Michael Müller (SPD), Regierender Bürgermeister von Berlin, bei der Gedenkveranstaltung zum 74. Jahrestag des gescheiterten Attentats auf Adolf Hitler im Ehrenhof des Bendlerblocks (Quelle: dpa/Britta Pedersen)
Video: rbb Aktuell | 20.07.2018 | Bild: dpa/Britta Pedersen

Hitler-Attentat am 20. Juli 1944 - Familien der Widerstandskämpfer treten für Europa ein

Am 20. Juli 1944 versuchten die Widerstandskämpfer um Graf von Stauffenberg, Hitler zu töten und durch einen Staatsstreich die Macht zu übernehmen. Beim diesjährigen Gedenken betonten ihre Nachfahren, dass sie sich jede Vereinnahmung durch Rechtspopulisten verbitten.

Bei einer Gedenkstunde der Bundesregierung zum missglückten Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 haben sich die Familienangehörigen der Widerstandskämpfer "aufs Schärfste" gegen Versuche von Rechtspopulisten verwahrt, das Erbe des deutschen Widerstandes zu instrumentalisieren.

"Das ist nichts anderes als Missbrauch", sagte der Vorsitzende der Stiftung 20. Juli 1944, Robert von Steinau-Steinrück, zum Auftakt der Feierstunde in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand im Bendlerblock in Berlin-Mitte.

Nachfahren setzen auf ein geeintes Europa

Das Agieren und die Sprache von Rechtspopulisten seien totalitär, der Widerstand dagegen sei "gerade antitotalitär" gewesen, sagte Steinau-Steinrück.

Bereits zuvor hatten die 400 Nachfahren in einem im "Tagesspiegel" veröffentlichten Appell vor nationalen Alleingängen und der Gefährdung eines geeinten Europas gewarnt. "Wir möchten an diesem Tag an den Mut und die visionäre Kraft unserer Eltern, Urgroß- und Großeltern, Onkel und Tanten erinnern und hoffen, dass nationale Alleingänge nicht das geeinte, starke, friedliche Europa gefährden, das sie für sich, uns und unsere Kinder erhofft hatten", hieß es.

"Voller Ehrfurcht vor der Tat dieser Männer"

Der amtierende Bundesratspräsident, Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller, und Außenminister Heiko Maas (beide SPD) dankten den Angehörigen für die deutlichen Worte. "Ihre Botschaft kommt zum richtigen Zeitpunkt", sagte Müller: "Danke, dass Sie das Gedenken an ihre Lieben mit dem Aufruf für ein geeintes Europa verbinden." Der wichtigste Schlüssel zur Mobilisierung der eigenen Widerstandskräfte sei das Wissen um die Geschehnisse, die Mechanismen der Diktatur und ihre Motive. "Wir stehen heute hier voller Ehrfurcht vor der Tat dieser Männer", sagte Müller.

Flagge des deutschen Widerstandes bei einer Pegida-Demonstration in Dresden (Quelle: dpa/Sebastian Willnow)Flagge des deutschen Widerstandes bei Pegida-Demo

Missbrauch der Wirmer-Flagge "unerträglich"

Es sei unerträglich, dass die Flagge des 20. Juli, die vom später hingerichteten Widerstandskämpfer Josef Wirmer entworfen worden war, heute von Neonazis missbraucht werde, sagte Maas. Die Fahne - mit einem Kreuz in den Farben Schwarz, Rot und Gold - sollte über dem vom Nationalsozialismus befreiten Deutschland wehen und die Ideale verkörpern, für die die Frauen und Männer des 20. Juli ihr Leben gaben.

Der damalige Aufstand der Anständigen sei nicht vergebens gewesen, sagte Maas. "Die Saat ist aufgegangen in unserem Grundgesetz, das die Würde des Menschen über alles andere stellt. Ihre Früchte sind unsere offene Gesellschaft und Deutschlands Ansehen in Europa und der Welt."

Männer und Frauen des 20. Juli wurden hingerichtet

Am 20. Juli 1944 war das Attentat auf Adolf Hitler gescheitert. Stauffenberg und vier seiner Mitverschwörer wurden noch in der Nacht hingerichtet, weitere 140 Mitwisser starben in den folgenden Tagen.

Neben  Maas und Müller nahmen  an der Feierstunde nahmen zahlreiche Politiker und Vertreter des öffentlichen Lebens teil, unter anderem Bundestagsvizepräsident Thomas Oppermann (SPD), Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU), der Generalinspekteur der Bundeswehr, Eberhard Zorn, sowie Vertreter von Berliner Senat und Abgeordnetenhaus.

Sendung: Abendschau, 20. Juli  2018, 19.30 Uhr

Kommentar

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9 Kommentare

  1. 9.

    Danke für die Recherche, ich konnte dazu bislang nichts finden, wobei ich zugebe, dass der Spiegel jetzt nicht meine bevorzugte Informationsquelle ist. Ja, es nutzen diverse Gruppen diese Fahne, auch welche, die ich als Demokrat vehement ablehne und bekämpfe. Ob das "zunehmend" ist, scheint aber wohl Ansichtssache. Sie scheint mir von diesen Kreisen bislang nicht massenhaft und systematisch verwendet zu werden, eher so, dass man immer mal wieder versucht, sich damit einen demokratischen Anstrich geben zu wollen. Allein an dieser Flagge kann man daher die Gesinnung nicht festmachen, denke ich. Irgendwo mitte-rechts bis ganz weit rechts außen schon, aber nicht ob extrem oder nur konservativ.
    Sommerliche Grüße!

  2. 8.

    Es gibt durchaus Anhaltspunkte. Beispiel:

    "So tauchte sie bei einer Kundgebung der rechtsextremistischen Partei Pro NRW auf, auch die rechtsextremen Reichsbürger des "Deutschen Kollegs" verwenden sie. Zu deren Gründungsmitgliedern gehört der Holocaust-Leugner und Neonazi Horst Mahler. Zudem wird die Kreuzflagge, auch von der rechtsextremen und islamophoben German Defense League verwendet und war bei der Hogesa-Demonstration in Köln zu sehen. In Kreisen der "Neuen Rechten" gilt die Fahne als Zeichen "des geheimen Deutschlands".

    http://www.spiegel.de/politik/deutschland/pegida-warum-in-dresden-die-kreuz-flagge-weht-a-1045600.html

  3. 7.

    "Die Wirmer-Flagge wird zunehmend von Neonazis benutzt"
    Ist das belegt oder ist es eine reine Behauptung? Ohne Zweifel wird die Flagge von Menschen genutzt, die sich als demokratischer Widerstand verstehen. Einen Zusammenhang mit radikalen Kräften kann ich nirgends finden. Gibt es Quellen dazu?

    "um sich selbst als Widerständler zu überhöhen"
    Das mag in einigen Fällen tatsächlich so sein. Ich würde diese Fahne selbst nie nutzen, es gibt eine Deutschland-Fahne.

    "Einer dieser sich selbst Überhöhenden ist u. a. Horst Mahler"
    Zweifellos, vom Linksextremisten (RAF) zum Rechtsextremisten (NPD), sehr seltsame Karriere.

    "Diese Flagge ist zu großen Teilen auf den verschiedensten Pegida-Demonstrationen zu sehen gewesen"
    Durchaus richtig, neben noch mehr Deutschlandflaggen. Da die Wirmer Flagge für Widerstand und nicht zwangsläufig für Extremismus oder Radikalismus steht, ist es voreilig, diese Menschen deshalb abzustempeln. Bei der Reichskriegsflagge sähe das anders aus.

  4. 6.

    Danke Helmut! Ihrem ersten Absatz stimme ich uneingeschränkt zu. Meine diesbezüglichen Äußerungen wurden mal wieder nicht freigeschaltet. Ich finde es gut und wichtig, die Widerstandskämpfer des 20. Juli zu ehren, haben sie doch versucht, sich einem der grausamsten Diktatoren aller Zeiten unter Einsatz ihres Lebens entgegenzustellen, um noch schlimmeres Unheil zu verhindern. Gleichzeitig sollten wir diese Menschen aber nicht zu Superdemokraten und Europafreunden verklären, denn das waren sie nicht. In allererster Linie waren es doch Soldaten, die sich für ihre Heimat eingesetzt haben, echte Patrioten eben. Ein Missbrauch der Helden des 20. Juli ist eben auch eine Geschichtsverfälschung, die den Blick auf die und die Lehren aus den Untaten des Naziregimes vernebeln.
    Es gab aber noch ganz viele andere Menschen, die die Nazis bekämpft haben, die heute aber meist namenlos bleiben, oft nur noch als anonyme Gruppe gelegentlich mal geehrt werden.

  5. 5.

    Das Mutigste wäre, die Nachfahren fänden zur Aussage, dass der schließliche Widerstand bspw. von Stauffenberg keineswegs demokratischen Tugenden entsprungen war, sondern dem schlichten Grundsatz eines Soldaten, dass dieser den Punkt finden muss, wann aufgegeben wird. Das haben die Nazis verpasst.

    Aus diesem eigentlichen Unsoldatischen des NS-Regimes folgte dann die Beschäftigung mit weitergehenderen, auch ethischen Gesichtspunkten, die ihn in die Nähe eines Demokraten rücken lassen.

    Wenn aus dem Widerstand gegen das NS-Regimes nicht verkürzt und im Umkehrschluss demokratische Tugenden geschlossen würden, wären wir im Aufschluss weiter. Das betrifft nicht nur Stauffenberg, sondern auch bspw. KPD-Mitglieder, die mit demokratischen Tugenden nun überhaupt nichts am Hut hatten. Die Wirmer-Flagge ist viel mehr der chistlichen Einschwörung geschuldet gewesen gegenü. einem sich als atheistisch bez. Regime, als dass sie die Demokratie stärker verkörpert hätte als die dt. Trikolore.

  6. 4.

    Darüber ist keine Aussage getroffen worden.

    Vielmehr dies:
    1. Die Wirmer-Flagge wird zunehmend von Neonazis benutzt, um sich selbst als Widerständler zu überhöhen. Einer dieser sich selbst Überhöhenden ist u. a. Horst Mahler.
    2. Diese Flagge ist zu großen Teilen auf den verschiedensten Pegida-Demonstrationen zu sehen gewesen.
    2. Es liegt an Pegida bzw. der AfD, angesichts des Beschriebenen Aussagen gegenüber denjenigen zu treffen, die diese Flagge in ihrem Sinne faktisch instrumentalisieren. Doch davon habe ich bislang nichts gelesen. Das ist weder geschehen, noch ist eine deartige Distanzierung gewollt.




  7. 3.

    Es ist eine Unverschämtheit, die Pegidademonstranten als Neonazis zu verunglimpfen.

  8. 2.

    Sehr geehrter TFG,
    ja, Sie haben Recht: Klimaschutz ist eine nicht zu vernachlässigende Aufgabe unserer Generation.
    Aber dies mit der (leider) zunehmend erforderlichen Wachsamkeit und einem entschiedenen Auftreten GEGEN jede Form von Rechtspopulismus, nationalsozialistischem Gedankengut und Stammtischparolen aufzurechnen, zeigt mehr als deutlich, wie wichtig und NOTWENDIG der Aufruf der Familien der Widerstandskämpfer vom 20. Juli 1944 ist.
    Ebenso wie die Verantwortung jedes Einzelnen, die Demokratie zu verteidigen und für die Würde des Menschen einzutreten.
    Für eine lebenswerte Welt unserer Kinder. Mit gesundem Klima in Natur UND Gesellschaft.

  9. 1.

    Kümnmert Euch mal lieber um die Klimakatastophe, damit unsere Kinder endlich wieder eine Zukunft haben.

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