René_ Hornstein (Quelle: Nadine Fraczkowski)
Bild: Nadine Fraczkowski

"Aktion Standesamt"-Demo am Samstag in Berlin - Für jedes Geschlecht auf die Straße

Es gibt mehr als zwei Geschlechter. Für die Biologie ist das mittlerweile selbstverständlich, für den deutschen Staat aber noch lange nicht. Damit sich das ändert, geht die "Aktion Standesamt 2018" in Berlin auf die Straße. Von Klaas-Wilhelm Brandenburg

Es war während des Studiums, als René_ Hornstein  –  der Unterstrich ist gewollt und Teil des Vornamens  –  zum ersten Mal dachte: "Ich muss mich gar nicht als Mann positionieren, wenn ich mich damit nicht wohlfühle." Schon das sei eine echte Entlastung gewesen. Bis dahin war das Mann-Sein eine für Hornstein unangenehme Selbstverständlichkeit – und das auch nur, weil es das für andere war.

Heute erzählt Hornstein ganz selbstverständlich davon, nicht-binär und ageschlechtlich zu sein – also weder Mann noch Frau. Dabei waren die Reaktionen darauf oft "Ekel, Angst, Verunsicherung", so erzählt Hornstein. Es hagelte Kommentare wie: "Du bist für mich aber ein Mann" oder "Meine Sprache lass ich nicht verändern". Nicht nur einmal wurde Hornstein ausgelacht, beschimpft und bedroht oder sogar körperlich angegriffen - und das, obwohl es Hornstein eigentlich um etwas sehr Einfaches geht: "Wenn man mir das falsche Geschlecht zuweist, fühle ich mich nicht anerkannt."

Bahnbrechendes Urteil im Oktober 2017

Sich nicht anerkannt fühlen – dieses Gefühl hat Hornstein besonders oft bei Kontakt mit dem Staat. Auf etlichen Formularen gibt es nichts anderes als männlich oder weiblich, schon bei der Geburt soll  festlegt werden, ob ein Baby juristisch als Junge oder als Mädchen gilt. "Dabei ist die Frage doch schon, warum die Medizin über juristische Begriffe entscheiden kann", so Hornstein, "und noch viel grundsätzlicher: Warum muss der Staat überhaupt mein Geschlecht wissen?"

Aber all diese Argumente nutzten nichts – bis zum 10. Oktober vergangenen Jahres. Da urteilte des Bundesverfassungsgericht: Neben Mann und Frau soll der Staat eine dritte Geschlechtskategorie schaffen. "Ich habe vor Freude gejuchzt und richtig gefeiert", erinnert sich René_ Hornstein. Aber die Freude währte nicht lange.

Eine neue Kategorie kommt – aber nur für sehr wenige

Damit eine dritte Geschlechtskategorie möglich wird, muss das Personenstandsgesetz geändert werden – und das ist Aufgabe des CSU-geführten Bundesinnenministeriums. "Das hat tiefgreifende Veränderungen schon immer blockiert", sagt Hornstein. Deshalb trifft sich Hornstein am 9. Dezember letzten Jahres mit etwa 40 Gleichgesinnten in Köln. Gemeinsam gründen sie die "Aktion Standesamt 2018", mit der sie die Öffentlichkeit über ihre Wünsche als nicht-binäre trans- und intergeschlechtliche Menschen aufklären wollen.

"Wir haben schon damals damit gerechnet, dass die Regierung schlechte Gesetze macht", erzählt Hornstein. So kam es aus Hornsteins Sicht dann auch: Zwar sieht der aktuelle Entwurf des neuen Personenstandsgesetzes eine neue Kategorie namens "divers" vor – allerdings nur für Menschen, die ein ärztliches Attest haben, das ihnen bescheinigt, intergeschlechtlich zu sein. Dabei hätten intergeschlechtliche Menschen oft kein Vertrauen in die Medizin, weil sie von der oft zwangsweise als männlich oder weiblich eingeordnet werden und wurden. Hornstein fragt: "Wer geht schon gerne in eine ärztliche Praxis und sagt: 'Bitte untersucht meine Geschlechtsteile'?"

Der Protest kommt in die Standesämter

Durch die Pflicht zum medizinischen Attest könnten außerdem viele Menschen, die sich nicht als Mann oder Frau fühlen, ihr Geschlecht gar nicht offiziell ändern – auch Hornstein nicht. "Ich bin eine der klassischen nicht-binären Trans-Personen, die das wollen, die aber Intergeschlechtlichkeit nicht für den Staat nachweisen können." Selbst wer ein medizinisches Attest bekomme, könne sein Geschlecht nicht selbst benennen, sondern werde automatisch in die Kategorie "divers" eingeordnet. Dabei hatte das Bundesverfassungsgericht in seiner Entscheidung sogar offen gelassen, ob der Staat überhaupt ein Geschlecht erfassen muss. "Ich kenne Leute, die geweint haben, als die Bundesregierung das Gesetz beschlossen hat", erzählt Hornstein.

Um der Misere etwas entgegen zu setzen, organisiert die "Aktion Standesamt 2018" eine bundesweite Aktionswoche, die gerade läuft. In dieser bringen Menschen in ganz Deutschland Anträge für ihr selbst gewähltes Geschlecht auf die Standesämter – aus Protest für ein besseres neues Personenstandsgesetz. Aber nicht nur deshalb: "Sollte das neue Gesetz so kommen, wie es von der Bundesregierung beschlossen wurde, rechnen wir damit, dass unsere Anträge abgelehnt werden", erklärt René_ Hornstein, "und dann können wir gleich wieder vor die Gerichte ziehen – denn wir glauben, dass das neue Gesetz gegen die Menschenrechte verstößt."

Hornstein wünscht sich ein Machtwort der Kanzlerin

Vielleicht muss es aber gar nicht so weit kommen – aktuell wird das Gesetz im Bundestag und seinen Ausschüssen beraten. Damit es dort noch Änderungen gibt, will die "Aktion Standesamt 2018" am Samstag vor dem Bundeskanzleramt demonstrieren – als Abschluss der Aktionswoche - und ausgerechnet am Tag der großen #Unteilbar-Demo durch Berlin. "Erst haben wir ein bisschen Panik bekommen, als wir gehört haben, dass #Unteilbar am selben Tag demonstriert wie wir", erzählt Hornstein. Obwohl die "Aktion Standesamt 2018" ihre Demo seit dem Frühjahr geplant hatte und #Unteilbar erst viel später, "haben wir überlegt, ob wir es verschieben."

Die Entscheidung fiel dagegen – und trotzdem gibt es keine Demo-Konkurrenz. "Das Organisationsteam von #Unteilbar hat sich mit uns solidarisiert", erklärt Hornstein. "Sie haben die Busse aus anderen Städten sogar so früh nach Berlin organisiert, dass Leute problemlos erst bei uns teilnehmen können." Die Demo der "Aktion Standesamt 2018" schließt sich dann am Brandenburger Tor dem Unteilbar-Zug an. Vielleicht bewegt das ja sogar die Bundeskanzlerin zu einem Statement, wie es sich René_ Hornstein von ihr wünscht: "Trans* und Inter* gehören zu Deutschland."

Beitrag von Klaas-Wilhelm Brandenburg

Kommentar

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5 Kommentare

  1. 5.

    Was ist daran emanzipativ, wenn Menschen nach aussen die Binarität der geschlechtlichen Rollen darstellen, die sie selbst empfinden? Verstärkt sich dadurch die Trennung der Geschlechter (die sie ja klar an bestimmten Stereotypen festmachen wie lange/kurze Haare, bestimmte Rollenklischees, etc.) nicht sogar?

  2. 4.

    Mein „Coming Out“ als Schwuler selbstbewusster Mensch wäre niemals so intensiv u.offen zustande gekommen, ohne die Mithilfe von vielen Drag Queens und ganz besonders der knallharten Lehre durch Transvestiten. Letztere haben mir meinen Weg gezeigt stolz zu sein und sich niemals unterkriegen zu lassen. Deshalb habe ich großen Respekt vor René.

  3. 3.

    Meine Empfehlung ist einzig und alleine: schreiben Sie selbigen Beitrag, den Sie hier lostreten, auf „ queer.de“. Sie werden erstaunt sein auf die Reaktionen. Ich würde mich freuen ihn dort zu lesen. Trauen Sie sich. Seien Sie nicht feige, denn hier lesen es ohnehin vermutlich nicht die von Ihnen Angesprochen des „dritten Geschlechts“.

  4. 2.

    Hallo Renée! Der Name würde sehr gut zu Ihnen passen. Ich verehre Renée Sintenis sehr.

  5. 1.

    biologie ? die bezeichnung "deren geschlecht nicht eindeutig feststellbar ist" steht für mich im gegensatz zum "dritten geschlecht". das urteil stützt sich nicht auf einem genomnachweis eines dritten oder x-ten geschlechts, sondern spricht von einer gesellschaftlichen wahrnehmung, aus der sich geschlechtlichkeit ergebe. das urteil benannte keinen einzigen fakt und ist somit postfaktisches recht dominanter ideologie in deutschland. o.k.. mittlerweile einigte man sich auf "divers" (was übrigens selbst vorgeschlagen wurde). auch o.k.. morgen nun die nächsten forderungen. ich fordere jetzt auch etwas: ich möchte auf meiner geburtsurkunde das W in meinem reisepass das F und auf Urkunden und Anschreiben als "Frau" angesprochen werden. ich fordere auch weiterhin toiletten mit dem D nutzen zu können.

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