Gesichtserkennungssoftware wertet die Beschaffenheit von Augen, Nase, Mund und Kinn aus. (Bild: rbb)
Video: ARD Mittagsmagazin | 31.07.2018 | Jacqueline Piwon/Robert Köhler | Bild: rbb

Bahnhof Berlin-Südkreuz - Gesichtserkennung endet, Verhaltensanalyse startet

Ein umstrittener Versuch zur automatischen Erkennung von Gesichtern durch Kameras endet am Bahnhof Berlin-Südkreuz. Der ehemalige Justizsenator setzt sich für mehr Videoüberwachung ein - dieses Projekt sieht er aber kritisch.

300 Testpersonen haben ein Jahr lang ihre Daten speichern lassen - und Computer erkannten, wann diese Menschen am Südkreuz auftauchten. Kameras erfassten dazu die Gesichter aller Passanten, die sich in den gekennzeichneten Bereichen des Bahnhofs bewegten. Bundesinnenministerium, die Bundespolizei und die Deutsche Bahn wollten so klären, wie zuverlässig die Technik der automatisierten Gesichtserkennung funktioniert. Am Dienstag endet der Test.

In vier bis acht Wochen sollen die Ergebnisse des Bundesinnenministeriums zum Test vorliegen. Das sagte Andrea Lindholz (CSU), Vorsitzende des Bundesinnenausschusses, am Dienstag im ARD-Mittagsmagazin.

Thomas Heilmann (Quelle: imago/Felix Zahn/photothek.net)
| Bild: imago/Felix Zahn/photothek.net

Ex-Justizsenator Heilmann zwiegespalten

Im September beginnt ein zweiter Versuch, bei dem Computerprogramme gefilmte Situationen und Gegenstände analysieren. Damit soll festgestellt werden, wie gut die Programme seltene oder gefährliche Abweichungen von der Normalität im Bahnhof erkennen können.

Der ehemalige Justizsenator Berlins, Thomas Heilmann (CDU), sieht eine Videoüberwachung wie am Südkreuz zwiegespalten. So etwas habe natürlich einen Mehrwert in einem Fall wie dem von Anis Amri, der "durch ganz Europa gefahren ist und niemand wusste, wo er war." Insofern halte er einen freiwilligen Test für wichtig, wie er am Dienstag im rbb sagte.

Zwischenbilanz: Fehlerquote von 0,3 Prozent

Allerdings müsse man auch kritisch hinterfragen, ob man damit nicht zu viele Leute unschuldig verdächtige. "Ich finde die Trefferquote zwischen 70 und 85 Prozent doch ziemlich niedrig. Das sollte man jetzt in Ruhe auswerten", sagte Heilmann. "Aber ich bin eher gegen die automatische Gesichtserkennung - vom heutigen Stand aus gesehen."

Einer Zwischenbilanz zufolge, die Bundesinnenminister Thomas de Maizière Mitte Dezember verkündete, werden rund 70 Prozent der Gesichter von Kameras erkannt – und 0,3 Prozent von der Technik verwechselt.

Lindholz wolle die Ergebnisse abwarten. Die Trefferquote bewertet sie folgendermaßen:

Welt sei unsicherer geworden

"Das Signal, das ich im Vorfeld bekommen habe ist, dass die Fehlerquote sehr gering ist." Wenn dem so sei und sichergestellt sei, dass die Daten dann auch zügig gelöscht würden und dass man nur die relevanten Daten kurzfristig zur Bewertung aufhebe, "dann ist es für mich ein absolut gutes zusätzliches Instrument", so Lindholz. Ein "enger Personenkreis" so wie Gefährder und Menschen, die mit einem Haftbefehl gesucht würden, fielen darunter.
Außerdem könne man darüber nachdenken, ob nach einem vermissten Kind oder nach einer vermissten Person darüber einen Suchauftrag erfolgen lasse.

Sie verwies im Mittagsmagazin darauf, dass sowohl Deutschland, Europa als auch die Welt unsicherer geworden sei.

Volksbegehren Videoüberwachung

Heilmann unterstützt statt Gesichtserkennungs-Technik Videokameras, die als automatischer Alarm genutzt werden. Dafür hat er ein parteiübergreifendes Bündnis ins Leben gerufen, das sich dafür einsetzt, dass rund 50 Orte in Berlin rund um die Uhr mit Kameras überwacht sollen werden. Das Bündnis hat genügend Unterschriften für die Einleitung eines Volksbegehrens gesammelt. Sieht die Innenverwaltung keine Probleme mit höherrangigem Recht, muss sich das Abgeordnetenhaus mit der Forderung befassen.

Kritik von Datenschützern und Bürgerrechtlern

Sowohl zum Projekt Gesichtserkennung als auch zum Volksbegehren Videoüberwachung gibt es Kritik von unter anderem Datenschützern und Bürgerrechtlern. So sagte Berlins Datenschutzbeauftragte Maja Smoltczyk vor einem Jahr im rbb, die Gesichtserkennung sei "ein sehr, sehr tiefgreifender Eingriff in Grundrechte, insbesondere in das Recht auf informationelle Selbstbestimmung", also das verfassungsrechtlich verbriefte Recht, "sich unbeobachtet und anonym in der Öffentlichkeit zu bewegen". Die Technik berge ein enormes Missbrauchsrisiko.

Sendung: Inforadio, 31.07.2018. 15 Uhr  

Kommentar

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6 Kommentare

  1. 6.

    "Sie verwies im Mittagsmagazin darauf, dass sowohl Deutschland, Europa als auch die Welt unsicherer geworden sei."
    Zumindest für Deutschland ist diese Aussage eklatant falsch. Das sollte die Vorsitzende des Innenausschusses eigentlich ganz genau wissen. Andererseits ist die Dame aus der CSU ja gerade im Wahlkampf - zurechtrücken sollte ein Journalist eine solche Äußerung nach meinem Befinden schon. Wir haben in einem Monat mehr Verkehrstote in Deutschland als Terroropfer seit der Wiedervereinigung.
    Die Fehlerquote von 0,3% finde ich auch nicht gerade gering, angesichts von nur 300 "Gesuchten". Der Bahnhof Südkreuz wird täglich von einer sechsstelligen Personenzahl genutzt, wie ich anderweitig las. Pro 100.000 Personen wären das 300 Fehlalarme am Tag, also etwa alle fünf Minuten einer, die Polizei wäre sinnlos im Dauereinsatz. Dem gegenüber wurden nur etwa drei von vier der 300 Probanden (70-85%) tatsächlich detektiert, da ist sehr viel Luft nach oben.

  2. 5.

    "Die Welt sei unsicherer geworden." So, so. Ich habe auch schon ganz viel Angst. Ein schönes Beispiel dafür, wie die CSU den AFD Sprech übernimmt und so versucht, noch mehr Überwachung einzuführen. Wer genau sagt denn sowas? Welche Statistiken gibt es dafür? Nur weil es der persönlichen Wahrnehmung entspricht, genährt durch den Konsum von BILD und Facebook-Timelines, die davon leben, mit Individualereignissen ganze Gesellschaftszustände abbilden zu wollen. Ein Anis Amri hätte auch mit Kameras am Südkreuz und in jeder Straße Berlins seinen Anschlag erfolgreich verübt.

  3. 4.

    Wirklich jetzt? Oder meinen Sie das ironisch? Aber dann auch bitte Videoüberwachung in Ihrer Wohnung, damit mögliche Einbrecher schnellstmöglich erkannt werden!

    "Sie verwies im Mittagsmagazin darauf, dass sowohl Deutschland, Europa als auch die Welt unsicherer geworden sei."

    Wenn das so ist, warum stellen sich diese Leute nicht die Frage warum das so ist?
    Sicherheit ist zunächst erstmal ein Gefühl und beruht auf der Wahrnehmung. Die eigene Wahrnehmung kann auch Täuschung sein. Sieht die Realtität wirklich so aus, dass es unsicherer geworden ist, müsse man schauen, wo die Wurzeln dessen liegen und daran arbeiten. Aber hier wird ja immer nur an der Ursachen gedoktert.
    Außerdem gibt es keine 100%ige Sicherheit. Wäre demso, wäre alles vorherbestimmt...

  4. 3.

    "Vertrauensfrage" an den Staat? Und wieder jemand der aus der Geschichte nichts lernen will, auch wenn man jetzt dem Staat vertrauen würde, dann kann sich das ganz schnell ändern und dann steht die Infrastruktur.

    Und wer dann zu oft nach Hause schwankt, dem schickt die gesetzliche Krankenkasse die Beitragserhöhung, so dass der L*th*r dann auch die ganzen Kameras und die nötigen Hundertschaften zur Durchsetzung der Erkenntnisse mitfinanziert?

    Und am Ende dann dafür noch Roboter, die dann die Polizeiaufgaben erledigen ... Schöne neue Überwachungswelt ...

  5. 2.

    Ich finde die Gesichtserkennung wichtig und richtig - werden so kriminelle Elemente, Illegale, Gesuchte, Schwarzfahrer, Taschendiebe u.a. schnell du sicherermittelt und gefangen.
    Gesichtserkennung Berlinweit.

  6. 1.

    "Sie verwies im Mittagsmagazin darauf, dass sowohl Deutschland, Europa als auch die Welt unsicherer geworden sei."

    Das ist doch erwiesenermaßen falsch, laut der letzten Polizei-Statistik und sehr vielen anderen Studien und erhobenen Statistiken.

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