Ein Laden in Berlin-Kreuzberg ist mit deutschen und türkischen Fahnen geschmückt (Quelle: dpa/Schulz).
Audio: Inforadio | 27.09.2018 | Martin Adam | Bild: dpa/Ingo Schulz

Präsident auf Staatsbesuch - Erdogan-Besuch spaltet türkische Community in Berlin

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan besucht Berlin – auf Einladung von Frank-Walter Steinmeier. Während der Bundespräsident diplomatisch auf Dialog setzt, ist die türkische Community in Berlin hinsichtlich des Besuchs völlig gespalten. Von Martin Adam

Die erste Demonstration ist bereits durch Berlin gezogen - lange bevor der türkische Präsident in der Hauptstadt eingetroffen ist: Knapp eine Woche vor dem Besuch von Recep Tayyip Erdogan steht "Keine Deals mit Erdogan" auf den Transparenten, dahinter ein Grüppchen Demonstranten. Es sind nur etwa 250 Menschen, die am vergangenen Samstag durch Kreuzberg und Neukölln ziehen. Die Veranstalter der Demo hatten sechsmal so viele erwartet.

Zu Hause geblieben ist an diesem Tag auch Arslan. Von der Demo wusste er nichts, aber Erdogan hält er für einen katastrophalen Staatspräsidenten. "Seine Politik gefällt mir nicht. Auf der einen Seite bringt er die Kurden um und in Syrien sagt er: 'Ich will Frieden'. Wer wird dir schon glauben, wenn du selbst Leute umbringst?", fragt Arslan in dem türkischen Restaurant im Wedding, in dem er arbeitet. Den Namen des Restaurants möchte der 39-Jährige lieber nicht nennen.

Erdogan-Gegner zu finden, ist nicht schwer

Auch seine Nachbarin, die Verkäuferin im Späti nebenan, möchte anonym bleiben. Sie will keine Kunden verlieren. Aber Erdogan kann sie nicht leiden. Beim letzten Türkeiurlaub sei ihre 78 Jahre alte Mutter tagelang an der Ausreise gehindert worden – angeblich aus politischen Gründen. "Erdogan war doch gegen die Deutschen und gegen die Politik hier. Ich finde, dieser Besuch ist Blödsinn. Wenn er vorher so große Sprüche gegen Deutschland gebracht hat, was macht er dann jetzt hier", fragt die Verkäuferin und schüttelt den Kopf.

Es ist nicht schwer, hier im Wedding Erdogan-Gegner zu finden. Aber seine Anhänger wollen kaum sprechen. Dabei gingen bei der Präsidentschaftswahl im Juni 47 Prozent der abgegebenen Stimmen der wahlberechtigen Berliner Türken an Erdogan.

Es geht nicht um Politik

"Die können kein Deutsch", sagt ein junger Mann zur Erklärung. Bis eben stand er mit einem Freund auf der Straße und hat geraucht. Auf die Frage nach Erdogan verschwindet der Freund wortlos im nächsten Laden. Der junge Mann aber bleibt und sagt, wer gebildet sei, lehne Erdogan ab. Genau wie er selbst. Erdogan habe die Türkei außenpolitisch ruiniert und dafür müsste er sich eigentlich bei der eigenen Bevölkerung entschuldigen und nicht hier in Deutschland.

Aber die Frage, wie man zum Präsidenten steht, spalte die türkische Community, dort wie hier. "Die Deutschen verstehen eine Sache nicht: Es geht hier nicht um Politik, es geht um Glaubensfragen", führt er aus. "AKP-Anhänger sind gläubige Moslems. Die sehen uns, die die nicht wählen, als Nicht-Moslems." Eine Diskussion sei da kaum noch möglich.

"Seitdem er da ist, ist es perfekt"

Gegenüber im Baklava-Laden findet sich schließlich eine junge Frau, die hier arbeitet und zu Erdogan steht. Auch sie will nur anonym sprechen. "In der Türkei war ja nicht alles in Ordnung, aber seitdem er da ist, ist es perfekt." Zum Beispiel habe er die Rechte von Frauen gestärkt. "Er sieht zum Beispiel, dass hier in Deutschland Frauen arbeiten, aber in der Türkei nicht. Und seitdem er das weiß, dürfen auch die Frauen arbeiten. Ich bin da wirklich zufrieden."

Im hinteren Teil des Ladens wird laut ein Stuhl zurückgeschoben. "Was? Erdogan kommt her?" Eine Kunde kommt dazu und schneidet der Verkäuferin das Wort ab. Erdogan solle mal schön in der Türkei bleiben, erklärt er. Er wolle stolz auf sein Land sein und es seinen Kindern zeigen. Im Moment würden ihn die Nachrichten von dort allerdings nur "traurig, traurig, traurig" machen.

"Erdogan arbeitet für Europa"

Einer, der nach eigener Aussage die ganze Aufregung nicht versteht, ist Ercan Demir. Der 37-Jährige sitzt in seiner Änderungsschneiderei, serviert süßen Kaffee und hat kein Problem damit, seinen Namen zu verraten. Erdogan sei schließlich ein Politiker und der Besuch ein ganz normaler Vorgang.

Ercan findet, Erdogan mache seinen Job gut. "Die Türkei braucht einen starken Mann – wie Russland. Wir haben so viele verschiedene Gruppen und sonst ständig Probleme." In Europa müsse Erdogan als Freund angesehen werden, immerhin habe er sich auf den sogenannten Flüchtlingsdeal eingelassen, sagt Demir. "Eigentlich arbeitet Erdogan für Europa. Er müsste hier als der beste Mensch angesehen werden, aber stattdessen heißt es seit fünf Jahren, er sei ein Diktator. Das finde ich nicht korrekt." Und selbst wenn, sagt Ercan Demir zum Schluss, mit anderen Diktatoren verstehe sich die deutsche Regierung ja auch ganz gut.

Sendung: Inforadio, 27.09.2018, 06.40 Uhr

Beitrag von Martin Adam

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4 Kommentare

  1. 4.

    Hallo MIke,

    ist nicht geplant, nein. Wir bieten aber regelmäßig unsere deutsch-polnische Sendung "Kowalski & Schmidt" und unsere deutsch-sorbische Sendung "Luzyca / Lausitz" an, wenn Sie da Bedarf haben.

    Beste Grüße

  2. 3.

    @rbb Nachtrag aus einem passenden Artikel des Tagesspiegel heute - wie sieht's bei euch mit mehrsprachigen Programmen aus?! : "Im vergangenen Jahr hat der Grünen-Politiker Cem Özdemir die Schaffung eines deutsch-türkischen Senders nach dem Vorbild von Arte angeregt, ein Vorschlag, den auch Medienexperte Schulte unterstützt. Er sieht dabei ebenfalls die öffentlich-rechtlichen Sender in der Pflicht. „Seit nunmehr 40 Jahren zahlen Türken in Deutschland Rundfunkgebühren und -beiträge, eine wirkliche Gegenleistung dafür haben sie bislang nicht erhalten“, sagte er. [...] Mehr hier: https://www.tagesspiegel.de/medien/mediennutzung-tuerkischer-migranten-erdogan-der-tut-was/23117478.html

  3. 2.

    Bei Erdogan ist es wie bei allen Diktatoren der Welt. Entweder bist du für ihn oder gegen ihn. Die gegen ihn sind, sitzen fast alle im Gefängnis, die für ihn sind, leben zu großen Teilen auch in Deutschland und lassen es sich gut gehen!

  4. 1.

    ""Die können kein Deutsch", sagt ein junger Mann zur Erklärung."
    @rbb Kann bei euch niemand Türkisch (zwecks Interviews) ?! ;)

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