Eine Frau mit ihrem Kind auf dem Fahrrad (Quelle: Imago)
Bild: imago stock&people

Serie | Kitajagd - Berlin, der Platzkampf und ich | Teil 13 - "Tut mir leid, alle Plätze sind schon weg"

Das eigene Kind auf das Fahrrad schnallen, an der Kita abgeben und am späten Nachmittag mit den anderen Eltern vorfahren, um den Kleinen abzuholen - davon träumt auch Tina Handel. Stattdessen bekommt sie nun die ersten Absagen.

Ein typischer Satz beim Berliner Kinderarzt: "Der kleine Asterix Gold bitte ins Elefantenzimmer!" Ein typischer Satz bei der Berliner Kitaplatzsuche: "Persönlich kann ich Sie ja verstehen, ABER …!"

Eine kleine Gedankenflucht für alle Berliner Eltern: Wenn nun alle Kinder ohne Kitaplatz – sagen wir auf einer Demo vor dem Abgeordnetenhaus – so laut schreien wie nach der Sechsfachimpfung in der Kinderarztpraxis, dann würden die Politiker schon aus Notwehr, zack, mehr Gehalt für Erzieher beschließen. Wahrscheinlich würden sie privat noch etwas drauf packen. Oder gleich anbieten, die nächste Bauernhoffahrt selbst zu organisieren.

Das Zeitfenster für eine Anmeldung ist kurz

An so etwas denke ich kurz, als ich vom Kinderarzt zu einer Kita ein paar Straßen weiter rolle: Es ist Abholzeit. Kleinkinder werden auf Fahrräder geschnallt vor einem schönen Bau aus viel Holz und Glas. Im Flur hängen Porträtfotos mit Überschriften: "Ella ist da!" oder "Mia ist weg!", also schon abgeholt.

Im Januar, also als ich noch mit Junior* schwanger war, hatte mir die Leiterin der Kita, Frau W., gesagt: "Kommen Sie im September wieder, dann weiß ich, wie viele Plätze ich überhaupt frei habe für 2019." Vorher habe es keinen Sinn über Anmeldungen zu sprechen.

Ich klopfe an die Bürotür und fange vorsichtig an: "Sie können sich wahrscheinlich nicht mehr dran erinnern, aber wir haben im Januar telefoniert … und jedenfalls, ich bin sicher nicht die einzige …" Weiter komme ich gar nicht. Die Leiterin sagt: "Tut mir leid. Alle Plätze sind schon weg."

Wie die wenigen Plätze in fragwürdigen Auswahlmethoden vergeben werden

Ich bin erst mal baff: Ich sollte im September kommen, aber jetzt ist September – und alle Plätze sind schon weg? Frau W. sieht meinen fragenden Blick. "Ich habe alle neun Plätze innerhalb von 45 Minuten vergeben. Letzte Woche Dienstag. An die Eltern, die dann gerade vorbeikamen oder angerufen haben."

Aha. Interessante Methode, denke ich. Ich kann die Leiterin sogar verstehen, dass sie keine Lust hat, sich Hunderte Bewerbungen durchzulesen, Wartelisten zu führen, Kinder zu priorisieren, Nachrücker anzurufen. Trotzdem fühlt sich das einen Moment lang irgendwie unfair an: Woher sollte ich denn wissen, wann genau die besagten Minuten sind, in denen die wenigen Plätze rausgehauen werden?

Im nächsten Moment mache ich mir selbst Vorwürfe, dass ich vielleicht nicht alles getan habe, um zum Beispiel die Erzieher oder andere Eltern auszufragen: Wann könnte eventuell der Tag der Tage sein? Ich hätte das schließlich ahnen können: Eine Bekannte, die ihre Tochter in dieser Kita hat, erzählte mir vor ein paar Wochen noch immer staunend ihre Geschichte: "Letztes Jahr hieß es, man solle im August kommen. Also habe ich einfach am 1. August vormittags angerufen und die Leiterin sagte: 'Herzlichen Glückwunsch! Sie sind die vierte und haben jetzt den letzten freien Platz!'"

Die erste Absage und noch eine schlechte Nachricht

Bei meinem Besuch sagt Frau W. noch: "Persönlich kann ich Sie ja verstehen, aber ..." Sie komme schon jetzt kaum mit dem Personal hin. Zwei freie Stellen gebe es gerade in der Kita, "und Ende des Jahres geht eine Kollegin in Rente. Die Gruppe mit den Großen hängt dann in der Luft. Ich weiß nicht, was ich machen soll, wenn ich kein Personal finde".

Unsere erste Absage also. Definitiv. Hier wird es nichts. Da macht es schon fast nichts aus, dass wir auch noch eine E-Mail mit einer schlechten Nachricht bekommen: Die Leiterin einer städtischen Kita in Friedrichshain, bei der wir auf der Anmeldeliste stehen, schreibt: Bitte melden Sie sich, es gibt ein Problem mit der Adresse.

Am Telefon erklärt mir Frau K., dass wir ja nicht in Friedrichshain wohnen würden und dass sie uns deshalb jetzt von der Warteliste nehmen müsse. Anweisung vom Bezirksamt. Friedrichshain-Kreuzberg gehört ja zu jenen Bezirken, die seit diesem Frühling ihre städtischen Kitas abschotten und nur für eigene Bezirkskinder öffnen. Noch davor waren wir da und haben uns angemeldet. Umsonst. Eine Absage auf halbem Weg, noch bevor die Zusagen rausgehen.

Aber neun Plätze im Kiez wurden schon im Eilverfahren vergeben. Irgendwo gibt es jetzt also Eltern, die sich über einen tollen Kitaplatz für 2019 freuen. Eltern, die die Excel-Listen voller Kitakontakte löschen können. Die keine E-Mails mehr schreiben müssen. Ich hoffe, dass diese Eltern sich jetzt möglichst schnell bei den anderen Kitas melden und ihre Kinder von den Wartelisten nehmen – und dass wir dann immerhin ein Stück weiter oben stehen.

*Junior: Natürlich heißt unser Sohn anders, aber was er im Internet so macht, soll er später selbst entscheiden.

Sendung: Inforadio, 21.09.2018, 18:45 Uhr

Was bisher geschah

Beitrag von Tina Handel

Kommentar

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2 Kommentare

  1. 2.

    Das ist Berlin wie es leibt und lebt. Wowereit und Müller tragen hier die Hauptschuld. Lieber Rot/linke und Grüne Armut ist vorprogrammiert.

  2. 1.

    Im Zeichen der steigenden Not bei bezahlbaren Wohnungen und Kindergartenplätzen sollten Behörden sowie größere Firmen diese Möglichkeiten, die es auch schon früher mal gab, auch wahrnehmen. Der Nebeneffekt wäre eine stärkere Betriebsbedingung, und für die Kinder das Interesse für Ausbildung und Arbeitsplatz zu wecken. Als Schmankerl für die Betriebe sollte diese Leistung vom Staat bezuschusst oder von der Steuer abgesetzt werden können.

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