Blick in einen leeren Klassenraum, wo die Stühle auf den Bänken stehen, fotografiert an einer Grundschule in Frankfurt Oder (Quelle: dpa/Pleul)
Audio: Inforadio | 14.06.2018 | Amelie Ernst | Bild: dpa/Pleul

Brandenburg - Lehrer und Schüler klagen über hohen Unterrichtsausfall

Super-Wetter und dann fällt auch noch der Unterricht aus: Welcher Schüler freut sich da nicht? Am Fontane-Gymnasium in Rangsdorf ist das mittlerweile jedoch ein bisschen anders, sagt Schülersprecher Richard Hohm. "Klar freut man sich in dem Moment. Aber das kommt ja später alles wieder. Wenn ich ans Abitur denke, muss man den Stoff, den man jetzt verpasst, später dann nachholen."

So wie Richard Hohm geht es vielen Schülern an der Schule, vor allem in der Oberstufe: Vertretungsunterricht, Stillarbeit, Ausfall  - irgendwas ist eigentlich immer. "Gerade in der letzten Woche war es sehr extrem. Da waren mündliche Abiturprüfungen und an einem Tag musste eine Klasse komplett zuhause bleiben", sagt Hohm.

Zu wenige Lehrer, die einspringen können

An dem Tag konnte kein Vertretungslehrer gefunden werden. Vor allem im Fach Englisch klaffen in Rangsdorf derzeit große Lücken, mehrere Lehrer sind gleichzeitig krank. Damit ihre Kinder nicht völlig den Anschluss verlieren, haben die Eltern einer achten Klasse jetzt extra einen Volkshochschulkurs gebucht. Die Vertretungsreserve, also der rechnerische Überhang an Lehrern, sei einfach zu gering, sagt Elternvertreterin Jeanette Averhaus.

"An Schulen sind es drei Prozent. Wir fordern, dass diese Vertretungsreserve massiv den realen Bedingungen angepasst werden. Im Idealfall sind es zehn, wären aber auch schon froh, wenn wir uns bei fünf Prozent einfinden würden." In der Wirtschaft rechne man schließlich immer mit 10 Prozent Personal mehr als rein rechnerisch nötig, weil immer jemand krank oder im Urlaub sei.

Schulamt will Schulleitung unterstützen

Beim zuständigen Schulamt in Brandenburg an der Havel kann man den Frust nur teilweise verstehen. Schließlich stehe es der Schule frei, in Krankheitsphasen Vertretungslehrer einzustellen, sagt Schulamtsleiterin Kerstin Niendorf. "Wir haben das mit der Schulaufsicht geprüft und festgestellt, dass im Vergleich mit anderen Schulen in dem Amtsbereich keine extremen Verwerfungen sind."

Das heißt: Rangsdorf sei kein Einzelfall, woanders falle der Unterricht in ähnlichem Umfang aus. Zudem stehe man der Schule beratend zur Seite. Aber die Höhe der Vertretungsreserve sei eben eine politische Frage, so Niendorf. "Wir nehmen uns dem Problem natürlich an. Da haben wir innerhalb des Schulamtes geeignete Maßnahmen, um diese Schule zu stärken, die Schulleitung zu unterstützen und im Interesse der Kinder den Ausfall so gering wie möglich zu halten."

Elternsprecherin: "In fünf Jahren nützt uns das nichts"

Aber neue Lehrer oder zumindest Ersatz-Lehrer sind in Rangsdorf bisher nicht aufgetaucht. Dabei dränge die Zeit, sagt Elternsprecherin Kerstin Klinkenberg. "Wir haben diese Diskussion 2015 angestoßen. Für die Kinder ist das ein einmaliges Ereignis, die sind hoffentlich nur einmal in der fünften Klasse. Für die Lehrer und die Verwaltung ist das ein Prozess. Wir hätten gerne jetzt eine Veränderung. Perspektivisch, in fünf Jahren, wenn dann neue Lehrer ausgebildet sind – das nützt uns nichts.“

Deshalb werde man auch weiter den Kontakt zum Schulamt suchen - und vor allem auch zum Brandenburger Bildungsministerium. Am Donnerstag ist das Thema Unterrichtsausfall immerhin schon mal Thema im Bildungsausschuss des Landtags.

Sendung: Inforadio, 14.06.2018, 12 Uhr

Kommentar

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4 Kommentare

  1. 4.

    Ja, so sind sie, verneinen und verharmlosen Probleme! Sie würden ein Totalversagen zugeben und eine Untauglichkeit für dieses Amt. Außerdem muss man, wenn man Probleme aus der Welt schaffen will arbeiten. Aussitzen und abkassieren, fromme sprüche wie, Kinder sind unsere Zukunft entspricht den Tatsachen, scheinbar geht es aber wohl nur um ihre eigenen. Einfach mal eine andere Partei wählen, und nicht immer wieder in die selbe Faust rennen!!

  2. 3.

    Danke dem kritischen Begleiter aus Jüterbog und Fritzchen aus Berlin!! Ich hätte es nicht besser ausdrücken können. Leider kommen solche Kommentare bei den Verantwortlichen scheinbar nicht an. Oder warum gibt es die seit Jahren bekannten Probleme immer noch in diesem Umfang? Was sagt unser ehemaliger Bildungsminister Herr Baaske eigentlich zu seiner Tätigkeit? Ich wünsche mir, dass er auf seiner halben Stelle "Freud und Leid" eines Vollzeitlehreres mit allen Bildungs-, Erziehungs- und Verwaltungsaufgaben nachvollziehen kann. Die Schulleitung handelt klug, wenn sie ihn als neuen Datenschutzbeauftragten ans Schulamt meldet, bringt er doch das notwendige "Fachwissen" aus seiner langjährigen Verwaltungstätigkeit mit.

  3. 2.

    Weil Bildung keine Priorität hat, trotz der allgemeinen Wahlkampfreden!! Weil man keiner Statistik vertrauen kann, sind doch die Kultusminister selbst nicht einmal in der Lage, Statistiken zu interpretieren (Geburtenzahlen + sechs Jahre= Anzahl der Erstklässler + Reserve für Zuzüge und Flüchtlingskinder!!!! Anzahl der Lehrer ist bekannt, deren Alter wohl auch = Hinweis auf Pensionierungszahlen in jedem fortlaufenden Jahr.... ). Diese kombinierte Lese-Mathematik-Schwaeche tritt auch bei Innen - und Finanzministern auf (fehlende Stellen bei Polizei/Justiz/ Verwaltung)!
    Von den o.g. Berufsausübenden kann man nicht genug haben...
    Und Frau Scheres will allen Ernstes die einzigen Praktiker in der Lehrerausbildung an den Unis in die Schulen zurückzuführen....
    Vorschlag: Alle in der Bildungsverwaltung incl. Bildungssenatorin/- Ministerin für 10 Wochenstunden in die Klassenräume, Praxis-erfahrungen sammeln!! Wären dann ja meistens "Quereinsteiger", deren Qualität von Frau Ernst in den höchsten Tönen gelobt wird...
    Positiver Nebeneffekt: die Zeit für die Erarbeitung unsinniger Regelungen (z.B. keine Halbjahresnoten in Kleinen. 3/4) wäre begrenzt und würde Schulleiter und Lehrer massiv entlasten, damit sie wieder mehr Zeit für die wichtigste Arbeit haben: die Bildung der Kinder!!!

  4. 1.

    Warum sagen die Statistiken aus, das es kein Problem gibt, obwohl es tatsächlich vorhanden ist? Wie unterstützt denn das Schulamt konkret? "Abgestellte" Lehrer aus Ministerium, PLIP, Schulämter sind in den Statistiken als Unterrichtende weitergeführt? Diese helfen nun richtig aus? Warum stellt wohl ein Schulleiter keine Vertretung ein? Warum hat man in den übergeordneten Behörden in Brandenburg offensichtlich nicht die geringste Ahnung, was an der "Front abgeht". Was passiert in 5 Jahren, wenn der Lehrermangel in den Gymnasien angekommen ist? Werden die "alten" Lehrer "krank gespielt"? Noch mehr Fragen gefällig?

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