Ein Obdachloser sitzt in Berlin bei eisiger Kälte in einer U-Bahnstation. (Quelle: dpa/Paul Zinken)
Audio: Inforadio | 15.10.2018 | Nina Amin | Bild: dpa/Paul Zinken

Streit um Obdachlose in U-Bahnhöfen - "Niemand möchte, dass Menschen auf der Straße erfrieren"

Dürfen Obdachlose weiter in Berliner U-Bahnhöfen übernachten? Das wollen BVG-Chefin Nikutta und Sozialsenatorin Breitenbach am Montag besprechen. Die Kältehilfe sagt: Ohne die BVG geht es nicht. Von Nina Amin

 

Auch wenn es noch ziemlich sommerlich und gar nicht kalt ist: Der Winter kommt in jedem Fall. Für Menschen, die in Berlin auf der Straße leben, sind U-Bahnhöfe in den vergangenen Jahren nachts Zufluchtsort gewesen. Sigrid Nikutta, Chefin der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) stellte vor einigen Wochen in Frage, ob die BVG auch diesem Winter einzelne Bahnhöfe offen lässt, und begründete dies mit Sicherheitsbedenken. Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) hingegen hält es für notwendig, dass die Stationen weiterhin als Notschlafplatz dienen. Am Montag wollen Nikutta und Breitenbach bei einem Treffen ausloten, ob und wie die U-Bahnhöfe für Obdachlose offen bleiben können.

"Es gibt eine hohe Aggressivität"

Leere Wodkaflaschen, Urinpfützen, Hundehaufen - die sogenannten Kältebahnhöfe Südstern und Lichtenberg waren im vergangenen Winter morgens oft sehr verschmutzt. Denn immer mehr Menschen leben in Berlin auf der Straße und suchen bei Minusgraden nachts in warmen U-Bahnhöfen Unterschlupf. Oft in größeren Gruppen, meist mit ihren Hunden. Theresa Hellmund von der Berliner Stadtmission leitet eine der größten Notunterkünfte für Obdachlose. Sie verstehe, dass es der BVG zu viel wurde, sagt sie. "Es gibt zu wenige sanitäre Einrichtungen. Viele der Gäste sind aufgrund der Kälte und der psychischen Belastungen alkoholisiert, es gibt eine hohe Aggressivität."

Hellmunds Kollegen fahren in Winternächten mit dem Kältebus auch U-Bahnhöfe an. Ein Problem: Die wenigsten Obdachlosen wollen mit in die Notübernachtungen kommen - sei es, weil sie ihre Hunde nicht mit herein nehmen können oder weil dort zu viele andere Obdachlose sind. Auch sprechen viele kein Deutsch. "Wir bräuchten im Grunde Menschen vor Ort, die übersetzen, die den Obdachlosen erklären, warum sie mitkommen können und was sich ihnen dort bietet: dass sie eine gesundheitliche Versorgung bekommen, einen Schlafplatz und eine Duschmöglichkeit", sagt Hellmund. Man müsse ihnen erklären, "dass es ein Angebot ist, das ihnen hilft – und nicht eins, das sie bedroht".

Drogenkonsum verhindert oft Unterbringung

Bei dem Treffen zwischen Sozialsenatorin Elke Breitenbach und BVG-Chefin Sigrid Nikutta dürfte es noch um weitere konkrete Maßnahmen gehen - zum Beispiel, wo und wie eine Gruppe Obdachloser, möglicherweise alkoholisiert, nachts untergebracht werden kann.

Jens Aldag koordiniert die Kältehilfe und sagt, die Unterbringung scheitere häufig an der Alkohol- oder Drogensucht der Menschen. "Ich kann zwar betrunken hereinkommen, dort aber nicht konsumieren. Es ist natürlich für die Einrichtungen sehr wichtig, dass sie Regeln aufstellen, um die anderen Gäste dort zu schützen. Gleichzeitig müssen wir uns natürlich auch Gedanken darüber machen, ob man nicht auch noch mehr Einrichtungen schafft, die den Drogenkonsum auch ermöglichen."

Breitenbach gibt sich zuversichtlich

Generell, so Aldag, könne die Kältehilfe nicht auf die BVG nicht verzichten. So ein breites Netz an öffentlichem Raum, der überdacht und trocken ist, gebe es nicht noch einmal. "Wir werden die Obdachlosen nicht alle aus den Bahnhöfen herausbekommen – und das wollen wir auch eigentlich nicht. Wir wollen ein einvernehmliches Miteinander, bei dem auch die Fahrgäste, die man natürlich auch nicht außer Acht lassen darf, gut mit der Situation umgehen können."

Um ihre Fahrgäste und Mitarbeiter sorgt sich nach eigener Aussage auch die BVG. "Morgens müssten die Bahnhöfe in einem vertretbaren Zustand sein, so ihr Sprecher vor einigen Wochen. Vor dem Treffen am Montag äußerte sich Elke Breitenbach optimistisch: "Weder Frau Nikutta noch sonst irgendwer möchte, dass Menschen auf der Straße erfrieren", sagt die Senatorin. Sie sei zuversichtlich, dass auch in diesem Winter Bahnhöfe für Obdachlose offen bleiben - und sie gemeinsam mit der BVG eine Lösung findet. 

Sendung: Inforadio, 15.10.2018, 07:25 Uhr

Beitrag von Nina Amin

Kommentar

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13 Kommentare

  1. 13.

    Klingt irgendwie nach Doppelmoral. Für die Kitakinder und Schulkinder, die den ÖPNV nutzen ist es scheinbar o.k., wenn sie (und ihre Eltern) in den Bahnhöfen bedroht und belästigt werden. Aber z.B. in den Turnhallen der Kitas und Schulen sollen nachts lieber keine Notunterkünfte eingerichtet werden?! Fahren Sie auch mit ihren Kindern mit der U-Bahn zur Kita oder zur Schule?

  2. 12.

    Neben dem GG gelten aber auch zig andere Gesetze und Richtlinien. So muss z.B. ein EU-Bürger trotz Berufung auf die Freizügigkeit für einen längeren Aufenthalt in D. eine Krankenversicherung nachweisen können. Es gibt Schätzungen, dass 2/3 der Berliner Obdachlosen aus EU-Ausländer sind. Hier wird von einigen versucht, die Problem der Welt mit den falschen Mitteln zu lösen.

    Die BVG hat andere Aufgaben als Notunterkünfte bereit zu stellen. Die gleichen Gutmenschen, die das von der BVG verlangen, gehören dann auch zu den ersten, die die BVG die Schuld für den drohenden Unfall im Gleisbett zu geben. Wenn ich morgens auf dem Weg zur Arbeit den Aufzug benutzen muss, erwarte ich darin auch etwas anderes als eine grosse Notdurft etc.

  3. 11.

    @rbb Warum werden in der Regel Turnhallen und nicht U-Bahnhöfe als Notunterkünfte genutzt? Könnte das etwas mit der mangelhaften Infrastruktur der Bahnhöfe zu tun haben? Warum werden nicht bestehende menschenwürdige Unterkünfte für Obdachlose genutzt? Was soll das mit den Bahnhöfen?
    PS: Turnhallen sind meist auch öffentliche Gebäude mit Toiletten ..., die im Winter sogar beheizt werden - und nachts ähnlich wie Bahnhöfe nicht genutzt werden !!! Kostet natürlich zusätzlichen Wachschutz & Reinigung, das kann jedoch genauso gut funktionieren wie in den Bahnhöfen, wenn nicht sogar besser.

  4. 9.

    Was bitte ist an meinem Beitrag rassistisch? Ich habe zuerst einmal eine vernünftige Frage zum „Versprechen“ des poln. Konsulats gestellt, welche Sozialarbeiter aus Polen schicken will, um ihre Landsleute zur Rückkehr in ihre Heimat zu bewegen. Zum anderen habe ich auf den wie ich immernoch finde sehr guten Artikel hier reagiert. Wenn schon ganze Gruppen von zugereisten Obdachlosen gewaltmäßig auftreten anderen Obdachlosen gegenüber in dieser Stadt, dann stimmt was nicht in deren Land und wir müssen es ausbaden. Hat mit rechts rein gar nichts zu tun. Zudem achte und respektiere ich meine Mitmenschen, wenn ich gleiches zurückerhalte,Punkt.

  5. 8.

    Sparen Sie sich Ihren Sarkasmus gefälligst. Obwohl ich keiner Kirche angehören tue, habe ich sehr großen Respekt über deren Arbeit im Sozialen Bereichen. Vor allem durch ihre Mitglieder. Dazu gehört auch die Betreuung von Obdachlosen.

  6. 7.

    Schlagen Sie gerade ernsthaft vor, Schulen und Kitas für Obdachlose, die - wie im Artikel dargestellt - teilweise aggressiv und von Drogen berauscht sind, zum Nächtigen zur Verfügung zu stellen?

    Die Kirchen sind keine öffentlichen Räume, da sie nicht der öffentlichen Hand gehören. Hier kann maximal auf freiwilliger Basis Schlafraum zur Verfügung gestellt, nicht aber politisch eingefordert werden. Im Übrigen gibt es ja kirchliche Projekte gegen Obdachlosigkeit.

    Und Wohnraum ist in der Stadt schon sehr knapp. Ich sehe dahingehend keine Kapazitäten, auch Obdachlose ohne Weiteres mit Wohnraum zu versorgen.

    Die U-Bahnhöfe sind zurzeit die einzige wirklich probate Lösung - mit allen Vor- und Nachteilen. Als Kunde der BVG- und S-Bahn bin ich auch kein Fan davon, morgens durch einen vermüllten, stinkenden Bahnhof zu laufen. Aber wo sollen diese Menschen zurzeit sonst hin? Ich sehe keine probate Alternative.
    Das heißt aber nicht, dass man nach keinen Alternativen suchen sollte.

  7. 5.

    Rassistischer geht es ja kaum! Mich wundert es doch sehr, dass der RBB so etwas zu lässt. Der Artikel 1 GG gilt grundsätzlich für alle Menschen und nicht nur für Bio-Deutsche, wie so mache Rechte es wollen.

  8. 4.

    Zitat: "Niemand möchte, dass Menschen auf der Straße erfrieren" - Wunschdenken!

  9. 3.

    Bitte lassen Sie mal unsere Kirchen außen vor, die haben damit nichts zu tun. Die kümmern sich ja schon mit Gebeten um das Seelenheil dieser armen Menschen. Das muss reichen.

  10. 2.

    Wie Bitte?! "So ein breites Netz an öffentlichem Raum, der überdacht und trocken ist, gebe es nicht noch einmal." Es gibt sehr viel mehr Kirchen als Bahnhöfe, auch Schulen, Kitas, ... Im Bezirk Mitte mit den meisten U-Bahnhöfen (21) gibt es mindestens 33 "Sakralbauten" gefolgt von Kreuzberg (16) zu mindestens 23 .... kommunaler Wohnungsbau ?! Oder ist der komplett verkauft?!

  11. 1.

    Guter Beitrag zum Thema. Was mich dabei verwundert hat ist folgendes, das noch immer keine Sozialarbeiter wie versprochen, vom poln. Konsulat unterwegs sind. Oder etwa doch? Hier steht die Senatsverwaltung in der besonderen Pflicht deutlich mehr Druck auszuüben auf die einzelnen Konsulate. Auch finde ich es sehr befremdlich und stimmt mich nachdenklich, so wie im Artikel beschrieben, schon ganze Gruppen von fremdsprachlichen Obdachlosen die bereitgestellten Stellen bevölkern und somit die einheimischen Betroffenen mit Ihrer aggressiven, brutalen Haltung bedrohen und vertreiben. Da frage ich mich schon, wieviel muß denn noch die Breite Bevölkerungsschicht i.d.Stadt alles erdulden?

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