Mitglieder des Vereins "Gesundheitskollektiv Berlin" blicken auf den Bauplan des künftigen Gesundheits- und Sozialzentrums in Neukölln (Quelle: rbb)
Video: zibb | 02.11.2018 | Jana Kalms | Bild: rbb

Auch rechtliche und soziale Beratung geplant - Neukölln bekommt gemeinnütziges Gesundheitszentrum

In Berlin-Neukölln soll ein gemeinnütziges Gesundheitszentrum entstehen. Der Ansatz des Vereins Gesundheitskollektiv Berlin: Gesundheit sei deutlich mehr als medizinische Versorgung. Damit will das Kollektiv eine Lücke im Kiez schließen. Von Jana Kalms

Noch ist das ehemalige Kindl-Brauerei-Gelände in Berlin-Neukölln eine Brache. Doch in diesem Herbst wird der Bau für ein Haus der besonderen Art beginnen: ein stadtteilorientiertes Sozial- und Gesundheitszentrum. Davon sollen vor allem die Bewohner im Rollbergkiez profitieren. Seit fünf Jahren setzt sich der Verein Gesundheitskollektiv Berlin für das gemeinnützige Stadtteilzentrum ein.

Hausarzt Michael Janßen wird im geplanten Gesundheits- und Sozialzentrum Neukölln arbeiten (Quelle: rbb)
Hausarzt Michael Janßen | Bild: rbb

"Wir planen ein Stadtteilgesundheitszentrum, wo es nicht nur eine ärztliche Versorgung geben soll, sondern auch Sozialberatung, rechtliche Beratung, Gemeinwesenarbeit, um auf verschiedene soziale Problemen, die mit Gesundheit zusammenhängen, auch eingehen zu können", sagt Franziska Paul über die Vision des Vereins. Seit einem Jahr arbeitet sie mit beim Gesundheitskollektiv.

"Patienten brauchen mehr als Arzt und Pillen"

Einer der künftigen Mitarbeiter des Gesundheitszentrums ist Michael Janßen. Der Neuköllner Hausarzt erlebt täglich bei seiner Arbeit, dass seine Patienten mehr bräuchten als "Arzt und Pillen". "Sie brauchen Ernährungs- und Suchtberater, einen Rechtsanwalt und Nachbarn, die mit ihnen Zeit verbringen", sagt Janßen. All das soll es im künftigen Gesundheitszentrum geben. Das Gebäude ist noch im Bau, aber der temporäre Pavillon auf dem Kindl-Gelände wurde bereits eröffnet.

Temporärer Pavillon auf dem Gelände der ehemaligen Kindl-Brauerei in Berlin-Neukölln, wo ein gemeinnütziges Gesundheits- und Sozialzentrum entstehen soll (Quelle: rbb)
Temporärer Pavillon des Vereins "Gesundheitskollektiv Berlin" auf dem ehemaligen Kindl-Gelände. | Bild: rbb

"Lebensbedingungen mitdenken"

Auch Kirsten Schubert, Mitgründerin des Gesundheitskollektivs, hat sich lange mit gesundheitspolitischen Themen beschäftigt. "Da wurde mir immer mehr klar, dass der Fokus auf die reine medizinische Versorgung nicht reicht, sondern dass man die Lebensbedingungen der Menschen immer mitdenken muss", sagt die Ärztin. Die verschiedenen Bereichen müssten mehr verzahnt werden.

Das ist ein Ziel des Vereins – gegründet von Ärzten, Pflegekräften, Sozialarbeitern und Wissenschaftlern. Die meisten sind ehrenamtlich aktiv.

Auf dem Gelände der ehemaligen Kindl-Brauerei im Rollbergkiez in Berlin-Neukölln entsteht ein gemeinnütziges Gesundheits- und Sozialzentrum (Quelle: rbb)
So soll das geplante Gesundheitszentrum in Neukölln einmal aussehen. | Bild: rbb

"Viele Krankheiten sind sozial bedingt"

Das Gesundheitszentrum entsteht in einem Problemkiez: Die Lebenserwartung etwa ist viel niedriger als im Rest von Berlin. Allgemeinmediziner Janßen hat sich dem Gesundheitskollektiv angeschlossen, weil sich etwas ändern müsse. Seit Jahren sei er im Kiez als Hausarzt unterwegs und sehe, wie ungesund die Menschen hier leben.

Das habe vielfältige Gründe: "Viele Erkrankungen, die wir hier sehen, sind auch sozial, bedingt psychisch bedingt, durch die Lebensumstände, durch die Wohnbedingungen, durch eine Vielzahl auch von jugendlichen Arbeitslosen bedingt", sagt Janßen. Das seien krankmachende Lebens- und Arbeitsbedingungen. "Die können wir hier gar nicht auffangen und behandeln. Da braucht es etwa Einrichtungen der Sozialhilfe und der Wohnungshilfe," so Janßen.

Nachbarschaftsprojekt: "Das hat uns gefehlt"

Das künftige Gesundheitszentrum orientiert sich deshalb mit seinen Angeboten an den Bedarfen im Kiez, will lokale Akteure miteinbeziehen. In den vergangenen Wochen haben sie damit begonnen, Kontakt zu sozialen Treffs aufzunehmen – etwa mit dem Verein "Kiezanker". Es gab bereits erste mobile Gesundheitsberatungen mit Eltern. "Das hat uns hier im Kiez gefehlt. Man findet keine richtige Arztpraxis, kein Therapiezentrum", sagt Nilufer Dasdemir von "Kiezanker". "Das ist genau das, was wir suchen."

Auf dem Gelände der ehemaligen Kindl-Brauerei in Berlin-Neukölln entsteht ein Gesundheits- und Sozialzentrum (Quelle: rbb)Auf dem Gelände der ehemaligen Kindl-Brauerei soll das Gesundheitszentrum entstehen.

Bau soll im Herbst starten

Nun warten alle Beteiligten auf den Baubeginn des Stadtteilgesundheitszentrums, finanziert durch öffentliche Mittel und Stiftungsgelder. Es ist ein Modellprojekt. Das Gesundheitskollektiv kämpft auf gesetzlicher Ebene noch um ihr Konzept, auch für die in Neukölln dringend benötigten Kinderärzte.

Gesundheitskollektiv

Rund 20 vor allem Ehrenamtliche engagieren sich laut des Vereins im Gesundheitskollektiv Berlin für eine "Gesundheit für alle". Darunter sind Sozialarbeiter, Ärzte, Pfleger, Gesundheitswissenschaftler, Pädagogen, Psychotherapeuten und Juristen. Ihr Ansatz: Alle Menschen sollen Zugang zu einer exzellenten Krankenversorgung haben. Dabei sollen auch soziale Bedingungen wie Wohnen, Bildung, Arbeit und Teilhabe berücksichtigt werden. Als Teil eines städteübergreifenden Netzwerks will der Verein an möglichst vielen Orten ein ähnliches Konzept etablieren. In Hamburg-Veddel gibt es bereits ein ähnliches Stadtteilgesundheitszentrum.

Sendung: zibb, 02.11.2018, 18.30 Uhr

Dieser Beitrag ist eine gekürzte, überarbeitete Fassung. Die Originalversion können Sie mit Klick auf das Videosymbol im Header des Artikels anschauen.

Beitrag von Jana Kalms

Kommentar

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9 Kommentare

  1. 9.

    " Die deutsche Praxis der Hierarchisierung und Einteilung dahingehend, wer welchen Zugang zu gesundheitlicher Versorgung hat, ist ein Bruch mit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. "
    und welche Schlüsse ziehen Sie daraus ? soll die EU-Kommission ein Strafverfahren gegen Deutschland einleiten ?
    Das Vorhaben an sich finde ich sehr gut, speziell " Alle Menschen sollen Zugang zu einer exzellenten Krankenversorgung haben. "
    ohne Vorbehalte ? eine Krankenversicherung wird nicht mehr benötigt ? für alle Menschen ? das komplette Gesundheitssystem müßte dann steuerfinanziert werden ,aber immer noch besser, als das Geld in die ineffektive Rüstung zu stecken. woher kommen die benötigten ehrenamtlichen Helfer ?

  2. 8.

    Das Sie als Brandenburger auch durch Steuergelder und dem Soli gefördert werden ist Ihnen bestimmt entgangen.
    Diese Steuergelder nicht nur von Biodeutschen erwirtschaftet werden ist Ihnen klar?

  3. 7.

    Sie geben sich keine Mühe, rassistische Ideologie hinter pauschalen Sündenbock-Narrativen zu verdecken. Ihre tumben Unterstellungen, "die Ausländer" würden ja "unsere" Steuergelder kosten, verfangen, grds. und wenn Sie mal den Text gelesen hätten.

    Die Wahrung grundlegender Menschenrechte schließt den Zugang zu ärztlicher Versorgung, inkl. gesundheitlicher Bildung, Beratung etc., ein. Was in Deutschland aber durch Politik und Gesetzgebung stattfindet, ist die Deprivation, die Exklusion von Teilen dieser Grundrechte. Die deutsche Praxis der Hierarchisierung und Einteilung dahingehend, wer welchen Zugang zu gesundheitlicher Versorgung hat, ist ein Bruch mit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte.

    Nicht zufällig wird dieses Projekt von insbes. Ehrenamtlichen initiiert. Das unterstreicht, welchen Wert soziale Berufe in dieser Gesellschaft haben, die immer mehr von Individualismus und Entsolidarisierung geprägt ist - das Sprungbrett für Rassismus und Co.

  4. 6.

    Mehr Infos gibts hier:

    ""Diskussionen über den systematischen Ausschluss von Menschen ohne Papiere und Migrant_innen ohne Krankenversicherung aus der regulären Gesundheitsversorgung gaben hier den Anstoß dazu, Gesundheitssysteme anders zu denken und konkrete Ideen für alternative Modellprojekte zu entwickeln. """

    https://www.geko-berlin.de/wp3/werwirsind/

    Es ist das, was die Senatorin Kolat auch schon propagiert hat: Ausländer mit ungeklärtem Aufenthaltsstatus aus Steuermitteln die Krankenkasse zu bezahlen.

  5. 4.

    Endlich mal ein kooperativer, interdisziplinärer Absatz in diesem undurchsitigen auf Wettbewerb gepoltem Gesundheitswesen! Super! Habe gerade mal auf die Webseite geguckt. Da gibt's noch mehr Infos. Hört sich spannend an: www.geko-berlin.de
    Weiter so!

  6. 2.

    "finanziert durch öffentliche Mittel und Stiftungsgelder". Wer sind die Stifter und welche öffentliche Mittel sollen ln welcher Höhe die Finanzierung dieser Sonderversorgung sicherstellen?

    Für Ottonormalbürger gibt es hierfür die Krankenkasse und die niedergelassenen Ärzte.

  7. 1.

    Großartig! Zeitgemäß, sinnvoll und absolut nötig. Am Kiez orientiert. Es wird nicht nur darauf gewartet dass der Senat etwas tut, das ist vorbildlich. Ich hoffe sehr, dass in anderen Kiezen Ähnliches entstehen wird, denn auch in den anderen Bezirken kippt inzwischen so langsam die Situation und gibt es viel zu tun. Tolle Aktion. Bravo!

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