Archivbild: Leiter der Gedenkstätte in Berlin-Hohenschönhausen Hubertus Knabe während einer Pressekonferenz (Bild: dpa/Tim Brakemeier)
Video: Abendschau | 25.09.2018 | Marcel Trocoli Castro | Bild: dpa/Tim Brakemeier

Affäre um Sexismus-Vorwürfe - Gedenkstätten-Chef Knabe muss gehen

Wegen Sexismus-Vorwürfen gegen die Stasiopfer-Gedenkstätte in Berlin muss nun auch der Leiter der Einrichtung, Knabe, gehen. Wie der angestrebte "Kulturwandel" aussehen könnte, darüber will Kultursenator Lederer am Mittwoch mit den Beschäftigten sprechen.

Der Direktor der Stasiopfer-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen muss seinen Posten räumen. Knabe werde ordentlich gekündigt, teilte die Senatskulturverwaltung am Dienstag mit. Er werde wegen interner Ermittlungen vorläufig von der Arbeit freigestellt. Der Berliner Kultursenator Klaus Lederer (Linke) will am Mittwoch mit Beschäftigten der Stasiopfer-Gedenkstätte Hohenschönhausen über die künftige Leitung der Einrichtung und den angemahnten "Kulturwandel" sprechen.

Kein Vertrauen mehr in Knabe

Hintergrund sind die Vorwürfe sexueller Belästigung gegen den beurlaubten Vize-Direktor Frauendorfer, die durch umfangreiche Recherchen des rbb ans Licht gekommen sind. "Der Stiftungsrat hat kein Vertrauen, dass Herr Dr. Knabe den dringend notwendigen Kulturwandel in der Stiftung einleiten wird, geschweige denn einen solchen glaubhaft vertreten kann", heißt es in einer Pressemitteilung. Knabe war für eine Stellungnahme zunächst nicht zu erreichen. Er ist seit 2001 Direktor der Gedenkstätte.

Einstimmige Beschlüsse

Knabes Stellvertreter, Helmuth Frauendorfer, soll ebenfalls gekündigt werden - laut Stiftungsrat "zum nächstzulässigen Termin". Knabe hatte ihn bereits am Montag beurlaubt. Zudem hatte er die CDU-Politikerin Sabine Bergmann-Pohl gebeten, die Vorfälle zu untersuchen. Die Beschlüsse wurden den Angaben zufolge einstimmig gefasst. Dem Stiftungsrat gehören unter anderem Lederer und der brandenburgische Vize-Landtagspräsident Dieter Dombrowski (CDU) an.

Lederer: Vorwürfe berechtigt

Lederer, der Vorsitzender der Stiftungsrats der Gedenkstätte ist, sagte dem rbb, eine Prüfung habe ergeben, dass die Vorwürfe sexueller Belästigung gegen Frauendorfer berechtigt seien. Mitarbeiterinnen hatten außerdem von einem Klima des "strukturellen Sexismus" gesprochen. Es sei jetzt wichtig, bestehende Verunsicherung und Ängste zu nehmen, damit die Gedenkstätte möglichst bald wieder ungestört arbeiten könne, sagte Lederer der rbb-Abendschau.

In einem Auswahlverfahren soll eine Nachfolge für Hubertus Knabe gefunden werden, die den nötigen Veränderungsprozess in die Wege leiten könne, so Lederer. 

CDU: "Fachlich nicht anzutasten"

Robbin Juhnke, kulturpolitischer Sprecher der oppositionellen CDU im Berliner Abgeordnetenhaus sieht Knabes Entlassung als Verlust. "Das ist schade", sagte Juhnke im rbb. "Fachlich ist seine Arbeit jedenfalls nicht anzutasten." Er habe mit seiner Arbeit in der Gedenkstätte Hohenschönhausen und seinen Büchern immer wieder dafür gesorgt, dass die dunkle Seite der DDR nicht in Vergessenheit gerät.

Vorwürfe zurückgewiesen

Knabe hatte die Vorwürfe in den vergangenen Tagen immer wieder vehement von sich gewiesen. Der 59-jährige Historiker betonte, Beschwerden über seinen Stellvertreter nach bestem Wissen und Gewissen nachgegangen zu sein. Er habe Frauendorfer bereits im Frühjahr 2016 untersagt, "derartige Kommunikationsformen" weiterzuführen.

In einem Brief an Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) und Berlins Kultursenator Lederer hatten mehrere Mitarbeiterinnen, Volontärinnen und Praktikantinnen, die zwischen 2011 und 2018 in der Gedenkstätte beschäftigt waren, der dortigen "Führungsetage" sexistisches Verhalten vorgeworfen. In dem Brief vom 8. Juni 2018 formulierten sie Anschuldigungen über "erschreckende Regelhaftigkeit übergriffiger Verhaltensmuster". Aus Furcht vor beruflichen Nachteilen nannten die Betroffenen in dem Brief ihre Namen nicht.

Die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen ging aus dem früheren zentralen Untersuchungsgefängnis der DDR-Staatssicherheit hervor. Sie soll an politische Willkür und Unrecht erinnern. Die Einrichtung wird von Bund und Land finanziert.

Sendung: Abendschau, 25.09.2018, 19:30 Uhr

Kommentar

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27 Kommentare

  1. 27.

    Der politisch Verantwortlichen, Grütters, sie ist Kulturstaatssekretärn bei Merkel, sind die Beschuldigungen am 8. Juni in einem anonymen Brief zugegangen. Wenn die Beschuldigungen so gravierend sind, daß als Folge selbst Knabe seinen Hut nehmen muss, hätte zeitnah nach dem 8. Juni Grütters Strafanzeige stellen müssen. Bei der sexsuellen Nötigung handelt es sich um ein Offizialdelikt, welches von der Staatsanwaltschaft von Amts wegen verfolgt wird.

    Stattdesssen hat Grütters ein Viertel Jahr lang zugewartet, ehe überhaupt Knabe informiert wurde.

    Strafanzeige wurde offensichtlich bisher keine gestellt.

  2. 24.

    Da haben Sie das Interview in der Abendschau vom Dienstag mit Herrn Lederer versäumt. Kann man nachschauen, denn hier hat er sich „sehr ausführlich“ dazu geäußert. Oder geht es Ihnen gar nicht um die Aufarbeitung zum Thema?

  3. 23.

    Die Geschichte hinter der Geschichte möchte man gerne wissen.

    Der profilierte Wettstreiter Knabe gegen die SED-Diktatur muss nun auch gehen. Sein Chef ist Lederer, Mitglied der SED-Nachfolgepartei Die Linke.

    Den veröffentlichten Texten konnte ich noch nicht entnehmen, worin genau Knabes Verschulden bei den Sexismus-Vorwürfen liegt, weshalb der für die Stasi-Gedenkstätte aktive und profilierte Knabe nun den Hut nehmen muss.

  4. 22.

    Wer gehört eigentlich zum Stiftungsrat der Stasiofer-Gedenkstätte. Herr Lederer? Frau Bergmann-Pohl ? Der regierende Bürgermeister von Berlin oder Roland Jahn? Ich denke nicht, dass das eine Einzelentscheidung von Herrn Lederer ist.
    Mich erinnert dieser Fall an die Wittorf-Affäre von 1928 (Unterschlagung von Parteigeldern mitwissen des KPD Führers Thälmann. Was war der Grund für diese Unterschlagung? Eine "persönliche Notlage" wie beim Leiter der Finanzen der Berliner SPD im Juni diesen Jahres! ) Wenn Herr Knabe von den Sexvorwürfen wusste und diese stillschweigend duldete und Herrn Frauendorfer nicht schon vor zwei Jahren beurlaubt hat, ist es nur Folgerichtig, dass auch Herr Knabe gehen muss.

  5. 21.

    Welche Art von Kulturwandel ist denn gemeint? Wie muss man sich ein ein Klima des strukturellen Sexismus vorstellen? Oder geht es in Wahrheit um etwas ganz anderes? Könnte mir schon vorstellen, dass einigen Menschen die Aufarbeitung des SED Staates ein Dorn im Auge ist. Beispielhaft sei an die Causa Holm erinnert, über die der RBB dankenswerter Weise berichtete. Herr Holm ist sicherlich nicht der berühmte EInzelfall.

  6. 20.

    "Historisch" wird sich mal die Promotionsfrage ergeben, weggemobbt oder rausgegendert?!

  7. 19.

    Danke für den Link!
    Hierzu die Empfehlung, den Beitrag bei mdrKULTUR "Wie weit geht die Meinungsfreiheit? - Warum Bürgerrechtler Faust nicht mehr durchs Stasi-Gefängnis führt" nicht nur oberflächlich lesen, sondern sich mit dem Text etwas eingehender beschäftigen.

  8. 18.

    Woran machen Sie die Unfähigkeit von Dr. H. Knabe als Historiker und seine Ihrer Meinung nach mangelhafte Führungsqualität fest? Bitte ein oder zwei konkrete Beispiele.

  9. 17.

    Natürlich waren die Korken der VEB Rotkäppchen Sektkellerei aus Plaste, den Terminus "Plaste" verwendet auch heute noch fast jeder ehemalige DDR-Bürger. Interessant, auch für ehemalige Systemgläubige, ist die Geschichte der Gründerfamilie Kloss.

  10. 16.

    Die ehemaligen Schlapphüte des MfS bzw. AfNS applaudieren.

  11. 14.

    Seit wann gilt "erschreckende Regelhaftigkeit übergriffiger Verhaltensmuster" als Kultur?

  12. 12.

    Warum sollten sich irgendwelche "alten Genossen" freuen wenn endlich ein fähiger Mensch die Leitung übernimmt und welche "alten Genossen" meinen sie?

    Oder ist das nur wieder ihr üblicher rechts angehauchter Stuss aus ihrer Filterblase den sie hier wieder ablassen?

  13. 10.

    Ist schon amüsant zu sehen,wie die alten Genossen sich jetzt sabbernd freuen.

  14. 9.

    Als Chef genauso Unfähig wie als Historiker. Wurde höchste Zeit.

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