Pilotprojekt Gesichtserkennung: Eingang zur Westhalle des Bahnhofs Südkreuz in Berlin-Schöneberg (Quelle: rbb/John Hennig)
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Video: Kontraste | 22.11.2018 | Markus Pohl | Bild: rbb|24

Gesichtserkennung am Südkreuz - Wenn jeder Tausendste zum Verdächtigen wird

Innenminister Seehofer feiert den Testlauf zur Gesichtserkennung am Bahnhof Südkreuz als großen Erfolg. Doch Experten warnen im ARD-Magazin "Kontraste": Bei flächendeckender Einführung würden tausende falscher Alarmmeldungen drohen - täglich. Von Markus Pohl

Für Innenminister Horst Seehofer ist alles klar: Die automatische Gesichtserkennung, mit der die Sicherheitsbehörden künftig Terrorverdächtige und andere Gesuchte aufspüren wollen, kann auf den Weg gebracht werden. "Positiv, sogar sehr positiv" bewertet Seehofer die Ergebnisse des ein Jahr währenden Probelaufs am Berliner Bahnhof Südkreuz gegenüber dem ARD-Magazin "Kontraste".

Risikoforscher wirft Seehofer "Un-Statistiken" vor

Mehr als 80 Prozent der freiwilligen Teilnehmer seien vom besten der getesteten Überwachungssysteme richtig erkannt worden. Die Rate falscher Treffer liege bei unter 0,1 Prozent. "Wenn die Politik nur 0,1 Prozent Fehler machen würde, dann wären wir gut", sagt Seehofer und lacht.

Es sind Sätze wie diese, die Professor Gerd Gigerenzer in Rage bringen. Der renommierte Berliner Risikoforscher wirft dem Innenminister vor, "Un-Statistiken" zu verbreiten: "Man präsentiert die Zahlen so, dass man aus einer nicht beeindruckenden Zahl eine beeindruckende macht." Denn tatsächlich wäre eine Falschtrefferrate von 0,1 Prozent ein massives Problem.

Schwindelerregende Zahlen bei flächendeckender Einführung

Im Kern bedeutet sie, dass von allen Überprüften jeder tausendste fälschlicherweise als gesuchte Person identifiziert wird. Allein am Berliner Südkreuz sind aber täglich 160.000 Reisende und Besucher unterwegs. Es würden also 160 Menschen zu Unrecht ins Visier geraten - und das jeden Tag. Schwindelerregend werden die Zahlen bei einer flächendeckenden Einführung von Gesichtserkennungssystemen an Bahnhöfen.

Die Deutsche Bahn zählt täglich 12,7 Millionen Reisende. Eine Fehlerrate von 0,1 Prozent führt dann täglich zu 12.700 Falsch-Verdächtigungen unbescholtener Bürger, die vermutlich kontrolliert werden müssten.

Bundespolizei beschwichtigt

Wie die Bundespolizei diese Flut an Kontrollen bewältigen soll, bleibt völlig unklar. Zumal die Gesichtserkennung laut Bundespolizei eingesetzt werden soll, um islamistische Gefährder aufzuspüren - also Personen, denen schwere Straftaten und Anschläge zugetraut werden. Droht an den Bahnhöfen also ein permanenter Ausnahmezustand, weil im Minutentakt vermeintliche Terrorverdächtige identifiziert werden? Die Bundespolizei versucht, solche Bedenken zu zerstreuen.

Aus einer Treffermeldung folge nicht automatisch eine Personenkontrolle, heißt es im Abschlussbericht zum Testlauf am Südkreuz. Darüber würden Polizeibeamte in den Einsatzzentralen entscheiden. Fehlerhafte Treffermeldungen sollten diese per "visuellem Abgleich" mit den Fahndungsfotos korrigieren.

"Technik ist noch nicht so weit"

Der Medieninformatiker Professor Florian Gallwitz hält das für abwegig: "Die Gesichtserkennungssysteme sind dem Menschen längst überlegen. Das ist unrealistisch und naiv zu glauben, dass der Beamte da eine Entscheidung treffen kann." Angesichts der veröffentlichten Fehlerraten der Testphase am Südkreuz zieht auch Gallwitz einen eindeutigen Schluss: "Aus meiner Sicht hat der Test klar gezeigt, dass die Technik noch nicht so weit ist."

Sendung: Kontraste, 22.11.2018, 21.45 Uhr

Beitrag von Markus Pohl

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21 Kommentare

  1. 21.

    Sie verwechseln offensichtlich Prävention mit Strafverfolgung. Beides wird nicht "durch" Kameras oder "durch" Software bewerkstelligt, wie immer stereotyp polemisiert wird, sondern nur durch das Personal. Wenn die Sicherheitsbehörden Gefährdern allerdings nicht nachgehen, passiert da auch nichts. Das haben wir bei Amri gesehen. Man hätte aber jemanden wie ihn mit Gesichtserkennung evtl. eher stellen können als erst in Italien.
    Videoüberwachung hatte in London einen Erfolg an Kriminalitätsschwerpunkten, weil die Polizei d. gefilmten Vergehen dann auch verfolgt hat. Wenn man das unterlässt, kann es keinen Erfolg geben.
    Den Terrorismus in GB kann man nun wieder nicht mit dem Erfolg an Kriminalitätsschwerpunkten durch Videoüberwachung vergleichen, Äpfel und Birnen, weil Anschläge an einem Ort nicht regelmäßig vorkommen, während Kriminalitätsschwerpunkte eben mit Alltagskriminalität belastet sind. Betonpfeiler am Breitscheidplatz verhindern auch keinen Anschlag woanders usw.

  2. 20.

    Alles schon passiert. Sie geben es ja selbst zu.

    Und es wären ja nicht die "falschen" Wohnungen wenn das System sicher ist den richtigen Straftäter/Terroristen/wen-auch-immer zu haben. Und schon setzt sich die Maschinerie in Gang.

    Auf den Rest ihrer verzweifelten und abstrusen "Argumente" möchte ich nicht eingehen, das ist unter meinem Niveau.

  3. 19.

    Haarsträubender Unsinn hoch zehn! Die Kameras in Bahnhöfen der BVG usw. führen keine Gesichtererkennungen durch und "etliche" Gewalttäter mehr laufen deswegen auch nicht herum.

    Rechnen sie mal die Fälle hoch wonach nach schweren (!) Verbrechen Verbrecher gefasst wurden. Das wird von ihnen und ihresgleichen nur dermaßen aufgebauscht dass es in keinster Weise der Realität entspricht.

    Jeder Stasi Offizier hätte bei ihrer absurden "Argumentation" verzückt die Augen verdreht und sich gewünscht ihm wäre das eingefallen.

  4. 18.

    Manche kennen wohl nicht den Unterschied zwischen "normaler" Videoüberwachung und AUTOMATISCHER Gesichtserkennung zur Videoüberwachung. Dass Videoüberwachung nichts bringt konnten wir bei diversen Anschlägen im Ausland, u.a. England, wo die Videoüberwachung sehr stark ausgeprägt ist, sehen. Trotzdem gibt es immer noch Leute, die denken, dass Videoüberwachung irgendetwas verhindert, und genau DAS ist NICHT der Fall...

  5. 17.

    Abstruse konstruktierte Horrorszenarien: Dass das SEK in die falschen Wohnungen zu den falschen Leuten kommt, kommt a) äußerst selten vor und dann b) auch noch völlig ohne die neue Technik.
    Bei der o. g. Technik würde es zu mehr Überwachung und Kontrollen im öfffentlichen Raum kommen und nicht zu "Besuchen bei schlafenden Kindern". In Supermärkten oder Hausfluren läuft auch keine Gesichtserkennung.

  6. 16.

    Es gibt eine lange Liste von jetzt verurteilten Gewalttätern, die jeweils nur über diese Aufnahmen gefasst werden konnten. Manchmal hat es ewig bis zur Veröffentlichung der Aufnahmen gedauert (muss richterlich bewilligt werden), während die Täter dann nach wenigen Tagen identifiziert waren.
    Parallel ist auch die Zahl der in Dt. nicht vollstreckten Haftbefehle besonders hoch, also wenn die Identität von Tätern schon eindeutig feststeht. Zum Abbau könnte man natürlich mehr Personen- und Grenzkontrollen einsetzen, was sich beim G20 "zufällig" als besonders zielführend erwiesen hat, aber das wird ja im Alltag kaum gemacht.

  7. 15.

    Die besagten Kameras dienen vor allem der Unterstützung der Zugabfertigung und dies deshalb, weil die klassischen Zugabfertigenden nahezu allesamt eingespart worden sind. Zum Zweiten lassen sich hinterher Auswertungen vornehmen. Irgendwelche abschreckende Wirkung auf Gewalttäter lässt sich daraus aber nicht ableiten. Selbst der periodisch erschallende Hinweis, dass das Rauchen auf Bahnhöfen zu unterlassen sei, hat sehr einschlägig veranlagte Charaktere nicht zum Unterlassen des Rauchens gebracht, während die allgemeine Einhaltung des Rauchverbots seitens weniger einschlägig veranlagte Charaktere selbstverständlich geworden ist.

    Ergo: Verbote und Regeln führen zur Konsequenz bei denen, die wissen, dass ohne solche Regeln vieles aus dem Ruder laufen würde. Die hartnäckigen Charaktere, die sich im Zentrum der Welt glauben, setzen sich ebenso darüber hinweg, wie es denen auch egal ist, ob sie von 34 Kameras nun gefilmt werden oder nicht.

  8. 14.

    Ggf. sehen wir das etwas unterschiedlich, was das bewusste Herbeiführen davon angeht und die willentliche Inkaufnahme. Für mich liegt der springende Punkt in dem verführerischen wie fatalen Satz: "Der Erfolg gibt recht."

    Mit einem herbeizitierten, irgendwie gearteten "Erfolg" läßt und ließe sich alles rechtfertigen. Nicht der so bezeichnete "Erfolg" in einem unabdingbaren Umgang mit Kriminalität ist allein entscheidend, immer ist es die Abwägung zwischen Zweck und angewendeten Mitteln.

    Im Zuge der Sicherheitshysterie, die mittlerweile ja schon zu mehrseitigen Beilagen in Tageszeitungen führt, scheint mir der Abwägungsgedanke immer mehr zu verschwinden. Auch der Gedanke der Prävention und die eigene Beteiligung an den Ursachen, soweit politisch-kulturelle Motive eine Rolle spielen.

    Wer die Welt zwischen "Gut" und "Böse" einteilt und das zum alleinigen Credo erklärt, kommt eben zur Denkhaltung, einem solchen "Bösen" mit nahezu allen Mitteln "auf´s Haupt" zu schlagen.

  9. 13.

    "Es ist ein unzulässiges Mittel, dessen Nutzen in keinerlei angemessenem Verhältnis zur rechtlichen Beschneidung von Bürger..." Das ist populistische Hysterie. Jeder läuft in der U-Bahn usw. durch Kameras und wenn wir die nicht hätten, würden hier etliche Gewalttäter mehr frei herumlaufen und weiter "wirksam sein" dürfen. Das kann man niemand ernsthaft "verlangen".

  10. 12.

    Ja, habe ich auch nicht verstanden. Ich vermute man wollte die Warnungen, bzw. die Experten irgendwie damit diskreditieren indem man mit abstrusen Vorwürfen die Autoren angreift. *shrug*

    ...

    Man muß sich mal kurz die Folgen für die Betroffenen solcher in Kauf genommenen Fehlalarme vor Augen führen.

    SEK Einsatz morgens früh in der Nacht, vllt. noch Kinder die in die Mündungen von MP's gucken und von vermummten Männern geweckt wurden und die Blicke der Nachbarschaft wenn man mit Handschellen abgeführt wird.

    Da kann man sich dann gleich ein neues Haus kaufen oder umziehen nur weil irgendwelche ITler und Politiker an die Allmacht der Technik glauben.

    Und wie rbb-24-nutzer vollkommen richtig anmerkte, der sicherste Weg in einen Polizeistaat und Diktatur.

    Das sind mir in der letzten Zeit ein paar Versuche zuviel hier eine Diktatur inkl. Totalüberwachung einzuführen.

  11. 11.

    Ich lese in Ihrem Beitrag nur eine Reihe von Anwürfen. Allerdings haben Sie keinen davon näher ausgeführt, auch nicht, wo der Dreisatz falsch angewendet wurde. Könnten Sie als "relativ mathematisch Unbegabter" das ggf. noch nachholen?

  12. 10.

    Ich kann ein Thema diskutieren, könnte dagegen oder dafür sein und dementsprechend sachlich argumentieren.
    Begründe ich meine Argumentation unter Zuhilfenahme der Mathematik, hier insbesondere der Statistischen Methoden, dann sollte ich folgendes wissen:
    Mathematik ist in ihren Aussagen eindeutig, wenn man sie beherrscht. Die Art und Weise wie der Verfasser und Verantwortliche des Artikels hier seine Argumentation untermauert, ist mir als relativ mathematisch Unbegabter sehr peinlich. Für solch Produkt schäme ich mich allerdings dennoch fremd.
    Hier wird unterstellt, das der Zuschauer nicht mal einen Dreisatz rechnen kann bzw. sich in statistischer Methodik auskennt.
    Kontraste verkommt Dank solch begabter Autoren zur Daily Soap des Abends. Tschüssikowsky


  13. 9.

    Wenn bei 12,7 Millionen Reisende/Tag 0,1 Prozent irrtümlich als Verbrecher erkannt werden, sind das nicht 12.700 Falsch-Verdächtigungen unbescholtener Bürger, sondern ein Vielfaches davon. Denn sie werden nicht nur am Einsteigebahnhof sondern auch an den Umsteige+Aussteigestationen falsch erkannt.

  14. 8.

    Ich überleg grad, wie ich entscheiden würde. Das System meldet mir, es hat einen Treffer gelandet. Da das System ja fast (!) fehlerfrei arbeitet, muss ich nun abwägen, ob es sich irrt oder ich vorsichtshalber Alarm gebe... Tja. Was wird wohl der Faktor Mensch dann machen? Gebe ich keinen Alarm und es passiert etwas, bin ich der Depp. Schlage ich unnötig Alarm heißt es vermutlich nur, es lag eben im Bereich des Möglichen und sicher ist sicher.... hm.

  15. 7.

    So ist das eben mit den Zahlen. Sie sprechen eben "nicht für sich", sondern sie sind allenfalls ein Abbild des Kontextes, über den sie Auskunft geben sollen.

    0,1 % Fehler in Klassenarbeiten - da würde sich jeder Klassenlehrer und jeder Schüler drüber freuen.
    0,1 % Fehler bei der Gesichtserkennung bei 160.000 Fahrgästen täglich, wären eben wie zurecht beschrieben wurde, tgl. 160 Verdächtige.
    0,1 % Tote auch nur jährlich im Straßenverkehr, bei 99,9 %, die durchkommen, wäre eine verheerende Bilanz, wie sich jeder selbst ausrechnen kann.

    Dass Menschen die Letztentscheidung treffen, ist eine formale Setzung und letztlich ein frommer Wunsch. Weil die Rechenmaschine das sehr viel schneller kann als der Mensch, dreht sich das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine um, der Arbeitsersparnis willen und auch aufgrund der Faszination - der Mensch als Ausführender eines maschinellen Programms.

    Da liegt der Hase im Pfeffer. Fern unserer menschlichen Sinne ...


  16. 6.

    Eines der Hautprobleme dabei ist, dass ein Großteil dieser 0,1% dann jedes einzelne mal falsch erkannt würde. Das könnte für die Betroffenen sehr unschön werden...

  17. 5.

    Aus dem Text geht eindeutig hervor, dass es sich bei den 0,1% um FALSCH ZUGEORDNETE Treffer handelt, nicht um nicht erkannte Personen. Ausgehend von Ihrem Beispiel also Fehler a. Wenn man selbst nichts versteht, sollte man das eventuell nicht anderen vorwerfen.

  18. 4.

    Leider beschäftigt man sich hier mit Symptomen statt mit dem eigentlichen Kern des Problems. Es geht nicht darum, welche Fehlerquote eine anlasslose Massenüberwachung mit sich bringt, sondern um den massiven Grundrechtseingriff. Und wenn die Fehlerquote bei "0" läge, würde der Rechtseingriff schwerer wiegen als mögliche Fahndungserfolge. Es ist ein unzulässiges Mittel, dessen Nutzen in keinerlei angemessenem Verhältnis zur rechtlichen Beschneidung von Bürger*innenrechten steht.

    Es trifft zu, dass weiträumige Videoüberwachung in vielen Bereichen des städtischen Lebens angewendet wird. Das rechtfertigt mitnichten diese oder weitere Eingriffe, ob durch den Staat oder wie bei diesem Projekt verdeckt, Konzerne: Man darf an die Sponsoren der Südkreuztests erinnern. Das hieße neben den benannten rechtlich ohnehin schon bestehenden Problemen eine Abgabe des staatlichen Gewaltmonopols an Private. Das alles hat mit Demokratie nichts zu tun. Sicherheit für und nicht vor Bürger*innen!

  19. 3.

    Wenn Politik auf Sachverstand trifft.... Die Fehlerquote führt zu einer enormen Mehrarbeit bei der Nachkontrolle durch die Polizei. Dann kommt nich mögliches menschliches Versagen hinzu. Die Zahl der Falsch-Verdächtigungen ist einfach erschreckend hoch. Als Politiiker würde ich ja die Meinung der Experten beachten. Sonst steht das SEK in der Wohnung eines Unschuldigen. Oder ein Bahnhof wird unnötig abgeriegelt. Leider hat Serhofer schon Lagen falsch eingeschätzt und sich nachträglich revidieren müssen.

  20. 2.

    Wir wäre es denn mal mit Belegen und gar Beweise für ihre rechtspopulististischen Lügenmärchen?

    Einfach mal so in den Raum stellen "nee, stimmt ja garnicht" klingt unheimlich glaubwürdig.

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