Schüler in einer Klasse (Quelle: Imago)
Audio: Inforadio | 15.08.2018 | Kirsten Buchmann | Bild: imago stock&people

Gewerkschaft kritisiert Personalpolitik des Berliner Senats - Die meisten neuen Lehrer sind ohne Lehramtsstudium

Am Donnerstag will sich Bildungsministerin Scheeres zur Personalsituation zum Schuljahresbeginn äußern. Die meisten der anfänglich über 3.000 offenen Stellen sind wohl mittlerweile besetzt - allerdings sogar mit Kräften, die kein Schulfach studiert haben.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hat die Einstellungspraxis an Berliner Schulen gerügt: Nur gut ein Drittel der 2.700 zum neuen Schuljahr eingestellten Lehrer hätten ein abgeschlossenes Lehramtsstudium absolviert, sagte GEW-Landeschef Tom Erdmann am Mittwoch. Das gehe aus Zahlen der bezirklichen Schulpersonalräte hervor.

Demnach würden ab nächster Woche in Berlins Schulen neben 1.000 regulären sogenannten Laufbahnbewerbern etwa 750 Quereinsteiger und mehr als 900 Lehrkräfte ohne volle Lehrbefähigung unterrichten, also Bewerber, die kein Schulfach studiert haben. Das können etwa Ethnologen sein, die dann Geschichte unterrichten oder Dozenten mit einer Fortbildung im Bereich "Deutsch als Fremdsprache". Lehrkräfte ohne volle Lehrbefähigung erhielten zumeist befristete Arbeitsverträge. Bildungssenatorin Sandra Scheeres will sie künftig weiterqualifizieren.

Die Senatorin habe es geschafft, die offenen Stellen zu besetzen, rechnet die GEW vor. Allerdings seien die Fachkräfte unterschiedlich verteilt. In einigen Bezirken und an den meisten Gymnasien gebe es keine neu eingestellten Lehrer ohne Fachstudium. Anders sei das dagegen an Schulen in sozialen Brennpunkten. Insgesamt habe sich nach Einschätzung der GEW die Personalsituation an den Schulen damit im neuen Schuljahr weiter verschlechtert.

Lehrermangel nicht nur in der Region

Die Politik habe die Signale für den drohenden Mangel an Lehrern, Erziehern und Sozialpädagogen jahrelang ignoriert, hatte die GEW bereits zuvor kritisiert. Zu Jahresbeginn fehlten laut Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) in der Hauptstadt 3.000 Lehrer. Wie groß die Lücke zum Schuljahresbeginn sein wird, wird Scheeres am Donnerstag bekanntgeben. Es ist davon auszugehen, dass deutlich weniger als 500 Lehrer fehlen.

Da zu wenige Studenten von den Hochschulen kommen und eine Aufstockung der Kapazitäten erst später wirkt, setzt Berlin auf Quereinsteiger, die kein pädagogisches Studium absolviert haben, und andere Lösungen. Der starke Lehrermangel betrifft nicht nur Berlin und Brandenburg: Ursache ist der starke Fachkräftemangel. In den meisten Bundesländern wurde für das neue Schuljahr händeringend nach Pädagogen gesucht.

Berlin will mehr Lehrer ausbilden

Im bevorstehenden Wintersemester bieten die Berliner Universitäten deutlich mehr Plätze für Studienanfänger, die Lehrer werden wollen. Insgesamt stünden 3.150 Studienplätze in Fächern mit Bezug zum Lehramt bereit, rund 600 mehr als im vergangenen Wintersemester. Das teilte die Senatskanzlei am Mittwoch mit. Wie viele Interessenten sich tatsächlich in dem Bereich einschreiben, soll Mitte Oktober feststehen. Der Trend sei zuletzt positiv gewesen.

Angesichts des Lehrermangels in Berlin hatten das Land und die Universitäten vereinbart, die Zahl der entsprechenden Absolventen auf 2.000 pro Jahr zu verdoppeln. Um dieses Ziel umzusetzen, sind auch mehr Ausbilder für Lehrer an den Universitäten nötig. 28 zusätzliche Professuren und mehr als 130 weitere wissenschaftliche Stellen sind laut Angaben an der Humboldt-Universität, der Freien Universität und der Technischen Universität geplant. Angaben zum Ausbau der Kapazitäten an der Universität der Künste lagen zunächst nicht vor.

Sendung: Inforadio, 15.08.2018, 18 Uhr

Kommentar

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13 Kommentare

  1. 13.

    Recherchiert doch einmal, wie viele hoch ausgebildete pädagogische Kräfte mit anerkanntem Lehrerstudium im arbeitsfähigem Alter (also zwischen 30 und 45)wegen "angeblicher" Berufsunfähigkeit in den sogenannten "Innendienst", also Arbeitskreise (SIBUZ) oder mit verwaltender Aufgabe wie Organisation von Weiterbildungen bis hin zum Ersatz von Sekretärinnen oder "beratender" Tätigkeit abkommandiert sind. Das bedeutet, die-die dafür ausgebildet wurden, Kinder zu unterrichten, beraten nur noch oder verwalten zu hohen Gehältern und Quereinsteiger ohne Ausbildung arbeiten am Kind zu niedrigen Gehältern.

  2. 12.

    Man kann leistungschwache Schüle des Gymnasiums verweisen, es wird aber möglichst vermieden. Es geht auch nicht darum diese Kinder "loszuwerden", eher darauf aufmerksam zu machen, dass die schulischen Miseren ihren Ursprung schon weit vorher haben und dass Lehrer ein vielfältiges Spektrum an Problemen bewältigen müssen. Das erfordert eine langjährige Ausbildung. Quereinsteiger, egal wieviel Mühe sie sich geben, können das nicht abdecken.
    Die finanziell besser gestellten Eltern sind übrigens auch oft nicht motivierter und kooperativer als die aus bildungsfernen Familien.
    Wohlstandsverwahrlosung wird ein immer größeres Problem.

  3. 11.

    Praktisch gibt es staatlicherseits in Berlin zwei Schultypen, die "Gymnasien" (nicht zu verwechseln mit dem früheren Typus eines Gymnasiums) und den "Sekundarschulen" für den Rest.

    Wenn deutschsprachige Eltern etwas mehr Geld haben, versuchen sie ihr Kind auf einer Privatschule unter zu bringen. Oder als zweite Alternative auf einem Gymnasium. Auch wenn, wie Sie richtig schreiben, im Prinzip jeder Schüler ohne Qualifikationsnachweis an einem Gymnasium anfangen kann, gibt es doch die Möglichkeit, leistungsschwache Schüler vom Gymnasium zu verweisen.
    In den Sekundarschulen sieht es zu 80 % ausgesprochen hoffnungslos aus. Die können nirgendshin verweisen.

    "Es gibt einen massiven Leistungsabbruch wenn zu viele Kinder schlecht deutsch sprechen", ist das Ergebnis des INSM-Bildungsmonitors, und es droht noch Schlimmeres.

    https://www.welt.de/politik/deutschland/article181194094/Bildungsmonitor-Lehrerverband-beklagt-Integrationsprobleme-an-Schulen.html

  4. 9.

    DAS Gymnasium gibt es nicht mehr. Da inzwischen alle Schüler dort angemeldet werden können, auch die ohne gymnasiale Empfehlung, wabern die "Brennpunktprobleme" auch dorthin. Von falschem Ehrgeiz getriebene Eltern schicken ihre, den Anforderungen eines Gymnasiums nicht gewachsenen Kinder dorthin, wiederholen (früher sitzen bleiben) ist zudem nicht mehr gern gesehen und so werden diese benitleidenswerten Schüler gnadenlos durch die Mittelstufe geschleust, auf Kosten der Schüler, die leistungsfähig und -bereit sind und zu Lasten des Lernniveaus. Deswegen müssen die Lehrer an Gymnasien fachlich und pädagogisch gut ausgebildet sein, um das auffangen und handeln zu können.
    Und was die anderen Schulzweige betrifft: keine Rede, es ist eine Schande dass dort Fachkräftemangel herrscht, jeder Schüler hat das Recht auf einen kompetenten Lehrer!

  5. 8.

    Elternhaus ?
    Kinder gehen doch nach der Geburt früher oder später in de "Abstellkammer"--Kita oder ä.
    Eltern müssen Geld verdienen und ihrer Frezeit nachgehen-----

  6. 7.

    An Gymnasien gibt es fast nur ausgebildete Lehrer und ausgerechnet an Brennpunkt-Schulen nicht? Verantwortungsloser gehts echt überhaupt nicht mehr. Selbst Quereinsteiger wären komplett überfordert, wenn man sie in so eine Schule steckt. Ein absolutes Armutszeugnis, diese Zweiklassen-Bildung. Hier wird die Zukunft von Kindern in riesigem Ausmaß blockiert. Wie sollen die Kinder unter Lehrern Forschritte machen, die weder fachlich noch (und das ist deutlich wichtiger) pädagogisch ausgebildet sind? Ich bin echt fassungslos.

  7. 6.

    Wichtiger Grund des Lehrermangels sind Schwerfaelligkeit und Selbstgefaelligkeit universitaerer Bildungseinrichtungen: Lehramtsstudenten werden in akademischem Standesduenkel durch jahrelange Ausbildungen gepeitscht, die mit der Realitaet der Wissensvermittlung nur begrenzt zu tun haben. Dieses Problem ist "typisch deutsch": Theoretische Ausbildung wird viel hoeher angesehen als praktische Erfahrung. Zu meinen besten Lehrern damals zaehlten jedenfalls Quereinsteiger an einer privaten Berufsschule: Die brauchten keine 1000 Stempel aus Amtsstuben und universitaere Diplome und haben uns trotzdem richtig was beigebracht.
    Mit seiner Abwertung von Nicht-Lehramtlern schneidet GEW-Erdmann sich ins eigene Fleisch: Seine Klienten mit Abschluss muess(t)en ohne neue Kollegen mehr arbeiten, und die Diskriminierten werden wenig Lust haben, der GEW beizutreten.

  8. 5.

    Kann man RRG die Hauptschuld an einem Zustand geben, den Sie nach eigenem Bekunden bereits seit Jahren beobachten? Und Kinderrechte als Gegensatz zu Ethik zu benennen, scheint mir auch kontraproduktiv. Oder wollen Sie damit andeuten, dass Kinder, die sich nicht einschuechtern lassen, schlechte Lerner sind?

  9. 4.

    Wer derzeit schulpflichtige Kinder durch den Schulalltag begleitet weiß, dass es ohne eine fundierte pädagogische Ausbildung nicht funktionieren kann. Sehr viele Eltern überlassen den Erziehungsauftrag den Institutionen und fühlen sich nicht mehr verpflichtet, ihre Kinder schulisch zu fördern und zu unterstützen. Das sprengt inzwischen in fast jeder Klasse den Rahmen, weil deren Defizite und Fehlverhalten die gesamte Gruppe ausbremst.
    Zudem resignieren viele Lehrer und Schulleiter und geben den Kampf gegen Smartphone und fehlende Motivation dieser Schüler und deren beratungsresistente Eltern auf.
    Ja. Da schämt man sich in der Tat für dieses "Bildungssystem" und sieht sehr besorgt in die Zukunft.

  10. 3.

    Also ob RRG dieses Bildungsproblem erzeugt hätte...
    Wie lange schon wurde Bundesweit aus den Bildungseinrichtungen alles herausgequetscht und kaputt gespart?!
    Wie lange warnen die Gewerkschaften schon vor der Pensionierungswelle?
    Wie lange möchte man noch zusehen, wie andere Bundesländer mit Verbeamtung und besserer Bezahlung locken?
    Das hat Frau Scheeres entweder nicht sehen wollen oder nicht bezahlen können oder beides.
    In jedem Fall peinlich und wird das Bildungsproblem nicht verbessern.

  11. 2.

    Ja sorry, aber Moral lernt man nicht nur in der Schule, sondern im Elternhaus. Das ist auch der Ort, wo die Handys herkommen. Und wenn ich mich zu Hause mit meinem Kind hinsetze und intensiv beschäftige, dann kann ich auch beim Lesen und Rechnen einiges bewirken.

    Bei der Erziehung der Kinder müssen Eltern und Lehrer an einem Strang ziehen. Das vergessen jedoch viele all zu oft.

  12. 1.

    Das sich RRG und die Bundesregierung nicht schämen das wir in 2018 so eine Bildungssituation anbieten und dann in der Zukunft auf einem weiteren wichtigen Feld, eigentlich dem wichtigsten Bedarf, der Bildung, in die Steinzeit steuern.
    Hauptsache die Kiddis haben Rechte und Handys, auch wenn sie nicht deutsch lesen und schreiben oder rechen können geschweige schon einmal etwas von Ethik und Moral gehört haben.....
    Da wächst die neue Sozialhilfeempfängerelite täglich stärker an und wir kümmern uns einen Dreck darum, das ist mein Eindruck zu dem Thema seit Jahren, insbesondere zur RRG Senatorin dafür, die hat auch die Kitas nicht im Griff.

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