Blick von der Oberbaumbrücke in Kreuzberg-Friedrichshain, im Hintergrund die Zentrale von Mercedes Benz und das umstrittene Bauprojekt Living Bauhaus, wogegen Demonstranten der Initiative "Mediaspree versenken" und Mauerkuenstler protestierten (Quelle: imago/Stefan Boness/Ipon).
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Video: rbb|24 | 13.07.2018 | Annika Klügel, Mara Nolte | Bild: imago stock&people

Interview | "Mediaspree versenken"-Aktivist Arno Paulus - "Das ist Beton gewordene Realität"

Vor genau zehn Jahren stimmt Arno Paulus als erster gegen die geplante Mediaspree-Bebauung des Spreeufers in Friedrichshain-Kreuzberg. Am Ende machen es fast 90 Prozent wie er. Doch zum Jahrestag des Bürgerentscheids sieht er den Bürgerwillen missachtet.

Zur Person: Arno Paulus (67) studierte Stadtentwicklung an der HdK Berlin (heute UdK). Nach einer Tätigkeit in der Solarbranche entwickelte er solarbetriebene Schiffe und bietet nun Fahrten über die Spree an. Außerdem macht er Stadtführungen in Berlin. Bis heute ist er bei der Initiative "Mediaspree versenken" aktiv.

rbb|24: Herr Paulus, Sie haben beim Bürgerentscheid als Erster Ihre Stimme abgegeben. Wie kam es dazu?

Arno Paulus: "Mehrere Leute haben gedrängelt und jemand kam auf die Idee, ein Quiz zu machen: Wer die meisten Fragen zum Spreeufer beantworten kann, darf zuerst unterschreiben. Das war dann am Ende ich. Vielleicht, weil ich Stadtführungen mache im Bereich des Mediaspree-Areals und mich dort deshalb ziemlich gut auskenne. War mir eine Ehre."

Damals war der 13. Juli ein Sonntag, heute ist Freitag, der 13. - Unglücksgefühle statt Euphorie?

"Ja, das ist so. Man braucht ja nur an der Spree entlang zu gehen - da sind hohe Blockbauten direkt am Wasser (gemeint ist das Wohnhochhaus "Living Levels", d. Red.), die bis heute immer noch nicht ganz vermietet sind, weil sie bis zu 9.000 Euro pro Quadratmeter kosten. Meine These war ja immer, dass viele Immobilien in Berlin mit Geldern erworben werden, die aus völlig unbekannten Quellen stammen. Die Panama Papers haben diese These dann ja auch bestätigt. Solange wir solche Verhältnisse haben, können wir uns Bürgerentscheide an die Backe schmieren und eigentlich auch die Legitimation der Senatsbauverwaltung in Frage stellen."

Blick von der Oberbaumbrücke auf die East-Side-Gallery

Ihre Forderungen damals: Mindestabstand von 50 Metern zum Spreeufer, maximale Bauhöhe von 22 Metern, freier Zugang zur Spree und ein durchgehender Uferweg. Was ist daraus geworden?

"Diese Forderungen sind noch immer da, aber Sie sehen ja selber, dass beispielsweise der Uferabstand nirgendwo eingehalten wird. Beispiel: das NH Hotel am Osthafen, das sind gerade mal 20 Meter. Was am Holzmarkt passiert ist, finde ich okay, aber auch da sind die 50 Meter nicht eingehalten worden. Die existierenden Uferwege sind nicht durchgängig, sondern werden oft von Baustellen oder Zäunen durchtrennt. Ich bezweifle auch, dass sie als Uferwanderwege wahrgenommen werden, wenn um sie herum diese Betonklötze stehen. Selbst die Grünstreifen sind total vertrocknet."

Mediaspree-Standorte

Karte Mediaspree (Quelle: rbb|24)

Es gab einen Sonderausschuss "Spreeraum", in dem Bezirksverordnete und Bürgervertreter Kompromisse geschlossen haben. Wieso sind der Bezirk und auch der Senat Ihrer Meinung nach nicht auf Ihre Forderungen eingegangen?

"Die meisten Planungen, die die Mediaspree betreffen, sind aus den 90er Jahren. Da waren die Bezirke noch getrennt und es gab die beiden Bürgermeister Helios Mendiburu (SPD, Friedrichshain, d. Red.) und Peter Strieder (SPD, Kreuzberg, d. Red.). Die hatten ihre eigenen Vorstellungen vom Spreeufer. Da wurden Bebauungspläne festgelegt, auf die sich die Investoren heute stützen und die ja auch rechtlich bindend sind - im Gegensatz zum Bürgerentscheid.

Auf der anderen Seite muss ich sagen: Hilfloser als der Bezirk ist keiner in der Angelegenheit. Beim East-Side-Park konnte der damalige Bezirksbürgermeister Schulz (Grüne) ja noch eingreifen und das Grundstück an sich nehmen. Beim jetzigen Yaam-Grundstück hat das auch geklappt, auch wenn auf dem alten Standort nun hässliche Bauten stehen. Das Problem ist aber, dass der Senat dem Bezirk die Zuständigkeit entziehen kann, wenn die Baupläne nicht umgesetzt werden. Richtigen Handlungsspielraum hat nur der Senat, bevor er einen Bebauungsplan absegnet. Dem Bezirk sind oft die Hände gebunden."

Das Behala-Gelände im Osthafen

So wie im März, als ein Investor trotz massiver Proteste erneut Mauerteile an der East-Side-Gallery für den Bau eines 120 Meter langen, neun Stockwerke hohen Gebäudekomplexes entfernen ließ? 

"Richtig. Das Mauerstück ist das längste zusammenhängende und damit authentischste Symbol für die Wende, das wir in Berlin haben. Es ist Ausdruck der Freude bei den Künstlern, die sich dort verewigt haben und bei den Menschen, die dort hingehen. Wenn es kaputtgemacht wird, vergreift man sich auch an der Geschichte. Wenn sich die Stadt das leistet, verstehe ich das nicht. Aber auch da, und das weiß Florian Schmidt (Grüne, Baustadtrat im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, d. Red.) noch viel besser als ich: Wenn der Bezirk es anders machen will, droht der Senat mit der Keule."

Würden Sie also heute sagen, zehn Jahre nach Ihrer Unterschrift unter den ersten Wahlzettel des Bürgerentscheids: Sie sind gescheitert?

"Politisch sind wir gescheitert, ja. Das ist Beton gewordene Realität. Es ist auch so, dass das Interesse vieler ehemaliger Aktivisten von "Mediaspree versenken" mittlerweile auf andere Themen gelenkt wurde, weil sie die Folgen der Politik am eigenen Leib erfahren: Gentrifizierung, Mietpreise, Eigentumswohnungen. Unser Ansinnen damals war übergeordneter. Das ist auch nicht nur schlecht, so sprechen die Leute wenigstens darüber. Letztendlich ist es aber so, dass dieses Bürgerbegehren ein zahnloser Tiger war."

Vielen Dank für das Gespräch!

Draufsicht Mediaspree-Gelände

Das Interview führte Mark Allhoff, rbb|24

Sendung: Inforadio, 13.07.2018, 9 Uhr

Kommentar

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6 Kommentare

  1. 6.

    Grundsätzlich nichts gegen moderne Architektur. Berlin braucht solche Areale, damit endlich gut bezahlte Arbeitsplätze in die Stadt kommen. Leider sind es wieder nur langweilige Schuhkartons geworden, die dem internationalen Vergleich nicht standhalten. Lieber Senat, fahrt im Urlaub mal in eine richtige Metropole und seht Euch an, was man so Tolles bauen kann. Ach ja, es gibt ja auch schon Internet in Berlin mit Photos von Gebäuden und so.............

  2. 5.

    Vom ästhetischen abgesehen - es funktioniert mE eben nicht. Es ist kein lebenswerter Raum. Zwischen den Büro- und Hotelglotzen zu wohnen dürfte nur für wenige interessant sein. Infrastruktur befinden sich im Ostbahnhof und in dem zukünftigen Einkaufscenter (ok, wer's mag). Es gibt glaube auch 2 oder 3 Cafes in den Bürogebäuden. Zufahrsstraße ist (besonders bei Veranstaltungen in der Arena) auch immer gut gefüllt.

    Mir geht es auch nicht darum das die Brache hätte nicht bebaut werden sollen, sondern dass man den Platz sinnvoller nutzt. Die east-Side-Gallery ist für mich ein schrecklicher Ort: schmaler Fußweg, dann parkende Autos, dann Radweg, dann vielbefahrene Straße. Für mich einer und besonders dieser Gedenkstätte unwürdig.

  3. 4.

    Ja, was dort hin geklotzt wurde, passt wirklich auf keine Kuhhaut. Kasten neben Kasten neben Kasten. Vor allem Fa. Henns Zentrale für den Zalando-Sweatshop ist schon ein echter Griff ins Architektenklo.
    Aber dafür ist das Quartier ja ganz im Sinne der autogerechten Stadt des 20. Jahrhunderts gestaltet, den Machern der Autostadt und einem schwäbischen Großsponsor sei Dank. Ich finde überhaupt wunderbar, dass mitten in die Stadt eine Arena und ein Konsumtempel samt Großraumkino und Bowlingbahn(?!) gebaut werden, die garantiert keine*r der drum herum lebenden Bewohner*innen je in Anspruch nehmen wird. Behutsame sozial- und umweltverträgliche Quartiersentwicklung, my ass! Dank großzügigst bemessener Tiefgaragen dürfen wir Friedrichshainer*innen stattdessen Stau und Gestank ertragen, weil sich Hr. und Fr. Speckgürtel zu fein sind, die Anreise zu "Fast& Furious Live" in der Arena mit dem ÖPNV zu bewerkstelligen. Alles in Allem eine veritable städtebauliche Katastophe, die da gelaufen ist.

  4. 3.

    Zuvor war es eine Brache mit riesiger Arena mitten drin. Wer das mag?
    Es werden Arbeitsplätze, Wohnraum, Gästeareale, Veranstaltungsorte und für Großstädte übliche Infrastrukturen entstehen.
    Im Unterschied zu eigennützigen Bestrebungen sogenannter Aktivisten werden Viele nicht nur wenige Clubeigner daran partizipieren und profitieren.
    Die Bebauung is noch nicht fertig, aber ob das gefällt ist wohl nebensächlich. Es soll funktionieren. Das war bei den ins Pitoreske verklärte Altbauten gegenüber in Kreuzberg nicht anders geplant. Stadt bedeutet Wandel! Gut und schlecht sind Kategorien, die gern von denjenigen genutzt werden, die meinen zu wissen was ALLE wollen.

  5. 2.

    Der politische Handlungsspielraum ist eingeschränkt, weil aktive Teilhabe in unserer "Demokratie" nicht vorgesehen ist. Wenn Bürger*Innen aktiv werden, reichen deren Kräfte oft nur für Stückwerk. Das politische System muss sich ändern.

  6. 1.

    Zumindest der Abschnitt zwischen Oberbaumbrücke und Ostbahnhof ist wohl aktuell das häßlichste "Stadtquartier" Berlins.

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