Archivbild: Ein Strafvollzugsbeamter bewacht Gefangene in der Jugendstrafanstalt Plötzensee in Berlin © imago/photothek
Audio: Inforadio | 24.07.2018 | Tina Friedrich | Bild: imago/photothek

rbb exklusiv | Beschluss der Berliner Justizverwaltung - Jugendstrafanstalt soll auch junge Erwachsene aufnehmen

Die Berliner Gefängnisse sind voll. Deshalb will die Justizverwaltung auch junge Erwachsene in der Jugendstrafanstalt unterbringen. Eigentlich gilt ein strenges Trennungsprinzip - doch beide Gruppen sollen sich künftig auch begegnen. Von Tina Friedrich

Die Berliner Justizverwaltung hat in der Sommerpause einen Beschluss gefasst, der den Strafvollzug für einige Gefangene radikal verändern wird: Ab 6. August sollen in der Jugendstrafanstalt, in der bisher nur Gefangene bis zum Alter von 24 Jahren untergebracht waren, auch junge erwachsene Häftlinge bis 27 Jahren einsitzen. Für die Erwachsenen wird die Veränderung dabei größer sein als für die Jugendlichen, denn sie sollen dann auch die Therapieangebote und Maßnahmen zur Resozialisierung in Anspruch nehmen, wie sie in der Jugendstrafanstalt angeboten werden.

Die Kriterien zur Auswahl der 50 Gefangenen, die nach Plötzensee ziehen sollen, sind streng: Keine Sexualstraftäter, niemand aus dem Bereich der organisierten Kriminalität, keine psychisch auffälligen Gefangenen, niemand, der bereits eine Gefängnisstrafe verbüßt hat, und nur Gefangene mit Reststrafen von höchstens drei Jahren. "Wir haben das durch die Einweisungsabteilung des Berliner Männervollzugs prüfen lassen”, sagt Anstaltsleiter Bill Borchert. "Sie haben uns versichert, dass wir auch mit diesen Ausschlusskriterien genügend Häftlinge finden werden"

Ältere sollen Ruhe reinbringen

Hofstunden, Sport- und Freizeitangebote werden sie streng getrennt von den Jugendlichen verbringen, Therapie- und Ausbildungsangebote aber gemeinsam nutzen. Es sei eine bewusste Entscheidung der Justizverwaltung, sagt Sebastian Brux, Sprecher von Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne). "Wir haben uns überlegt, dass junge Erwachsene bis 27 Jahren in ihren Therapiebedürfnissen ähnlich sind, sodass die Idee aufkam, sie räumlich zu trennen, ihnen aber ein besseres Angebot zur Resozialisierung zu machen."

Das Trennungsprinzip, das vor allem dazu dienen soll, schlechten Einfluss zu verhindern, ist auch Borchert ein Anliegen. Beim Sport beispielsweise sollen sich die Jugendlichen unter sich austoben können - und auch auf dem Hof sollen sie keinen Kontakt mit den jungen Erwachsenen haben. Darüber hinaus erhofft er sich aber positive Wechselwirkungen. "Wir glauben, dass die Älteren etwas Ruhe in die Anstalt bringen", sagt er. "Der Jugendvollzug ist schon von Unruhe geprägt - und jemand mit 25 oder 26 Jahren ist zwar noch nicht gesetzt, aber hat nicht mehr dieses jugendtypische Prunkgehabe."

Männergefängnisse beinahe voll

Ein weiterer Grund für den Schritt ist laut Justizverwaltung, dass der Männervollzug in Berlin beinahe voll ausgelastet ist. Die Belegung liegt durchschnittlich bei mehr als 90 Prozent. Die Belegungszahlen in der Jugendstrafanstalt sinken dagegen seit Jahren. In der Jugendstrafanstalt gäbe es mehr als 400 Plätze, von denen derzeit aber nur 247 belegt sind - eine Auslastung von nur 61 Prozent.

Gleichzeitig sei das Durchschnittsalter der Häftlinge im Jugendvollzug mit 20 Jahren relativ hoch, sagt Borchert. Deshalb decke sich die Initiative der Justizverwaltung, mit dem Alter der Häftlinge in die Höhe zu gehen, mit der aktuellen Entwicklung in der Jugendstrafanstalt. "Die jungen Erwachsenen, die zu uns kommen sollen, haben einen körperlichen und psychischen Entwicklungsstand, der große Parallelen zu unserer bisherigen Klientel aufweist", so Borchert.

Kritik aus dem Rechtsausschuss

Dennoch warnt der rechtspolitische Sprecher der SPD, Sven Kohlmeier, seinen grünen Koalitionspartner davor, den Strafvollzug zu einem "Verschiebebahnhof" zu machen und plädiert stattdessen für mehr vorzeitige Haftentlassungen. Kohlmeier kritisierte dabei auch das Vorgehen Justizverwaltung - er habe von der Initiative erst erfahren, als sie bereits beschlossen war. Der Rechtsausschuss werde sich nun aber mit dem Thema beschäftigen.

Marcel Luthe von der FDP wiederum äußerte sich kritisch dazu, die Therapieangebote gemeinsam anzubieten, insbesondere dann, wenn sie sich auch an junge Erwachsene richten, die bereits einen Teil ihrer Strafe in einem anderen Gefängnis verbracht haben. "Die Situation in den Haftanstalten ist derzeit nicht dazu geeignet, den Menschen zu helfen, ein Leben ohne Straftaten zu verbringen. So jemand dient nicht als positives Vorbild für die jungen Leute, sondern als negatives Vorbild."

Wie stark sich die unterschiedlichen Gruppen gegenseitig beeinflussen, soll im Verlauf der kommenden Jahre evaluiert werden. Sollte das Projekt erfolgreich sein und die Zahl der jugendlichen Häftlinge weiter sinken, könnten dann noch mehr Plätze in der Jugendstrafanstalt für junge erwachsene Gefangene zur Verfügung gestellt werden.

Beitrag von Tina Friedrich

Kommentar

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4 Kommentare

  1. 4.

    Wenn überhaupt wird man draußen immer noch schlauer im Erlernen von Lebenserfahrungen, als eingeschlossen zu sein. Wenn Sie den Bericht richtig verfolgt haben, dürfte Ihnen nicht entgangen sein, wie die Aufteilung von den Erwachsenen Straftätern aussieht, die mit in die JVA gehen. Es soll auch Personen geben, die wegen geringen Vergehen einsitzen müssen.

  2. 3.

    Damit die Jungen von den Alten lernen können? Wie man künftig weniger schnell erwischt wird?

  3. 2.

    Ist schon interessant wie unterschiedlich die Einschätzung von Situationen erfolgt. Einerseits stadtbekannte junge intensivTäter die immerwieder in den Schos ihrer GroßFamilien zurück dürfen, andererseits sinkende Auslastung der JSA.

  4. 1.

    Ist die JVA Heidering etwa schon voll? Kann ich gar nicht glauben! Kann mir auch kaum vorstellen, dass JUNGE Erwachsene Ruhe in die JSA bringen könnten.

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