Demonstrantinnen für das Frauen-Wahlrecht in Berlin (Quelle: akg/Gebr. Haeckel)
Bild: akg/Gebr. Haeckel

100 Jahre Frauenwahlrecht - Eine hart erkämpfte Selbstverständlichkeit

Am 19. Januar 1919 dürfen Frauen in Deutschland zum ersten Mal wählen - und auch gewählt werden. Ohne den Mut vieler Aktivistinnen wäre es undenkbar gewesen, dass schließlich 37 weibliche Abgeordnete in die Nationalversammlung einziehen. Von Sigrid Hoff

Es war ein langer Weg und ein hartnäckiger Kampf: Am 12. November 1918 beschließt der Rat der Volksbeauftragten, dass Frauen künftig das aktive und passive Wahlrecht wahrnehmen dürfen.  

Am 30. November 1918 wird das Frauenwahlrecht Gesetz. Und im Januar 1919 ziehen neben 423 Männern auch 37 weibliche Abgeordnete in die Nationalversammlung ein. Unterwürfige Dankbarkeit zeigen die Parlamentarierinnen jedoch nicht. Als erste Frau hält die Sozialdemokratin Marie Juchacz am 19. Februar 1919 eine Rede vor der Nationalversammlung der Weimarer Republik, und sie betont: "Was diese Regierung getan hat, war eine Selbstverständlichkeit: Sie hat den Frauen gegeben, was ihnen bis dahin zu Unrecht vorenthalten worden ist."

Frauenrechtlerin und Schriftstellerin Hedwig Dohm (Quelle: dpa/akg-images)Hedwig Dohm

Hedwig Dohm muss um ihre Ausbildung kämpfen

Der Weg dahin war lang und wäre ohne engagierte Aktivistinnen wie die 1831 in Berlin geborene Hedwig Dohm nicht gangbar gewesen. Die Tochter eines jüdischen Tabakfabrikanten wächst in einer kinderreichen Familie auf. Mit 15 Jahren muss sie die Schule verlassen, um im Haushalt zu helfen. Doch sie erkämpft sich den Besuch eines Lehrerinnenseminars. 1853 heiratet sie den Chefredakteur des satirischen Wochenblattes "Kladderadatsch", Ernst Dohm. Sie bekommen fünf Kinder, verkehren in den intellektuellen Kreisen Berlins.

Dohm: "Menschenrechte habe kein Geschlecht"

Dohm, die als Schriftstellerin arbeitet, setzt sich schon früh für die Frauenbewegung ein: Wahlrecht, Studium, ökonomische und soziale Gleichstellung. Ihr erster feministischer Essay "Was die Pastoren von den Frauen denken" macht sie 1872 schlagartig bekannt. 1876 fordert sie in der Schrift "Der Frauen Natur und Recht" die gleichen politischen Rechte wie für Männer, denn: "Die Menschenrechte haben kein Geschlecht." Sie schließt sich Vereinen und Organisationen des radikalen Flügels der Frauenbewegung an. Über 90 Essays und Artikel publiziert Dohm in politisch avantgardistischen Zeitschriften und Tageszeitungen – ein lebenslanges Engagement für die Gleichberechtigung.

Minna Cauer © AddF Kassel/ Hofatelier ElviraMinna Cauer

Minna Cauer organisiert erste Internationale Frauenkonferenz

Eine ihrer Mitstreiterinnen ist die Pfarrerstochter und zweifache Witwe Minna Cauer. In den 1880er-Jahren rückt die Pädagogin und Journalistin in Berlin in die Reihen der Vorkämpferinnen für das Frauenstimmrecht auf. Um ihren Forderungen mehr Nachdruck zu verleihen, gründet sie 1888 den Verein "Frauenwohl", dem auch Hedwig Dohm beitritt.

1894 macht Cauer Schlagzeilen als sie die "erste öffentlichen Volksversammlung bürgerlicher Frauen" zum politischen Stimmrecht einberuft. Ein Jahr später gründet sie die Zeitung "Die Frauenbewegung", ein kritisches Sprachrohr der radikalen wie gemäßigteren Frauen. 1902 ist sie Mitbegründerin des Deutschen Vereins für Frauenstimmrecht und arbeitet ab 1912 als Redakteurin der "Zeitschrift für Frauenstimmrecht".

ARCHIV: Rosa Luxemburg spricht auf einer Kundgebung am 01.01.1900 in Stuttgart - neben ihr: Klara Zetkin, Porträts von Marx und LassalleRosa Luxemburg, Clara Zetkin (links neben ihr sitzend)

Als Minna Cauer 1896 die Internationale Frauenkonferenz in Berlin mit über 400 Teilnehmerinnen organisiert, lädt sie auch Clara Zetkin ein. Die engagierte Sozialistin nutzt den Kongress, um sich für Reformen als Mittel des Klassenkampfes einzusetzen. Zetkin, die für eine grundsätzliche Gleichberechtigung der Geschlechter eintritt, sieht in der wirtschaftlichen Unabhängigkeit der Frauen eine wichtige Voraussetzung für das Stimmrecht. Gemeinsam mit der Sozialistin Käte Duncker verabschiedet sie eine Resolution, jährlich einen Frauentag zu veranstalten, um das aktive und passive Wahlrecht für Frauen durchzusetzen: Für dieses Ziel gehen bereits am ersten Internationalen Frauentag am 19. März 1911 weltweit über eine Million Frauen auf die Straße.

Zeitgenössische Aufnahme der deutschen Frauenrechtlerin und Schriftstellerin Hedwig Dohm (1833-1919) (Quelle: dpa/Bifab)Hedwig Dohm erlebt den Triumph im hohen Alter

Nach dem Ersten Weltkrieg kommt der ersehnte Durchbruch

Der Erste Weltkrieg wird für Hedwig Dohm, Minna Cauer und Clara Zetkin zunächst ein Rückschlag in ihrem politischen Kampf. Die Pazifistinnen veröffentlichen Antikriegsaufrufe und setzen sich für eine rasche Beendigung des Krieges ein. Nach Kriegsende aber bringt der Beschluss des Rates der Volksbeauftragten am 12. November 1918 den ersehnten Durchbruch: Am 30. November 1918 wird das Frauenwahlrecht Gesetz: "Männer und Frauen haben grundsätzlich dieselben staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten" heißt es in Artikel 109, Abs. 2.

Das Grab der deutschen Frauenrechtlerin Minna Cauer (1841-1922) auf dem Berliner Friedhof der Schöneberger St. Matthäus-Gemeinde (Quelle: dpa/Sophie Wolfbauer)"Vollendet, was wir begonnen" - Grabstein von Minna Cauer

Hedwig Dohm und Minna Cauer erleben diesen Triumpf in hohem Alter. Im Juni 1919, dem Jahr, in dem die Frauen erstmals an der Weimarer Nationalversammlung teilnehmen, stirbt Dohm mit 88 Jahren in Berlin. Drei Jahre später folgt ihr die 81-jährige Minna Cauer: "Vollendet was wir begonnen" lautet die Inschrift auf ihrem Grabstein auf dem Alten St. Matthäus-Kirchhof in Berlin-Schöneberg.

Clara Zetkin (Quelle: dpa/Mary Evans Picture Library)Clara Zetkin wird 1920 die erste Abgeordnete der KPD im Reichstag

Clara Zetkin zieht als Abgeordnete der KPD nach Birkenwerder

Clara Zetkin, für die der Einzug in den Reichstag 1920 als Abgeordnete der KPD der Höhepunkt ihres Kampfes für die Gleichberechtigung wird, muss in der Weimarer Republik eine wachsende Isolierung in ihrer Partei aber auch in den Frauenorganisationen hinnehmen.

1929 bezieht sie eine Villa in der Berliner Vorortgemeinde Birkenwerder, um den weiten Weg zu den Reichstagssitzungen von Stuttgart nach Berlin zu sparen. Dort befindet sich noch heute eine Gedenkstätte, die an die Sozialistin erinnert. Als Zetkin 1932, mit 75 Jahren, als Alterspräsidentin den letzten freigewählten Reichstag eröffnet, hat die NSDAP erstmals die Mehrheit im Parlament. Für die betagte Frauenrechtlerin geht es nicht mehr allein um die Frauen, sie ruft eindringlich zum Kampf gegen den Faschismus auf. Es wird ihr politisches Vermächtnis – im Juni 1933 stirbt Clara Zetkin, wenige Monate nachdem Adolf Hitler in Deutschland die Macht übernommen hat.

Sendung: Radioeins, 17.01.2019, 10 Uhr

Erstmals veröffentlicht war dieser Beitrag auf www.rbb24.de am 12. November 2018.

Beitrag von Sigrid Hoff

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

13 Kommentare

  1. 12.

    Denke ist tot, es lebe das Denken! - „Ich denke, also bin ich.“ (René Descartes)

  2. 11.

    Das war kein Verbot. Man(n) kam bloß einfach nicht auf die Idee, den Frauen das Wählen zu erlauben. Da war nicht mal ein bewusstes „Nein“... Was es fast noch schlimmer macht. Es war eben die damalige menschliche Denke. Frauen können das nicht... Daher mussten die Frauen auch darum kämpfen. Auch heute denken viele noch in dieser Art. „Das ist Männersache“ ist immer noch Teil der Denke mancher Menschen.

  3. 10.

    Was sagt die Tatsache aus, dass dumme Männergewalt den Frauen die aktive Teilnahme den Wahlen verbieten musste, um das eigene Selbstwertgefühl zu stabilieren? „Wenn Wahlen etwas ändern würden, wären sie verboten“ – Kurt Tucholsky? aus https://genius-verlag.de/blog/2017/09/15/wenn-wahlen-etwas-aendern-wuerden-waeren-sie-verboten-kurt-tucholsky/ Wer das Wahlrecht besitzt, kann sich sich aber auch zur Wahl und damit zur Übernahme von Regierungsverantwortung stellen. Leider befinden sich immernoch zu wenige mMn intelligente, durchsetzungskräftige und mit Weisheit behaftete Frauen in den Parlamenten auf Landtags-, Bundestags- und Europaebene.

  4. 9.

    Ein Recht beinhaltet aber immer auch das Recht, auf sein Recht zu verzichten, anderenfalls wäre es eine Pflicht bzw. ein Zwang. Nur muss jeder, der verzichtet, sich eben darüber im Klaren sein, dass er ein Stück seiner mit dem Recht verbundenen Verantwortung aufgibt. In diesem Punkt haben Sie Recht.

  5. 8.

    Es ist wichtig, sich zurückzubesinnen woher das kommt und wer das erreicht hat. Es fiel ja nicht "vom Himmel" und war auch keine Gnade. Und gleich wichtig ist es, Demokratie fortzuentwickeln über die bloße Abstimmung an den Wahltagen hinaus - über das formale Mehrheitsrecht hinaus hinein zu inhaltlichen Angelegenheiten. Da sieht´s immer noch düster aus: Misstrauen herrscht auf beiden Seiten, auf Seiten der Verwaltungen und auf Seiten der Bürger. Die einen fürchten, dass die anderen ihnen ins Handwerk pfuschen und die anderen sind nur teilweise gewillt, sich in Dinge einzulesen, "weil DIE ja sowieso machen, was sie wollen."

    Formal haben wir die beste Staatsform, die wir je hatten. Inhaltlich waltet der "kalte Behördenvollzug". Nicht zuletzt auf Kosten von Frauen, weil Frauen mehr als Männer zwischen "Baum und Borke" stehen und genau das nicht per Paragraphen aufgefangen werden kann.

    Demokratie wäre tausendmal mehr als das Walten von bloßen rechn. Mehrheiten.

  6. 7.

    Bevor man so eine steile These in die Welt hinausposaunt, sollte man sich vergewissern, dass sie stimmt. Sonst kann es passieren, dass man sich zum Obst macht.

    In Deutschland hatten seit der Reichsgründung alle männlichen Staatsbürger Wahlrecht (ausgenommen Entmündigte und in Strafsachen Verurteilte). Allerdings galt in Preußen bei Landtagswahlen das Dreiklassenwahlrecht, das die Stimmen von Adligen, Wohlhabenden und Geringverdienern unterschiedlich stark gewichtete. Nichtsdestoweniger hatte auch in Preußen jeder Mann Wahlrecht.

  7. 6.

    Unser Wahlrecht ist bewusst konservativ. Ausländer aus Drittstaaten ( Non-EU ) werden weder passiv noch aktiv erfasst. Und auch wenn die Diskussion immer wieder hochkommt, insbesondere für Kommunalwahlen, so bin ich strikt dagegen. Aber das ist Ansichtssache

  8. 4.

    Die meisten Männer hatten vor 1918 auch kein Wahlrecht.

  9. 3.

    Viele dürfen immer noch nicht wählen. In Mitte und Kreuzberg sind es in einzelnen Wahlkreisen über 30% der Einwohner*innen (ausgeschlossen wegen Staatsbürgerschaft). Über 20% sind auch in Charlottenburg-Wilmersdorf und Neuköln im Durchschnitt aus demseben Grund von der Wahl ausgeschlossen, obwohl sie dort zum Teil schon in der Dritten Generation leben. Ein wenig mehr Demokratie ist möglich; auch für die Frauen aus sogenannten Drittstaaten.
    Trotzdem herzlichen Glückwunsch zum 100 jährigem Wahlrecht für deutsche Frauen und (zum wievieljährigen?) zum Teil für Frauen aus EU Mitgliedsstaaten.
    https://www.wahlen-berlin.de/Wahlen/Be2016/SB_B07-02-01_2016j05_BE.pdf

  10. 2.

    Das Frauenwahlrecht kann nur dann effektiv umgesetzt werden, wenn Frauen die Möglichkeit zur Bildung und zur eigenständigen Lebensführung eingeräumt wird. Außer den aufgeführten Persönlichkeiten, wird es sicherlich eine weitere Anzahl bedeutender Aktivistinnen gegeben haben, die zur verfassungsmäßigen Grundsteinlegung des Frauenwahlrechts in Deutschland beitrugen. Auch aus männlicher Sicht gebührt ihnen größter Dank, denn nur mit der tatsächlichen Gleichstellung von Mann und Frau ist eine lebendige Demokratie möglich.

  11. 1.

    Die einen mussten kämpfen um wählen zu dürfen, andere verzichten heutzutage darauf ihr Wahlrecht auszuüben, Vielleicht sollte jeder Mensch mal für sich überlegen, was für Rechte er hat und wie sie entstanden sind. Es gibt immer eine Wahl. Der 100. Geburtstag sollte Anlass zum Nachdenken genug sein, Poltikverdrossenheit ist keine Erklärung, sonder eine Ausrede.

Das könnte Sie auch interessieren

Das Gelände des Flughafen Willy Brandt Berlin Brandenburg "BER" in Schönefeld bei Sonnenaufgang. (Quelle: dpa/Schlesinger)
picture alliance

Bürgermeisterwahl in Schönefeld - Wer darf den Flughafen eröffnen?

Eine der reichsten Gemeinden Brandenburgs wählt am 1. September einen neuen Bürgermeister – und zugleich ein neues Gesicht für die Eröffnung des BER-Flughafens: Der langjährige Bürgermeister Udo Haase wird die nicht mehr im Amt miterleben. Von Johanna Siegemund