Das Terrablock-System im Einsatz in Leeds, Großbritannien
Video: rbb|24 | 19.11.2018 | Bild: Hesco Group

Neues Sicherheitskonzept für den Breitscheidplatz - Advent hinter Gitterkörben

Zwei Jahre nach dem Terroranschlag auf dem Breitscheidplatz testet der Senat in diesem Jahr ein neues Sicherheitskonzept: Etliche Absperrungen und Barrieren sollen vor allem gegen mögliche Angriffe mit Fahrzeugen schützen. Ein Projekt, das Schule machen soll.

Eine Festung mit Adventsstimmung: Der Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz wird im zweiten Jahr nach dem Terroranschlag von 2016 mit einem völlig neuen Sicherheitskonzept abgeschirmt. Mobile Poller, an denen heranrasende Lkw zerschellen können; mit Sand beschwerte Gitterkörbe, die Pkw, Kleintransporter und Kugeln aufhalten sollen; Stahlzäune in Betonfundamenten mit "Anti-Panik-Toren". Die Senatsinnenverwaltung spricht von einem "bisher in Deutschland einzigartigen Zufahrtschutz mit zertifizierten, temporären Sperrmitteln", die "in ihrer Wirkung aufeinander abgestimmt" seien. Tatsächlich handelt es sich um einen Testlauf: Was ab dem 19. November auf dem Breitscheidplatz zum Einsatz kommt, könnte bald zum Standard bei allen Berliner Großveranstaltungen werden.

Der Terrablock XL, wie er in Berlin zum Einsatz kommen wird
| Bild: Hesco Group

Poller, an denen Lkw zerbrechen

Eine spezielle Projektgruppe, eingesetzt unmittelbar nach dem Anschlag, hatte für den Senat das Sicherheitskonzept entwickelt. Am Ende wurden drei "Sperrmittel" ausgewählt, die "den Energien von Anschlägen wie dem vom 19.12.2016 standhalten", wie die Senatsverwaltung für Inneres mitteilte. Und das heißt im Klartext: Sie können vor allem Angriffe mit Fahrzeugen verhindern helfen.

Test der Fahrzeugsperren am Berliner Breitscheidplatz (Quelle: SecuTec Solutions GmbH)
So funktioniert "Truckbloc" | Bild: SecuTec Solutions GmbH

So wurde von der Firma Truckbloc das gleichnamige System zum Aufhalten von schweren Lkw eingekauft - direkte Ableitung aus dem Anschlag, bei dem der Islamist Anis Amri mit einem gestohlenen Lkw in die Menge gerast war und dabei zwölf Menschen tötete. "Truckbloc" ist ein Fundament mit drei mobil verlegbaren Pollern, das schnell aufgebaut sein soll und einen egal aus welchem Winkel heranrasenden Laster aufhalten können muss. "Höchste Schutzwirkung plus kompakte und freundliche Anmutung", verspricht der Hersteller aus Leonberg in Baden-Württemberg. In einem Video zeigt das Unternehmen, wie die Barriere wirken soll: Dabei wurde ein 18 Tonnen schwerer Lkw mit 80 km/h auf die Poller gefahren. Die verschieben sich nur leicht nach vorn - während der Lkw schlagartig zum Stehen kommt, die Fahrerkabine wie ein Blatt Papier gefaltet wird und nach vorne kippt.  

Britische Gitterkörbe, Zäune mit "Panik-Tor"

Die zweite Schutzmaßnahme sind die "Terrablocks", 1,20 Meter hohe Gitterkörbe, die mit Sandsäcken gefüllt und miteinander verbunden sind. Entworfen wurden sie für die Olympischen Spiele in London 2012 von der britischen Firma Hesco. Heute stehen sie unter anderem am Flughafen Manchester und vor dem Militärmuseum "Royal Armouries" in Leeds. Die schnell aufgebauten Körbe können laut Hersteller kleinere Fahrzeuge stoppen und dienen auch als Schutz gegen Geschosse aus Pistolen oder Gewehren. Der Hersteller hat Erfahrung in Kriegsgebieten: Mit einem ganz ähnlichen Zaunsystem wurde "Camp Bastion", die größte britische Militärbasis in Afghanistan, errichtet.

Die dritte und letzte Sperre, die am Breitscheidplatz aufgebaut wird, heißt "Publifor": Ein Zaun auf Zementblöcken, die per Gabelstapler aufgebaut werden. Sie dienen laut Hersteller Betafence als Absperrung und "Massenkontrolle bei Großveranstaltungen" und können mit Toren ausgestattet werden, die im Fall einer Massenpanik dank "Panikriegel" schnell geöffnet werden können.

Eine schematische Darstellung der Straßen um den Breitscheidplatz (Grafik: rbb/Lucas Baade)
Verkehrsbehinderungen rund um den Breitscheidplatz während der Adventszeit | Bild: rbb/Lucas Baade

Testlauf für ganz Berlin

"Eine Blaupause für den Schutz öffentlicher Räume gibt es nicht", gab Innensenator Andreas Geisel (SPD) zu bedenken. "Es gibt nicht den einen goldenen Weg zum Schutz von öffentlichen Plätzen. Wir müssen kontinuierlich lernen und Erfahrungen sammeln." Deswegen soll die Absicherung des Breitscheidplatzes auch ein Testlauf für ganz Berlin sein: Die Barrieren verbleiben bei der Polizei, so ein Sprecher der Senatsinnenverwaltung. In Zukunft könnten Sie dann bei Veranstaltungen wie einem Sport-Großereignis oder am 1. Mai zum Einsatz kommen.

Die Absicherung von Weihnachtsmärkten soll allerdings wie bisher Aufgabe der jeweiligen Veranstalter sein. Nur am Breitscheidplatz macht der Senat in diesem Jahr eine Ausnahme – und übernimmt auch die Rechnung von mehr als 2,6 Mio. Euro. Darin enthalten sind Anschaffung und Aufbau der Absperrungen.

Sendung: rbb24, 18.11.2018, 18:00 Uhr

Kommentar

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Antwort auf [Marion] vom 19.11.2018 um 22:03
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5 Kommentare

  1. 5.

    Sinnvoller und kostengünstiger wäre es, einen neuen Standort für diesen Weihnachtsmarkt zu suchen. Das unsichere Gefühl wird für die Berliner bleiben und als Anziehungspunkt für Touristen sollte dieser Platz nicht genutzt werden.

  2. 4.

    "Die Absicherung von Weihnachtsmärkten soll allerdings wie bisher Aufgabe der jeweiligen Veranstalter sein. Nur am Breitscheidplatz macht der Senat in diesem Jahr eine Ausnahme – und übernimmt auch die Rechnung von mehr als 2,6 Mio. Euro."

    Es gab doch im letzten Jahr ein Gerichtsurteil, demzufolge das Land Berlin die Sicherheitsmaßnahmen an Weihnachtsmärkten bezahlen muss. Insofern verwundert die Aussage, dass die Kostenübernahme am Breitscheidplatz eine Ausnahme sein soll...

  3. 3.

    Schon verrückt,wenn man sich das Ganze mal vor Augen führt. 2,6 Mio Euro.. Was kostet denn der Rest von dem Weihnachtsmarkt?

  4. 2.

    Es ist ja auch höchst fraglich, dass ein schonmal für Terroranschläge genutztes Ziel ein zweites Mal für einen solchen ausgewählt wird. Im Gegenteil, die Terroristen versuchen doch gerade, uns immer und überall ein Gefühl der dauerhaften Unsichereit und Angst einzujagen. Da werden sie kaum ein zweites Mal in dieselbe Kerbe hauen. Die Schutzmaßnahmen am Breitscheidplatz können allemahl dazu diesen, den Besuchern, denen hier in Anbetracht der Ereignisse vor 2 Jahren mulmig wird, mehr Gefühl von Sicherheit zu verschaffen. Was ist mit den restlichen Veranstaltungen, dem alltäglichen Leben? Man kann nicht alles schützen, einmauern. Genau diese dauerhafte Angst wollen die Terroristen doch erzielen...

  5. 1.

    Sag mir doch endlich einer, dass das alles nicht wahr ist.....sorry, dies bekomme ich ja jeden Tag von höchst amtlichen Stellen gesagt und ich solle gefälligst nicht so BESORGT sein!

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