Ehemaliges Stasigefängnis in Hohenschönhausen (Quelle: imago/Jürgen Ritter)
Video: Abendschau | 26.09.2018 | Jörn Kersten | Bild: imago/Jürgen Ritter

Nach Sexismus-Vorwürfen - Kritik an Entlassung von Gedenkstätten-Leiter Knabe

Die Entlassung von Hubertus Knabe, dem Direktor der Stasiopfer-Gedenkstätte, ist bei mehreren Berliner Politikern auf Unverständnis gestoßen. Kultursenator Lederer und der Bund suchen allerdings schon einen Nachfolger.

Nach der Entlassung des bisherigen Direktors Hubertus Knabe sucht die Gedenkstätte für die Stasiopfer in Berlin-Hohenschönhausen eine neue Leitung. Nach Abberufung von Knabe und seines Stellvertreters Helmuth Frauendorfer müsse zunächst das Tagesgeschäft sichergestellt werden, sagte der Sprecher der Senatskulturverwaltung, Daniel Bartsch, am Mittwoch. Dazu zählten zum Beispiel die regelmäßigen Führungen. Am Mittwoch werde aber noch keine Entscheidung über einen Nachfolger fallen, so Bartsch im rbb.

Die Gedenkstätte für die Opfer des DDR-Staatssicherheitsdienstes wird je zur Hälfte von Bund und Land getragen. In enger Abstimmung beider Träger liefen derzeit Gespräche über geeignete Persönlichkeiten, "die den notwendigen Kulturwandel in der Gedenkstätte Hohenschönhausen begleiten können", ergänzte Bartsch.

Angehörige des Stiftungsrates fordert Hilfe vom Senat

"Der Senat muss dort jetzt mit unterstützen", sagte Birgit Neumann-Becker - die Beauftragte des Landes Sachsen-Anhalt zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gehört dem fünfköpfigen Stiftungsrat der Gedenkstätte an. "Mir ist wichtig: Es geht um eine dienstrechtliche Geschichte. Es geht nicht um Fachlichkeit, nicht um Politik", so Neumann-Becker weiter. Es gehe darum, Schaden von der Gedenkstätte abzuwenden. "Der Stiftungsrat hat es sich damit nicht leicht gemacht. Aber er hat einstimmig votiert - und das mit gutem Grund."

AfD fühlt sich an "kommunistische Säuberungen" erinnert

Die Opposition im Berliner Abgeordnetenhaus übte unterdessen scharfe Kritik an der Entlassung von Knabe. Vor allem FDP und AfD werfen Kultursenator Lederer vor, gegen einen unliebsamen Kritiker vorgegangen zu sein.

Die Kündigung des Gedenkstättenleiters sei die späte Rache der SED-Erben in Gestalt der Linkspartei, sagte der wissenschaftspolitische Sprecher der Berliner FDP-Fraktion, Stefan Förster. Lederer habe die anonymen Vorwürfe mehrerer Frauen gegen die Gedenkstättenleitung genutzt, um jemanden zu entlassen, der konsequent für Opfer des DDR-Regimes eingetreten sei - sehr zum Ärger vieler Linken, so der FDP-Politiker.

Stiftungsrat der Gedenkstätte Hohenschönhausen

Vorsitzender:

Klaus Lederer (Linke), Berliner Senator für Kultur und Europa

Weitere Mitglieder:

Martina Gerlach (parteilos), Staatssekretärin in der Berliner Justizverwaltung

Maria Bering (CDU), arbeitet bei der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien

Dieter Dombrowski (CDU), Vize-Landtagspräsident in Brandenburg

Birgit Neumann-Becker, Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen in Sachsen-Anhalt; war zur Zeit der DDR in der kirchlichen Opposition aktiv

Pazderski: Knabe umgehend wieder einsetzen

Der Berliner Fraktionschef Georg Pazderski sagte, Knabes Entlassung erinnere an "kommunistische Säuberungen in der DDR". Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller (SPD) warf er vor, den Umgang mit Knabe zu tolerieren, um die Koalition mit Linken und Grünen nicht zu gefährden. Knabe müsse umgehend wieder als Gedenkstättenchef eingesetzt werden, so Pazderski.

Der AfD-Abgeordnete Martin Trefzer sprach von einer "Vorverurteilung" und kritisierte, der Stiftungsrat habe Untersuchungen zu den Vorwürfen nicht abgewartet.

CDU-Experte bedauert die Entlassung von Knabe

Robbin Juhnke, kulturpolitischer Sprecher der CDU im Abgeordnetenhaus, nannte Knabes Entlassung als Verlust. "Das ist schade", sagte Juhnke im rbb. "Fachlich ist seine Arbeit jedenfalls nicht anzutasten." Er habe in der Gedenkstätte Hohenschönhausen und mit seinen Büchern immer wieder dafür gesorgt, dass die dunkle Seite der DDR nicht in Vergessenheit gerät.

Nach den Vorwürfen sexueller Belästigung gegen den stellvertretenden Gedenkstättenleiter Frauendorfer hatte der fünfköpfige Stiftungsrat am Dienstagabend einstimmig beschlossen, auch Knabe zu entlassen. Ihm wird vorgeworfen, nicht konsequent genug auf die Vorwürfe gegen seinen Vize reagiert zu haben.

Knabe werde ordentlich gekündigt, teilte die Senatskulturverwaltung mit. Wegen interner Ermittlungen werde er vorläufig von der Arbeit freigestellt. Knabe hatte die Vorwürfe in den vergangenen Tagen immer wieder vehement von sich gewiesen. Der 59-jährige Historiker betonte, Beschwerden über seinen Stellvertreter nach bestem Wissen und Gewissen nachgegangen zu sein. Er habe Frauendorfer bereits im Frühjahr 2016 untersagt, "derartige Kommunikationsformen" weiterzuführen.

Klaus Lederer (Linke), Bürgermeister und Kultursenator von Berlin (Quelle: dpa/Christoph Soeder)

Kultursenator hält Vorwürfe für berechtigt

Am Dienstag sagte Lederer, Vorsitzender des Stiftungsrates, dem rbb, eine Prüfung habe ergeben, dass die Vorwürfe sexueller Belästigung gegen Frauendorfer berechtigt seien. Frühere Mitarbeiterinnen der Gedenkstätte hatten außerdem von einem Klima des "strukturellen Sexismus" gesprochen. Es sei jetzt wichtig, bestehende Verunsicherung und Ängste zu nehmen, damit die Gedenkstätte möglichst bald wieder ungestört arbeiten könne, sagte Lederer der rbb-Abendschau.

In einem Auswahlverfahren soll eine Nachfolge für Hubertus Knabe gefunden werden, die den nötigen Veränderungsprozess in die Wege leiten könne, so Lederer. 

Sendung: Abendschau, 25.09.2018, 19:30 Uhr

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38 Kommentare

  1. 38.

    Das "Nicht wissen wollen" ist aber zunächst einmal eine Behauptung oder Vermutung, die zumindest der Öffentlichkeit noch keiner glaubhaft dargelegt hat. Soll heißen, entsprechende Fakten bzw. Schilderungen sind mir noch nicht zu Ohren gekommen. So lange gilt erst mal das Unschuldsprinzip. Sollte es entsprechende Tatsachen geben, dann komme ich möglicherweise zu einem anderen Ergebnis. Wahrscheinlich wird der Fall ohnehin vorm Arbeitsgericht landen, wenn sich Herr Knabe zu Unrecht entlassen sieht. Wir werden sehen.

  2. 37.

    Genauso isses. Ist das Vertrauen erst einmal weg, muß bei solch einer Verantwortung Flagge gezeigt werden. Dies hätte sogar schon viel früher geschehen müssen.

  3. 36.

    Naja. Führen heißt auch wissen, was im Unternehmen läuft. Wer nicht weiß, was läuft, kann nicht führen. Und Knabe wollte in dieser Beziehung auch nichts wissen bzw. hat aktiv weggeschaut. Mit seiner (Nicht-)Haltung hat er das Vertrauen eines Teils seiner Angestellten (die dann ihrerseits natürlich nicht mehr informieren) und letztlich das Vertrauen seines Vorgesetzten verloren.

  4. 35.

    Sie haben so unrecht mit Ihren Ausführungen nicht, ABER: Juristisch muss nuun mal nachweisbar sein, dass er davon gewusst hat (und zwar ganz konkret, Gerüchte sind nicht ausreichend) oder zumindest gewusst haben muss. Dieser Nachweis ist praktisch nicht zu führen, wenn es keine konkreten Beschwerden an ihn gab oder er nicht selbst bei den Belästigungen anwesend war. Dabei ist es sogar unerheblich, ob die Vorkommnisse persönlich durch die Betroffenen selbst oder über Dritte (zum Beispiel Betriebsrat, Anwälte oder Frauenbeauftragte) an ihn herangetragen wurden. Nur Konsequenzen ziehen ohne konkreten Vorwurf geht in einem Rechtsstaat nicht. Bei allem Verständnis gegenüber den betroffenen Frauen, den Mund aufmachen müssen sie schon irgend wem gegenüber. Von nur untereinander tratschen kann kein Vorgesetzter solche Missstände abstellen.

  5. 34.

    Der Stiftungsrat fungiert als Vorgesetzter, nicht als "Untersuchungsinstanz, Ankläger und Richter".

    Wenn die Vorwürfe von mehreren (!) Personen so schwerwiegend sind hat der Vorgesetzte sogar die Pflicht so schnell wie möglich Maßnahmen zu ergreifen.

    Ihre Verweise "Merkel Vertraute CDU Grütters" und "...ist Lederer Untersuchungsinstanz, Ankläger und Richter in einer Person." beweist ja schon wohin ihr Konstrukt führen soll.

    Was hat Merkel damit zu tun? Und Lederer hat nicht alleine entschieden, das unterschlagen sie absichtlich.

  6. 33.

    Ich habe meinen Gedanken ganz neutral aufgeschrieben und als Mann auch selbsthinterfragend gemeint. Kein Vorwurf an irgendjemanden! Die Behauptung eines Mannes, zu wissen, wie Frauen denken und fühlen, ist anmaßend, glaube ich.
    Übrigens muss Knabe nicht aufgefordert werden, Sexismus in seiner Gedenkstätte konsequent entgegenzutreten. Da muss er als Direktor schon selbst drauf kommen, dass das zu seinen Aufgaben gehört. Ich denke, seine Entlassung ist richtig, weil er als Direktor Missstände in seinem Haus nun einmal zu verantworten hat.

  7. 32.

    Wieso sollte ich mir das nicht vorstellen können? Wie kommen Sie überhaupt zu diesem Vorwurf?
    Der Täter gehört selbstverständlich und ohne jede Gnade entfernt. Herrn Knabe kann man aber nur arbeitsrechtlich belangen, wenn er aufgefordert wurde, die Missstände abzustellen und dies entweder verweigert, torpediert oder nicht nachgehalten hat. Ich habe bisher keine Information darüber gesehen, dass dies der Fall war. Daher hege ich meine Zweifel an der Rechtmäßigkeit und Richtigkeit. Sollte es anders gewesen sein, dann wäre die Entlassung natürlich neu/anders zu beurteilen.

  8. 31.

    Weder noch und beim Thema bleiben? Fassen sie sich an die eigene Nase!

  9. 30.

    Bitte was?!
    Ist das noch doofe Anmache oder schon Paranoia?
    Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn Sie auch nur EIN Mal beim Thema bleiben würden?

  10. 29.


    Lederer muss sagen, seit wann seinem Haus die in dem anonymen Brief vom 8. Juni an ihn und die Merkel Vertraute CDU Grütters enthaltenen Vorwürfe bekannt waren, und warum er diese erst am 17. September an die Leitung der Gedenkstätte weitergeleitet hat.

    Die zeitliche Abfolge ist nicht stimmig, denn für den Aussenstehenden ist Lederer Untersuchungsinstanz, Ankläger und Richter in einer Person.

    Warum konnte die Untersuchung nicht abgewartet werden?

  11. 28.

    Lieber Steffen, Dein Beitrag zeigt mir, dass wir als Männer uns gar nicht ausmalen können, wie es ist, sexistisch gesinnten Vorgesetzten Tag für Tag ausgeliefert zu sein. Und das Gefühl, ausgeliefert zu sein, werden auch Personalrat und Frauenbeauftragte empfunden haben. Innerhalb der Stiftung hat Knabe als Direktor keinen Vorgesetzten. Sein Vorgesetzter ist Lederer als Vorsitzender des Stiftungsrats, eines Gremiums, das nur zweimal pro Jahr tagt.
    Deshalb war es völlig richtig, dass die 7 Frauen, denen meine absolute Hochachtung gilt, ihren Brief an ihn und Grütters gerichtet haben. Hätten sie sich bei Knabe beschwert, wäre das so, als ob man den Frosch fragt, ob der Sumpf trockengelegt werden kann.

  12. 27.

    Mich wundert das ebenfalls! Wer wann auch immer und wo auch immer Kenntnis von einer Straftat und sie nicht zur Anzeige bringt macht sich lt. StGB selbst zum Täter. Stichwort: Vertuschung einer Straftat. Alles andere ist DDR :-( Bekanntlich hatte ja die SED um die 2 Mio. Mitglieder und nach der Wende wussten dann alle plötzlich schon lange, dass Honecker & Co. nicht ganz ohne waren. Auch fand man plötzlich keine SED Mitglieder mehr. Schon komisch das alles.

  13. 26.

    Lassen Sie sich nicht von den AfD Fanboys hier verunsichern, sie haben sich vor diesen Sympathisanten dieser rechtsextremen "Partei" nicht zu rechtfertigen. Diese Zersetzungsversuche werden an jeden exerziert der hier nicht auf AfD Parteilinie ist und/oder sich gegen die Vereinnahmung der Kommentarfunktion durch diese AfD Ideologen wehrt.

  14. 24.

    Ich fasse mal zusemmen:
    - Es gab ein Problem mit Belästigungen.
    - Herr Knabe war ein Freund des Beschuldigten.
    - Deshalb hat sich auch niemand an Herrn Knabe gewandt.
    Soweit noch klar. Dann stellt sich aber die Frage: Gibt es keinen Betriebsrat oder Frauenbeauftragte, an die man sich hätte wenden können? Hat Herr Knabe keine Vorgesetzten gehabt, an die man sich hätte wenden können? Herr Knabe konnte doch nicht auf Gerüchte hin disziplinarisch tätig werden. Dafür bedarf es eines konkreten angezeigten Vorfalls, über welchen Weg auch immer an Herrn Knabe herangetragen. Wer diesen Weg nicht bereit war zu gehen, hat nicht das Recht, Konsequenzen zu fordern! Gab es konkret gemeldete Vorwürfe, denen Herr Knabe nicht nachgegangen ist bzw. die er nicht nachdrücklich genug sanktioniert hat?

  15. 23.

    Lieber Erich, Du solltest genau lesen, was hier geschrieben wird. Zur Klarstellung: Weder KERMIT noch ich sind Angestellte der Stiftung Gedenkstätte Hohenschönhausen. Wir arbeiten woanders, und zwar nicht als Direktoren. Was glaubst Du, wie Herr Lederer reagieren würde, wenn ein Mitarbeiter einer anderen Gedenkstätte/eines anderen Museums ihm mitteilen würde, dass Herr Knabe seinen Aufgaben als Direktor in Hohenschönhausen nicht gerecht wird?

  16. 22.

    Mich wundert doch sehr,dass sich nun plötzlich "Kollegen" melden,die angeblich von all dem seit Jahren wussten. Mit Verlaub,entweder sind sie Feiglinge oder aber sie erzählen hier nicht die Wahrheit. Wenn diese Vorwürfe stimmen sollten,hätten sie sich an den Stiftungsrat wenden können. Herr Lederer hätte da ein sehr offenes Ohr gehabt.
    Hier ist doch was faul....für mich klingt das nicht glaubwürdig.

  17. 21.

    Nicht verwunderlich, dass Gegner von Herrn Knabe in diesem Forum aus der ganz linken Ecke kommen, wo man nicht oft genug "Nazi" kreischen und sich "gegen das Vergessen" (das angeblich ständig betrieben wird) engagieren kann, aber über die zahllosen Verbrechen der eigenen Gesinnungsgenossen gern den Mantel des Schweigens ausbreitet?

  18. 20.

    Kann dem Kollegen Jens-Otto nur beipflichten. Arbeite selbst seit Jahren im Museumspädagogischen Bereich und kenne auch Mitarbeiter der Gedenkstätte. Das Frauendorfer eine Präferenz für junge Mitarbeiterinnen hat und denen penetrant nachstellt ist "in der Szene" bekannt...und das seit jahren. Da Frauendorfer und Herr Knabe privat miteinander befreundet und unterwegs sind weiß man auch. Warum sollten sich die Mitarbeiterinnen denn dann an Herrn Knabe wenden? Sie waren sich mehr als sicher, dass nichts passieren wird. Auch über seinen Führungsstil, seine mangelnde Kritikfähigkeit, fehlende Objektivität und Unfähigkeit mit MitarbeiternInnen umzugehen usw. wird seit Jahren gesprochen. Jetzt ist das Fass übergelaufen. ich bin der Meinung dass Herr Frauendorfer nur noch beurlaubt wurde um den eigenen Kopf zu retten und nicht weil wirklich Einsicht über längeres Fehlverhalten besteht. MFG

  19. 19.

    @ m. glatzel
    Sie schreiben "Soweit ersichtlich, kann man Knabe keine Vorwürfe machen, die eine Entlassung rechtfertigten."
    Offensichtlich haben dies die parteilosenen und CDU-Vertreter/innen im Stiftungsrat anders gesehen, ansonsten wäre die Entscheidung nicht einstimmig gefallen.

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