Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD), Aiman Mazyek, am 23.05.2016 in Berlin (Quelle: dpa/Sophia Kembowski)
Video: Abendschau | 12.10.2018 | Laurence Thio | Bild: dpa/Sophia Kembowski

Vor Demonstration in Berlin - Liberale Muslime üben Kritik an #Unteilbar-Demo

An der #Unteilbar-Demonstration nimmt auch der Zentralrat der Muslime teil. In dem Verband sind Moscheevereine organisiert, die Islamisten und türkischen Nationalisten nahestehen. Liberale Muslime distanzieren sich deshalb von dem Protest. Von Marcus Latton

Ursprünglich erwog Ali Ertan Toprak, bei der #Unteilbar-Demonstration am Samstag mitzulaufen. Ein Zeichen setzen gegen Fremdenhass und Nationalismus wollte der Vorsitzende der Kurdischen Gemeinde in Deutschland, wie viele andere Tausend Menschen. Als Toprak jedoch einen Blick auf die Unterstützerliste warf, änderte er seine Meinung. "Wenn ich da mitmachen würde, würde ich meine Prinzipien verraten", sagt er.

Verbindungen zur Muslimbruderschaft und Grauen Wölfen

Der Grund: Unter den mehreren Tausend Einzelpersonen und Organisationen, die den #Unteilbar-Aufruf unterzeichnet haben, befindet sich der Zentralrat der Muslime in Deutschland. Der Vorsitzende, Aiman Mazyek, ist für viele Landes- und Bundespolitiker ein gefragter Gesprächspartner. Auf der Hauptbühne soll er als einer von mehreren Rednern auftreten.

Zu den Mitgliedern von Mazyeks Verband gehört aber unter anderem auch die Islamische Gemeinde in Deutschland (IGD). Die IGD wird vom Bundesverfassungsschutz als islamistische Vereinigung eingestuft, die einen Zweig der ägyptischen Muslimbruderschaft darstellt.

Auch der Moscheeverein ATIB gehört zum Zentralrat. Mindestens bis 2015 wurde er von mehreren Verfassungsschutzämtern als deutscher Ableger der Grauen Wölfe aufgeführt, einer rechtsextremen, nationalistischen Bewegung in der Türkei. Der ATIB-Funktionär Mehmet Alparslan Çelebi ist einer von Aiman Mazyeks Stellvertretern im Vorstand des Zentralrats.

ATIB bestreitet die Verbindung zu den Grauen Wölfen. Doch die Islamismus-Expertin Sigrid Herrmann-Marschall bezweifelt das. Der Verein vertrete weiterhin eine türkisch-nationalistische Ideologie, sagt die Expertin aus Hessen.

"Ich kann nicht zusammen mit migrantischen Rechten gegen deutsche Rechte marschieren. Wir müssen uns gegen jede Art von Rassismus wenden", sagt Ali Ertan Toprak. "Die Linksliberalen gehen mit diesen Vereinen unkritisch und inkonsequent um. Sie verbünden sich mit den Falschen."

"Eine naive Idee von Toleranz"

Eine, die sich vom Zentralrat der Muslime nicht vertreten fühlt, ist Seyran Ates. Als Deutschlands erste Imamin eröffnete sie 2017 die liberale Ibn-Rush-Goethe-Moschee in Berlin-Moabit. Aufgrund eines Mordanschlags, den sie überlebte, und andauernden Drohungen durch Islamisten steht sie seit Jahren unter Polizeischutz.

Sie finde es "sehr irritierend", dass die Organisatoren von #Unteilbar die Verflechtungen des Zentralrats mit islamistischen und rechtsextremen Gruppen nicht störe, sagt Ates. "Es ist eine sehr naive Idee von Toleranz, wenn man mit Leuten auf die Straße geht, die keine Toleranz wollen."

Vereinigungen wie die Grauen Wölfe würden in Deutschland oft verharmlost. "Meine Heimat Deutschland wird zurzeit von deutschen wie von türkischen Nazis bedroht." Seyran Ates sagt, sie will der Demonstration deshalb fern bleiben.

Fehlende kritische Auseinandersetzung?

Auch "Ehrlos statt wehrlos. Bündnis gegen Neuköllner Unzumutbarkeiten", dass sich gegen homo- und transphobe Übergriffe einsetzt, boykottiert #Unteilbar. "Man gibt einer allseits gefälligen Bündnis- und Bekenntnispolitik den Vorzug vor jeder kritischen Auseinandersetzung", heißt es auf der Facebookseite der Gruppe [externer Link]. "Wir werden uns am 13. Oktober nicht mit Islamisten, Antisemiten und Freunden autoritärer Staaten gemein machen."

Theresa Hartmann, Pressesprecherin von #Unteilbar, weist die Vorwürfe zurück: "Bei uns gibt es keine Islamisten." Die Kritik an den Verbindungen des Zentralrats der Muslime richte sich schließlich gegen dessen Unterorganisationen. Der Zentralrat sei weithin anerkannter Dialogpartner für Politik und Zivilgesellschaft, so Hartmann. "In unserem Aufruf wenden wir uns deutlich gegen Antisemitismus, Nationalismus und Hass. Wir gehen davon aus, dass unsere Unterstützer ihn gelesen haben und mittragen."

Anmerkung der Redaktion: Wir haben den Text aktualisiert und dabei präzisiert, dass der Moscheeverein ATIB bis mindestens 2015 von Verfassungsschützern als deutscher Ableger der Grauen Wölfe aufgeführt wurde.

Sendehinweis

Sondersendung: "Wie tolerant sind wir?"

Zum Anlass der Demonstration "für eine offene und freie Gesellschaft" beschäftigt sich die rbb-Abendschau am 13.10. um 19:30 Uhr in Reportagen und Gesprächen mit Studiogästen mit den Themen Rassismus, Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit. Zudem wird live von der Demonstration berichtet.

Beitrag von Marcus Latton

Kommentar

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34 Kommentare

  1. 34.

    Toleranz meint nicht alles gut finden sondern einen Spielraum (Siehe Duden) Wer Werte nicht verteidigt, wird diese verlieren. Werte wurden erkämpft von Leuten mit Prinzipien und Konsequenz auch mit Gewalt. Die Guten verteidigen eigentlich nichts und werden dafür stehts von Rücksichtslosen besiegt. Insofern ist der Vorwurf der Naivität gerechtfertigt. Ohne sie beleidigen zu wollen, sie halten religiösen Faschisten den Steigbügel die vermutlich noch viel gefährlicher sind als ihre Rechtsextremen.

  2. 32.

    Sie gehören - sollte ihr Kommentatorenname ihr echter Name sein - offensichtlich nicht den gefährdeten Gruppen an.
    Wer keine Repressionen zu fürchten hat, sollte sich aber nicht über Andere stellen.
    Ich bewerte Kommentare danach, ob sie eine Diskussion bereichern oder nicht. Aus Ihrem ersten Kommentar entnehme ich Ihr Verständnis für (fast) alle Seiten und den Wunsch, das Gemeinsame zu finden. Amen. Aber das funktioniert nur, wenn sich ALLE auf einen gemeinsamen Wertekanon beziehen. Verständnis, Toleranz, Gesprächsbereitschaft, usw. gegenüber Extremisten aller Seiten muss eine Grenze inne haben, ab der Staat und Gesellschaft konsequent dagegen vorgehen. Und das sehe ich in diesem Land nicht mehr. Während sich viele Bürger in Cottbus, Chemnitz oder anderswo nicht ausreichend von Rechtsextremen abgegrenzt hatten, haben die Organisatoren von "Untelbar" die Abgrenzung von nationalistischen Migrantengruppen oder linksextremistischen Gruppierungen nicht gemacht.

  3. 30.

    Nun, nicht jeder, der hier unter einem Pseudonym postet, hat Verwandte in der Türkei, die mit Repressalien rechnen müssen. Wenn ich eine Meinung habe, vertrete ich sie auch mit meinem Gesicht und verstecke mich nicht. Im Internet gibt nur der Name der geäußerten Meinung ein Gesicht. Und nein, es ist mir nicht egal, mit wem ich diskutiere, wenn nur die Etikette eingehalten wird. Ich habe eine Stimme, die mir gehört, kann mir aber viele Pseudonyme zulegen.

  4. 29.

    Toprak pflegt seit jeher ein zwielichtiges Verhältnis zur PKK und ist einer der agilsten Lobbyisten kurdisch-nationalistischer Positionen in Deutschland. Und Ates ist schlicht islamophob. "Liberale Muslime" als label erinnern zunehmend an die tragischen und unheilvollen Organisationen "patriotischer deutscher Juden" in der Nazi-Zeit. Es ist bedauerlich, dass der rbb die Urteile dieser Kreise über Organisationen, denen sie in tiefer Feindschaft verbunden sind, wie nicht weiter zu hinterfragende Tatsachen präsentiert.

  5. 28.

    Es ist schon sehr richtig, darauf hinzuweisen, welche Gefahren von Grauen Wölfen,Islamisten , Diteb etc. ausgeht. Wenn Frau Ates sich so entschieden hat, sollte man das respektieren. Sie wie viele anderen erlebt genug Anfeidung aus solchen Kreisen.Den das Gedankengut dieser Gruppen ist für ein friedliches Zusammenleben hier genauso gefährlich wie das der Rechten/Nazis.

  6. 27.

    Sehr geehrter Herr Urich,
    das Pseudonym ist leider bei Vielen notwendig. Wer einen seltenen Namen hat und z.B. den Nationalismus und Rassismus vieler hier lebender Türken und das Wirken des türkischen Staates in Deutschland gegenüber Oppositionellen kritisiert, sollte vorsichtig sein - insbesondere, wenn es noch Verwandte dort gibt. Und bei der politischen Polarisierung in der Gesellschaft kann eine missliebige Meinung auch schnell zu bösen Konsequenzen am Arbeitsplatz oder in der Nachbarschaft bedeuten.
    Ich sehe im Verwenden eines Pseudonyms auch kein Problem, sofern man vernünftig miteinander diskutiert. Ansonsten gibt es ja immer noch die Redaktion, die bei sehr problematischen Kommentaren eingreift.

  7. 26.

    Zunächst danke ich den Kommentatoren, die hier nicht unter einem Pseudonym diskutieren. Es ist für die Organisatoren einer Veranstaltung für Toleranz ein echtes Dilemma. Mir stellt sich die Frage, wie Toleranz mit dem Ausschluss des Zentralrats der Muslime einhergehen kann, denn er vertritt ja nicht nur islamistische Vereinigungen. Alle Kritiker haben recht, soweit sie sich gegen Islamisten richten. Ich kann auch verstehen, dass Frau Ates und andere die Entscheidung getroffen haben, nicht an der Demo teilzunehmen. Toleranz zeichnet sich doch gerade dadurch aus, dass ich den Andersdenkenden, den Andersaussehenden, den Anderslebenden, den Andersliebenden so annehme, wie er ist. Das muss auch für Konservative gelten, die diese Toleranz (noch) nicht aufbringen. Ich finde es nicht naiv, sondern ist mein christliches Selbstverständnis. Bei allen Unterschieden geht es doch um das, was uns verbindet. Suchen wir das Gemeinsame, das uns miteinander verbindet, um das Trennende zu überwinden.

  8. 24.

    Sehr geehrte Frau Esch-Eckert,

    einige der Gruppierungen, die heute mitgelaufen sind, lassen sich sicher nicht "links von der AfD" eingruppieren. Genau davon handelt der Artikel.
    Es waren also radikale Nazis und von einem fremden Unrechts-Staat kontrollierte und von der deutschen Politik als Vertreter von Migranten akzeptierte Antidemokraten dabei, aber alle eben keine "Bio"deutschen, etc.
    Dann ist es offenbar nicht so schlimm. Dann gehört braun zu bunt.
    Dass diese Leute Toleranz nur in eine Richtung kennen scheint der "bürgerlichen" Gesellschaft herzlich egal zu sein. Fragen Sie einmal die vielen Migranten aus nichtmuslim. Ländern, was sie von der deutschen Politik und der "bürgerlichen" Gesellschaft bezüglich der Migrations- und Flüchtlingspolitik halten. Wir geraten von zwei Seiten unter Druck: dem völkisch-intoleranten Denken von Rechts und der Kamikaze-Politik (Sozialkosten, Sicherheit, negative kulturelle Veränderung) von Regierung und gutsituierter "bürgerlicher" Mitte.

  9. 23.

    Unverschämter Vorwurf, wo bleibt die Sachlichkeit? Ich wähle noch nicht mal AfD, sondern stehe und denke links! Genauso wie Frau Ates beispielsweise, die unter Polizeischutz steht.

  10. 22.

    Sie sollten ihren "Tipp" erstmal selbst beherzigen. Falls das klappt können sie ja meinen Beitrag # 6 durchlesen.

    Ich kann auch keine Schnappatmung bei mir feststellen, eher bei ihnen wenn sie hier so ein Wutgeheul anstimmen.

    Btw. kann ich mich nicht an ihr Wutgeheul erinnern als hier die Aufmärsche der Rechtsextremen, die sie ja nach eigenen Worten ablehnen, hier thematisiert wurde.

    So...kommt noch was substanzielles von ihnen oder bleibt es bei Beleidigungen und haltlosen Unterstellungen?

  11. 21.

    Kleiner aber feiner Unterschied: Sie und ihresgleichen geben nur vor für die Rechte anderer einzutreten damit sie anderen Menschen diese Rechte vorenthalten können.

  12. 20.

    @IchMeinJaNur: Lesen lernen!
    Wenn ich schreibe "Mitläufertum der anderen Tat" lässt sich für den durchschnittlich intelligenten Leser schlussfolgern - na? - yes! > dass ich beides für Mitläufertum halte.
    Wer mitlatscht wo Fundamentalisten egal welcher Couleur am Start sind, kann sich nachher nicht rausreden.
    Aber bei Ihnen scheint sich sofort Schnappatmung einzustellen, wo jemand nicht in den Chor der Herde der selbsternannten Politisch Korrekten einstimmt. Jeder, der dem Tenor "Pieppieppiep, wir haben uns alle lieb" nicht folgt ist Ihrer Meinung nach folgerichtig rechts(radikal)?
    Ich kann Ihnen versichern, dass ich Fundamentalismus jeglicher Art und egal aus welcher Richtung ablehne, genauso wie alles Demokratiegegner jeglicher Art, Übriggebliebene, die sich ihre roten oder braunen Diktaturen zurückwünschen, genauso wie Religions- und Ideologienmissionare jeglicher Art.
    Aber genau die waren mit dabei. Nö, die hab ich nicht lieb und mit da bin ich lieber "geteilt".

  13. 19.

    Ergänzung: Jeder konnte doch vorher den Aufruf lesen und wusste, dass gegen Rassismus und Antisemitismus demonstriert wurde... Mündiger Bürger?

  14. 18.

    Ja, unteilbar. Sollen doch alle links von der AfD mitlaufen... Wir leben in einer bürgerlichen Gesellschaft und sollten friedlich, freundlich, offen und achtsam miteinander umgehen. Ist doch der richtige Schritt, wenn eine konservative Vereinigung mitläuft. Es war heute ein sehr bunter Haufen, da koennten viele viele ausgrenzen. Mir war lieber, dass viele gekommen sind. Um die pure Lehre ging es nicht.

  15. 17.

    diese menschen verwechseln ihre hart antrainierte toleranz mit ihrer sehr leichtsinnigen ignoranz..

  16. 16.

    Wenn man sich die Kommentare so durchliest, nicht nur unter diesem Artikel, sondern auch unter anderen zum Thema, fällt schon auf, dass die Solidarität mit Menschen, die unmitttelbar von Gewalt durch islamistische Extremisten und Sympatisanten (und deren Anzahl wächst jährlich) betroffen sind, sich zugunsten von enormen Vereinfachungen, die die eigene Menschenfreundlichkeit bekunden sollen (und dass sich das gut anfühlt, ist klar), zurückgestellt wird. Aber genau das waren doch schwer erkämpfte Errungenschaften: Anerkennung und Gleichstellung von nicht heterosexuellen Menschen, die Gewährleistung der Sicherheit jüdischer MitbürgerInnen, die Entwicklung eines liberal-europäischen Islams, der die Rechte der Frau ohne wenn und aber anerkennt, die Zurückdrängung jedweder Religion in den privaten Bereich, die Selbstverständlichkeit, dass sich Mädchen in der Schule kleiden können, wie sie wollen ... Den Preis fürs Lagerdenken werden die Aufgezählten zahlen müssen.

  17. 15.

    Vielen Dank an die Organisatorinnen und Organisatoren, dass sie sich nicht spalten lassen, sondern ihrem Motto gerecht werden! Nur so lässt sich tatsächlich etwas verändern.

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