Rukiye Kurtbecer (Quelle: rbb/ Ursula Voßhenrich)
rbb/ Ursula Voßhenrich
Audio: Kulturradio | 01.07.2018 | 09:30 Uhr | Bild: rbb/ Ursula Voßhenrich Download (mp3, 23 MB)

Wie Berliner Schüler Respekt lernen - Dritte Stunde Toleranz

In der Berliner John-F.-Kennedy-Schule soll ein Schüler monatelang antisemitisch gemobbt worden sein. Auch in Grundschulen gibt es immer wieder religiöses Mobbing. Wie lernen Schüler Toleranz? Ursula Voßhenrich hat Schulen in Neukölln und Lichtenberg besucht.

Ein polnisches Mädchen wird von Mitschülern gefragt, ob sie klauen würde, weil sie doch Polin sei. Ein Junge aus einer afrikanischen Familie wird schon mal wegen seiner Hautfarbe beleidigt. Oft werden zu Beginn des Unterrichts erst mal solche Probleme besprochen, sagt Elke Schlag-Schrader. Sie ist evangelische Religionslehrerin in der Neuköllner Richard-Grundschule.

Auch der antisemitische Angriff auf einen jungen Mann im Prenzlauer Berg, der wegen seiner Kippa mit dem Gürtel geschlagen wurde, war Thema in ihrem Unterricht. Ob so etwas auch hier an der Richardschule passieren könnte? Das glauben die Kinder nicht. Auch "Du Jude" als Schimpfwort hat hier noch niemand gehört. Aber schon mal "Scheiß Christen", aber auch "Scheiß Muslimin".

Auf die Richard-Grundschule gehen 450 Mädchen und Jungen. Etwa 90 Prozent der Kinder kommen aus Familien mit Einwanderungsgeschichte.

Ehrlichkeit, Gerechtigkeit und Respekt

Im islamischen Religionsunterricht lässt Lehrerin Rukiye Kurtbecer die Kinder Koranverse in kleinen Rollenspielen auf ihr Alltagsleben übertragen. Es geht es um Ehrlichkeit, Gerechtigkeit und Respekt. Es ist schon mal vorgekommen, dass muslimische Kinder andere beschimpfen, weil diese vermeintlich gegen islamische Regeln verstoßen, erzählt Rukiye Kurtbecer. Sie erklärt, dass jeder glauben oder nicht glauben kann, was er will.  

In den palästinensischen Familien der Kinder herrscht oft große Wut auf Israel und die Juden. An der Richardschule gibt es keine jüdischen Kinder - aber einige Klischees und Vorurteile gegen sie. Darum hat Rukiye Kurtbecer einen Besuch im Jüdischen Museum organisiert.

Toleranzunterricht (Quelle: rbb/ Ursula Voßhenrich)

Die große Politik landet auf dem Schulhof

Der Religionsunterricht ist in Berlin ein freiwilliges Fach und wird von den Religionsgemeinschaften angeboten. Außerdem gibt es den Lebenskundeunterricht des Humanistischen Verbandes. Auch der ist freiwillig.

Für Lebenskundelehrerin Susan Navissi ist die Suche nach Gemeinsamkeiten die Hauptaufgabe ihres Unterrichts: Was macht die Kinder zu einer Gemeinschaft, über alle religiösen, sozialen und kulturellen Unterschiede hinweg?

Grundschulen müssen bereits viel leisten: Hier verbringen die Kinder acht Stunden am Tag. Hier landen nicht nur viele kleine Konflikte, sondern auch die große Politik auf dem kleinen Schulhof: Armut, Flüchtlingszuwanderung, Nahostkonflikt. Personell seien sie gar nicht dafür ausgestattet, sagt der Berliner GEW-Vorsitzende Tom Erdmann. Der Fachkräftemangel könne nicht allein mit den Quereinsteigern behoben werden. Und bei allem Engagement der Schulen: Tom Erdmann fehlt ein gemeinsames, verpflichtendes Unterrichtsfach wie Ethik. 

Tafel im Toleranzunterricht (Quelle: rbb/Ursula Voßhenrich)

Sozialpädagogische Angebote sind wichtig

Die Rixdorfer Grundschule in Neukölln ist ebenfalls eine so genannte Brennpunktschule: 400 Kinder, viele aus armen Familien, 92 Prozent Migrationshintergrund.

Toleranz wird hier von 8 bis 16 Uhr geübt, erklärt Schulleiterin Anke Peters. Ganz wichtig sind dabei die sozialpädagogischen Angebote: Spiele oder Filmworkshops, aber auch bei Bedarf eine intensive pädagogische Betreuung. Wichtig ist Schulleiterin Peters, dass die Vielfalt der Kinder als Bereicherung und nicht als Problem verstanden wird.

Das ist nicht selbstverständlich, denn die Lehrerzimmer in Berlin seien größtenteils weiß, sagt der Gewerkschafter Tom Erdmann. Es gebe zu wenige Lehrkräfte mit Migrationshintergrund. Deswegen bräuchte es mehr Fortbildungen in diesem Bereich.

Probleme dürfen auch im Matheunterricht stattfinden

Die Grundschule am Wilhelmsberg in Berlin Lichtenberg: Viele Probleme landen hier in der Schulstation, an die sich alle Kinder, Lehrer und auch Eltern wenden können. Außerdem gibt es noch das Unterrichtsfach "Soziales Lernen". Darin sollen die Kinder zum Beispiel verstehen lernen, wann sie jemanden verletzen und wie man einen Streit schlichtet.

600 Kinder sind an dieser Schule, etwa 60 Kinder kommen aus den umliegenden Flüchtlingsunterkünften. Hanna aus der 5. Klasse erzählt, dass einige Kinder schlecht über die Flüchtlingskinder sprechen. Es gäbe Vorurteile bei Eltern, bestätigt Klassenlehrerin Gerlinde Kita. Solche wie "Das sind Schmarotzer, essen und trinken hier umsonst!" würden vorkommen. An die Eltern heranzukommen sei aber schwierig.

Sendung: Kulturradio, 01.07.2018, 9:30 Uhr  

Beitrag von Ursula Voßhenrich

Kommentar

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9 Kommentare

  1. 9.

    Woher wissen Sie das?

    Im Text gibt es keine Verknüpfung von der im Bild gezeigten Kopftuchdame zu einer Lehrerin für Islam-Unterricht. Auch der Unterbildtext nennt lediglich die Fotografin. Man könnte es allerdings vermuten, da gebe ich Ihnen Recht.

  2. 8.

    Philipp Möller, führer Lehrer an Berliner Schulen und Autor von "Gottlos glücklich" äußerte einem Schulleiter gegenüber mal Bedenken an einem Religionsunterricht, der von den jeweiligen Vertretern der Kirchen, Glaubensgemeinschaften unterrichtet wird.

    Auf den Politik-Unterricht übertragen müsste es danach auch Vertretern der CDU, SPD, Grünen, Linken, AFD usw. gestattet sein, den Schülern, deren Eltern CDU, SPD, ... usw. wählen, einen entsprechenden Unterricht anzubieten.

  3. 7.

    „Er ist politisch informiert und weiß, dass jeder Fremde stört.“... Erst nachdenken (sollte es auch schwerfallen) und dann schreiben.

  4. 6.

    Nichts anderes habe ich erwartet als ich dieses Bild sah. Und richtig, prompt meldet sich auch da einer der Richtigen zu Wort, ohne zu Wissen worum es eigentlich geht. @ Anita bringt es auf dem Punkt.

  5. 5.

    Sie unterrichtet, wie im Text steht, islamische Religion. Und für Religionslehrer gilt die Regelung nicht, da sie nicht Angestellte der Schule sind, sondern von den Einrichtungen der jeweiligen Religionsgemeinschaft.

  6. 4.

    Was nutzen die Bemuehungen der Schulen, wenn im Elternhaus die kulturellen und sonstigen Defizite ( um es moderat auszudruecken) nicht auch bekaempft bzw. aufgearbeitet werden? Wie es sich immer wieder zeigt, werden die Erziehungsdefizite in unverantwortlicher Art und Weise auf die Lehrpersonen abgewaelzt, die von den sogenannten "Erziehungsberechtigten" weder unterstuetzt sondern bei Misserfolgen u.ae verbal angegriffen werden - oder?

  7. 3.

    Toleranz hin oder her. Ich möchte für meine Enkelkinder keine kopftuchtragenden Lehrerinnen. Der Islam gehört nicht zu Deutschland, auch wenn Merkel dies immer mal wiederholte.

  8. 2.

    Was hat die in dem Bild kopftuchtragende Lehrkraft in einer staatlichen Berliner Grundschule zu tun?

    "Eine Berliner Lehrerin ist mit ihrer Klage vor dem Arbeitsgericht gescheitert. Sie wollte durchsetzen, dass sie mit Kopftuch an einer Grundschule unterrichten darf. Das hatte ihr das Land Berlin aber mit Verweis auf das Neutralitätsgesetz verwehrt - zu Recht, so das Gericht."

    https://www.rbb24.de/politik/beitrag/2018/05/streit-um-lehrerin-mit-kopftuch-berlin-entscheidung.html

  9. 1.

    In Brandenburg gibt es den sog. LER- Unterricht (Lebensgestaltung-Ethik-Religion), an dem verpflichtend alle Schüler teilnehmen.....
    bis auf die, mit einem konfessionellem Hintergrund (meist evangelisch), denn die können in den Religionsunterricht, der meist zeitgleich stattfindet!!! Falls auch Mal bei uns Islamunterricht eingeführt werden würde, hätte man sogar einen Dreiteilung!!!
    Damit wird eine Diskussion über ethisch- moralische Fragen aller Schüler mit konfessionellem und nichtkonfessionellem Hintergrund von vornherein ausgeschlossen!! Widerspricht das nicht dem Grundgedanken von Integration??? ;-)
    Die Kirche könnte diese "Zweiteilung" verhindern, indem sie darauf verzichtet, Religionsunterricht in der Schule anzubieten und ihn in den ausserschulischen Bereich verlagert, da, wo er meiner Meinung nach auch hingehört! Aber das wäre ja zuviel verlangt, einmal auch lt. GG zugestandene "Pfründe" gibt man nicht wieder her, obwohl sie einer säkularen Gesellschaft widersprechen!
    Das wird auch so bleiben, denn eine Zwei-Drittel-Mehrheit, die das GG diesbezüglich reformiert (das Grundrecht auf Religionsunterricht für Schüler kann ja bestehen bleiben, die Frage ist doch nur, ob der an einer staatlichen Schule stattfinden muss!) den konfessionellen Unterricht aus den Schulen verbannt, sehe ich gegenwärtig nicht.

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