Stadt setzt Lastenräder zum Recycling ein
Video: zibb | 09.11.2018 | Cenan Köhler | Bild: rbb

Pilotprojekt in Berlin-Neukölln - Der alte Fernseher radelt in sein neues Leben

In Neukölln wird derzeit alles eingesammelt, "was gut erhalten ist und nicht mehr gebraucht wird". Der Berliner Senat will die Menschen mit der "Re-Use"-Initiative zum Wiederverwenden bewegen. Für den Transport setzt er auf Lastenräder. Von John Hennig

Ein Keyboard, ein Kinderfahrrad, ein Paar Skier und ein 1.000-Teile-Puzzle - hoffentlich noch vollständig - das ist die Ausbeute der ersten Tour von Friedrich Stachwitz, die in einem Container in der Rollbergstraße in Berlin-Neukölln landet.

Stachwitz hat gerade seine erste Runde gedreht, mit dem Lastenrad ist er Neuköllner Wohnungen abgefahren, die vorher eine Abholung beantragt hatten. "Ich dachte mir, das ist doch eine gute Gelegenheit etwas loszuwerden, das noch gut funktioniert, was man nicht wegschmeißen muss und womit jemand noch Spaß hat", sagt Jan Beznoska, der das Keyboard abgegeben hat.

Kein Sperrmüll, sondern Wiederverwendung

Im Rahmen eines Pilotprojekts der Senatsinitiative "Re-Use Berlin" [berlin.de] werden seit Donnerstag und noch bis Samstag Haushalte in Neukölln von insgesamt drei Lastenrädern angefahren. Wer dort wohnt und nicht mehr benötigten Hausrat abgeben will, konnte auf den Internetseiten der Senatsinitiative ein Bestellformular ausfüllen.

Abgeben kann man der Ankündigung zufolge alles, "was gut erhalten ist und nicht mehr gebraucht wird". Dazu zählen zum Beispiel Kleinstmöbel, Elektrogeräte, Textilien, Spielzeug und Bücher. Denn für die Müllverbrennungsanlage seien diese Güter nicht gedacht. Es geht ausdrücklich nicht um eine Sperrmüll-Abholung, sondern darum, wiederverwertbare und noch funktionierende Dinge einzusammeln.

Die bei den Kiezsammeltagen mit den Lastenfahrrädern eingesammelten Dinge werden anschließend in einem Pop-up-Store in der Neuköllner Rollbergstraße für wenig Geld verkauft. Der Erlös soll vollständig an Zero-Waste-Projekte gehen. Denn die Stadt Berlin ist seit dem Sommer bestrebt, eine der ersten Großstädte der Welt zu werden, die möglichst wenig eigenen Müll produziert und ihren Abfall möglichst vollständig recycelt - eine so genannte "Zero Waste City". Seitdem hatte es bereits andere Aktionen unter dem Claim "Re-Use Berlin" gegeben. So eröffnete die Berliner Stadtreinigung (BSR) im Recyclinghof Ruppiner Chaussee bis zum 16. November eine Güter-Annahmestelle - ein wenig nach dem Vorbild des DDR-Recyclingsystems Sero. Damals sammelten vor allem Kinder und Jugendliche wiederverwertbare Altstoffe, um ihr Taschengeld aufzubessern. Nun sollen alle dabei helfen. Die abgegebenen Gebrauchtwaren will die Senatsverwaltung an soziale Einrichtungen weitergegeben.

Gebrauchtwaren sollen attraktiver gestaltet werden

Das Ziel der konzertierten Aktion "Re-Use Berlin" der Senatsverwaltung ist es, den Gebrauchtwarenmarkt in Berlin für alle attraktiver zu gestalten, dadurch Abfallmengen zu reduzieren und Produktionskreisläufe ökologisch sinnvoller zu gestalten. Mit "Re-Use" könnten Menschen preiswert einkaufen, die Umwelt und das Klima würden geschützt, sagte Senatorin Regine Günther (parteilos) bei der Vorstellung. Soziales und Ökologie gingen Hand in Hand. Die Senatorin rief die Berliner zum Mitmachen auf. Produktions- und Konsumkreisläufe sollen ökologischer gestaltet und Abfallmengen reduziert werden.

Zu Beginn konnten Berliner gut erhaltene Dinge wie Kleinstmöbel und alles Brauch- und Tragbare unter anderem zu den Markt-Sammeltagen am Kollwitzplatz oder in der Akazienstraße bringen. Zum Projekt gehört auch ein Wettbewerb, bei dem jeder noch bis zum 25. November seine ganz persönliche Idee für mehr Wiederverwendung in der Stadt einreichen kann. 

In Berlin sind den Angaben zufolge 2016 rund 150.000 Tonnen Sperrmüll sowie Elektro- und Elektronikaltgeräte aus Privathaushalten zur Entsorgung angefallen. Viele der weggeworfenen Dinge seien jedoch noch brauchbar oder können repariert und wiederverwendet werden, hieß es.

231 Lastenräder wurden in Berlin gefördert
Bild: Grafik: rbb|24 | Bild: imago/Inga Kjer

231 Lastenräder wurden gefördert

Mit dem Pilotprojekt soll aber auch weiterhin die Frage geklärt werden, wie gut Lastenräder als Transportmittel im Recycling-Bereich geeignet sind. Im Juli lief das Förderprogramm für Lastenräder an, bei dem zunächst 200.000 Euro an Interessierte verteilt wurden - 70.000 Euro für gewerbliche Interessenten und 130.000 Euro für private Nutzer einschließlich solcher, die sich den Lastesel beispielsweise in der Hausgemeinschaft teilen wollen.

1.900 Anträge gingen bei der Senatsverwaltung ein, die meisten mussten abgelehnt werden, denn die Summe reichte am Ende für insgesamt 231 Lastenräder - 170 privat und 61 gewerblich beantragte. Die Glücklichen wurden bereits bis Ende Oktober versandt, nun folgen die - deutlich mehr - Nachrichten an diejenigen, die zunächst leer ausgegangen sind. Diejenigen, die sich vergeblich um die Förderung für den Kauf eines Lastenfahrrades beworben hatten, können immerhin aufs nächste Jahr hoffen. Dann stehen sogar 500.000 Euro zur Verfügung.

Lastenräder seien eine echte Alternative zu Autos und Lieferwagen, heißt es bei der Umwelt- und Verkehrsverwaltung, begründet sie ihren Einsatz für die neuen Verkehrsteilnehmer. Die Suche nach einem Parkplatz entfalle weitgehend und der Unterhalt der etwa 2.000 bis 5.000 Euro teuren Räder sei kostengünstig.

Sendung: zibb, 09.11.2018, 18.30 Uhr

Beitrag von John Hennig

Kommentar

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Antwort auf [Ulrich Petzinna] vom 10.11.2018 um 10:08
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8 Kommentare

  1. 8.

    Zustimmung! Aber es klingt eben hipper auf Englisch. Finde das Absterben der deutschen Sprache in vielen Lebensbereichen ebenfalls traurig.

  2. 7.

    Warum muss in der Hauptstadt Deutschlands ein Pilotprojekts der Senatsinitiative "Re-Use Berlin" heißen und andere Aktionen "unter dem Claim "Re-Use Berlin" laufen?
    Schämt man sich etwa der eigenen Sprache oder möchte man den Großteil der einheimischen(schon länger hier lebenden) Bevölkerung vielleicht garnicht damit erreichen?
    Es geht ja wohl nicht darum, Müll in New York, London oder Melbourne abzuholen sondern in einer Stadt in der(noch) deutsch die übliche Kommunikationssprache und eigentlich auch die Amtssprache ist.

  3. 5.

    ich hab ein Sofa,Kühlkombi und einen alten Fernseher zum entsorgen....das wär doch mal was fürs Lastenrad........das wird ja ein Spass auf den Berliner Radwegen...:o)

  4. 4.

    Wer holt in Steglitz so etwas ab? Ich habe immer Probleme damit, Zeug zu spenden. Ich möchte aber nicht selber schleppen.....

  5. 3.

    Coole Sache. Hätte gern eher davon gelesen, hab auch noch viel alten Kram.

  6. 2.

    Bitte nicht noch mehr Fahrradwege auf Straßen. Wie schön war es mal in Berlin (West und Ost), als man noch meistens 3 Spuren zur Verfügung hatte als Autofahrer und Staus eine Seltenheit waren. Aber nur die billige Lösung für Radwege, indem man den Autofahrern nur noch 1 Spur lässt, weil eine als Parkzeile dient und die andere für Radfahrer, ist zwar billig realisiert, aber unsinnig und Auto feindlich. Jeder soll sein Recht haben. Daher Komplettumbau und weg mit den nutzlosen Mittelstreifen, wo einst die Tram fuhr, oder eine Verkleinerung unsinnig breiter Fußwege. Aber das kostet hat was.

  7. 1.

    Nur die Radwege sind leider sehr, sehr, sehr SELTEN für Lastenräder ausgelegt. Und für viele Autofahrer scheint es sehr, sehr, sehr schwer zu akzeptieren, dass deswegen ein Lastenrad die komplette Breite einer Autospur in Anspruch nimmt. Ein schneller Ausbau des Radwegenetzwerkes kann den Transport mit Lastenrädern erheblich beschleunigen und SICHERER für alle machen. Dazu gehört auch die Sanierung von total kaputten "Fahrradstraßen", wie z.B. der von Schlaglöchern zerfressenen Bergmannstraße nahe dem Südstern. Oder die Sanierung der Radwege an der Oranienstraße, da Bezirk und Senat zusammen mit der dysfunktionalen "Verkehrslenkung" es da seit vielen Jahren nicht schaffen Busspuren statt Dauerparkplätzen (vom Görlitzer Bahnhof bis zur Axel-Springer Str.) einzurichten. Auch der ÖPNV kann noch schneller und attraktiver werden auch durch Busspurnetzwerke in Kreuzberg (@spd&grüne).

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