Hinter der Aktion steckt das Künstlerkollektiv "Rocco and his Brothers". Die Gruppe veröffentlichte den Clip auch auf ihrer Facebook-Seite. (Quelle: Sreenshoot/Vimeo)
Video: Abendschau | 05.09.2018 | Nachrichten | Bild: Sreenshoot/Vimeo

Bekennervideo zu Aktion am Hermannplatz - Flüchtlings-Puppe wurde offenbar von Künstlern aufgehängt

Warum hängt eine Puppe an einem Baukran am Berliner Hermannplatz? Darüber wird seit gut einer Woche gerätselt. Jetzt ist ein Video aufgetaucht, in dem sich die Gruppe Rocco und seine Brüder zu der umstrittenen Aktion bekennt - und politische Gründe nennt. Von Fabian Wallmeier

Die Puppe, die vor gut einer Woche an einem Baukran am Berliner Hermannplatz in Neukölln hing, wurde offenbar von der Künstlergruppe Rocco und seine Brüder dort platziert, um die europäische Flüchtlingspolitik zu kritisieren. Im Internet kursiert ein Video, demzufolge sich die Gruppe dazu bekennt.

Der Clip wurde bereits am 30. August auf der Plattform Vimeo eingestellt und trägt den Titel "Y | Rocco And His Brothers". Darauf ist unter anderem zu sehen, wie die mit einer Strickmütze und einer orangefarbenen Rettungsweste bekleidete Puppe am Kran aufgehängt wird.

Zuerst hatte am Wochenende die "taz" über das Video berichtet. Eine Interview-Anfrage zum Thema, die rbb|24 am Dienstagvormittag an die Künstlergruppe stellte, blieb bis zum späten Nachmittag unbeantwortet.

Wie ein Sprecher der Berliner Polizei rbb|24 auf Anfrage sagte, ist das Video dem Staatsschutz bekannt. Es stamme von einer polizeibekannten Gruppe, der Staatsschutz halte es für authentisch. Es werde nun in diese Richtung ermittelt. Weitere neue Erkenntnisse zum Fall liegen der Polizei nach eigenen Angaben nicht vor.

Salvini und Orbán spielen Galgenmännchen

Der Clip wurde unter dem Usernamen "Matteo Salvini" eingestellt. So heißt auch der italienische Innenminister der rechtspopulistischen Partei Lega Nord. Im Video ist Salvini auf einer Pressekonferenz mit dem ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán von der ebenfalls rechtspopulistischen Fidesz-Partei zu sehen. Den beiden werden auf Deutsch gesprochene Dialoge mit imitiertem italienischen beziehungsweise ungarischen Akzent in den Mund gelegt.

An der überspitzten Machart ist zu jeder Zeit klar erkennbar, dass die Dialoge nicht echt sind. Auch die ergänzenden Szenen, die zwischen die Aufnahmen der Pressekonferenz geschnitten werden, sind klar als satirisch erkennbar.

Salvini und Orbán versuchen in dem Clip, ein Rätsel zu lösen. Auf in die Pressekonferenz hereingeschnittenen Bildern ist ein Papier mit dem Spiel Galgenmännchen zu sehen, bei dem nach den Buchstaben H-U-M-A-N-I-T nur noch ein Buchstabe fehlt. Sie bekennen, dass ihnen nicht einfällt, wie das vollständige Wort lauten könnte.

Hinter der Aktion steckt das Künstlerkollektiv "Rocco and his Brothers". Die Gruppe veröffentlichte den Clip auch auf ihrer Facebook-Seite. (Quelle: Sreenshoot/Vimeo)
Viktor Orbán und Matteo Salvini im Video | Bild: Sreenshoot/Vimeo

Es ist zu hören, wie eine Journalistin "Y? Humanity" (auf Deutsch "Humanität", "Menschlichkeit") ruft. Salvini und Orbán antworten: "Noch nie gehört", "So ein Spast" und "So ein Unsinn".

Luftaufnahmen zeigen Aufhängen der Puppe

Im Video folgen Schrifteinblendungen, in denen es unter anderem heißt, die zivile Seenotrettung werde kriminalisiert. Matteo Salvini bezeichne Flüchtende als "Menschenfleisch". Orbán sehe "eine drastische Strafverfolgung gegen FlüchtlingshelferInnen" vor. Auch viele europäische Kollegen würden dieser Politik folgen, heißt es weiter. "Europas Menschlichkeit wurde abgeschafft. Nun besitzt Europa die tödlichste Grenze der Welt."

Im Anschluss sind Luftaufnahmen vom Hermannplatz und dem Baukran zu sehen. Eine Helmkamera zeigt, wie ein nicht identifizierbarer Mensch auf den Kran klettert. Er entrollt ein Transparent, das in manchen Szenen nur verschwommen zu erkennen ist und in anderen sichtbar die Aufschrift "HUMANIT_" trägt, bis er schließlich die Puppe mit einem Seil aufhängt.

Die nur von wenigen Autos befahrenen Straßen unten deuten darauf hin, dass die Aufnahmen in den frühen Morgenstunden entstanden. Der Clip endet mit einem Ausschnitt aus einem Beitrag des rbb Fernsehens über die Puppe am Baukran.

Strafanzeige wegen Hausfriedensbruch

Die Puppe war am Sonntagmorgen vorvergangener Woche (26. August) von Passanten entdeckt worden. Dabei war zunächst nicht klar, ob es sich um einen echten Menschen handelte. Die alarmierte Polizei rief die Feuerwehr hinzu, um die Puppe vom Kran zu holen. Es wurde Strafanzeige wegen Hausfriedensbruchs gestellt.

Die Hintergründe waren zunächst völlig unklar. Die Aktion war auch kritisiert worden. "Geschmacklos ist aus unserer Sicht noch ein Euphemismus für diese Aktion. Nicht jeder Zweck heiligt die Mittel und wer mit Symbolen arbeitet, sollte diese auch kennen und wissen was er (oder sie) tut", schrieb etwa das Bündnis "Neukölln hilft" auf seiner Facebook-Seite.

 

"Fester Teil der Berliner Graffiti-Szene"

Die Gruppe Rocco und seine Brüder trat in den vergangenen Jahren schon häufiger mit Aktionen in Erscheinung. Im November 2016 gab sie sich etwa an, ebenfalls per Video, ein Dreivierteljahr zuvor ein komplettes Schlafzimmer in einem U-Bahn-Schacht aufgebaut zu haben.

Auf ihrer Webseite [roccoundseinebrueder.com] schreibt sie, sie sei etwa seit dem Jahre 2000 fester Teil der Berliner Graffiti-Szene. "Das Erleben und Schaffen von autonomer Kunst und der Annektion von Raum setzten sich fort in sozio-politischen Kunstaktionen und satirischen Werken."

Beitrag von Fabian Wallmeier

Kommentar

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12 Kommentare

  1. 12.

    Nein. Aber unberechtigtes Betreten fremden Territoriums/ fremfer Räumlichkeiten pp. wird als solches geahndet.

  2. 10.

    Schön, dass das endlich geklärt wurde. Bisher schien es so, als hätte braunes Gesocks die Puppe aufgehängt mit der Message "Tod allen Flüchtlingen". Zweideutige Kunst ist bei so einem heiklen Thema ein Schuss in den Ofen.

  3. 8.

    Wenn Sie in einem Geschäft einen Diebstahl begehen, bekommen Sie dort Hausverbot. Verstoßen Sie dagegen, werden Sie wegen Hausfriedensbruch bestraft. Und? Wohnt dort jemand? Nein.

  4. 6.

    Strafanzeige wegen Hausfriedensbruchs - Wer wohnt denn da oben?

  5. 5.

    Das hat aber gedauert. Da müssen die Künstler (zum Glück darf sich ja jeder so nennen) aber noch ein bißchen an ihrer PR arbeiten. So eine Klamaukaktion ist schließlich nur die halbe Miete. Und wenn man schon mit der weiteren Öffentlichkeitsarbeit wartet, dann doch bis zum nächsten nachrichtenarmen Wochenende, wo die Redakteure froh sind über jeden Sack Reis, der in der Westprignitz umfällt und über den sie berichten können.

  6. 4.

    Stimmt! In dieser Höhe dürfte es mit Rettungsweste schwierig sein zu ertrinken.

  7. 3.

    Strafanzeige wegen Hausfriedensbruchs - Wer wohnt denn da oben?

  8. 2.

    Noch geschmackloser als Flüchtlinge mit voller Absicht im Meer ersaufen zu lassen oder noch geschmackloser sie wieder zu ihren Peinigern, Vergewaltigern und Mördern zurückzubringen?

  9. 1.

    Ich finde solche Aktionen geschmacklos.

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