Symbolbild: Obdachlose haben in Berlin Tiergarten ihre Zelte aufgeschlagen. (Quelle: dpa/Zinken)
Bild: dpa/Zinken

Modellprojekt in Berlin - Erste Obdachlose erhalten Mietvertrag über "Housing First"

Einen Mietvertrag abschließen – für Berliner Obdachlose nahezu unmöglich. Durch das Projekt "Housing First", das von einem bedingungslosen Recht auf Wohnen ausgeht, haben nun die ersten Hoffnung auf Weihnachten in den eigenen vier Wänden.

Im Modellprojekt "Housing First" für Berliner Obdachlose sind die ersten Wohnungen gefunden worden. Nach Angaben der Träger des im Oktober gestarteten Projekts könnten drei Mietverträge bald unterzeichnet werden. Stefanie Albig vom Sozialdienst teilte mit, eine Wohnung sei gefunden worden, die ab dem 1. Dezember an eine Frau vermietet werden könne.

Die Berliner Stadtmission, der gemeinnützige Verein Neue Chance und der Sozialdienst katholischer Frauen organisieren die Wohnungssuche. Neue Chance habe zwei Wohnungen akquiriert, die derzeit noch renoviert und Mitte Dezember vermietet werden sollen, teilte Sebastian Böwe von der Immobilienverwaltung des Vereins mit.

Zuerst die Wohnung, dann der Entzug

Bis zu 80 Obdachlose sollen im Rahmen von "Housing First" in Berlin unkompliziert eine Wohnung bekommen. Bislang müssen sie viele Voraussetzungen erfüllen, um eine Wohnung zu erhalten, zum Beispiel mögliche Schulden oder Sucht in den Griff bekommen. Daran scheitern viele. Bei dem Projekt sollen die Wohnungen bedingungslos vergeben werden.

Doch die Suche nach den Wohnungen ist angesichts des angespannten Berliner Immobilienmarktes kein leichtes Unterfangen. Die beiden ersten Ein-Zimmer-Wohnungen habe der Verein Neue Chance bei einem privaten Vermieter in Tempelhof-Schöneberg gefunden, sagte Böwe. Darüber hinaus habe auch eine Wohnungsbaugesellschaft Unterlagen der potenziellen neuen Mieter angefordert. "Es läuft", sagte Böwe optimistisch.

Auch der Sozialdienst katholischer Frauen stehe in weiteren Verhandlungen, berichtet Albig. Es gebe aber auch immer wieder Vermieter, die von der Klientel weniger begeistert seien. Der Verein will auch unkonventionelle Wege gehen, zum Beispiel in allen Pfarreien fragen, ob Privatanbieter Wohnungen haben und Vereine oder auch Vermieterinnen von Ferienwohnungen ansprechen.

Wohnungen werden über Wartelisten verteilt

"Housing First" ist laut Sozialverwaltung in Städten wie Amsterdam oder Kopenhagen bereits erfolgreich erprobt. Das Konzept zur Beendung von Obdachlosigkeit stammt ursprünglich aus den USA. Der Kerngedanke sei ein bedingungsloses Recht auf Wohnen, heißt es in der Projektbeschreibung [pdf, housingfirstberlin.de]. Im Gegensatz zu herkömmlichen Formen des betreuten Wohnens würde das Mietverhältnis vom Unterstützungsangebot entkoppelt und keine Bewährung oder Bereitschaft zu Abstinenz oder Therapie vorausgesetzt. Dabei arbeite "Housing First" mit der "Erfüllung des Grundbedürfnisses nach einem sicheren Zuhause, welches die Basis für eine Regeneration der Selbsthilfekräfte und die Aktivierung der vorhandenen Ressourcen darstellt", heißt es weiter.

Die Obdachlosen werden mit der Wohnung nicht alleingelassen. Der Mietvertrag ist der erste Schritt, dann stehen den Obdachlosen Sozialarbeiter, Hauswirtschafter, aber auch ehemalige Obdachlose zur Seite stehen. Die Wohnungen sollen über Wartelisten oder Auswahlgespräche verteilt werden.

Die Senatssozialverwaltung stellt für 2018 Jahr 143.000 Euro und im kommenden Jahr 580.000 Euro zur Verfügung. Zunächst soll das wissenschaftlich begleitete Projekt drei Jahre dauern. Ihre Wohnungen sollen die Mieter aber auch nach Projektende behalten. "Wir wollen keine befristeten Verträge", betont Böwe. In Berlin gibt es geschätzt 4.000 bis 6.000 Menschen, die auf der Straße leben - Tendenz steigend.

Sendung: Inforadio, 14.11.2018, 10:00 Uhr  

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

12 Kommentare

  1. 12.

    bpb-"Eine Geschichte der Obdachlosigkeit im 19. und 20. Jahrhundert". Und das ist nur eine Quelle. Viel Spaß beim Informieren. LG

  2. 11.

    Falsch! Zitat: "In der DDR gab es ein verfassungsmäßig verbrieftes „Recht auf Wohnung“. So gab es eben keine Obdachlosen. " (Friedrich Schorlemmer) Lesen Sie sich einfach den Art. 37 der DDR-Verfassung durch, und danach überlegen Sie sich bitte, welche Auswirkungen es hat, wenn der Mietzins nur 2-4% des jeweiligen Haushaltseinkommens beträgt. Richtig: jeder kann die Miete bezahlen.

  3. 10.

    Sie reden Unfug. Ich habe die DDR 25 Jahre erlebt - also sehr bewußt - und das auch in zwei Großstädten. Den ersten Obdachlosen habe ich 1990 bei uns gesehen. Ich war schockiert. Zu dieser Zeit begann man dort auch eine Obdachlosenunterkunft einzurichten. Die Miete konnte man früher aus der Portokasse zahlen. Wohnungskündigungen oder Zwangsräumungen gab es nicht. Also erzählen Sie hier nichts vom Pferd!

  4. 9.

    " Der Mietvertrag ist der erste Schritt, dann stehen den Obdachlosen Sozialarbeiter, Hauswirtschafter, aber auch ehemalige Obdachlose zur Seite stehen. " Und die helfen dann beim "Verrottenlassen"? @ g.m..... Und können den "bewohnbaren Zustand" nicht halten? @ Elblandelli....

  5. 8.

    Wie schwierig es ist, die Wohnungen dann auch in bewohnbarem Zustand zu halten, weiß jeder, der in der Sozialarbeit mit Suchtkranken und psychisch Kranken tätig ist. Ein Dok-Film über den jungen Mann, der diesen Menschen kleine Holzhäuser baut und ihnen sogar ohne Kosten übereignet, aber sie auch versucht hat zu begleiten, zeigte das kürzlich noch einmal auf. Also bitte keine Sozialromantik, sonst kommt schnell die große Enttäuschung!! Mein Appell geht an alle, die unter "Störenfrieda" schreiben ;)

  6. 7.

    "Bei dem Projekt sollen die Wohnungen bedingungslos vergeben werden." Das wird nicht funktionieren, dann würden die z. T. schnell verrotten. Gemeint ist sicherlich sowas wie "trotz Schulden" etc.

  7. 6.

    Sie werfen da einiges durcheinander. In der DDR standen einfach viel zu viele nicht renovierte Wohnungen leer, daher wurden die ja auch so häufig besetzt, bei gleichzeitig Wohnungsmangel. Obdachlose wie heute, die ihre Mieten nicht zahlen können und das auch oft einfach bürokratisch nicht geregelt bekommen können, gab es so gut wie gar nicht, da die Mieten in der DDR extrem niedrig waren. War arbeiten ging, hat seine Miete einfach und ohne staatl. Unterstützung bezahlen können. Diese Ebene minimaler Quadratmeterpreise gibt es überhaupt nicht mehr.

  8. 5.

    Wo befanden sich mögliche Obdachlose in der DDR? - http://berlin-excursion.de/knast.html Zitat: "In der DDR wurde der Umgang mit „Asozialität“ bzw. „krimineller asozialer Lebensweise“ 1968 in § 249 des Strafgesetzbuchs geregelt." https://de.wikipedia.org/wiki/Obdachlosendiskriminierung

  9. 4.

    Mein ehemaliger Arbeitgeber gat nach der Wende ein Haus in der Kiefholzstraße angemietet. Die damaligen Bewohner wurden vorher zu DDR Zeiten dort in Wohnungen untergebracht. Meist Suchtkranke o.ä.

  10. 3.

    Doch. Es gab in der DDR schon Obdachlose. Die Meisten haben sich aber durch "schwarz" wohnen (illegal in einer leerstehende Wohnung) organisiert und waren dadurch im Stadtbild nicht so präsent. Einige wurden aber auch, immer wieder vorübergehend, inhaftiert, besonders wenn sie auch noch bettelten. Die DDR hat auch diese unerwünschte "Erscheinung" einfach sehr gut vertuschen können. Ich wünsche den Menschen, die jetzt durch dieses Projekt eine Wohnung bekommen, alles Gute für die Zukunft.

  11. 2.

    "Housing First" wurde in der DDR "republikweit" praktiziert( und "gesellschaftwissenschaftlich" begleitet).
    Noch gibt es Akteure dieses Projektes, z.B. Egon Krenz. Die rot-rot-grünen Aktivisten de Gegenwart sollten diese Politveteranen mal einladen und sich informieren lassen wie das ging.
    Als Akt des guten Willens könnten zunächst, im Rahmen des Gedenkens an den November 1918, in der schönen Neuen"Hohenzollenresidenz" im Herzen der Stadt 500 Kleinstwohnungen für Wohnungslose eingerichtet werden.
    Die 500 "Wohnprobanden" bitte wissenschaftlich begleiten( die Wissenschaftler/innen können ja miteinwohnen,Platz ist genug), dann kommen mal einige Soziolog/Innen aus dem Harz IV Bezug raus und verdienen gutes Geld.

  12. 1.

    Das ist so unterirdisch. Obdachlose hat sich ja nicht mal die DDR geleistet.

Das könnte Sie auch interessieren