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Video: Abendschau | 19.07.2018 | Norbert Siegmund | Bild: Imago/Dangubic

Tausende Forscher veröffentlichen bei "Raubverlegern" - Im Dienste der Scheinwissenschaft

Wer als Wissenschaftler Karriere machen will, muss publizieren. Sogenannte "Raubverleger" bieten Veröffentlichungen gegen Geld an. Auch Mitarbeiter von Berliner Hochschulen und Forschungsinstitute stehen auf ihren Autorenlisten. Von Marie Asmussen

Mehrere Tausend deutsche Wissenschaftler sind in einen weltweiten Skandal um scheinwissenschaftliche Zeitschriften verwickelt. Das ergaben Recherchen von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung zusammen mit dem SZ-Magazin und weiteren nationalen und internationalen Medien. Demnach haben mehr als 5000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler deutscher Hochschulen, Institute und Bundesbehörden oft mit öffentlichen Geldern finanzierte Forschungsbeiträge in wertlosen Online-Fachzeitschriften scheinwissenschaftlicher Verlage veröffentlicht, die grundlegende Regeln der wissenschaftlichen Qualitätssicherung nicht beachten - teils auch unwissentlich.

Weltweit sind den Recherchen zufolge 400.000 Forscherinnen und Forscher betroffen. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben Forschungsergebnisse gegen Zahlung teilweise hoher Gebühren in zumeist über das Internet verfügbaren, scheinwissenschaftlichen Journalen publiziert, die von Unternehmen in Südasien, der Golfregion, Afrika oder der Türkei herausgegeben werden. Auf diese Weise gelangen demnach nicht selten fragwürdige, falsche oder gar betrügerische Studien mit scheinbar wissenschaftlichem Gütesiegel an die Öffentlichkeit.

"Ich fühlte mich gebauchpinselt"

Die Firma Omics mit Sitz im indischen Hyderabad gilt international als so genannter "Raubverleger" (aus dem Englischen "Predatory Publisher"). Omics gibt - zusammen mit Tochterfirmen - Hunderte Fachmagazine von teils zweifelhafter Qualität heraus. In einem davon, dem "Journal of Civil and Legal Sciences", hat auch Florian Furtak, Professor für Europäisches Recht und Politikwissenschaft an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin (HWR), fünf Artikel publiziert. Seit 2012 war er sogar Mitglied im Editorial Board, dem Redaktionsbeirat, des Magazins. "Ich habe mich zugegebenermaßen etwas gebauchpinselt gefühlt", räumt der Hochschullehrer heute ein. Schließlich hatte er seine Professur an der HWR damals erst seit drei Jahren inne. Er sagte zu und kurz darauf kam auch schon die erste Publikationsanfrage, ob er als Mitglied des Editorial Boards einen Beitrag schreiben möchte. "Ich habe das als kleine Ergänzung meines Publikations-Portfolios gesehen."

Seriöse Wissenschaftsmagazine lassen Veröffentlichungen vorab von unabhängigen Fachleuten prüfen. Bei Omics gibt es - trotz gegenteiliger Behauptung - keine zuverlässige Qualitätskontrolle. Reporter des Rechercheteams von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung konnten eine offensichtlich falsche Studie problemlos in einem Fachjournal der Firma platzieren.

Ein Haken bei "accepted"

Florian Furtak hält dagegen, dass ihm gelegentlich Beiträge zum Begutachten geschickt worden seien. Er hatte auch den Eindruck, dass seine Texte für das Journal gegengecheckt wurden. So konnte er auf eine Online-Plattform gehen mit allerhand Kästchen und Häkchen. "Da gab es ein Kästchen mit 'accepted'. Zu einem bestimmten Zeitpunkt war da ein Haken dran mit einem Datum." So habe er gedacht, dass alles in Ordnung sei.

Florian Furtak legt Wert auf die Feststellung, dass er längst schon habilitiert und Professor an der HWR war, als seine Zusammenarbeit mit Omics begann, so dass die Publikationen – der letzte Beitrag im "Journal of Civil and Legal Sciences" erschien 2017 - dort für seine Karriere also keine Rolle gespielt hätten. Trotzdem hat er für einige der Artikel bezahlt. Privat, nicht mit Geld der Hochschule, versichert er. Inzwischen hat Professor Furtak die Zusammenarbeit mit der Firma Omics gekündigt.

Hoher Publikationsdruck

Auch Forscher der Berliner Charité haben bei "Raubverlegern" publiziert. Der Neurologe Ulrich Dirnagl ist zuständig für wissenschaftliche Qualität und Ethik an der Universitätsklinik – und er ist einigermaßen fassungslos: "Mir war nicht klar, wie naiv viele meiner Kollegen tatsächlich sind, denn viele von diesen Webseiten und Einladungen wirken nicht sehr seriös. Ich dachte immer: Um darauf reinzufallen, sind wir Wissenschaftler zu schlau."   

Damit hat er sich wohl getäuscht. Das Geschäft solcher Firmen wie Omics funktioniere nicht nur, weil manche Wissenschaftler zu naiv seien, sondern weil sie unter Publikationszwang stünden, sagt Dirnagl. Für ihn ist das ein Indiz dafür, dass das System so nicht funktioniert. Die Kommissionen seien überfordert damit, diese Journale tatsächlich zu prüfen. "Wir zählen Erbsen und achten nicht genügend auf Inhalt und Qualität. Offenbar gibt es quantitative Anreize im System, die zu so etwas verleiten."

Denn nur wer viel veröffentlicht, macht im Wissenschaftsbetrieb Karriere und bekommt Forschungsgelder. Diesen Druck nutzen "Raubverleger" aus zum Geldverdienen – auch mit Berliner Wissenschaftlern.

Zur Recherche

Die Recherchekooperation von NDR, WDR und Süddeutsche Zeitung hat zu diesem Thema zusammen mit dem Süddeutsche Zeitung Magazin 175.000 von fünf der wichtigsten scheinwissenschaftlichen Plattformen veröffentlichte Forschungsartikel ausgewertet. Beteiligt an den gut neunmonatigen Recherchen waren auch Reporterinnen und Reporter 18 weiterer Medien, unter anderem aller ARD-Landesrundfunkanstalten und des Deutschlandfunks sowie von Le Monde (Frankreich), The New Yorker (USA), ORF (Österreich), Aftenposten (Norwegen), The Indian Express (Indien) und des koreanischen Investigativportals Newstapa. Sie veröffentlichen ab Donnerstag, 19. Juli, weltweit die Ergebnisse ihrer Recherchen.

Das Erste zeigt dazu im Rahmen seiner Reihe "ARD exklusiv" am Montag, 23. Juli, 21.45 Uhr, die Dokumentation "Fake Science: Die Lügenmacher".

Sendung: Inforadio, 19.07.2018, 07:06 Uhr

Beitrag von Marie Asmussen

Kommentar

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2 Kommentare

  1. 2.

    Hallo Manfred,
    nach zwei stündiger Recherche bin ich nun hier auf eine Kontaktmöglichkeit zu dir gestoßen. Mein Name ist Beate Rogowski, Tochter von Ursula Rogowski, geb. Raida. Dein Vater Hans Raida ist der Bruder meiner Mutter. Wir wohnten in Frankfurt am Main und ich meine mich zu erinnern in meiner frühen Kindheit dein Elternhaus in Hanau Groß Auheim besucht zu haben. Meine Tochter Lola, 15 Jahre, hat dich über den Eintrag der Ratibor- Besucherseite von 2010 erkannt (sie ist gerade an Ahnenforschung interessiert). Ich wohne in Berlin, bin 55 Jahre alt und und Architektin. Meine Schwester Evelyn Rogowski lebt in Frankfurt Sachsenhausen. Ich würde mich sehr freuen, wenn du zurück schreiben würdest. Beate Rogowski, br10437@googlemail.com. Viele Grüße aus Berlin, Beate und Lola

  2. 1.

    Danke für diesen sehr notwendigen Artikel. Ich bin selbst, wie viele andere auch, einmal reingefallen, schrieb ein Editorial, eingeladen, und plötzlich wollte der Fake-Verlag dafür Geld - Kontakt eingestellt. In der Biochemie, Chemie, Medizin, da kenne ich mich aus, kann man einfach über PubMed überprüfen ob die "Journals" überhaupt gelistet sind, sind sie in der Regel nicht. Allerdings versuchen Fake-Verlage wie der Indische "omics" sich in gelistete Journale einzukaufen und diese zu übernehmen. Perreview ist bei diesen Fake-Journals nicht drin, das Editorial Board besteht aus weitgehend unbekannten Menschen, oft aus Ländern wie Indien oder dem Arabischen Raum, was nicht gegen Indische Wissenschaftler sprechen soll. Die Konferenzen prahlen mit bekannten Sprechern, die teilweise nicht mal wissen das sie da sprechen sollen, werden kurzfristig abgesagt. Es gab eine herausragende Warnliste Beall's List: https://beallslist.weebly.com zu diesen Fake-Journals und Fake-Konferenzen.

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