Eltern, Erzieher und Kinder demonstrieren gegen der Mängel an Kitaplätze und gegen der schlechte Bezahlung der Erzieher/-innen vore dem Brandenburger Tor waehrend der Kita Krise Demo in Berlin am 26. Mai 2018 (Quelle: Imago/Contini)
Video: rbb Fernsehen | Vor Ort: Kita verzweifelt gesucht | 17.05.2018 | Bild: Imago/Contini

Serie | Kitajagd - Berlin, der Platzkampf und ich | Teil 9 - "Wer zuerst mit einem Kita-Gutschein kommt, hat gewonnen"

Ein Hürde auf dem Weg zum begehrten Platz für den Nachwuchs heißt in Berlin: Kita-Gutschein. Beantragen können Eltern das Dokument beim Bürgeramt - wenn sie denn einen Termin ergattert haben und den Antrag richtig ausfüllen können. Von Tina Handel

Blau ist gut. Blau heißt: freier Termin. Blass rot dagegen sind die meisten Tage. Das heißt: alles ausgebucht im Bürgeramt Pankow, wo ich einen Kitagutschein beantragen will. Ich buche einen Termin drei Wochen später und stelle mich vorsichtshalber auf das Schlimmste ein.

Eine Mutter hatte mir vor einiger Zeit berichtet, dass es bei ihr Monate gedauert habe, bis sie den Gutschein bekam. Schon der Antrag sei "so kompliziert wie eine Steuererklärung", dann hätten immer irgendwelche Unterlagen gefehlt. Am Ende sei ihr fast die Zusage einer Tagesmutter flöten gegangen, weil sie nicht sofort einen Vertrag machen konnte. Denn ohne Gutschein geht das nicht. Mit diesem Dokument wird bescheinigt - mit Blick auf Arbeitszeit oder die familiäre Situation - wie hoch der Betreuungsbedarf eines Kindes ist.

"Wir warten nicht wochenlang, wenn wir Verträge machen wollen"

Auch die Leiterin einer kirchlichen Kita, Frau H., hatte bei einer Besichtigung alle Eltern gewarnt: "Beantragen Sie den Kitagutschein so früh wie möglich! Wir warten nicht wochenlang, wenn wir die Verträge machen wollen." Eine Erzieherin eines kleinen Kinderladens im Prenzlauer Berg hat mir, mit Kleinkind huckepack, durch den Flur zugerufen: "Vielleicht haben wir nächstes Jahr zwei freie Plätze!" - "Und wie vergeben Sie die dann? Losen Sie aus?" - "Ehrlich gesagt: Wer zuerst mit einem gültigen Kitagutschein kommt, hat gewonnen."

Endlich, unser Termin - auf den Fluren des Jugendamtes sieht es aus wie in einer alten Schule. Irgendwo in der Ecke steht ein Kopierer, etwas weiter ein mahnendes Schild, dass man ohne Buchung im Grunde nicht einmal kurz eine Frage stellen dürfe. Gerade wird eine junge Frau streng ermahnt, die doch tatsächlich zwischen zwei sogenannten Terminkunden mal eben ein Blatt in das Büro reichen wollte.

Der Antrag muss entschlüsselt werden...

Vor der Anzeige mit den "Vorgangsnummern" warte ich mit Junior* auf dem Arm, vielen Kopien und seinem Kita-Antrag. Der ist tatsächlich ziemlich umfangreich und an einigen Stellen ist man mit Taschenrechner gut bewaffnet oder braucht mehr Konzentration - also am Besten ein schlafendes Baby: Wie viele Stunden pro Monat geht die Arbeitszeit der Mutter oder des Vaters über den üblichen "Umfang einer Halbtagsbetreuung von 7:30 Uhr bis 12:30 Uhr hinaus"?

Herrje, Arbeitszeit minus fünf Stunden, mal fünf Tage, mal vier Wochen und vielleicht noch Wochenendarbeit - kommen wir so dem Ergebnis näher?

Im Büro schaut meine Bearbeiterin die Unterlagen durch: "Hier fehlt noch ein Arbeitgeber-Nachweis und eine Unterschrift", sagt sie. Mist! Aber sie würde den Antrag trotzdem schon mal anlegen und wir könnten das in den nächsten Wochen nachreichen. Okay, das klingt doch gut. Und die Gehaltsnachweise brauche ich gar nicht mehr. Kita ist in Berlin jetzt ja kostenlos.

"Buchen Sie am besten wieder einen Termin, dann geht es schnell", erklärt sie, während sie einige Klicks an ihrem Computer macht. "Wenn Sie die Unterlagen per Mail oder mit der Post schicken, kann es Wochen dauern – oder Monate!"

Dann klickt sie immer genervter und tippt auf ihrer Tastatur: "Das System ist heute leider kaputt, wohl irgendwas mit der Software", murmelt sie. "Ich komme hier nicht rein." Ich sehe unseren Kitagutschein schon in weite Ferne flattern. Sie legt unseren Antrag beiseite und verspricht, später alles anzulegen. Mit einem mulmigen Gefühl verlasse ich das Amt: War jetzt der ganze Ausflug umsonst?

Es gelingt auf Anhieb

Also wieder nach hellblauen freien Terminen gucken. Drei Wochen später schaue ich erneut im Amt vorbei und ahne erst einmal nichts Gutes, als ich in das Büro trete. Neben dem Bearbeiter sitzt eine Kollegin und sie beratschlagen über irgendetwas am Computer. Doch es stellt sich heraus, dass gerade einfach eine neue Kollegin eingearbeitet wird. Gut, denke ich, dann dauert das mit den Gutscheinen hoffentlich bald nur ein paar Tage. Doch die beiden Mitarbeiter übertreffen meine Erwartungen: Sie schauen sich das fehlende Formular an, klicken ein paar Mal: "Sie können den Kitagutschein gleich mitnehmen, wir drucken ihn gerade aus."

Es fühlt sich an wie ein Sieger-Lottoschein: zwei Buchstaben und 13 Zahlen zum Glück. Die Gutscheinnummer ist wichtig, weil viele Kitas schon bei der Erstbewerbung auf ihren Onlineportalen danach fragen. Einziges Manko: Der Gutschein ist nur 16 Wochen gültig. Wenn wir in dieser Zeit keine Kita finden, geht der Kampf mit den Formularen von vorne los.

*Junior: Natürlich heißt unser Sohn anders, aber was er im Internet so macht, soll er später selbst entscheiden.

Was bisher geschah

Blick in den Flur des Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg (Quelle: Tina Handel/rbb)
Tina Handel/rbb

Teil 6 - "Dazu kann ich Ihnen nichts sagen"

Wenn das Abklappern jeder Kita im Bezirk nichts bringt, hilft vielleicht der Weg ins Bezirksamt? Das Familienservicebüro steht allen Eltern offen, beim Thema "Wohin mit meinem Kind?" stößt man dagegen nicht auf offene Ohren. Von Tina Handel  

Collage: Kita-Ausflug im Treptower Park (Quelle: rbb|24/dpa/Thalia Engel)
dpa/Thalia Engel

Teil 5 - "Unser Kita-Anwalt hilft Ihnen - versprochen!"

Wenn sich bei der Suche nach einem Kita-Platz die Verzweiflung breit macht, kann man sich Profi-Hilfe holen. Anwälte und Agenturen werden eingeschaltet. Zum Schrecken einer Kita-Leiterin: "Wer will sich denn so stressige Eltern ins Boot holen?" Von Tina Handel

Räder vor der Kita
Tina Handel / Grafik: rbb|24

Teil 4 - "Wir melden uns"

In der Regel versuchen die Berliner Kitas der Masse an Bewerbern am Telefon oder per Mail Herr zu werden. Ein persönlicher Termin ist ein Sechser im Lotto. Tina Handel  hat ihn zum ersten Mal gewonnen. Ein Tagebuch aus der Kita-Krise.

Eine Treppe innerhalb einer Kita in Berlin, Neukölln (Bild: dpa/Volkmar Heinz, Signet: rbb24/Winkler)
dpa/Volkmar Heinz

Teil 2 - "Ich darf Sie nicht mal auf eine Warteliste setzen"

Ende März erstritten Eltern vor dem Berliner Oberverwaltungsgericht einen Kitaplatz. Seitdem ist die Suche für alle anderen noch ein bisschen schwieriger geworden. Das muss auch Tina Handel bei ihrer Kitajagd erfahren. Ein Tagebuch aus der Kita-Krise.

Beitrag von Tina Handel

Kommentar

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2 Kommentare

  1. 2.

    Wenn ich diese Reihe hier so verfolge bin ich wirklich froh, dass ich außerhalb von Berlin wohne.
    Musste gerade erst den Folgeantrag für die Kitabetreuung meines Jüngsten abgeben (Kita von 3 bis Schule): 5 Seiten Antrag - erste Seite groß Adresse des zuständigen Jugendamtes, Name und Geburtstdatum des Kindes, Anschrift der entsprechenden Kita. Drei Seiten zum ausfüllen - drei Kreuze, zwei kurze Tabellen über Arbeitszeit und Wegezeit. Letzte Seite Nachweis des Arbeitgebers über die Arbeitszeit. Das war es!
    Damals Besuch beim zuständigen Jugendamt: Früh um neun - Leere Gänge, Sachbearbeiterin kommt mit ihrer Kaffeetasse übern Flur, fünf Minuten später waren wir schon wieder fertig und auf dem Heimweg.
    Dass sich Berlin mit seiner Verwaltung künstlich das Leben schwer macht, kann ich nicht verstehen. Es kommt einem fast so vor, als ob durch diese Praxis schon von vornherein einige Leute davon abgehalten werden sollen, sich überhaupt damit zu beschäftigen.

  2. 1.

    Was die Kitasuche selbst betrifft, mache ich das Gleiche durch. Alle voll hier in Spandau. Viele haben sogar die Warteliste geschlossen, weil es zu viele Bewerber für alle Altersstufen gibt.
    Aber was den Kitagutschein betrifft, ging es superschnell. Innerhalb von einer Woche kam dieser bei uns an, nachdem wir alles aufeinmal abgeben hatten (im Internet ersichtlich). Und er ist ein halbes Jahr gültig. Gibt es da wirklich Unterschiede?

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