Initiative "Kita-Krise" übergibt Petition mit 70.000 Unterschriften
Video: Abendschau | 05.09.2018 | Bild: rbb/Tina Rohowski

Initiative "Kita-Krise" übergibt Petition - 70.000 Unterschriften für mehr Kitaplätze

Zum Start des Kita-Jahres fehlen in Berlin wieder etliche Betreuungsplätze. Eine Elterninitiative fordert deshalb: Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) soll die Kita-Krise zur Chefsache machen. Am Mittwoch übergaben sie eine Petition. Von Tina Handel

Die Kitakrise ist nicht vorbei – das finden 70.000 Unterstützer einer Petition, die am Nachmittag vom Elternbündnis Kitakrise vor der Senatskanzlei übergeben wurde. [externer Link zur Petition]

„Viele Eltern sind immer noch verzweifelt“, sagte Inititiatorin Christine Kroke bei der Übergabe. „Bald muss mein Sohn von der Tagesmutter, nach der ich ewig gesucht habe, in die Kita wechseln – dann geht die Suche von vorn los“, so Kroke. Die Unterschriften nahm Christian Gäbler (SPD), Chef der Senatskanzlei entgegen. Kitaplätze – das sei „eine Daueraufgabe für die nächsten Jahre“, dessen sei sich auch Berlins Regierender Michael Müller bewusst. Müller wollte die Unterschriften nicht selbst entgegen nehmen, empfing die Initiatorinnen aber in seiner Bürgersprechstunde am Nachmittag.

Übergabe der Unterschriften am die Senatskanzlei in Persona von Christian Gäbler am 05.09.2018 (Quelle: rbb/Rohowski)
| Bild: rbb/Rohowski

15 Minuten Gespräch mit Michael Müller

Das Bündnis Kitakrise fordert langfristig eine bessere Bezahlung für Erzieher und kurzfristig "unbürokratische Überbrückungshilfen“ für Eltern ohne Betreuung: "Allein in dieser Woche haben sich drei Fälle bei uns gemeldet, die Hunderte Euro für einen privaten Babysitter ausgegeben haben", berichtet Katharina Mahrt, Mutter und Mitglied der Elterninitiative. "Und jetzt machen die Jugendämter Probleme und wollen das Geld nicht rückerstatten." Derzeit ist die Kostenübernahme durch die Bezirke ausgesetzt – erst Mitte September könnte es eine neue Entscheidung dazu geben.

Müller habe nun in der Bürgersprechstunde versprochen, er werde sich dafür einsetzen, dass Familien ohne Kitaplatz ihre Ausgaben für Kinderbetreuung ersetzt bekommen, das sagten die Initiatoren der Petition nach dem Termin gegenüber rbb24. "Zur Not können sich Betroffene auch direkt an sein Büro wenden, das wurde uns zugesagt“, berichtet Katharina Mahrt. Außerdem habe Müller in dem 15-minütigen Kitakrise-Gespräch in Aussicht gestellt, dass der Berliner Senat den Erziehern mehr Wertschätzung entgegen bringen wolle. Das könne auch mal ein personlicher Dankesbrief oder die Begrüßung des Regierenden zum Start der Ausbildung sein.

Die Statistik trügt

Laut den Zahlen des Zahlen des Berliner Senats sind zum Beginn dieses Kitajahres 18.400 von rund 171.000 Plätzen in Kindergärten und bei Tagesmüttern nicht belegt. Der "große Wechsel zum Schuljahresanfang“ sei durch, sagt Iris Brennberger von der Senatsverwaltung für Bildung. Rund 12.000 Kleinkinder sind demnach neu in die Kita gekommen. Doch die Statistik trügt: Von den jetzt noch als frei gemeldeten Plätzen seien "in Wirklichkeit viele reserviert für Kinder, die in den nächsten Wochen oder Monaten eingewöhnt werden", so Brennberger.

Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr gab es zu diesem Zeitpunkt ebenfalls rund 18.400 als frei gemeldete Plätze – und Hunderte Eltern, die noch suchten. "Wir gehen davon aus, dass Kinder, die jetzt einen Rechtsanspruch auf einen Platz haben, versorgt werden können", sagt Brennberger. Allerdings kämen mit jedem Monat des Kitajahres mehr Kinder hinzu, die ihren ersten Geburtstag erreichen und einen Anspruch haben.

Lage weiter angespannt

Viele Eltern suchen immer noch – das merken zum Beispiel die Träger: "Die Lage ist weiter angespannt“, sagt Beatrice Strübing von den Fröbel-Kitas. "Das Wartelisten-Chaos hat sich etwas aufgelöst. Aber wir haben nach wie vor sehr viele Vormerkungen und verzweifelte Eltern, die anrufen."

Auch die Jugendämter gehen von keiner Entspannung aus: "Wir hatten dieses Jahr bislang 28 Klagen auf eine Unterbringung", sagt Sara Lühmann vom Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg. "Im vergangenen Jahr gab es nur einen Fall." Auf der bezirkseigenen Warteliste für Eltern, die kurz vorm Kitastart noch ohne Platz waren, hätten zeitweise mehr als 300 Kinder gestanden.

In Mitte bleibt die Lage für Eltern ebenfalls schwierig: "Wir haben auf unserer Liste mit dringenden Fällen circa 200 Anfragen", sagt Bezirksstadträtin Sandra Obermeyer. Das Jugendamt sei generell "sehr stark in die Platzvermittlung eingestiegen". Das gelinge "in vielen Fällen, nicht in allen", so Obermeyer. Die Eltern in Mitte scheinen allerdings weniger klagefreudig: Aktuell gebe es keine Klageverfahren.  

Auf der Liste mit akuten Fällen stünden in Tempelhof-Schöneberg noch rund 90 Kinder, berichtet Stadtrat Oliver Schworck. Besonders Eltern, die nicht berufstätig sind und daher keinen Anspruch auf einen Ganztagsplatz haben, hätten es schwer. Dabei würden gerade diese Kinder "einen starken pädagogischen Nutzen aus der Kitabetreuung" ziehen, so Schworck.

Senatsverwaltung verspricht Verbesserungen

Die Senatsverwaltung für Bildung verweist unter anderem darauf, dass die Suche bald einfacher werde mit dem "Kita-Navigator", einem Onlineportal, das noch dieses Jahr an den Start gehen soll. "In der ersten Stufe können Eltern sich dort über Kitas informieren und sich das eine oder andere Telefonat sparen", erklärt Iris Brennberger von der Bildungsverwaltung. "Ab 2019 wird dann die zweite Stufe aktiv, mit der online auch Plätze vergeben werden können."

Andere Großstädte, wie beispielsweise München oder Frankfurt, haben so ein Internetangebot seit Jahren. In Berlin sei man noch in der Entwicklungsphase, da das Portal "hochkomplex" sei: "Es soll ja auch nicht dazu führen, dass Kita-Leitungen jeden Tag ewig am Computer sitzen, um den Navigator zu aktualisieren", sagt Brennberger.

Auch bei der Gewinnung neuer Erzieher tut sich etwas. Seit August wird die Umschulung vom Jobcenter gefördert - und die Träger bilden vermehrt selbst aus: Die Fröbel-Kitas haben eine neue Fachschule gegründet, an der ab dieser Woche Erzieher berufsbegleitend ausgebildet werden. Man habe die Plätze "rasend schnell besetzen" können, sagt Sprecherin Beatrice Strübing. "Das zeigt, dass der Beruf attraktiv ist." Außerdem seien unter den 25 Studierenden neun Männer.  Alle hätten bereits Erfahrung in Kindergärten oder anderen pädagogischen Einrichtungen. Die Chancen stünden gut, hofft der Träger, dass die neuen Erzieher auch dauerhaft im Beruf bleiben.

Sendung: Abendschau, 05.09.2018, 19:30 Uhr

Beitrag von Tina Handel

Kommentar

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8 Kommentare

  1. 8.

    Hallo.
    Es gibt bereits diese Möglichkeit! Eltern können bis zu drei Jahre Elternzeit nehmen.
    Und ich persönlich denke nicht, dass wir hier von "auseinander reißen" reden können. Kitas sind Bildungseinrichtungen!

    Gruß

  2. 7.

    Bitte nicht Kitaplätze fordern, was gebraucht wird sind KinderGÄRTEN und Schulhöfe am besten als Campus.
    15 Jahre Lernen eine verlässlicher Ort.

  3. 6.

    Aha. Nun ist der ursprüngliche Bericht geändert. Der Bericht in dem die Politik die Initatoren der Unterschriftensammlung als "Unverschämt" tituliert. Nun ist also Friede, Freude, Eierkuchen......Wie schön - bringt den suchenden Eltern in der Realität aber wohl auch nicht viel.

  4. 5.

    Warum wird es den Eltern in so einer Situation nicht ermöglicht, die elternzeit zu verlängern? Muss denn jedes einjährige Würmchen unbedingt schon in eine kita gehen? So werden Familien nur unnötig früh auseinander gerissen.

  5. 4.

    xnb

  6. 3.

    Können Sie die Petition im Text verlinken?

  7. 2.

    Unverschämt ist einzig und allein die Politik und nicht die verzweifelten Eltern mit deren Steuergeldern diese supertollen Politiker finanzieren.
    Unverschämt ist sicherlich vieles aber sicherlich kein demokratischer Protest von Eltern die in einem der reichsten Länder Welt vor einem Bildungsproblem für Ihre Kinder stehen.
    Unverschämt ist aber sicherlich wie Eltern die einen Kitaplatz suchen von allen Seiten behandelt werden, sei es von Kitas, von Jugendämtern oder sonstwem. Suchende Eltern werden wie eine lästige Plage behandelt. Was war denn mit die Deutschen bekommen zu wenig Kinder??? Anscheinend bekommen wir zu viele.

  8. 1.

    "Unverschämtheit" !!! Eine Bürgersprechstunde in der keine Unterschriften von Bürgern abgegeben werden dürfen?! "Unverschämtheit" !!! Klingt irgendwie nach einer Veranstaltung im Elfenbeinturm diese Bürgersprechstunde.

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