Muslimische Taxifahrer beim Mittagsgebet © Rolf Kremming/dpa
Bild: Rolf Kremming/dpa

Interview | Islamische Gemeinden in Berlin - "Die Gemeinden bringen sich stärker in die Stadtgesellschaft ein"

Riem Spielhaus beschäftigt sich für den Berliner Senat seit Jahren mit dem "Islamischen Gemeindeleben in Berlin". Der neueste Bericht zeige deutlich: Es sei an der Zeit professioneller im Umgang miteinander zu werden, sagt sie im rbb-Interview.   

rbb: Frau Spielhaus, "Islamisches Gemeindeleben in Berlin" ist der Titel Ihrer Studie. Was ist das Besondere des Berliner islamischen Gemeindelebens?

Riem Spielhaus: Der Berliner Islam ist durch eine sehr große Vielfalt gekennzeichnet. Im Vergleich zu anderen Städten hat Berlin mehr Moscheegemeinden und mehr islamische Gebetsräume. Mittlerweile gibt es hier wenn ich es richtig sehe die größte Anzahl an Moscheebauten: Wir haben sieben Moscheebauten und knapp 100 Gebetsräume. Berlin ist auch Spitzenreiter in der Vielfalt kleiner Minderheiten, die sich in separaten Moscheegemeinden versammeln. Wenn die Polizei in Neukölln sagt, im Bezirk leben mehr als 275 Nationalitäten, dann spiegelt sich diese Situation. Es gibt kleine Gemeinden wie die albanische, die bosnische oder die indonesische Gemeinde, zu der Gläubige aus dem ganzen ostdeutschen Gebiet kommen.  

Ihre letzte Untersuchung stammt aus dem Jahr 2006. Jetzt haben wir 2018. Was hat sich verändert außer der Zahl der Gemeinden?

Die Gemeinden bringen sich viel stärker als noch 2006 in die Stadtgesellschaft ein. Sie partizipieren in zahlreichen interreligiösen Dialogforen auch im Forum der Religionen Berlin, das vom Senat angestoßen wurde und sich dann selbstständig weiter entwickelt hat. Moscheen öffnen sich für Alphabetisierungskurse, die vom Bundesministerium für Forschung und Bildung angeboten werden. Das heißt: Die islamischen Gemeinden sind aus dem Gebetsraum herausgetreten, haben sich geöffnet und engagieren sich aktiv in der Gesellschaft. Mehr als 90 Prozent der befragten Gemeinden beteiligen sich an dem Tag der offenen Moschee am 3. Oktober.

Die Islamwissenschaftlerin Riem Spielhaus (Quelle: rbb)
Riem Spielhaus ist seit 2016 Professorin für Islamwissenschaft in Göttingen. Sie studierte Islamwissenschaften und Afrikawissenschaften und promovierte an der Humboldt-Universität. Riem Spielhaus ist Vorstandsmitglied des Rats für Migration.Bild:

Auf der anderen Seite hören wir aber auch immer wieder von Moscheegemeinden, die sich abschotten. Da wird eben nicht auf Deutsch gepredigt, da kommen Menschen von außen schwierig rein. Hat sich diese Tendenz verstärkt?

Es gibt eine Reihe von Moscheen, die für sich bleiben. Ich würde da ein Wort wie Weltabgewandtheit verwenden. Das heißt, dass sie sehr auf sich orientiert sind, sich mit spirituellen Fragen beschäftigen, die nicht in die Stadtgesellschaft hineingehen. Die Mehrheit der Moscheen tut aber genau das: Sie öffnet sich. Aber Religionsgemeinschaften müssen sich nicht unbedingt in die Stadtgesellschaft öffnen, denn das ist keine Grundvoraussetzung für Religionsfreiheit und für die Übung von Religionspraxis in dieser Gesellschaft. Problematisch sind antidemokratische Bestrebungen, die wir in vereinzelten Moscheen durchaus finden. Es wurden in den letzten Jahren einige Moscheen beziehungsweise islamische Initiativen verboten. Auch eine Facebook-Gruppe des Islamischen Staates, die von Berlin aus agierte, wurde verboten. Solche konsequenten Schritte sind dann natürlich angezeigt, denn antidemokratische Tendenzen möchte man in einer Stadt wie Berlin nicht haben. Der Anschlag auf dem Breitscheidplatz zeigt, was dann auch das Resultat sein kann. Aber die große Mehrheit der Berliner Gemeinden ist ganz klar demokratisch und an einer pluralen Gesellschaft interessiert.  

Haben Sie dennoch bei Ihren Untersuchungen Tendenzen zur Radikalisierung in diesen einigen wenigen Moscheen festgestellt?

Das ist nicht unser Fokus, weil man dazu andere Methoden braucht, die wir in einer partizipativen Forschung nicht leisten können und auch nicht wollen. Dafür gibt es Einrichtungen wie den Berliner Verfassungsschutz oder andere Sicherheitsbehörden, die dann die Möglichkeit haben ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu schützen. Das können wir nicht. Das heißt, wir sind in die Gemeinden hineingegangen, haben beobachtet und Befragungen gemacht.

Haben die zahlreichen Zugewanderten in Berlin die Zusammensetzung der Gemeinden verändert?

Seit 1990 stellen wir fest, dass es eine Weile braucht, bis in Deutschland in Berlin angekommene Menschen einen Raum mieten, das Geld zusammenbekommen und eine Gemeinschaft als kontinuierlichen Gemeindebetrieb aufzubauen. Das heißt, dass es nach meiner Einschätzung zehn bis 15 Jahre dauert, bis Neuankömmlinge zu einer Moschee kommen. Die afghanische Gemeinde in Reinickendorf geht etwa vor allem auf Geflüchtete zurück, die in den vergangenen 15 bis 20 Jahren nach Deutschland gekommen sind. Bei den syrischen Neuankömmlingen gehen wir nicht davon aus, dass in den nächsten fünf Jahren hier neue Moscheen aufpoppen. Die gehen in die bestehenden Gemeinden hinein. Dort werden die Räume enger. Gerade 2016/17 wurden regelmäßig drei bis vier Freitagsgebete nacheinander gemacht, weil die Moscheen aus allen Nähten geplatzt sind.

Verändert das die Gemeinden?

Ja, sicherlich. Sie verjüngen sich. Gerade im Kontext der afghanischen Gemeinden kommen vor allem jugendliche Unbegleitete. Das stellt die Gemeinden auch vor eine ganze Reihe von Problemen. Ein Imam beispielsweise hat berichtet, dass der niedrige Bildungsgrad schwierig sei. In Afghanistan herrscht seit über 20 Jahren Krieg und das Schulsystem funktioniert nicht mehr. Mit diesen Jugendlichen hat man eine ganze Reihe von Dingen zu klären: Sie sind unbegleitet, haben keinen Familienzusammenhang und sie sind nicht gewöhnt, regelmäßig in die Schule zu gehen. Da ist Grundlagenarbeit notwendig - und man muss immer wieder erklären, wie Deutschland
eigentlich funktioniert. Die Leute fragen ständig, wie es läuft in dieser Stadt.

Wir haben immer wieder die Debatte, ob der Islam zu Deutschland gehört oder nicht. Was macht denn diese Diskussion mit den Muslimen hier?

Wir haben in unserer Studie die Frage gestellt, ob sich die Gemeinden geschätzt fühlen 
genau vor dem Hintergrund dieser Diskussion. Wir waren dann doch überrascht, wie klar die Einschätzung der Gemeinden war. Sie fühlen sich sehr stark gewertschätzt auf der bezirklichen Ebene. Auf der Landesebene schon ein bisschen weniger. Und auf der Bundesebene fühlt man sich vor allem in Frage gestellt.

Die Islam-Konferenz soll auf Bundesebene nach der Sommerpause neu aufgelegt werden – bringt das was an der Basis?

Das ist eine gute Frage, die sich glaube ich in diesem Jahr auch durchaus die OrganisatorInnen der Deutschen Islamkonferenz gestellt haben. Ich war im März bei einer Veranstaltung, bei der genau das diskutiert wurde: Was kommt in den Gemeinden an? Und zwar nicht nur in den Moscheegemeinden, sondern etwa auch in den Kommunen. Die Gemeinden wünschen sich mehr Partizipation und Kompetenzen. Zum Beispiel im Umgang mit Radikalisierung oder im Umgang mit Geflüchteten und deren Traumata. Auch für eine Professionalisierung in der Jugendarbeit sind sie durchaus offen. Aber sie können vielen Dinge nicht mit dem eigenen Anspruch gerecht werden. So viel kann das Ehrenamt nicht leisten. Das ist momentan das größte Problem in den Gemeinden. Und hier gibt es eine Chance für die Gesellschaft, in die Gemeinden hineinzugehen und dort zu unterstützen. Damit erreicht man eine stärkere Professionalisierung, aber auch eine stärkere Orientierung zur hiesigen Berliner Stadtgesellschaft.

Sendung: Inforadio | 17.07.2018. Dieser Text ist eine gekürzte und redigierte Form des ausführlichen Interviews, das Sie oben im Beitrag im Audio hören können. Die Fragen an Riem Spielhaus stellte Ulrike Bieritz.

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