Symbolbild: Kinder tanzen an der Schule (Quelle: Keystone/Della Bella)
Audio: Inforadio | 06.06.2018 | Kirsten Buchmann | Bild: Keystone/Della Bella

Projektarbeit an Berliner Schulen - Mit Tanzen und Theaterspielen Vorurteile abbauen

Gerade an Schulen in sozialen Brennpunkten lernen oft Schüler unschiedlichster Herkunft und Religionen. Konflikte sind programmiert. Unterstützung erhalten die Lehrkräfte durch Projekte von außen. Der Erfolg ist beachtlich. Von Kirsten Buchmann

Mit den Füßen stampfen, quer durch den Raum, Gummistiefel wegschleudern, ohne Ballast weitertanzen: Den Schülern macht das Spaß. Die Klasse "Isa 10" der Erika-Mann-Grundschule in Wedding probt für ihre Aufführung im Rahmen des Projekts TanzZeit [Externer Link]. Der Tanz soll die Schüler zusammenbringen. Mehr als 80 Prozent kommen aus Einwandererfamilien unterschiedlicher Herkunft.

Erika-Mann-Grundschule: TanzZeit
Erika-Mann-Grundschule: TanzZeit | Bild: rbb/Kirsten Buchmann

Durch das Tanzen über Monate hinweg wachsen auch Kinder zu einer Gruppe zusammen, die im Klassenraum nicht gemeinsam lernen wollen, weil sie so unterschiedlich sind. Ihre Lehrerin Nanine Schulz freut das: "Sonst ist es oft so, dass viele Kinder sich häufiger streiten. Das Tollste ist: In dieser Arbeit wird sichtbar, dass sie auch gut zusammenarbeiten können, sogar einander berühren, während sie zusammen auftreten." 

Auf der Bühne spielt der religiöse Hintergrund keine Rolle

Mohammed aus einer jordanischen Familie tanzt mit der achtjährigen Michelle, deren Eltern aus Kamerun und aus Kenia stammen. Sie sagt: "Woher man kommt, ist nicht wichtig. Aber es ist wichtig, dass alle mitmachen und dass wir die Aufführung richtig richtig gut schaffen."

Die Tänzerin und Choreografin An Boekman vom Projekt TanzZeit probt seit zwei Jahren regelmäßig mit der Klasse. Sie erlebt es immer wieder, dass es gelingt, durch Tanz Vorurteile abzubauen. "Wenn Kinder zusammen proben oder auf der  Bühne stehen, dann sind sie ein Team. Dann spielt der religiöse Hintergrund keine Rolle."

Durch den Tanz Hürden abbbauen

Für die Kooperation mit TanzZeit nutzt die Schule Geld aus dem Bonus-Programm für Schulen in sozialen Brennpunkten. Die Erika-Mann-Schule ist eine theaterbetonte Schule. Tanz findet die Schulleiterin Birgit Habermann für ihre Schüler wichtig: "Da werden auch Hürden, die die Kinder außerhalb der Schule mitkriegen, abgebaut", sagt sie.

Erika-Mann-Grundschule: TanzZeit
Erika-Mann-Grundschule: TanzZeit | Bild: rbb/Kirsten Buchmann

Breite Palette an Projekten

Bewusst ist ihr aber auch, dass es bei Kindern unterschiedlicher Herkunft dennoch immer mal wieder Konflikte geben kann. Wenn nötig, reagiere die Schule sofort mit weiteren, auf den aktuellen Anlass bezogenen Projekten. Denn es gibt ein breites Angebot von Mentorenprogrammen über Sport bis hin zu Projekten gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus. Allein letztere fördert das Land mit rund 600.000 Euro. Welche Summe insgesamt für unterstützende Projekte von außen fließt, ist nicht überschaubar. Denn das Geld dafür kommt aus verschiedenen Töpfen.

Birgit Habermann von der Erika-Mann-Schule hat mit Projekten gute Erfahrungen gemacht. In einer 6. Klasse sei etwa ein sehr religiöses muslimisches Kind gewesen, das andersgläubige Schülerinnen und Schüler ausgegrenzt habe. "Die Klassenlehrerin hat dann mit der Klasse ein Projekt über die Religionen der Welt gemacht, um zu zeigen: Jeder darf seine eigene Relilgion haben, woran er oder sie glaubt."

Ernst-Abbe-Gymnasium Berlin-Neukölln: Tandem-Projekt
Ernst-Abbe-Gymnasium Berlin-Neukölln: Tandem-Projekt | Bild: rbb/Kirsten Buchmann

Über Vorurteile gegenüber den Religionen sprechen

Verständnis zwischen verschiedenen Religionen will auch die Ernst-Abbe-Schule in Neukölln vermitteln. Fast alle ihrer Schüler kommen aus Einwandererfamilien. Die meisten sind türkischer oder arabischer Herkunft.

Ethik-Unterricht in der Klasse 8d: Das Gymnasium hat meet2respect [Externer Link] als Projekt von außen in den Klassenraum geholt. Mit der 8d reden der Rabbiner Elias Drey, und der Imam Ender Cetin. Thema ihrer Diskussion: Die Vorurteile gegenüber Religionen, die die Schüler immer wieder mitbekommen, etwa wenn "du Jude" als Beschimpfung verwendet wird.

"Ich habe gehört, wie sich zwei Jungs unterhalten haben und sagten: Juden gehören nicht hierher, die sollen zurück nach Israel", sagt ein Mädchen. "Das bringt doch nichts, es gibt Juden auf der ganzen Welt, nicht nur in Israel, auch in Deutschland."

Einzuschreiten verändert etwas

Der Rabbiner und der Imam bestärken die Jugendlichen darin einzuschreiten: "Wir denken vielleicht, das hilft nicht. Aber es hilft doch etwas", sagt Rabbiner Drey. Wenn eine Person von mehreren Seiten höre, dass man nicht toll finde, was sie sagt, dann könne das auch etwas verändern.

"Diskriminierung, Rassismus, das fängt schon in den Wörtern an", ergänzt Imam Cetin. "Auch wenn man sich denkt: Da ist doch nichts dabei, das sagen doch alle - irgendwann empfinde ich vielleicht alle Juden als bösartig oder schlimm. Das ist Diskriminierung - und die verbietet der Islam total." Er sehe viel Nachholbedarf, sowohl in der muslimischen Community als auch in der Gesamtgesellschaft.

Hildegard Bentele, CDU (Bild: Dieter Freiberg)
Hildegard Bentele, Bildungsexpertin der CDU | Bild: Klaus Dieter Freiberg

Themen in der Schule verankern

Bei dieser Begegnung sprechen sich alle für mehr Toleranz aus. Der Schulleiter des Gymnasiums, Tilmann Kötterheinrich-Wedekind, will mit seinen Kollegen daran arbeiten, dass es auch über das Projekt hinaus bei diesem Klima bleibt: "Wenn Menschen, die hier arbeiten, den Begriff "Jude" als Schimpfwort hören, sollen sie das nicht so stehen lassen. Es gibt auch bei uns die Konflikte auf den Pausenhöfen, es ist nur wichtig, dass man es einfach nicht überhört."

Die Bildungsexpertin der CDU-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, Hildegard Bentele, ist trotzdem skeptisch, was die Wirkung der vielen Angebote für Berliner Schulen betrifft. Sie fragt sich, ob man das Geld nicht besser für Verwaltungsleiter, IT-Experten oder Koordinierungsstellen einsetzt, um die Schulen zu stärken: "Es gibt Bereiche wie Theater, wo Projekte von außen wichtig sind. Aber grundsätzlich halte ich es für wichtig, Themen in der Schule über einen längeren Zeitraum zu verankern, als es Projekte ermöglichen. Und Lehrer mit Weiterbildungen zu qualifizieren, diese Themen im Klassenzimmer immer wieder aufzugreifen, unabhängig von Projektzeiträumen."

Kinder können sich in Projekten anders kennenlernen als im Unterricht

Regina Kittler von der Linksfraktion argumentiert dagegen, Projekte seien sinnvoll, weil Kinder dort anders miteinander umgingen und sich anders kennenlernten als im leistungsbezogenen Unterricht: "Ich finde es total wichtig, dass die Kinder, gerade wenn sie zu Hause nicht diese Unterstützung haben, es in der Schule gemeinsam erleben können."

Der neunjährige Mohammed von der Erika-Mann-Schule freut sich schon auf seinen bevorstehenden Auftritt mit seiner Klasse. Denn vor Eltern und anderen Klassen werden Mohammed, Michelle, Fritz, Nali und ihre Klasse zusammen ihren Tanz präsentieren.

Sendung: Inforadio, 06.06.2018, 09:45 Uhr

Beitrag von Kirsten Buchmann

Kommentar

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10 Kommentare

  1. 10.

    *muhahaha*

    Ach, da fällt ihnen nichts mehr ein außer die beleidigte Mimose zu spielen und zu behaupten ich wäre "hier intellektuell schlichtweg in der Diskussion überfordert"?

    SIE beweisen doch mit DER Reaktion wer hier "hier intellektuell [...] überfordert ist...

    Oder was sollte das *mimimi* @rbb Der nimmt mir mein Schippchen weg, jetzt will ich auch mal? :-P

    YMMD

  2. 9.

    Ich habe sie bewusst nicht in meine Ansprache mit einbezogen, da sie in viel zu vielen bisherigen Beiträgen anschaulich unter Beweis gestellt haben, dass sie hier intellektuell schlichtweg in der Diskussion überfordert sind. @rbb: da mich dieser Schreiberling gezielt beleidigt und sie diese Beleidigungen veröffentlichen, erwarte ich durchaus, dass sie meine Reaktion auf diese Unverschämtheiten ebenfalls publizieren - ich hoffe ihr Demokratieverständnis ist entsprechend ausgeprägt !

  3. 8.

    Da können sie ihren Hass in noch so viele verschwurbelte Sätze packen, es bleibt Hass auf alles was sie nicht verstehen, verstehen können, verstehen wollen.

    Und sie bilden sich also weiterhin ein zu wissen Was die Mehrheit denkt? Wie verbohrt muß man eigentlich sein um in einer solchen Filterblase zu leben?

  4. 7.

    Teil 2: Als Ergebnis dieser Umfrage wurde dieses Projekt gestoppt bzw nicht weitergeführt. Ähnliches Procedere in Nachbarklassen. Bei einer anschließenden Diskussion bei einem Elternabend stellte sich dann schnell heraus, das zwar sowohl die Lehrerin als auch die Projektmitglieder von ihrem Projekt sehr schwer begeistert waren, ähnliche pseudowissenschaftliche Argumente wir ihre wurden aufgefahren, unterm Strich die pragmatisch denkenden Schüler und Schülerinnen jedoch ganz unwissenschaftlich und unpolitisch zu dem Schluss kamen, dass das Ganze total langweilig und sinnbefreit war. Es ist so schön, wenn Kinderseelen noch nicht politisch verformt sind und sich einfach trauen, die Wahrheit zu sagen. Ist ja in unserer Kultur durchaus nicht mehr so sehr gefragt. Vielleicht sollten sie ihr Ohr einfach mal den wirklichen Wünschen und Notwendigkeiten der Betroffenen öffnen, anstatt nur zu versuchen, ihre Ideologien den Betroffenen überzustülpen ! Betrifft sicher nicht nur das Projekt Tanzzeit

  5. 6.

    Normalerweise ist mir meine Zeit zu kostbar, auf solche Kommentare zu antworten. Ich tue es trotzdem, nicht zuletzt weil ihre Zeilen so wunderschön den Zeitgeist der linken Diskussionskultur aufzeigen. Was nicht meiner linken Meinung entspricht, wird, sofern die Nazi- und Rassismuskeule nicht zieht, mit Pseudoargumenten niedergeschrien. Offensichtlich mangelt es hier jedoch an der Gabe, Texte verarbeiten zu können, wenn ich nämlich meinen Selbigen lese, kann ich nirgends entdecken geschrieben zu haben zu wissen, was hier eine Mehrheit denkt ! Vielmehr ergibt sich die von ihnen mir anzitierte Fähigkeit daraus, Zahlen lesen und interpretieren zu können. Sprich es gab eine Umfrage unter den 27 Schülern und Schülerinnen, deren Inhalt es war zu hinterfragen, ob dieses Projekt weitergeführt werden soll. Die Notwendigkeit der Umfrage hatte sich ergeben, da viele Schüler und auch Schülerinnen bei den Eltern ihren Unmut über die Teilnahme an diesem Projekt kundgetan haben. Teil 2 folgt !

  6. 5.

    DIE Fähigkeit hätte ich auch gerne, ich beneide Sie. Einfach zu wissen, was "die Mehrheit" denkt... Das muss ein erhebendes Gefühl sein, sich einfach selbst Deutungshoheit zu verleihen.

    Das Projekt und andere sind deswegen wichtig, weil Schule noch immer als Selektionsinstrument genutzt wird. Schule konstruiert "Bildungsferne". Ebenso konstruiert der Schulkontext das Leistungsnarrativ, das an so vielen Schulen unhinterfragt bleibt. Das schließt den Irrglauben von Begabung bei den einen Schüler*innen und mangelnder Begabung oder inherenter Schwäche bei den anderen Schüler*innen ein.

    Wenn Kinder und Jugendliche nicht zu empathielosen, selbstbezogenen Arbeitssklaven, sondern zu selbstständig denkenden und handelnden sowie gemeinschaftsfähigen Menschen befähigt werden sollen, dann schließt das die Berücksichtigung der nicht nur unmittelbaren Vielfalt ein. Gleichwertigkeit ist das Prinzip und diese Kinder scheinen es zu leben, obwohl ein Tanzprojekt nicht alle ansprechen wird.

  7. 2.

    Ich durfte als Elternteil das Projekt Tanzzeit in 2 Grundschulklassen miterleben - mein relativ unromantisches Fazit, was der Meinung der deutlichen Schülermehrheit entspricht: Verschwendete Lebenszeit !

  8. 1.

    Die Veränderung der DE-Gesellschaft macht diese Projekte erforderlich ?!
    Ich sehe darin für DE keinen "Gewinn", sondern eher eine Fehlentwicklung.

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