Kids stehen auf Stühlen (Quelle: Imago/Fischinger)
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Kitajagd - Berlin, der Platzkampf und ich | Teil 8 - Ohne Rückmeldung keine Chance

Sich einmal bei einer Berliner Kita zu melden und sein Interesse an einem Platz zu bekunden, reicht nicht. Tina Handel hat mittlerweile eigene Merkposten in ihrem Kalender, um sich bei den Kitas zurückzumelden - und die haben sehr unterschiedliche Vorstellungen davon.

Die Kinder laufen mit Glitzerschmetterlingen im Gesicht durch den Kiez, gerade ist das Sommerfest der Kita hier um die Ecke zu Ende gegangen. Ferienzeit. Aber nicht für die Kitasuche – und damit auch nicht in den Büros der Kitaleiter. Die Eltern kommen jetzt zwar mal ein paar Wochen nicht vorbei und klingeln verzweifelt, um sich auf Listen setzen zu lassen. Doch es hat sich ein anderes Phänomen herausgebildet: Akute Rückmelderitis nenne ich es mal.

Was das konkret heißt? Eine Kita, bei der wir auf der Warteliste stehen, hat uns zum Beispiel geschrieben: "Bitte melden Sie sich nun einmal im Monat und bekunden Ihr Interesse per Mail." Damit man das auch in jedem Fall ernst nimmt, steht da noch: "Kitaplätze werden nach Anmeldedatum und Rückmeldungen vergeben." Also nur, wer sich ganz fleißig immer wieder meldet, hat am Ende eine Chance.

"Ab und zu, aber nicht zu oft"

In meinem Kalender gibt es nun Merkposten: von Kitas, die monatlich eine Rückmeldung wollen. Andere wollen alle zwei, wieder andere alle drei Monate eine Rückmeldung. Bei manchen wechselt der Rhythmus auch, wenn das Jahr 2019 anbricht. Eine Kita schreibt nur von "regelmäßigen Rückmeldungen", ohne das genauer zu definieren. Eine Erzieherin eines kleinen Kinderladens hat mir gesagt, wir sollten uns "ab und zu, aber nicht zu oft" melden. Alles klar.  

Gerade habe ich die Juli-Rückmeldungen abgearbeitet: "Liebes Team, hiermit bekunden wir, dass wir weiterhin Interesse an einem Kitaplatz für unseren Sohn Junior* im Jahr 2019 haben." Schöne Grüße! Erholsame Ferien! Einen tollen Sommer! Eben so freundlich wie möglich.

Meine Freundin Katja hat vor anderthalb Jahren sogar Weihnachtskarten per Post an ihre Favoriten-Kitas im heiß umkämpften Friedrichshain geschickt: "Besinnliche und ruhige Feiertage! Wir würden uns nach wie vor freuen, wenn unsere Tochter Lina bald Ihre Kita besuchen könnte."

Als wäre man mit mehreren Leuten in einer Beziehung

Dabei muss ich aufpassen, dass ich nicht den Kitas schreibe, die in keinem Fall eine Rückmeldung von mir bekommen wollen – die gibt es nämlich auch: Kitaleiterinnen, die sogar flehen, man möge sich bitte nicht ständig melden. "Ich habe doch keine Sekretärin für sowas", sagte mir Frau H. nach einer Besichtigung im Prenzlauer Berg. Wahrscheinlich stehen wir dann gleich auf einer Negativliste, wenn wir uns aus Versehen doch melden.

Das Ganze fühlt sich so an, als wäre man mit mehreren Leuten in einer Beziehung und müsste alle Bedürfnisse jonglieren. Einer will immer angerufen werden und lange quatschen. Dem anderen ist schon eine Whatsapp-Nachricht ("Na du?") zu viel. Aber man macht das so mit, weil man ja nicht weiß, mit wem es Zukunft hat.

Ein Kollege hat mir erzählt, in Köpenick gebe es eine Kita, die die Plätze per Punktesystem verteilt. Häufige Rückmeldungen seien zum Beispiel ein Plus. Black Box Kitacomputer. Nach welchem Algorithmus landet man ganz oben? Es ist ein bisschen so wie in Flensburg oder bei der Schufa oder bei Facebook, wo man auch nicht genau weiß, was alles über einen gespeichert ist und was das alles für das eigene Leben bedeutet.

Manchmal hilft einfach der Zufall

Meine Freundin Katja hatte mit ihren Weihnachtskarten übrigens keinen Erfolg. Einige Monate später – und immer noch ohne Kita für Lina – hat sie dann Zettel an die Laternen in ihrem Kiez gehängt und 250 Euro geboten, falls ihr jemand einen Platz vermittelt. "Das hat nicht viel gebracht, weil es zwei Tage später geregnet hat", erzählt sie.

Am Ende hat sich auf die x-te verzweifelte Mail eine schöne Kita zurückgemeldet. Es sei gerade ein Platz frei geworden. Also nix Warteliste, Reihenfolge, Punktesystem. Einfach Zufall. Vielleicht auch Sympathie. In jedem Fall aber eine Rückmeldung, die tatsächlich mal mit Erfolg belohnt wurde.

*Unser Sohn heißt natürlich anders, aber was er später mal im Internet macht, soll er selbst entscheiden.

Beitrag von Tina Handel

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