Unterricht in der 4. Klasse (Quelle: dpa/Ulrich Baumgarten)
Audio: Antenne Brandenburg | 09.08.2018 | Bild: dpa/Ulrich Baumgarten

Viele Schüler, wenig Lehrer - Brandenburg hat genug Lehrkräfte, unklare Lage in Berlin

Kurz vor Beginn des neuen Schuljahres hat Brandenburg fast alle Lehrerstellen besetzt. Wie es im benachbarten Berlin aussieht, ist noch unklar. Im Juni war die Lage noch dramatisch.

Zehn Tage vor Beginn des neuen Schuljahres hat Brandenburgs Bildungsministerium fast alle der benötigten rund 1.000 neuen Lehrkräfte "an Bord". Aktuell gebe es nur zehn offene Stellenangebote, teilte Ministeriumssprecherin Antje Grabley mit. Diese Zahl könne sich allerdings täglich ändern.

Verbeamtung und höherer Verdienst

Das Land lockt gezielt Pädagoginnen und Pädagogen mit Beschäftigungsanreizen: Lehrkräfte mit gymnasialer Lehramtsbefähigung können künftig auch dann verbeamtet werden, wenn sie überwiegend an Grundschulen eingesetzt werden. Zudem sollen die Gehälter für Grundschullehrer vom kommenden Jahr an um eine Stufe angehoben werden. Dies sorgt laut Grabley für Einkommensverbesserungen bis zu fast 500 Euro monatlich.

Dass Brandenburg die Beschäftigungslücke rasch schließen konnte, liegt auch an den Seiteneinsteigern: Der Anteil von Quereinsteigern, die weiter qualifiziert werden müssen, ist bei den unbefristet eingestellten Pädagogen auf 26,5 Prozent angestiegen. Im Vorjahr waren es 20,45 Prozent. Um erfahrene Pädagogen im Schuldienst zu halten, können zudem Lehrer vom kommenden Jahr an nach dem Erreichen der Pensionsgrenze weiterarbeiten und dafür drei Jahre lang einen monatlichen Zuschlag von 400 Euro erhalten. Diese Regelung ist bis Ende 2021 befristet.

"Unterrichten statt Kellnern"

In Berlin hatte der Lehrermangel hingegen dramatische Züge angenommen: Zu Jahresbeginn fehlten laut Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) in der Hauptstadt 3.000 Lehrer. Bis Juni wurden rund 2.500 Lehrkräfte eingestellt. Wie groß die Lücke zum Schuljahresbeginn sein wird, wird Scheeres in der kommenden Woche bekanntgeben. Es ist davon auszugehen, dass deutlich weniger als 500 Lehrer fehlen.

Da zu wenige Studenten von den Hochschulen kommen und eine Aufstockung der Kapazitäten erst später wirkt, setzt auch Berlin auf Quereinsteiger. Zudem bietet Berlin im Projekt "Unterrichten statt Kellnern" Studenten in lehramtsbezogenen Masterstudiengängen Halbjahres- oder Jahresverträge an Schulen an. In der Kultusministerkonferenz will Berlin auch diskutieren, Lehrer mit nur einem Fach zuzulassen. Bisher müssen Lehrer zwei Fächer unterrichten. Geprüft wird, auch abgeordnete Lehrer an Hochschulen, Museen oder Projekten zurück an die Schulen zu holen.

Verwaltungskräfte an die Tafel

Die Gewerkschaft hält davon nichts: Lehrkräfte an Hochschulen seien wichtig für eine hochwertige Ausbildung. Die Politik habe die Signale für den drohenden Mangel an Lehrern, Erziehern und Sozialpädagogen jahrelang ignoriert, kritisierte die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). "Die Politik, auch das Bundesbildungsministerium, hätte die Hochschulen auffordern müssen, die Lehrerausbildungskapazitäten nicht so stark abzubauen", sagte der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger. Die GEW fordert, Lehrer zu entlasten, indem Verwaltungskräfte nicht nur Schulleitern, sondern auch Lehrern helfen. Sie könnten etwa Fehlzeiten von Schülern oder Konten für Ausflüge verwalten.

Der starke Lehrermangel betrifft nicht nur Berlin und Brandenburg: In den meisten Bundesländern wird für das neue Schuljahr händeringend nach Pädagogen gesucht.

Sendung: radioBerlin 88,8, 09.08.2018, 11:40 Uhr

Kommentar

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5 Kommentare

  1. 5.

    Wozu dann noch der höhere Aufwand zur Ausbildung zum Gymnasiallehrer??
    Ob in Brandenburg Lehrermangel durch geschickte Statistiken verdeckt wird, entscheidet nicht die Verwaltung, sondern die betroffenen vor Ort an der Front. Das Verwaltungsangestellte die Schulen dadurch entlasten sollen, in dem sie ihre selbst ausgedachte Bürokratie selbst vor Ort in der Schule erledigen sollen ist einfach eine tolle Idee und "Lacher" zugleich. Es lohnt sich länger darüber nachtzudenken. Wie war nochmal gleich das Ziel - Kinder sinnvoll unterrichten?

  2. 4.

    Dem stimme ich vollständig zu.
    Inzwischen erhält ein Neueinsteiger in Berlin knapp 5.330,-€ Brutto, hat 12 Wochen im Jahr Schulferien, kann Karenztage in Anspruch nehmen und sich auch noch während den Schulzeit fort- und weiterbilden.
    Allerdings zehrt es auf, an einer Schule mit 1.000 Schülern, 80 bis 100 Kollegen zu arbeiten, möblierte Unterrichtsräume vorzufinden, die kaum mehr als Frontal- und Gruppenunterricht zulassen, im Unterricht kein Internet benutzen zu können, immer noch mit Kreidetafeln arbeiten zu müssen, tageszeitlichen Taktungen nachzuhecheln, die den natürlichen Biorhythmus von Schüler missachten, ....
    In Berlin muss Schule nicht neu gedacht aber neu gemacht werden ! Dazu braucht es Menschen, die Lust und Leidenschaft für den Lehrerberuf mitbringen. Verbeamtung ist was für Spiesser.

  3. 3.

    Ich bin selbst seit drei Jahren in Berlin Lehrer und war davor als Vertretung für ein Jahr an einer brandenburger Dorfschule.
    Die fehlende Attraktivität liegt in meinen Augen weniger an der Bezahlung, sondern viel mehr an den Bedingungen. Wer bitte möchte denn an alten, baufälligen Schulen unterrichten? Wer möchte sich neben schwierigen Schülern noch mit Verwaltungsaufgaben befassen?
    Brandenburg ist attraktiver, weil die Bedingungen meist entspannter sind, da es oft weniger urban ist.
    Die Bezahlung in Berlin ist nicht schlecht für Einsteiger, gibt es doch die höchste Erfahrungsstufe ausgezahlt von Tag 1 an, also €5000 brutto.
    Beamte haben im Normalfall erst später mehr raus.

    Was in Berlin wichtig ist, ist eine Verbesserung der Rahmenbedingungen. Verwaltungsangestellte ist eine konstruktive Idee.

  4. 2.

    Quereinsteiger in Berlin, weil zu wenig Studenten? Immer schön die Schuld auf die (angehenden) Lehrkräfte abschieben. Eine wenig überzeugende Erklärung. Es liegt nicht an den Studenten, sondern am Land Berlin, dass nicht verbeamten will und schlechte Bedingungen bietet! Alleine daran liegt das. Der Vergleich mit Brandenburg beweist das, weil dort kein Lehrermangel herrscht, obwohl der ländliche Raum eher unattraktiv ist! Einzige Erklärung: dort wird verbeamtet.

  5. 1.

    Vor wenigen Wochen waren's noch zu wenig Lehrkräfte und aktuell sind es wieder zu viel. Was ist in Brandenburg eigentlich richtig?

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