Symbolbild: Menschen stehen am 13.05.2017 in Leipzig (Sachsen) im Stadtteil Südvorstadt an einer im Bau befindlichen Kindertagesstätte der Johanniter-Unfall-Hilfe e.V. an, um einen Platz zu bekommen (Quelle: dpa/Willnow)
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Serie | Kitajagd - Berlin, der Platzkampf und ich | Teil 15 - Nur nicht auf die vielen anderen Namen schauen

Es muss möglich sein, in der Berliner Innenstadt einen Kita-Platz zu bekommen. Zumindest ist das bereits zahlreichen Eltern im Umfeld vonTina Handel gelungen. Sie selbst ist seit einem Jahr auf der Suche - und hat gelernt, was man vermeiden sollte.

Wir könnten einen dieser glänzenden Riesenballons bei uns aufhängen, die jetzt gerade jeden Kindergeburtstag schmücken: 1! Dabei ist Junior* noch gar nicht so alt. Doch ein Jahr lang suchen wir nun schon einen Kitaplatz. Nur nach Konfetti und Kuchen ist uns nicht zumute.

Andere Eltern, die wir kennen, feiern schon. Geschichten wie diese begegnen uns immer öfter: Kitavertrag unterschrieben! In einem schönen Kreuzberger Kindergarten mit langen Öffnungszeiten! Oder: In ein paar Monaten ist Eingewöhnung für die Tochter einer Freundin. Eine andere Mutter erzählt auf einem Geburtstag, ihre Nachbarin habe ihr einen Platz bei ihrer Kita vermittelt. Eine Schwangere – zugleich Kitaleiterin – kriegt bei ihrem Arbeitgeber etwas. Und eine Freundin kann ihre zweite Tochter als Geschwisterkind in derselben Kita unterbringen, die sie ohnehin jeden Morgen ansteuert.

Habe ich etwas falsch gemacht?

Ich bin ein bisschen neidisch, das gebe ich zu. Und zugleich freue ich mich, denn es scheint ja doch Kitaplätze in Berlins Innenstadt zu geben! Ich frage mich natürlich, ob ich etwas falsch gemacht habe bei der Kitasuche bisher. Oder ob das alles nur Glück oder Pech ist. Es fühlt sich ein bisschen an, wie damals im Sportunterricht, als die anderen schon in die Volleyballmannschaft gewählt waren, während man selbst noch auf einer dieser Holzbänke am Rand saß.

Viele Eltern, die wir kennen, sind aber auch in einem komischen Zwischenstatus – ein bisschen Hoffnung, ein bisschen Verzweiflung. Ganz sicher bereit, in jedem kleinen Signal eine Fast-schon-Zusage zu sehen: "Die Leiterin der Kita hat uns so zugezwinkert", sagt eine Bekannte, als wir in der Straßenbahn vom Babyschwimmen zurückfahren. "Wenn wir uns jetzt immer weiter melden, dann kriegen wir im März bestimmt den Vertrag." Eine andere Freundin hat ihre halbe Familie als Helfer angeboten, um in eine Waldkita zu kommen, die gerade bei ihr geplant und bald gebaut wird. Daraufhin kam umgehend eine lange, äußerst freundliche Mail zurück. Man ist per "Du". Da scheint jemand Interesse zu haben.

Mehrere Kinderwägen stehen in einer Kita in Berlin (Quelle: rbb/handel)
Volles Haus beim Tag der offenen Kita. | Bild: rbb/Handel

Überall hört man das Wort "Einzugsgebiet"

Wir sind derweil weiter dabei, uns auf Listen zu schreiben – oder vielmehr, dafür zu sorgen, dass wir auf Listen bleiben. Deshalb gehen wir zu einem Tag der offenen Tür in einer schönen Kita im Prenzlauer Berg. Riesengarten, nette Erzieher, süße Fotos von Mats, Celina und Nora an den Wänden.

Trotzdem ist es schwierig, optimistisch und gelassen zu bleiben: Im Foyer steht alles voller Kinderwagen. Dutzende Mütter und Väter wuseln durch die Räume, schauen sich den Kaufmannsladen an oder die gebastelten Mobiles, die von der Decke baumeln. Überall hört man das Wort "Einzugsgebiet". Mamas raunen es dem Papa zu oder versuchen, bei anderen Eltern herauszuhören, wo sie denn herkommen. Keiner weiß, was es so richtig damit auf sich hat. Aber die Kita scheint die Plätze vor allem an Familien zu vergeben, die möglichst nah dran wohnen.

Nicht auf die anderen Namen schauen!

Zwei lange Schlangen winden sich im Obergeschoss über viele Meter, vorbei an der Treppe, durch den Garderobenraum mit den Mini-Gummistiefeln, vorbei an den Waschräumen, hinein in den Gruppenraum bis hinten zu den Kindermatratzen. Es gibt die Schlangen A-L und M-Z, wie wir herausfinden. Vorne angekommen liegen Ordner mit den Unterlagen, die alle hier bereits online eingesandt haben. Nun kann man sich in eine Liste einschreiben – als Beleg, dass man auch wirklich da war und Interesse an einem Kitaplatz hat.

Als ich dran bin, bemerke ich, dass unserer Adresse in den Unterlagen ein falscher Kiez zugeordnet wurde. "Wir wohnen nicht in Lichtenberg", sage ich zur Erzieherin am Schreibtisch. "Wir wohnen direkt hier um die Ecke!" Dabei komme ich mir selbst so anstrengend vor, wie ich wahrscheinlich auch auf alle in der Schlange wirke. Aber ohne die Korrektur sind wir hier bestimmt gleich raus aus dem Kita-Game.

Eins habe ich mir aber angewöhnt bei diesen Terminen: nicht darauf schauen, dass hier auf unserem Zettel noch 20 andere Namen stehen. Und dass daneben noch mehrere solcher Listen auf dem Tisch liegen. Nicht anfangen, das Ganze einmal durchzurechnen. Lieber noch ein Blick in den schönen großen Garten – und dann raus aus der völlig überfüllten Kita.

*Junior: Natürlich heißt unser Sohn anders, aber was er im Internet so macht, soll er später selbst entscheiden.

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