Spielende Kinder in Berlin-Hellersdorf (Quelle: dpa/Breloer)
Audio: Inforadio | 10.08.2018 | Franziska Ritter | Bild: dpa/Breloer

Marzahn-Hellersdorf - Weiblich, alleinerziehend - und die Armut ist programmiert

In keinem anderen Berliner Bezirk leben so viele Alleinerziehende wie in Marzahn-Hellersdorf. Sie sind besonders oft von Armut betroffen. Franziska Ritter hat sich dort umgehört, was das für die Kinder bedeutet.

Die Tangermünder Straße in Berlin-Hellersdorf: Plattenbausiedlungen so weit das Auge reicht. Dazwischen steht die Arche, ein ehemaliges Schulgebäude, über dessen Hof zig Kinder und Jugendliche toben. Bis zu 200 kommen Tag für Tag nach der Schule hierher: um Mittag zu essen, Hausaufgaben zu machen oder zu spielen. Die Arche sei wie ein Jugendclub für Kinder, erklärt Tim Rauchhaus, der die Einrichtung leitet.

Hinter der Arche steht ein Verein, den ein evangelischer Pastor 1995 in Berlin gegründet hat, und der sich fast vollständig über Spenden finanziert: Die Arche Christliches Kinder- und Jugendwerk e.V.  ist noch in vier anderen Bezirken der Stadt aktiv und betreibt bundesweit Einrichtungen. Dass der Verein in Hellersdorf seine Zentrale hat, ist kein Zufall: Laut Sozialbericht wachsen hier 40 Prozent aller Kinder und Jugendlichen unter 15 Jahren in Familien auf, die Hartz IV beziehen. Gemäß Definition sind sie arm.

Kein Kino, kein Urlaub, kein Taschengeld

Armut bedeutet in Deutschland nicht unbedingt, obdachlos zu sein oder hungern zu müssen. Dafür gibt es hierzulande eine Grundsicherung. Armut heißt, auf vieles verzichten zu müssen, was für andere Kinder ganz normal ist: Freunde zu sich nach Hause einzuladen, eine Woche im Jahr in den Urlaub zu fahren oder hin und wieder ins Kino zu gehen. Kinder aus armen Familien haben manchmal kein Taschengeld, das sie sparen könnten, oder keinen Computer, um ins Internet zu gehen. Sie lernen früh: Ohne Geld gehört man in unserer Gesellschaft nicht dazu.

Um am kulturellen und sozialen Leben teilzuhaben, stehen Kindern und Jugendlichen zwar Leistungen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket zu. Doch mit maximal zehn Euro im Monat, kommt man nicht weit.

"Ein Kind hat einmal zu mir gesagt: Ich bin gar nicht arm, ich hab nur kein Geld", erinnert sich Tim Rauchhaus. "Aber wir haben hier viele Kids, die im Winter keine Jacke anhaben – einfach, weil sie keine besitzen. Sehr viele Kinder kommen morgens auch ohne Frühstück in die Schule. Da würde ich schon sagen: Die Kinder merken, dass es ihnen schlecht geht. Fakt ist: Wer in Armut aufwächst, wird öfter krank als seine Altersgenossen und hat schlechtere Chancen in der Schule."

Wenn das Mittagessen zu teuer ist

Auf dem Spielplatz vergnügt sich die sechsjährige Lea. Das blonde Mädchen ist gemeinsam mit ihrer Mutter hier. Jessica Laue, Mitte 30, hat noch zwei ältere Söhne, mit denen sie fast täglich in die Arche kommt. Die Alleinerziehende schätzt es, dass ihre Kinder hier ein kostenloses Mittagessen bekommen. Als Hartz-IV-Empfängerin sei sie auf solche Angebote angewiesen. Auch eine umfassende Unterstützung bei den Schulaufgaben, wie sie die Arche anbietet, kann sie zu Hause nicht immer leisten.

Jessica Laue hat eine Ausbildung zur Malerin und Lackiererin gemacht. Aus gesundheitlichen Gründen konnte sie nie in ihrem Beruf arbeiten. Vor ein paar Jahren hat sie eine Umschulung zur Industriekauffrau absolviert. Doch eine Anstellung, mit der sie ihre vierköpfige Familie ernähren kann, ist bislang nicht in Sicht. Deshalb schickt sie ihre Kinder in die Arche, besorgt sich Lebensmittel bei der Berliner Tafel: "Gerade, wenn man mehrere Kinder hat, ist es sonst ziemlich teuer. Wir gehen auch nur einmal im Jahr auf den Rummel, öfter kann ich mir das nicht leisten."

Familien mit Kindern sind in Deutschland arm dran

So wie Jessica Laue geht es vielen Familien im Land: Sie sind stärker von Armut bedroht als Haushalte ohne Kinder. Die finanzielle Belastung steigt mit jedem Kind. Besonders hart trifft es Kinder, die von einem Elternteil – meist sind es die Mütter – großgezogen werden. Die Bertelsmann-Stiftung wertet seit Jahren regelmäßig Befragungen von Tausenden Kindern aus, deren Eltern knapp bei Kasse sind. Fazit: Arbeiten die Mütter weniger als 30 Stunden, ist die Armut besonders groß. Doch welche Mutter kann in Vollzeit arbeiten, wenn sie sich alleine um ihren Nachwuchs kümmern muss?

Genug Geld zum Leben haben, aber auch ausreichend Zeit für die Familie: An diesem Spagat verzweifeln viele Alleinerziehende. Auch Jessica Laue sucht händeringend eine 30-Stunden-Stelle, die sie mit ihrem Familienleben vereinbaren kann. Sie hat hunderte Bewerbungen geschrieben – ohne Erfolg. Allmählich verliert sie die Hoffnung, dass sie noch einen Job findet, mit dem sie finanziell besser dasteht als mit Hartz IV.

Doch manche Menschen seien noch ärmer dran, sagt die Berlinerin: "Wer Vollzeit arbeitet und Geringverdiener ist, den hat es schlimmer erwischt als mich. Der kann nämlich nicht zur Berliner Tafel gehen oder mit seinen Kindern in die Arche, weil er keine Zeit dafür hat."

Beitrag von Franziska Ritter

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23 Kommentare

  1. 23.

    Das kann ich Ihnen aus Erfahrung sagen;Man kann es viele Male versuchen, einen Job zu erfüllen. Spätestens wenn das Kind 2x krank ist, fliegt man nach der Probezeit raus. Man braucht ein funktionierendes Netzwerk an Helfern, die sich kümmern. Wenn das nicht vorhanden ist, sieht es schlecht aus.

  2. 21.

    Aus dem Artikel geht nicht hervor, warum sie allein mit Ihren Kindern lebt! Und auch nicht, ob sie wirklich „alleinerziehend“ ist. Und ob die Kinder alle vom selben Mann sind, wird auch nicht gesagt.
    Ich kenne so einige Fälle und dort sind es die Frauen, die so leben wollen und alles tun, daß Väter ihre Kinder möglichst wenig bis gar nicht sehen. Nur zahlen sollen sie, sofern sie denn bekannt sind.
    Daß es überhaupt so viele alleinstehende Frauen mit Kindern gibt, ist eher als Indiz zu werten, daß der Staat sie schon ganz gut versorgt. Gejammert wird natürlich trotzdem und sie haben ja auch eine breite Lobby, wenn sie schon als Familie gelten. Da braucht man sich auch nicht wundern, wenn dieses Lebensmodell immer beliebter wird.

  3. 20.

    "oder sie sucht sich einen Mann, der finanziell leistungsfähig ist und nicht gleich wegrennt"

    selten so gelacht - was ist denn bitte an Beziehungen planbar?
    Wer bekommt denn ein Baby mit dem Gedanken, dass der Partner sich bestimmt sowieso bald aus dem Staub macht?

  4. 19.

    Ihre Worte: "Wo ein Wille ist, ist ein Weg." - Die Realität schaut wie folgt aus... http://www.spiegel.de/lebenundlernen/job/kita-krise-in-deutschland-warum-fehlen-so-viele-plaetze-a-1211083.html

  5. 18.

    Warum kann man mit Kindern nicht Vollzeit arbeiten gehen? Ich habe das immer gemacht und es hat funktioniert. Meiner Meinung nach kommt es nicht auf die Quantität, sondern die Qualiät der Zeit an, die man mit seinen Kindern verbringt. Sobald die Kinder zur Schule gehen, hat man mindestens den gesamten Vormittag bzw. bei Ganztagsschulen den ganzen Tag Zeit, um einer bezahlten Beschäftigung nachzugehen.
    Auch ich hatte keine Familie in Berlin und musste mir von dem verdienten Geld auch noch eine Babysitterin leisten, aber es ging. Wo ein Wille ist, ist ein Weg. Meine Kinder studieren inzwischen.

  6. 17.

    "In keinem anderen Berliner Bezirk leben so viele Alleinerziehende" - Bitte um Vergleichsstatistiken. Die programmierte Armut beginnt mMn bereits mit dem Bezug von Grundsicherungsleistungen.

  7. 16.

    Ein wenig sollte man auch überlegen, bevor man Kinder in die Welt setzt. Hat man da einen Partner, bei dem zumindest die Chance besteht, dass er dauerhaft dabei bleibt ? Ansonsten gäbe es ja auch die Chance der Verhütung. Ein Kind ist kein Spielzeug !

  8. 15.

    ...und der gut gemeinte, gerade erhöhte und bis zum 18. Lebensjahr des Kindes verlängerte, Unterhaltsbeitrag wird bei "Aufstockern" auch noch angerechnet!!!!! Selten bekloppt!!!!!.....

  9. 14.

    Sie werden sich mit diesen Äußerungen nicht viele Freunde machen, aber sie haben Recht!
    Ich sehe immer wieder, dass Frauen mit kleinen Kindern vor den Ausgabestellen der Tafel stehen und rauchen. Dafür ist scheinbar immer genug Geld da…
    Ich plädiere seit langem dafür, Hartz IV/ALG2 nicht einfach nur auf Antrag zu gewähren, sondern begleitende Kurse anzubieten, in denen die betroffenen Menschen lernen, mit dem Geld umzugehen. Dazu gehören zum Beispiel auch Kochkurse, da das selbstgekochte Essen wesentlich preiswerter und gesünder als Fertiggerichte ist.
    Es ist natürlich eine unsinnige Aussage, dass Kinder, die von Hartz IV betroffen sind, keine Freunde zu sich einladen können. Natürlich können sie das! Es gibt nämlich unendlich viele Spiele, die komplett kostenlos sind. Aber dazu müssten sich die betroffenen Mütter und Väter auch intensiv um die Kinder kümmern.

  10. 13.

    Das Unerhörte übertrifft das Gehörte bei Weitem.

  11. 12.

    Bin männlich, alleinerziehend!
    Interessiert niemanden...

  12. 11.

    Also ich bin 38, alleinerziehend und habe meine Tochter mit 35 bekommen... Habe 16 Jahre bei einer Modekette gearbeitet bis Februar diesen Jahres... Wurde gekündigt weil die kleine zu oft krank war... Und meine Familie wohnt hier nicht in Berlin, die Mal schnell die kleine nehmen können... Jetzt arbeite ich als Haushaltshilfe, bekomme Hartz 4 zur Aufstockung und es ist echt verdammt schwer alleine klar zu kommen... Das geld Recht hinten und vorne nicht...

  13. 10.

    bei einigen kommentaren hier kann einem speiübel werden...

    soviel neid und missgunst...armseelig.
    liebe neider, ihr braucht keine angst haben.ändern wird sich eh nix.vater staat ist nicht daran gelegen etwas verändern zu wollen.also sparen sie sich ihre kräfte für die nächste neiddebatte;)

  14. 8.

    oha;)

    wo bleibt denn die verantwortung der mütter!?
    man munkelt, es soll auch alleinerziehende väter geben...

  15. 7.

    Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe werden oft und teils mehrheitlich von Kindern aus ärmeren Haushalten aufgesucht. Arm meint, genau wie aus dem Bericht hervorgeht, nicht nur finanzielle/ materielle Knappheit, sondern soziale Exklusion. Daher sind solche Einrichtungen sehr wichtig.

    Was dabei aber nicht geht, ist die eigenen Spendenabhängigkeit über die Not der Kinder und Jugendlichen zu regeln. Es ist auffällig, wie häufig Arche-Einrichtungen medial Erwähnung finden. Wie wäre es denn, die vielen anderen Angebote, in denen man z.B. nicht tagtäglich Kinderreigen mit Kirchenliedern erlebt, anderer Einrichtungen mit den gleichen Zielgruppen hervorzuheben (East End, Anna Landsberger, Haus Babylon etc.)? Nicht zum Nachteil der Arche, nicht als deren Ergänzung, sondern gleichwertig.

    Es wäre schön, wenn sich sozial zwingend erforderliche Einrichtungen über genügend politischen Rückhalt freuen könnten. Mit 1 1/2 Sozialarbeitendenstellen o.ä. kommt man nicht weit.

  16. 6.

    Wenn Kinder zu Hause kein Frühstück, Mittag- oder Abendessen erhalten, dann liegt dies in erster Linie an der sozialen und emotionalen Verarmung ihrer Eltern. Normale Mahlzeit sind auch mit Arbeitslosengeld 2 möglich. Solange für Zigaretten, Handys und Hundefutter Geld da ist, finde ich das sehr unfair Familien gegenüber, die wenig haben, aber trotzdem die Grundversorgung ihrer Kinder sicher stellen.

  17. 5.

    Wo ist denn die Verantwortung der leiblichen Väter?

  18. 4.

    Das Foto zeigt ein Mädchen an der Bushaltestelle Kruppstraße (Buslinie 123)Ecke Lehrter Straße in Berlin Moabit. Wie passt das zum Artikel?

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