Deniz Yücel bei einer Veranstaltung in Berlin 2018 (Quelle: dpa/Stache)
Video: Brandenburg Aktuell | 18.09.2018 | Christoph Hölscher | Bild: dpa/Stache

Medienpreis M100 in Potsdam verliehen - Journalist Deniz Yücel wirft Bundesregierung "Verrat" vor

Lange saß er in türkischer Untersuchungshaft, nun ist Deniz Yücel mit dem M100 Media Award geehrt worden. Bei der Preisverleihung übte Yücel scharfe Kritik an der Bundesregierung. Grund ist der Deutschland-Besuch des türkischen Präsidenten Erdogan.

Der Journalist Deniz Yücel ist am Dienstagabend mit dem Potsdamer M100 Media Award 2018 ausgezeichnet worden. Yücel, der ein Jahr lang in der Türkei inhaftiert war, werde für "seine mutige und unbestechliche Arbeit" geehrt, hieß es zur Begründung. Damit solle zugleich an alle in der Türkei inhaftierten Journalisten erinnert werden.

Yücel wirft Bundesregierung Verrat vor

Bei der Preisverleihung in der brandenburgischen Landeshauptstadt krisierte der "Welt"-Journalist den bevorstehenden Deutschland-Besuch des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan scharf und warf der Bundesregierung "Verrat" vor.

Es scheine, "als würde sich die Bundesregierung anschicken, ein weiteres Mal all jene Menschen in der Türkei zu verraten, die sich nach einer freiheitlichen, demokratischen und säkularen Gesellschaft sehnen", hieß es am Dienstag in einem vorab verbreiteten Redetext. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier werde einen "Verbrecher zum Staatsbankett empfangen", der sich "des Menschenraubs schuldig gemacht habe".

Erdogan wird am 28. und 29. September zu seinem ersten Staatsbesuch in Berlin erwartet. Dazu gehören ein Empfang mit militärischen Ehren, ein Staatsbankett beim Bundespräsidenten und Gespräche mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU).

Woidke würdigt Yücel als Verteidiger der Pressefreiheit

Yücel war als Türkei-Korrespondent der "Welt"-Gruppe ein Jahr lang wegen angeblicher "Terrorpropaganda" inhaftiert. Im vergangenen Februar kam er aus der Untersuchungshaft frei und reiste aus. Allerdings läuft das Verfahren gegen ihn in der Türkei weiter. Yücel weist alle Vorwürfe zurück und klagt auf Haftentschädigung.

Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) würdigte den deutsch-türkischen Journalisten Yücel als Verteidiger der Pressefreiheit. "Yücel hat den Preis mehr als verdient", betonte Woidke am Dienstag: "Er steht für Demokratie und Meinungsfreiheit und er hat meine höchste Bewunderung für seine kämpferische Haltung während der Gefangenschaft in der Türkei." Die Meinungs- und Pressefreiheit gerate weltweit immer stärker in Bedrängnis, betonte der Ministerpräsident. Der gemeinsame Einsatz für kritischen, unabhängigen Qualitätsjournalismus sei deshalb "eine zentrale Frage im Kampf für die Demokratie".

Preis für besondere Verdienste um Demokratie und Pressefreiheit

Zur Begründung für die Preisvorgabe hieß es, Yücel habe als Türkei-Korrespondent mit seiner unbequemen Berichterstattung unter anderem über den Kurdenkonflikt und Korruption in Regierungskreisen den Unmut des Erdogan-Regimes auf sich gezogen und sei Ende 2016 ins Visier der Justizbehörden geraten.

"M100" ist eine Initiative der Landeshauptstadt Potsdam und des Vereins "Potsdam Media International". Förderer sind die Stadt Potsdam, das Medienboard Berlin-Brandenburg, das Land Brandenburg und das Auswärtige Amt.

Seit 2005 wird der M100 Media Award jedes Jahr an Persönlichkeiten vergeben, die sich für Demokratie, Meinungs- und Pressefreiheit einsetzen. Bisherige Preisträger sind unter anderem der ehemalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP), der dänische Karikaturist Kurt Westergaard, von der Mafia bedrohte italienische Schriftsteller Roberto Saviano und das von einem islamistischen Terroranschlag getroffene französische Satire-Magazin "Charlie Hebdo".

Großes Lob von Jakobs, scharfe Kritik von Kalbitz

Yücel habe "unerschrocken und fundiert" über die politischen Verhältnisse im Land berichtet, begründete der Beiratsvorsitzende und Potsdamer Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) die Entscheidung. "Dies erfordert in einer Zeit, in der Autokraten und Populisten die Werte einer freien und offenen Gesellschaft bedrohen, besonders viel Mut."

Der Brandenburger AfD-Landesvorsitzende Andreas Kalbitz kritisierte die Entscheidung für Yücel als "zynisch" und bezeichnete den Journalisten am Dienstag als "Menschenverächter" und "Deutschlandhasser". Dazu zitierte Kalbitz aus einem Zeitungsartikel, in dem Yücel laut Kalbitz den "Abgang der Deutschen" als "Völkersterben von seiner schönsten Seite" bezeichnet. Die polemisch-satirsche Kolumne, auf die Kalbitz sich bezog, war 2011 in der "taz" erschienen.

Sendung: Inforadio, 18.09.18, 16 Uhr

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14 Kommentare

  1. 14.

    Da bin ich ja mal gespannt, wie Sie und ihresgleichen aufschreiben, wenn sich ein Nazi hinstellt und seinen Hitlergruß als Satire abtut.

  2. 12.

    Keine Antwort auf meine Frage ist auch eine Antwort!

  3. 11.

    Da sind sie wieder alle, aus ihren Löchern gekrochen, die Freunde des rechten Randes. Wie bei jedem Thema, in dem man auch nur näherungsweise gegen Menschen (scheinbar) nichtdeutscher Herkunft polemisieren kann. Ganz vergessend, dass Deniz Yücel in Deutschland geboren wurde.

    Aber Meinungsfreiheit heißt auch, dass hier jeder schreiben darf. Ein wesentlicher Unterschied zur Türkei.

  4. 10.

    Schon traurig wie tief wir gesunken sind, der Preisträger zieht über Deutschland und es wird Satire genannt. Redet die afd so, dann ist es Gefahr für die Demokratie.

  5. 9.

    Ich kann nicht verhehlen, dass ich gewisse Vorbehalte gegen Yücel hege, denn ich halte seine und von seinen Kollegen in "SATIRE" nachträglich uminterpretierte Hetze gegen Deutschland immer noch für einen schlimmen Ausrutscher, zu dem er sich vielleicht noch einmal ehrlich machen sollte.
    Dass er die Bundesregierung samt Merkel und Steinmeier jetzt im Falle des Erdogan Besuches ächtet und Verrat vorwirft, zeichnet ihn allerdings aus: als freien mutigen und unabhängigen Geist, leider inzwischen einsam geworden inmitten der dumpfen Heerschar hasenfüßiger angepasster Kollegen der Merkel-Republik. Chapeau!
    Vielleicht darf ich zu Yücel in diesem Zusammenhang - völlig ironiefrei natürlich - eine pragmatische türkische-kurdische Mutter aus Berlin zitieren: "Knast macht Männer".
    Schmunzel.

  6. 7.

    Mir fällt zu Ihrem Kommentar nichts mehr ein, außer
    den Kopf zu schütteln.
    Nur eins noch, wir reden hier nicht von Frau von Storch.
    Es scheint ein Reflex zu sein, wenn Ihre Helden angegriffen werden, immer auf die Anderen zu zeigen.
    Und Erdogan? Der hat eben eine andere Meinung zur Meinungsfreiheit.

  7. 6.

    Scheiß Gefühl, wenn sich Satire mal auf das eigne Volk richtet, und nicht, wie es sich gehört, auf Türken, Amis und Inder ...

  8. 5.

    Niemand in Europa zieht sich an dem Zitat aus dem satirischen Artikel von 2011 hoch - außer die AFD(-Freunde). Hm. Soll ich im Gegenzug mal in der Zitaten-Kiste von Frau Storch kramen??? Und das ist KEINE Satire... äh... das ist schlicht echtes Leben. Real-Satire sozusagen...

    Ich freue mich wie dumm, ihn und seine Frau so glücklich zu sehen, so als Mensch, das ist er mir viel wert. Danke, dass er in Freiheit ist!

    Meinungsfreiheit ist das höchste Gut, das es zu verteidigen gilt! Wird das beschnitten, folgt umgehend eine politische Katastrophe.

    Dank Meinungsfreiheit darf ich hier schreiben. Und Leuten antworten, deren Meinung mir nicht gefällt, die hier aber auch schreiben dürfen.

    Freiheit... ist das einzige, was zählt... (lest mal den Westernhagen-Text... vielleicht singen wir den zusammen beim Erdogan-Protest Ende des Monats??? Wollen wir???)

  9. 4.

    Dass man einen Diktator und Menschenrechtsverletzer mit militärischen Ehren in Deutschland empfängt ist eine Schande. Dieses Land hat sich moralisch schon lange abgeschafft!

  10. 3.

    Wir lassen uns als Volk beleidigen und beschimpfen ....vom ehrenhaften Herrn Yücel.
    Als Dank bekommt er einen Preis.
    Ich glaube,ganz Europa lacht uns schon aus.

  11. 2.

    Woidke will wohl mit dieser Ehrung dei 20 % Marke knacken.

  12. 1.

    "Der baldige Abgang der Deutschen aber ist Völkersterben von seiner schönsten Seite."
    "Etwas Besseres als Deutschland findet sich allemal."
    Nur zwei Zitate, die es rechtfertigen, Herrn Yücel mit dem Medienpreis M-100 auszuzeichnen. Im Zusammenhang mit der Preisverleihung sagte Dietmar Woidke, es brauche mehr "ideologiefreien, differenzierten Dialog" über gesellschaftliche Probleme. "Unser gemeinsamer Einsatz für kritischen, unabhängigen Qualitätsjournalismus ist eine zentrale Frage im Kampf für die Demokratie." Dem stimme ich voll und ganz zu, dass ist Qualitätsjournalismus.

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