Symbolbild: Ein schwules Paar (Quelle: dpa/Markus Scholz)
Video: rbb|24 | 24.07.2018 | Vanessa Klüber | Bild: dpa/Markus Scholz

Gründer des Berliner Christopher Street Day - "Öffentlich schwul sein ist Voraussetzung für ein tolles Leben"

Üble Beschimpfungen von Homosexuellen waren für Bernd Gaiser Anlass, den ersten deutschen Christopher Street Day zu organisieren. Nach 40 Jahren CSD in Europa sind große Fortschritte gemacht. Gaiser ging es aber immer auch um etwas Persönliches. Von Vanessa Klüber

"'Schade, dass man euch als Schwule und Lesben nicht alle vergast hat', das haben uns damals Passanten am Straßenrand ganz unverblümt gesagt." Bernd Gaiser, schwul, 73 Jahre alt, zitiert Zuschauer bei der ersten Demonstration von Homosexuellen in Berlin 1979 auf dem Ku'Damm.

CSD-Gründer Bernd Gaiser (Foto: rbb|24/Vanessa Klüber)
CSD-Mitgründer Bernd Gaiser | Bild: rbb|24/Vanessa Klüber

Gaiser baut Schwulenbewegung mit auf

Sätze wie dieser bringen Gaiser dazu, sich zu wehren, die Proteste größer zu machen. "1967 bin ich zum ersten Mal mit meinem Koffer unterm Arm nach Berlin gekommen. Vier Jahre hat es gedauert, mich mit Menschen zu verbinden, um sowas wie eine neue Schwulenbewegung aufzubauen." Er setzt sich regelmäßig mit schwulen Freunden ins "Schwuz", eine Institution der schwulen und heute queeren Szene. Dort entsteht 1979 die Idee zum ersten deutschen Christopher Street Day (CSD) in Anlehnung an die Demo in New York.

Die Freunde mobilisieren die Homosexuellen-Community mit Hilfe von Flugblättern. 500 kommen zum ersten CSD, ein Jahr nach dem ersten europäischen in der Schweiz.

Feiernde Menschen im Schwuz (Foto: rbb)
Das "Schwuz" heute | Bild: rbb

Die Teilnehmer des ersten CSD wollten sich nicht verstecken.

Auf Fotos des ersten Berliner CSD sind Männer und Frauen mit Transparenten zu sehen, auf denen steht: "Heterosexuell, nein danke" oder "Schwule, macht euch eure geheimsten Wünsche wahr!" Viele laufen in Alltagskleidung mit, ein Mann trägt ein T-Shirt mit einer Mickeymaus, ein anderer mit weißer Hose und Twirling-Stab. Bernd Gaiser, damals Anfang 30, hat ein Stirnband um den Kopf und einen glitzerndem Schal um den Hals.

Zum Interview mit rbb|24 kommt er in Jeans, weißen Sneakers und einem grauem Hemd zum Savignyplatz, wo sich Schwule und Lesben zur ersten CSD-Demo versammelten. Der Savignyplatz besteht heute aus einem gepflegten Mini-Park mit Blumenbeeten, rund um den Platz gibt es viele Restaurants und Cafés, Buchläden, Galerien, einen Biomarkt und eine Currywurstbude.

Die erste Demoroute ging über die Kantstraße zur Joachimsthaler Straße Richtung Ku’Damm und Halensee. Kantstraße und Ku’Damm waren und sind zentrale Straßen in West-Berlin. Die Teilnehmer des ersten CSD wollten sich nicht verstecken.
 

Rückschritte in den 80er Jahren

"Wir waren nicht im Gleichschritt unterwegs sondern haben getanzt. Das war toll", sagt er und tänzelt dabei ein wenig.

Mit den ersten Schwulen- und Lesbendemos bessert sich laut Gaiser dann tatsächlich die Akzeptanz gegenüber der Community.

Doch gibt es Rückschritte in den 80er Jahren und kaum Grund zum Feiern: HIV verbreitet sich. Viele Freunde von Gaiser infizieren sich und sterben an Aids. CSU-Politiker Horst Seehofer schlägt vor, HIV-Infizierte in speziellen Heimen zu konzentrieren. Paragraph 175: Sexuelle Handlungen unter männlichen Jugendlichen unter 18 sind strafbar, in der DDR gilt das auch für Frauen. Und noch lange keine Möglichkeit, zu heiraten.

Archiv: Christopher Street Day 80er Jahre - Menschen halten ein Transparent hoch und fordern Abschaffung der Paragraphen 174-176 (Quelle: rbb)
Erste CSD-Proteste in den 80er Jahren | Bild: rbb

"Müsst ihr euer Schwulsein denn so in der Öffentlichkeit zeigen?"

Heute, 2018, gibt es wieder Erfolge und Fortschritte: Bessere Hilfen und Medikamente für HIV-Infizierte, der Paragraph 175 ist abgeschafft, Heirat ist seit letztem Jahr möglich.

Von Anfang an geht Gaiser aber nicht nur für den politischen, sondern auch für seinen persönlichen Erfolg auf den CSD, auf dem er seit 40 Jahren mitläuft: "In dem Moment, in dem ich mein Schwulsein öffentlich mache, trauen sich die Leute einfach nicht mehr, mich zu beleidigen", sagt er. Die Menschen merkten, dass ihnen da ein selbstbewusster Mensch gegenüber stehe, der von dem überzeugt ist, was er ihnen präsentiert. "Öffentlich schwul zu sein, das ist die Voraussetzung für ein gutes, tolles Leben."

Gaiser arbeitet damals in einer Buchhandlung und outet sich dort als Schwuler. "Die Reaktionen sind beim Outing meistens gar nicht so negativ, wie man vielleicht denkt", sagt er. Die meisten zeigten Interesse, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Vereinzelt habe es aber auch Bekannte und Kollegen gegeben, die meinten: "Müsst ihr euer Schwulsein denn so in der Öffentlichkeit zeigen?" Auch einigen Homosexuellen wäre es lieber gewesen, dass Homosexuelle ihre Neigung ausschließlich "im stillen Kämmerlein ausleben" – erzählt Gaiser.

Weiterhin Diskriminierungen

Mittlerweile stehen beim CSD jedes Jahr rund 500.000 Menschen – Schwule, Lesben, Bi-, Trans-, Inter- und Asexuelle, Sadomasochisten und andere Gruppen - für ihre sexuelle Orientierung ein. 500.000, die sich weiterhin Diskriminierungen ausgesetzt sehen: Ein Elternteil einer Regenbogenfamilien ist nicht von Anfang an rechtlich Vater oder Mutter, eine langwierige Stiefkind-Adoption ist notwendig. Schwierigkeiten für Transsexuelle bei der Anerkennung des gewählten Namens. Geringe Sichtbarkeit lesbischen Lebens in der Öffentlichkeit.

Insgesamt elf Forderungen stellen die Teilnehmer des diesjährigen CSD unter das Motto "Mein Körper, keine Identität, mein Leben". Und es gibt neue Sorgen:

"Wir sind zurzeit in einer gesellschaftlichen Situation, in der die Gefahr besteht, dass es wieder zu Rückschritten kommt" meint Gaiser. "Das geschieht durch eine Partei wie die AfD, die jetzt im Bundestag sitzt, mitbestimmt und gerne das wieder rückgängig machen würde, was wir in den letzten 40 Jahren erreicht haben."

Die Jugendorganisation der AfD "Junge Alternative" hatte sich mit einem Stand für den CSD angemeldet, diesen lehnten die Organisatoren des CSD jedoch ab. Gaiser stimmt der Ablehnung mit "ja natürlich" zu.

Gaiser fordert zur Zusammenarbeit auf

Der jetzige CSD müsse sich ganz klar gegen homofeindliche Tendenzen stellen und Widerstand leisten. Dafür müsste die Community zusammenarbeiten. "Wir müssen Auseinandersetzungen, Konkurrenzverhalten und Streit, der immer wieder auftaucht, vermeiden. Weil wir nur gemeinsam unsere Ziele verwirklichen werden, und zwar miteinander und nicht gegeneinander."

Er selbst wird wieder mit einer Rikscha-Gruppe aus betagten Homosexuellen 50 Plus mitfahren – viele davon sind CSD-Mitbegründer, manche können wohl nicht mehr so weite Strecken gehen und lassen sich deshalb in der Rikscha kutschieren. Bernd Gaiser sagt ein bisschen stolz, er fahre die Rikscha selbst. Und er werde dies bei den CSDs der Zukunft noch solange tun, wie er kann.

Sendung: Abendschau, 25.07.2018, 19.30

Beitrag von Vanessa Klüber

Kommentar

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22 Kommentare

  1. 21.

    Quote: "Fröhliche Straßenfeste und bunte Umzüge sind was Nettes...das ist richtig. Aber Frauen oben ohne und Männer unten ohne
    Wer will das sehen? "

    Ich war nur aus diesem Grund beim CSD :-()

  2. 20.

    Wer homophob ist, hat den 'zweiten Sinn' der Korpulation nicht begriffen oder ignoriert ihn ganz. Mein Beileid!
    Homosexualität ist für mich persönlich nichts, aber deswegen kann ich doch nicht jedem diese Meinung aufzwingen!

  3. 17.

    @Lothar(16) ... Ich bin da ganz Ihrer Meinung, was aufgeklärt, offen und weniger verklemmt, angeht.
    Ich bin sogar dafür, dass nicht nur bei "besonderen Anlässen" wie dem CSD diese Aufgeklärtheit sich zeigt, sondern im Alltag bei allen Lebensbereichen, wie z.B. Pädagogik, Politik und Wirtschaft, aber auch den Religionen.
    Das wär' eine Gaudi. Finden Sie nicht auch ?!

  4. 16.

    Wenn es das ist was Sie stört, dann dürften Sie auch kein TV mehr einschalten. Seien Sie froh, wenn junge Menschen weniger verklemmt sind als die älteren Generationen. Mir sind aufgeklärte und offen für ihre Einstellung stehende Personen hundert mal lieber, als dieses ewige Versteckspiel und vor allem das Wegsehen.

  5. 15.

    Fröhliche Straßenfeste und bunte Umzüge sind was Nettes...das ist richtig. Aber Frauen oben ohne und Männer unten ohne
    Wer will das sehen? Muss so eine Demo aussehen um irgendetwas durchzusetzen? Ich glaube es gibt auch andere Wege.

  6. 14.

    Ist doch schon irgendwie lustig, wie Homosexualität viele Menschen doch noch zu beängstigen scheint.
    Es ist doch wirklich schnurzpiepe wer welches Geschlecht bevorzugt. Und fröhliche Straßenfeste und --umzüge sind etwas Schönes. Und wer diese nicht sehen mag muss doch nur seine Tür schließen.
    Von allen Seiten sich bedroht oder genervt zu fühlen und über alles zu schimpfen und herzuziehen ist doch viel zu anstrengend und macht nur noch mürrischer ;)

  7. 12.

    CSD einzig ergibt Sinn in NYC wo Vorfall 69 gewesen, in Berlin nicht gut für Autoverkehr und Tourism. Best regards.

  8. 11.

    Von mir aus kann CSD abgeschafft werde.

  9. 9.

    Als ich die Überschrift überflog, dachte ich sofort, der Herr aus Achternbrink ist bestimmt schon aufgetaucht.
    Wie soll man sich diese Obsession zu diesem Thema im rbb Forum seit Jahren erklären? Vielleicht frei nach F. W. Bernstein: „Die schärfsten Kritiker der Elche / waren frühe) selber welche.“

  10. 8.

    Mann Winfried, keiner hat Sie angegriffen, keiner ist gegen Sie, um Sie geht es gar nicht, aber Sie sind gleich da sagen: ich finde das alles Mist und ich fühle mich angegriffen. Warum? "Jedem das Seine", schon mal davon gehört?

  11. 7.

    Und ich hasse die ständige Zurschaustellung der Heten untereinander in aller Öffentlichkeit. Ironie Ende. Sie haben aber auch rein gar nichts verstanden und wollen nicht verstehen. Es lebe die menschliche Vielfalt, Toleranz und das gegenseitige miteinander.

  12. 6.

    Hei Wini, auch Heteros sind Menschen mit viel Toleranz, weil das macht doch erst die Vielfalt, und das Leben lebenswert!

  13. 5.

    Nein, es interessiert mich nicht ob jemand schwul ist oder nicht. Ich akzeptiere jegliche Form des Zusammenlebens, gleich welchen Geschlechts, aber ich hasse diese ständige zur Schau Stellung "ach ich bin ja so anders als ihr." Lebt einfach so, wie alle anderen Menschen auch, oder gehen die Heteros jetzt auch fummelnd auf die Straße um das "quere" zur Schau zu stellen?

  14. 4.

    Wo bleibt die Vielfalt im RBB? Diesen Beitrag habe ich bereits vor einigen Tagen in bester Qualität im Tagesspiegel gelesen. Es gibt ein buntes, vielseitiges queeres Leben in Berlin. Der RBB war vor langer Zeit von besserer Qualität.

  15. 3.

    "Mein Körper, meine Identität, mein Leben!^" ... Auch zu verstehen als "ICH, ICH, ICH" ?!

    Übrigens, die Sache mit dem Tippfehler. Lesen Sie nochmals Ihren Beitrag, dort "Rechtr".
    Aber sei's drum, niemand ist perfekt, ich auch nicht.

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