Mutter mit ihrem Baby auf einer Krabbeldecke (Quelle: dpa)
Audio: Radioeins | 28.08.2018 | Aktuelle Kita-Studie | Symbold-Bild, zeigt nicht die Autorin mit ihrem Sohn | Bild: dpa

Serie | Kitajagd - Berlin, der Platzkampf und ich | Teil 11 - Noch ist die Kita-Suche eine Art Schnäppchenjagd

Bei der Kita-Suche kommt sich Tina Handel manchmal vor, als versuche sie exklusive Konzertkarten oder ein DFB-Pokalfinalticket zu ergattern. Das soll sich bald ändern. Denn Berlin will einen "Kita-Navigator" anbieten, der online Plätze aufzeigt und auch vermittelt.

Als ich mit meinem Sohn am Nachmittag auf der Krabbeldecke liege, fällt mir ein, dass ich die Internetseite einer unserer Lieblingskita noch mal checken wollte. Also Stoff-Giraffe beiseite, Smartphone in die Hand - Baby is not amused.

Bislang war der Button für Bewerbungen immer grau: "Zurzeit keine Platzanfragen möglich." Vor Monaten hatte mir Frau H., die Leiterin dieser Kita, erzählt, wie die Bewerbung bei ihr läuft: "Im August schalte ich die Onlinebewerbung frei", sagte sie. "Dann müssen sie ganz schnell sein, denn nach 200 Bewerbern schließe ich die Anmeldung wieder." Wer schnell genug war, werde dann zu einem Tag der offenen Tür eingeladen. "Dann kennen sich beide Seiten viel besser", sagt die Leiterin. Und danach würden dann die Plätze vergeben.

Wie bem Ticket für das Pokalfinale

Ich habe mir also vorgenommen, zwei Mal am Tag auf die Seite zu gehen. Sicher ist sicher. Am Morgen war die Bewerbung noch geschlossen. Aber am Nachmittag kann man sie auf einmal anklicken und einen Bogen ausfüllen. Also runter von der Krabbeldecke, Laptop an und schnell alles ausgefüllt. Name, Geburtsdatum, Kita-Gutschein. Keine Ahnung, wie lange es dauert, bis das 200 Mamas und Papas gemacht haben und das Portal wieder geschlossen wird.

Man kommt sich ein bisschen vor, als wolle man eine sehr begehrte Konzertkarte auf Ebay ergattern oder ein Ticket fürs DFB-Pokalfinale. Seite immer wieder aktualisieren. Angebote checken, schnell sein. Viele Kitas machen es so, dass sie jetzt, mit Beginn des neuen Kitajahres, ihre Onlinebewerbung fürs nächste Jahr freischalten.

Ein Kita-Navigator soll helfen

Schon in ein paar Monaten könnte das ganz anders aussehen: Berlin will einen "Kita-Navigator", ein neues Onlineportal, einführen. Spätestens Ende 2018 soll man alle Kitas berlinweit dort finden können. Und im nächsten Jahr soll dann auch die Platzanfrage über die Seite laufen. Ich frage mich, wie das wird, wenn alles online funktioniert. Oder vielmehr: Wird sich die Kitasuche dann wirklich verbessern und auf ein paar Klicks reduzieren?

Berlin könnte da von anderen Großstädten lernen. In München gibt es so etwas Ähnliches schon. Heißt dort "Kita-Finder+". Keine Ahnung, wofür das Plus steht. Aber vor ein paar Jahren war dort die Situation ähnlich angespannt wie derzeit in Berlin – und vielleicht ist jetzt alles im Positivbereich? Um das herauszufinden, telefoniere ich mit einer Mama in München: Jessica Kreuz ist Hebamme und Mutter von Olivia, inzwischen fünf Jahre alt. "Als Olivia zwei war, wollte und musste ich wieder arbeiten", sagt Jessica. "Ich bin alleinerziehend. Aber das zählte bei den Kitas damals nicht viel."

Es sei in München immer so gewesen, dass man sich möglichst früh bewerben musste: "Ich habe erst in der 12. Schwangerschaftswoche angefangen", erzählt Jessica. "Andere hatten schon seit der sechsten Woche gesucht und waren dann natürlich schneller und standen auf den Listen ganz oben." Das Jugendamt habe ihr geraten, sie solle halt Hartz IV beantragen.

Per Kita-Finder die Wunsch-Kita gefunden

Jessica hat sich dann durch den Kita-Finder geklickt, der in München vor drei Jahren eingeführt wurde: "Es waren tatsächlich auch in meiner Gegend Kitas dabei, die ich beim Spaziergang noch nicht gesehen hatte." Online wurde Jessica dann auch auf ihren Wunschkindergarten aufmerksam: eine Elterninitiative, die die Plätze aber nicht einfach übers Portal vergibt: "Ich bin dann zum Infoabend, zum Tag der offenen Tür und noch zum Vorstellungsgespräch - bis Olivia drin war."

Der Kita-Finder sei also gut, um einen Überblick zu bekommen, sagt Jessica. "Meine Schwester hat sogar direkt über die Seite einen Kitaplatz erhalten." Aber bei vielen Einrichtungen, zum Beispiel privat getragenen, habe sich der Auswahlprozess dadurch nicht verkürzt. Heute ist Jessica selbst in der Elterninitiative aktiv und sagt: "Wir möchten natürlich die Eltern kennen lernen und schauen, ob es passt."

Ende April ist die Deadline für den Eintrag

Trotzdem hat für sie der Kita-Finder einige Vorteile: "Es gibt eine festgelegte Anmeldefrist", erklärt Jessica. Frühestens ein Jahr vor Beginn der Betreuung ist eine Anmeldung über das Münchner Portal möglich. In diesem Jahr ist es so, dass alle Eltern, die einen Platz wollen, ihr Kind bis Mitte April eingetragen haben müssen. Danach werden die Plätze fürs Kitajahr ab Herbst vergeben. "Das verkürzt den Zeitraum der Suche schon sehr." Sonst hätten viele ab dem positiven Schwangerschaftstest auch mal zwei Jahre lang gesucht.

Am Anfang konnte man sich nur für maximal sieben Kitas online anmelden, diese Beschränkung hat die Stadt inzwischen aufgehoben. Dafür werden Angebot und Nachfrage nun ständig abgeglichen: "Wenn wir als Elterninitiative einen Platz vergeben haben, dann wird das automatisch auf der Seite vermerkt und die Eltern stehen dann auch nicht mehr auf lauter anderen Listen." Für Jessica besonders wichtig: Eltern können beim Kita-Finder auch soziale und berufliche Faktoren eintragen: "Dass ich alleinerziehend bin, hat jetzt bei den städtischen Kitas eine viel höhere Priorität", sagt Jessica. "Es zählt nicht mehr nur die frühe Anmeldung."

"In meinem Umfeld sehe ich, dass sich die Situation insgesamt schon entspannt hat", ist Jessicas Fazit. Die Online-Kita-Suche hat also einige Vorteile – ist aber auch kein Allheilmittel. Und, ehrlich gesagt, würde auch ich die Kita unseres Sohnes schon gern gesehen haben, und zwar nicht nur auf Internetfotos. Schließlich kommt man hierhin, im besten Fall, für einige Jahre.

Was bisher geschah

Beitrag von Tina Handel

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1 Kommentar

  1. 1.

    Im Februar wurde vom Berliner Verwaltungsgericht ein Beschluss erlassen, demnach sich Eltern selbst Hilfe organisieren können, um die bezahlte Hilfe dem Jugendamt in Rechnung zu stellen. Auch das ist eine Möglichkeit wieder in die Arbeitswelt einzusteigen und das planbar! Leider wiegelt das Jugendamt, mit dem Verweis auf die fehlende Zustimmung vom Senat, auch hier wieder Eltern ab. Statt dessen werden Kitas, fühle ich fast jeden Morgen bei der Kinderübergabe, einfach überbelegt. Wer soll sich denn da wohlfühlen?

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