Fanmeile bei der DEMO zu 40 Jahre CSD, Christopher Street Day BERLIN PRIDE in Berlin am 28.07.2018 (Quelle: imago/Ralf Mueller)
Video: rbb|24 | 27.07.2018 | Bild: imago/Ralf Mueller

Friedliche Demonstration - Berliner CSD wegen drohenden Unwetters vorzeitig beendet

Bunt, laut, friedlich: Hunderttausende Menschen haben bei der 40. CSD-Parade mitgefeiert. Am Brandenburger Tor sollte die große Abschlussparty stattfinden. Das Wetter machte dem CSD aber am Ende einen Strich durch die Rechnung.

Wegen des drohenden Unwetters über Berlin ist die Feier zum Christopher Street Day (CSD) vorzeitig beendet worden. Die Veranstalter brachen die Großveranstaltung, an der mehrere Hunderttausend Menschen teilgenommen hatten, in Absprache mit der Polizei ab, wie diese mitteilte.

Die Polizei forderte die Demonstranten auf, "besonnen den Veranstaltungsraum" zu verlassen, den Tiergarten und umliegende Grünflächen zu meiden. Hier bestehe die Gefahr von herunterfallenden Ästen.

Zuvor haben hunderttausende Menschen auf den Straßen die 40. Ausgabe des Umzuges gefeiert. Die Teilnehmer riefen zur Toleranz gegenüber Lesben, Schwulen und anderen sexuellen Minderheiten auf.

Am Rande des Christopher Street Days ist ein Mann gestorben. Er brach plötzlich zusammen und konnte nicht wiederbelebt werden, wie die Polizei am frühen Sonntagmorgen mitteilte. Hinweise auf Fremdverschulden gibt es nicht.

Der Deutsche Wetterdienst hatte zuvor vor starken Gewittern für Berlin und Brandenburg gewarnt. Es drohten Gewitter mit Starkregen von bis zu 40 Litern pro Quadratmeter, orkanartige Böen mit Geschwindigkeiten bis zu 110 Stundenkilometern sowie Hagel.

Ein friedliches Fest

Mit Regenbogenflaggen und Konfetti hatten bei Temperaturen über 30 Grad Hunderttausende den CSD gefeiert und zur Toleranz gegenüber Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transsexuellen, Transgendern, Intersexuellen und Queeren (LGBTTIQ) aufgerufen.

CSD-Meile 2018 (Quelle: rbb/Vanessa Klüber)
| Bild: rbb/Vanessa Klüber

Unter dem Motto "Mein Körper - meine Identität - mein Leben!" schob sich die Parade langsam vom Kurfürstendamm über die Siegessäule Richtung Brandenburger Tor. Von dekorierten Wagen dröhnten Bässe und die Village People mit "YMCA". Am Rand drängten sich viele Schaulustige. Und dazwischen: Fahnen, Feberboas, Konfetti, Kostüme - und einige Nackte.

Nach der Abschlusskundgebung sollte eigentlich die große Party stattfinden - mit Auftritten der israelischen Sängerin und Eurovision-Song-Contest-Gewinnerin Netta Barzilai sowie DJ-Weltstar Felix Jaehn auf der Hauptbühne am Brandenburger Tor. "Ich bin echt verdammt traurig, ich habe mich seit langem gefreut, mal beim CSD aufzulegen", erklärte Jaehn (23) am Samstag auf Instagram. Jaehn, der sich vor wenigen Monaten als bisexuell geoutet hatte, hätte erstmals bei der Abschlussveranstaltung am Brandenburger Tor auftreten sollen.

Mann mit Fächer beim CSD 2018 (Quelle: rbb/Vanessa Klüber)
| Bild: rbb/Vanessa Klüber

Auch Feiern kann politisch sein

Mit dabei war auch Politprominenz, etwa der frühere Berliner Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD). Der neue US-Botschafter Richard Grenell twitterte ein Foto von sich mit Sonnenbrille. Donald Trumps oberster Lobbyist in Deutschland ist schwul, wegen der Politik des US-Präsidenten aber in der Community umstritten. Trump wollte etwa Transgender vom Militärdienst ausschließen.

CSD 2018 - Sonnenuntergang (Quelle: rbb/Vanessa Klüber)
| Bild: rbb/Vanessa Klüber

Seit dem ersten CSD vor 40 Jahren sei viel erreicht und erkämpft worden, sagte Kultursenator Klaus Lederer (Linke) auf dem CSD. Es gebe aber noch viel zu tun. All denen, die behaupteten, der CSD sei heute nur noch Party und Kommerz, wolle er sagen: "Der CSD ist ein starkes Signal queerer Selbstbehauptung." Auch Feiern könne politisch sein.

Auch die Polizei flirtet beim CSD 2018 (Quelle: rbb/Vanessa Klüber)
| Bild: rbb/Vanessa Klüber

Viele Unternehmen beteiligten sich mit einem eigenen Truck an dem Umzug, genauso wie LGBTTIQ-Gruppierungen von SPD, Linken, FDP und CDU sowie einige Bundesministerien und die Botschaften der Niederlande, Großbritanniens und der USA. Auch die evangelische Kirche schickte wieder einen Truck unter dem Slogan "Liebe tut der Seele gut".  

AfD ist unerwünscht

Die AfD blieb als offizielle Teilnehmerin unerwünscht. Das hatten die CSD-Veranstalter deutlich gemacht, nachdem sie einen Antrag der Jungen Alternative Berlin abgelehnt hatten. Der Landesvorsitzende der AfD-Jugendorganisation, David Eckert, kritisierte das: "Wer Toleranz predigt, muss sie auch selber leben."

Im rbb bezeichnete der Berliner AfD-Chef Georg Pazderski seine Partei als "nicht homophob". "Wir haben natürlich nichts gegen Homosexuelle.
Aber man muss auch sagen: Der Kern eines Landes ist eben die Familie", sagte Pazderski der im Sommerinterview der rbb-Abendschau. "Die Familie muss besonders gefördert werden, weil sie auch den Bestand des Staates sichert."

Gedenken an die Verfolgung Homosexueller im Nationalsozialismus

Der Christopher Street Day erinnert an die Vorfälle rund um den 28. Juni 1969 in der "Stonewall Inn"-Bar an der New Yorker Christopher Street. Nach einer Polizeirazzia in der Schwulen-Bar demonstrierten Schwule und Lesben gegen Polizeiwillkür. Im Jahr darauf fanden in den USA die ersten Gedenkdemonstrationen an die Unruhen statt. Der erste Christopher Street Day im damaligen West-Berlin wurde im Juni 1979 mit etwa 450 Demonstranten gefeiert. Bei der Parade 2018 hatten die Veranstalter eine halbe Million Teilnehmende angemeldet.   

Vor der traditionellen CSD-Parade in Berlin hatten Vertreter aus Politik, Justiz und Interessenverbänden an die Verfolgung Homosexueller im Nationalsozialismus erinnert. Am Denkmal für die in der NS-Zeit verfolgten Schwulen und Lesben am Berliner Tiergarten machten sie am Samstag auch auf später erlittenes Unrecht aufmerksam und forderten Nachbesserungen bei der Entschädigung von Homosexuellen, die nach 1949 wegen ihrer sexuellen Neigung verurteilt wurden.  

Seit einem Jahr können Menschen rehabilitiert werden und eine Entschädigung erhalten, die in der Bundesrepublik und in der DDR aufgrund ihr Homosexualität verurteilt wurden. Erst 1994 wurde der entsprechende Paragraf im Strafgesetzbuch komplett abgeschafft. Damals Verurteilte erhalten eine Entschädigung in Höhe von 3.000 Euro, wenn das Urteil aufgehoben wird. Haftstrafen werden mit 1.500 Euro pro Jahr entschädigt. Bislang haben erst rund 100 Menschen einen Antrag gestellt.

Sendung: radioBerlin 88,8, 27.07.2018, 13 Uhr

Kommentarfunktion am 28.07.2018, 21:43 Uhr geschlossen

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41 Kommentare

  1. 41.

    Manche haben immer noch nicht mitbekommen, dass die Gesellschaft sich immer wieder verändert, neu entdeckt. Ich hoffe, die Mädels und Jungs hatten richtig viel Spaß an diesem Tag. Last euch nicht unterkriegen, die Welt braucht Vielfalt!

  2. 40.

    Die AfD war nicht erwuenscht, aber dann sollen sich die vom CSD auch nicht wundern, wenn die AfD dem CSD nicht sehr wohlgesonnen ist!

  3. 39.

    Gerne Toleranz - aber eine Minderheit darf nicht die Deutungshoheit über die Mehrheit haben.

    Die Homoehe ist nicht nur falsch, sie ist ein Kotau gegenüber den Partikularinteressen einer lautstarken Gruppe. Die Gesetzesänderung ist kein Zeichen der Toleranz, da sie andere Eheformen wie die muslimische Polygamie ausschließt.

  4. 38.

    Zum Ende der 60 er Jahre gab es in der Stonewall Bar in New York City eine Razzia durch die Polizei, wodurch die Christopher Street Demonstration entstand. Deshalb sehen Sie auch die amerikanische Flagge. Schon aus Solidarität mit den Brüdern und Schwestern i. d. USA

  5. 37.

    Kann das mal jemand erklären?
    Regenbogenfahne ist ja o.K.
    Was bedeutet aber, wenn ein Grüner, wie Volker Beck in der ersten Reihe des CSD mit der US-Flagge in der Hand marschiert?
    Kann man noch deutlicher demonstrieren, wessen Interessen die Grünen inzwischen in Deutschland und dem EU-Parlament vertreten?

  6. 36.

    Hübsch!

    Möge ein jeder nach seiner Fasson glücklich werden.



  7. 35.

    Nach der Fete putzt die Hete... Danke schön.

  8. 34.

    "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt."
    Und eine Mitschuld daran haben die homophoben Menschen hier, die ewig Gestrigen.

  9. 32.

    zum Glück ist der Fortbestand der Menschheit bei 8 Milliarden Weltbevölkerung zunächst gesichert ... Da kann sich die Natur schon ein paar kleine Launen leisten

  10. 31.

    In biologischer Hinsicht ist Homosexualität gleich Tod: kein Vererben der Gene, keine Nachkommen, die aus einem solchen Geschlechtsverkehrakt stammen könnten - nur Heterosexualität garantiert den Fortbestand jeder Gesellschaft bzw. Nation.

    Es liegt insofern im öffentlichen Interesse nur die Form der Beziehung staatlich zu fördern und öffentlich zu feiern, die der Kultur des Lebens dient; alles andere, wie eben auch die Veranstaltungen wie die von heute, haben insofern nur wenig Sinn.

  11. 30.

    Sicher haben Sie jetzt alle nötigen Infos zur Demo erhalten. Ein kl. Tipp, die „Siegessäule.de“ aufrufen und da sind Sie bestens informiert. Fürs nächste mal.

  12. 29.

    Im Prinzip beneide ich alle Menschen, die es geschafft haben, ihr Privat- und Liebesleben so zu gestalten, wie sie es sich wünschen. Aber ich würde es toll finden, wenn eine ähnlich große Aufmerksamkeit auch mal diejenigen erhalten, bei denen das nicht der Fall ist. Ich zum Beispiel suche seit vielen Jahren eine ganz normale Frau für eine ganz normale Beziehung, weil ich das Vater-Mutter-Kind-Familienmodell favorisiere, nur interessieren sich die Frauen leider nicht für mich. So habe ich Angst, irgendwann alt zu sein und alles verpasst zu haben. Von daher: Alle, die jemanden gefunden haben, mögen sich glücklich schätzen.

  13. 28.

    Und warum wird die Live-Übertragung nicht auf dieser Seite bekanntgegeben, sondern muss stattdessen erst nachfragen? Es interessieren sich doch bestimmt nicht nur Radioeins-Hörer für den CSD.

  14. 27.

    Radioeins hat von 14 bis 18 uhr eine Sondersendung und es gibt einen Videolivestream auf radioeins.de.

  15. 26.

    Warum überträgt der RBB nicht live?

  16. 25.

    Hallo Lothar, so ist es. Da Sie sich das bunte und durchaus auch sehenswerte Spektakel* bestimmt nicht entgehen lassen, wünsche ich schon mal viel Spaß! :-)

    *) Wer sich daran stört, kann es ja ignorieren und einfach mal für ein paar Stunden an den See fahren. Lasst den Leuten doch ihren Spaß!

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