nicht zu naiv sehen.

A propos Unternehmen: Die Macher müssen ja auch Geld verdienen. Was soll die App also kosten? "Im Moment sind wir in der Beta-Phase und Android-Nutzer können sich einfach anmelden", sagt Henrike Gerber. In den nächsten Monaten wird Neues eingebaut und eine Version für iPhones entwickelt. Finanziert haben die Frauen das erst einmal mit einer Crowdfunding-Kampagne. Außerdem führen sie gerade Gespräche mit Investoren. Später könnte die Siteinander-App Werbung enthalten, auch wenn die Gründerinnen das bislang möglichst vermeiden wollen. "Wahrscheinlich wird es eine Premium-Mitgliedschaft geben, die dann ein paar Euro kostet."

Bonuspunkte für ein entspanntes Kind?

Jetzt wollen die Schwestern erst einmal schauen, welche Änderungen Eltern noch einfordern und was gebraucht wird. Die Betreuungskrise in Berlin spüren sie jetzt schon, erzählt mir Henrike: "Vor kurzem hat eine Mutter, die noch keinen Kitaplatz hatte, in einer unserer Facebookgruppen gefragt, wer mit ihr einen Ringtausch organisiert. Sie wollte so etwas wie vier Tage arbeiten und am fünften Tag die Kinder der anderen betreuen."

Denkbar sei schon, dass die Gruppen später jeweils eigene Regeln oder Punktekataloge festlegen, so die Gründerinnen. "Vielleicht kriege ich dann Bonuspunkte für ein entspanntes Kind", sage ich am Ende. Denn mein Sohn hat erst halbwegs geduldig zugehört - und ist dann bei seinem ersten Startup-Ausflug einfach eingeschlafen.

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Beitrag von Tina Handel

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