Ein leerer Flur in einer Schule in Deutschland (Quelle: dpa)
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Berliner Schulen fehlt Leitungspersonal - Wenn niemand "zum Direx" geschickt werden kann

Sie sollen die "Gesamtverantwortung" übernehmen, Verträge abzeichen, Lehrkräfte mit einstellen und den Unterricht verbessern: Schulleiterinnen und Schulleiter haben unzählige Aufgaben. Das Problem: In vielen Berliner Schulen fehlen sie. Von Sebastian Schöbel

"Meine Kräfte reichen nicht aus." Mit diesen Worten hat Doris Unzeitig, die Leiterin der Schöneberger Spreewald-Grundschule, nun ihren Job gekündigt. Sie schaffe es einfach nicht, "eine nachhaltige Änderung der Arbeitsbedingungen der Lehrer und der Lernbedingungen der Schüler zu bewirken", sagte sie dem Tagesspiegel. Dabei zählte Unzeitig zu den Kämpfernaturen in der Berliner Bildungslandschaft, hatte sie doch durchgesetzt, dass an ihrer Grundschule ein Wachschutz engagiert wird, nachdem es wiederholt zu Problemen – unter anderem mit Eltern – gekommen war.

Schulleiter gesucht... seit 2014

Nun fehlt der Spreewald-Grundschule erneut eine Direktorin. Sie ist damit nicht allein: Insgesamt sind an 24 Berliner Grundschulen die Leitungspositionen derzeit nicht besetzt. Das geht aus einer bisher unveröffentlichten parlamentarischen Anfrage der AfD hervor, die dem rbb vorliegt. Auch vier Gymnasien, sieben Integrierte Sekundarschulen, acht Sonderschulen, ein Oberstufenzentrum und eine Berufsschule haben derzeit keine Schulleitung. Zugrunde liegen dabei Zahlen der Senatsbildungsverwaltung vom 1. August.

Die überwiegende Zahl der Stellen ist bereits ausgeschrieben, kann aber offenbar nicht ohne Weiteres besetzt werden. Denn zum Teil dauert die Suche schon mehrere Jahre. Die Rudolf-Wissell-Grundschule in Mitte zum Beispiel sucht seit dem 15. Februar 2016 einen Schulleiter oder eine Schulleiterin. Die Schmetterlings-Grundschule in Lichtenberg braucht sogar schon seit dem 1. August 2015 eine neue Schulleitung.* Und besonders schwierig scheint die Suche an der Prignitz-Schule zu sein: Die Sonderschule in Tempelhof-Schöneberg braucht seit 1. Februar 2014 einen neuen Direktor.

Umfangreiche Zusatzausbildung

16 der offenen Stellen wurden erst zum 1. August dieses Jahres frei, der Rest ist schon deutlich länger vakant.

"Schulleiter in Berlin zu sein, ist aufgrund der Arbeitsbelastung eine undankbare Aufgabe", sagt der bildungspolitische Sprecher der AfD-Fraktion, Frank Kerker, der die Anfrage an den Senat gestellt hatte. "Dies führt dazu, dass viele gut Qualifizierte oft vor der Übernahme dieses Amtes zurückschrecken."

Die AfD fordert, Schulleiter durch Verwaltungskräfte zu unterstützen – ähnlich wie es FDP und CDU zuvor bereits für Berlins Kindertagesstätten gefordert hatten, ebenfalls um das Personal dort zu entlasten. Außerdem solle es mehr Weiterbildungsangebote für Schulleiter geben, die "neben dem Themenbereich Verwaltung auch 'Leadership' umfassen". Training in Führungsaufgaben also – wobei Berliner Schulleiterinnen und Schulleiter bereits eine Zusatzausbildung am Landesinstitut für Schule und Medien erhalten. Auch im Bereich Verwaltung, Schulentwicklung und Selbstmanagement werden sie zusätzlich geschult.

Auch die Vizeposten sind oft vakant

Doch der Job scheint in der Realität so hart zu sein, dass nicht einmal ein Bruttogehalt zwischen 4.000 und 5.000 Euro brutto ausreicht, um Bewerber anzulocken.

Auf personelle Reserven können viele Schulen nicht zurückgreifen – denn es fehlen häufig auch die Stellvertreter. Insgesamt 70 Grundschulen, 13 Integrierte Sekundarschulen, 13 Gymnasien, neun Sonderschulen und ein Oberstufenzentrum suchen zurzeit auch einen Vizedirektor oder Vizedirektorin.

So auch an der Spreewald-Grundschule: Auch dort gibt es keine "Nummer 2", um Doris Unzeitig zu ersetzen. Der Vizeposten ist nicht besetzt, und zwar schon seit dem 1. August 2014.

* Die Schmetterlings-Grundschule hat seit August 2015 eine kommissarische Leitung. Wie viele weitere Schulen kommissarisch geleitet werden, wird von der Senatsverwaltung für Bildung nicht erfasst.

Sendung: Inforadio, 21.08.2018, 07.24 Uhr

Kommentar

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11 Kommentare

  1. 11.

    Nicht das Schulsystem sondern das politische System versagt, weil es keine Politiker mit "Über- und Durchblick" sondern nur Staatskassenverwalter gibt, die unwesentlichen Kontakt zu den Grundrechten der betroffenen Staatsbürger (SchülerInnen, Eltern, Lehrer, usw.) haben.

  2. 10.

    Wenn man sieht, dass es an manchen Schulen dem Bewerbern so schwer gemacht wird und eine Entscheidung zur Besetzung der Stelle einfach nicht getroffen wird, obwohl es Menschen gibt, die diese Stelle wollen, wundert mich nichts mehr...Es fehlt einfach an allem im Schulsystem Berlin...

  3. 9.

    In dem hochgelobten Gymnasium unseres Kindes gibt es auch große Probleme.
    Drogen, Unbeschulbarkeit, fehlende Unterstützung und Kooperationsbereitschaft der Eltern u.ä.
    Es handelt sich dabei ausschließlich um deutsche Schüler mit deutscher Herkunft aus finanziell gut aufgestellten Elternhäusern.
    Das nennt man neudeutsch "Wohlstandsverwahrlosung".
    Die Schüler in dieser Klasse mit Migrationshintergrund verhalten sich unauffällig und-deswegen begrüßen wir sehr, dass unser Kind mit einigen von ihnen befreundet ist-kiffen und saufen nicht, wie die meisten ihrer deutschen Kollegen.
    Warum? Weil sie Moslems sind und ihr Glaube sie davon abhält.
    Dies' zu Ihrer Information.
    LG

  4. 8.

    Ja
    Ja und
    auf jeden Fall, ist längst überfällig und schuldet der Senat allen Beteiligten, die das seit vielen Jahren mitmachen müssen.
    Danke!

  5. 7.

    Wenn in sogenannten Brennpunktschulen mit hohem Ausländeranteil der normale Schulbetrieb nur mit einem zusätzlichen Heer von Sozialarbeitern, Konfliktlotsen und Wachschützern aufrecht erhalten werden kann, und dieses Personal im Schuletat eigentlich nicht vorgesehen sind, und nur mit viel Gewürge zeitweise die Kosten hierfür gesichert werden können, liegt die Antwort auf der Hand, warum sich kaum jemand für diesen Job des "Direx" interessiert.

  6. 6.

    Mit Butter bei die Fische: Entstehen durch die Vielzahl und jahrelangen unbesetzten Positionen vielleicht Einsparungen in nicht unbeträchtlicher Höhe und werden SchülerInnen, Eltern und Lehrerpersonal dadurch unzumutbare Belastungen aufgebürdet? Es scheint sich ein skandalöser Zustand zu offenbaren, der parlamentarisch unter Beteiligung von Vertreter- und Interessenverbänden aufgeklärt werden sollte.

  7. 5.

    Meine Meinung: Entgegen den Worten der AfD, es handle sich um "eine undankbare Aufgabe", muss man im Vergleich zu den Aufgaben eines Direx in den 70er Jahren sagen, dass es sich um eine unerfüllbare Position handelt. Und nun der Lacher des Tages: Das Anforderungsprofil für Konrektorinnen und Konrektoren ergibt sich aus Anlage 4a der AV Lehrerbeurteilung in Verbindung mit Anlage 4g. Die beobachtbaren Verhaltensweisen sind den Anlagen 2a und 2g zur AV Lehrerbeurteilung zu entnehmen. Aus: https://www.berlin.de/sen/bjf/service/karriere/funktionsstellen/ Wie soll sich aus einer Lehrerbeurteilung das Anforderungsprofil eines Direx entnehmen lassen?

  8. 4.

    Warum sollte jemand den von Rot/Grün, in jeder Hinsicht unattraktiv gemachten Posten eines Schulleiters annehmen?? Selbst Quereinsteiger werden doch nicht so unvernünftig sein - oder doch?

  9. 3.

    Das war seit Jahren vorhersehbar. SchulleiterInnen bekommen keinerlei Unterstützung und werden mit den vielfältigen Aufgaben allein gelassen bzw. kritisiert.
    Wenn man aber über das Pensionsalter hinaus mit Zustimmung des Kollegiums bleiben wollte, musste man gehen, weil die Frauenquote erfüllt war, kg. Aussage der Frauenbeauftragten! Verkehrte Welt auf Kosten unserer Kinder!

  10. 2.

    Tja, das ist das im Wrsentlichen vorhersehbare Ergebnis jahrzehntelanger rot/grüner Bildungspolitik! Lieber mit sich selbst beschäftigen, sinnlose Reformen anzetteln bis auch die letzte Lehrkraft in Frust verfällt, und sich dafür auch noch feiern lassen! Und nu? Jetzt wollen es diejenigen richten, die es angezettelt haben - ich kann garnicht soviel essen wie ich kotzen könnte!
    Bin heilfroh, dass meine Kinder die Schulzeit hinter sich haben, die sinnentleerten Diskussionen im Elternbeirat gehören zu den schlimmsten Erfahrungen. Letztendlich bin ich der Empfehlung einer Rektorin gefolgt und habe eine Privatschule gewählt! Armes Land!

  11. 1.

    Berliner Schulen fehlt es an Allem.
    Das gesamte Bildungssystem ist marode und nicht mehr zeitgemäß.
    Ein Wunder dass nicht noch mehr Schulleiter flüchten.
    Frau Scheeres, wachen Sie auf! Bitte dreschen Sie keine Beschwichtigungsphrasen mehr.
    Handeln Sie!

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