25.04.2018, Berlin: Zwei Männer mit Kippa nehmen an der Solidaritätskundgebung "Berlin trägt Kippa" der Jüdischen Gemeinde zu Berlin teil (Quelle: dpa/Kappeler)
Video: Abendschau | 09.07.2018 | Freya Reiß | Bild: dpa/Kappeler

Antisemitismus - Jüdische Vereine beklagen fehlendes Engagement der Politik

Weil er eine Kette mit einem Davidstern trug, wurde am Wochenende ein Mann am Hackeschen Markt niedergeschlage und getreten. Es ist der jüngste Fall antisemitischer Gewalt. Jüdische Organisationen haben nun konkrete Forderungen an die Poltik gestellt.

Jüdische Organisationen wollen von der Politik konkrete Maßnahmen gegen Antisemitismus sehen. In einer am Montag in Berlin vorgestellten Grundsatzerklärung des Jüdischen Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus (JFDA) heißt es, in die Auseinandersetzung mit allen Formen des Antisemitismus müssten insbesondere Erfahrungen und Expertise der Betroffenen einfließen und ernst genommen werden. Es gehe darum, Antisemitismus "als Angriff auf das ganze freiheitlich-demokratische Gemeinwesen" zu verstehen.

Zu den konkreten Forderungen des Grundsatzpapiers gehört, dass staatlich finanzierte Einrichtungen und Träger eine klare Stellungnahme gegen alle Formen des Antisemitismus abzulegen haben.  

In Berlin war es zuletzt wiederholt zu antisemitischen Übergriffen gekommen. Erst in der Nacht zum Samstag war ein syrischer Jude von Landsleuten beleidigt und anschließend zusammengeschlagen worden. Ausgelöst haben soll die Attacke ein Schmuckstück in Form eines Davidsterns an der Halskette des Opfers. Mitte April sorgte ein Gürtelangriff auf zwei Männer mit Kippa im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg bundesweit für Empörung.

Die Grundsatzerklärung hat vier Seiten

"Ich erwarte, dass die Bundesregierung und die Landesregierungen auch den Antisemitismus unter Muslimen als solchen ernst nehmen", sagte JFDA-Vorsitzende Lala Süsskind. Die vierseitige Grundsatzerklärung wird den Angaben zufolge von mehr als dreißig Organisationen und Einzelpersonen unterstützt, die sich mit jüdischem Leben und der Auseinandersetzung mit Antisemitismus befassen.

Zu den Unterstützern gehören unter anderem zehn jüdische Gemeinden und zwei Landesverbände Jüdischer Gemeinden, die Amadeu Antonio Stiftung, das Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien an der Universität Potsdam sowie der ehemalige Vorsitzende der deutsch-israelischen Parlamentariergruppe des Deutschen Bundestages, der Grünen-Politiker Volker Beck und der Jazzmusiker Andrej Hermlin.  

Die Grundsatzerklärung richte sich an Bundesministerien und Landesregierungen, Bundestags- und Landtagsabgeordnete, parteinahe politische Stiftungen sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Hauptadressat sei aber der Beauftragte der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus, Felix Klein.

Worten sollen nun Taten folgen

Die Unterzeichner begrüßen in der Erklärung "die Beschlüsse des Bundestages sowie mehrerer Landesregierungen und Landesparlamente zur Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus in den vergangenen sechs Monaten". Aber den Worten müssten nun Taten folgen, forderte Süsskind. "Aus Parlamentsbeschlüssen muss konkretes Regierungshandeln werden. Hierzu soll unsere Grundsatzerklärung helfen." Der Geschäftsführer des JFDA, Levi Salomon, betonte: "Antisemitismus ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, vor dem kein politisches, religiöses oder soziales Milieu gefeit ist."

Kommentarfunktion am 09.07.2018, 18:55 Uhr geschlossen

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11 Kommentare

  1. 11.

    Ich bin auch ihrer Meinung. Es wird Zeit , dass politisch gehandelt wird, denn es ist unerträglich , das Menschen mit jüdidchen Glauben verprügelt werden!

  2. 10.

    Die "Zunahme der antisemitischen Übergriffe auch mit der unkontrollierten Zuwanderung ab dem Jahre 2015" besteht nur in ihrer Filterblase in der sie uns einen kleinen Einblick gewährt haben.

  3. 9.

    Ich glaube mit einem St. Pauli oder SV Babelsberg T-Shirt leben sie in Cottbus und Südbrandenburg tatsächlich gefährlicher.

  4. 8.

    "Antisemitismus ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, vor dem kein politisches, religiöses oder soziales Milieu gefeit ist." Wie deutlich kann man denn noch werden? Sie brauchen hier nicht mit den üblichen Konstruktionen und Pauschalisierungen aufzuwarten, diese sind von Beginn an delegitimiert und dienen in erster Linie der Selbstentlastung und nicht selten antimuslimischem Rassismus.

    Sie wollen einen Einblick in die Vielfalt v. antisemitischen Einstellungen o. Handlungen? Bitte:
    https://report-antisemitism.de/#/public

    Wie Sie die Arbeit von in sozialen Berufen Tätigen einschätzen können wollen, bleibt offenbar auch ihr Geheimnis. Ist ja nicht so, dass speziell soziale Berufe diskriminierungssensibel, ergo auch zwingend politisch, arbeiten. Was meinen Sie, was z.B. die Amadeu-Antonio-Stiftung seit Gründung macht?

    Die Forderung geht ganz explizit an Politik, demokratische Grundsätze auch einzuhalten und zu fördern, statt sich mit Lippenbekenntnissen zu frieden zu geben.

  5. 7.

    Es würde schon reichen, wenn man - so man kann - die an antisemitischen Übergriffen beteiligten muslimischen Täter konsequent abschieben würde.
    "Berlin trägt Kippa" bleibt nur ein hilfloses Lippenbekenntnis.
    Letztlich liegt das auch an der Politik, die sich unglaubbar macht, in denn sie auf der einen Seite Empörung spielt und Krokodilstränen weint, auf der anderen Seite aber antiisraelische und antisemitische Demonstrationen, wie den alljährlichen Al-Quds-Marsch durch Berlin, erlaubt.
    Und das die Zunahme der antisemitischen Übergriffe auch mit der unkontrollierten Zuwanderung ab dem Jahre 2015 zusammenhängt, kann und darf nicht verschwiegen werden.

  6. 6.

    Es wird festgestellt, dass der Antisemitismus sich ausgebreitet hat. Aber niemand hat bisher nach dem WARUM gefragt. mit den Flüchtlingen hat das jedenfalls am wenigsten zu tun.

  7. 5.

    Die sich tatsächlich dramatisch entwickelnde Situation wird für mich persönlich an einer Stelle sichtbar, wo mir das Lachen endgültig verloren geht....ich denke mir nämlich gerade, dass ich bekleidet mit einem T-Shirt jedweden beliebigen Fußballvereins oder mit einem Shirt egal mit welchem noch so blödsinnigem Aufdruck überall innerhalb meines Heimatlandes unterwegs sein kann....zöge ich für jedermann lesbar eines meiner aus den letzten Israel-Urlauben mitgebrachten Shirts mit Aufdrucken aus Tel Aviv oder Eilat an, befände ich mich als deutscher Staatsbürger in Deutschland im Jahre 2018 in akuter gesundheitlicher Gefahr?! Da werden wohl einige Versäumnisse der - auch jüngeren -
    Vergangenheit sichtbar...

  8. 4.

    Genau, nach 1945 hat es keine Antisemiten mehr gegeben (Persilscheine etc.), und plötzlich, 2015, waren sie plötzlich wieder da.
    Aber im ernst, Antisemitismus geht gar nicht, egal woher und von wem.

  9. 3.

    Wer jüdische Mitbürger angreift, darf sich nicht wundern, wenn er selbst was auf die Klappe kriegt. Auch eine Möglichkeit um Gleichheit zu schaffen!

  10. 2.

    Antisemitismus gibt es nicht erst seit der fürchterlichen Zeit des Faschismus, da hört sich das Maßnahmen gegen den Antisemitismus doch sehr einfach an. Es ist ein Prozess, welcher sich über viele Jahrzehnte hinziehen wird, wenn nicht Jahrhunderte. Und es gehört auch der Mut dazu, zu gestehen, dass die Einwanderung von abertausenden Muslimen den Antisemitismus in Deutschland weiter verbreitet. Es sind selbstverständlich nicht alle, aber sehr viele.

  11. 1.

    Zumindest in Berlin sind die Verantwortlichen seit vielen Jahren auf das Problem aufmerksam gemacht worden. Frei nach dem Grundgedanken: Was es nicht geben darf, gibt es nicht, wurden alle Warnhinweise von den , im sozialen Bereich Tätigen, ignoriert und die Taten als "Einzelfälle" abgetan. Das heutige "Erstaunen " ist nur schwer zu verstehen.

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