Marianne Birthler, die frühere Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, spricht am 05.02.2018 auf einer Veranstaltung (Quelle: dpa/Britta Pedersen)
Audio: Inforadio | 27.11.2018 | Interview mit Marianne Birthler | Bild: dpa/Britta Pedersen

Interview | Marianne Birthler - "Viele Mitarbeiter fürchten um das Ansehen der Gedenkstätte"

Am Montag eskalierte der Streit um den früheren Direktor der Stasiopfer-Gedenkstätte Hubertus Knabe. Die Mitarbeiter wünschen sich, dass endlich wieder Ruhe einkehrt, sagt Marianne Birthler im Interview. Der Stiftungsrat hatte sie als Vertrauensperson berufen.

rbb: Wie haben Sie den Auftritt von Hubertus Knabe am Montag erlebt?

Marianne Birthler: Das war für alle Beteiligten eine sehr unerfreuliche Situation. Hubertus Knabe hätte meiner Meinung nach nicht nur sich selbst, sondern auch der Arbeit der Gedenkstätte und den Mitarbeitern einen Gefallen getan, wenn er es nicht so weit hätte kommen lassen. Für die Mitarbeiter ist das natürlich eine schwierige Situation, wenn die Gedenkstätte auf so ungute Weise in der Öffentlichkeit steht.

Sie fürchten auch darum, dass das Ansehen der Gedenkstätte leidet. Viele von ihnen sind hochmotiviert und identifizieren sich mit der Arbeit dort sehr. Ich wünschte, es wäre würdevoller zugegangen und Hubertus Knabe hätte akzeptiert, dass seine Zeit in der Gedenkstätte jetzt ein Ende genommen hat. Nach 18 Jahren im Amt ist es auch nichts Ungewöhnliches, dass nach einer bestimmten Zeit auch Führungspositionen erneuert werden.

Hubertus Knabe hält weiter an seinem Posten fest. Er hat gegen seine Kündigung geklagt. Sie haben viele Gespräche mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern geführt. Können die sich überhaupt noch eine weitere Zusammenarbeit mit Knabe vorstellen?

Ich kann das natürlich nicht endgültig beurteilen. Am Montag wurden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter über den Stand der Dinge informiert, als Hubertus Knabe zu der Versammlung hinzukam. Nach den Reaktionen, die dort zu spüren waren, hatte ich den Eindruck, dass die meisten darauf hoffen, dass es bald eine neue Gedenkstättenleitung gibt. Vor allen Dingen hoffen sie, dass Ruhe einkehrt und sie ihre Arbeit ohne solche Spektakel weiterführen können.

Sie sind als Vertrauensperson berufen worden, um den Übergangsprozess zu begleiten. Wie stellt sich dieser Prozess im Moment dar? Wie soll es weitergehen mit der Gedenkstätte?

Meine Aufgabe ist zunächst mal - in dieser doch ziemlich unruhigen und für manche auch beunruhigenden Zeit - als Gesprächspartnerin, vielleicht auch ein bisschen als Anwältin der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu agieren. Das wurde jedenfalls in den zurückliegenden Wochen sehr lebhaft in Anspruch genommen. Ich habe mit vielen gesprochen. Ich habe das auch aufbereitet, so dass die künftige Gedenkstättenleitung und auch der Stiftungsrat einen Eindruck von der Stimmung bekommen.

Können Sie einen kurzen Einblick geben?

Es war für mich sehr eindrucksvoll in wie vielen Gesprächen davon die Rede war, dass sich die Mitarbeiter mehr Mitbestimmung, mehr Transparenz und mehr Mitverantwortung wünschen. Es hat offenbar keine langfristigen gemeinsamen Strategie-Diskussionen gegeben. Oft wurden Mitarbeiter einfach mit Beschlüssen oder mit Forderungen konfrontiert.

Selbst die hochqualifizierten Mitarbeiter auf der Führungsebene waren nach meinem Eindruck mehr Ausführende als Mitgestalter. In den Gesprächen kam immer wieder sehr deutlich zum Ausdruck: "Wir können, was wir wollen. Wir wollen mitdenken und wir wollen unsere Aufgabe hier auch miteinander wahrnehmen". Das kam wohl zu kurz in der Vergangenheit. Diese klugen, mit der Arbeit identifizierten Menschen sind ein unglaubliches Kapital  - man muss sie nur machen lassen.

Nun gibt es um die Gedenkstätte nicht erst seit Bekanntwerden der Sexismus-Vorwürfe Streit. Spiegelt sich hier auch noch eine andere Auseinandersetzung wider - nämlich die über den Umgang mit der DDR-Vergangenheit und dem Unrecht, beziehungsweise die Deutungshoheit darüber?

Ich habe den Eindruck, dass das insbesondere von Herrn Knabe und Menschen, die sich an seine Seite gestellt haben, sehr einseitig gezeichnet wurde. Ich war in einigen Debatten des Stiftungsrates zugegen. Ich habe keinen Anhaltspunkt dafür gefunden, dass parteipolitische Motive eine Rolle spielen - im Gegenteil. Es ging um das Ansehen der Aufarbeitung. Und natürlich ist das ein Feld, wo es immer auch viel Streit gibt und wo die Akzente unterschiedlich gesetzt werden. Aber das Wichtigste in dieser Gedenkstätte ist die Bedeutung dieses Ortes und die Einbeziehung der Zeitzeugen in die Arbeit mit den Besuchergruppen. Das wird von niemandem infrage gestellt und das wird auch weitergehen - womöglich sogar besser weitergehen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Chronologie des Falls Hubertus Knabe

Das Interview führte Oliver Rehlinger, Inforadio.

Kommentar

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18 Kommentare

  1. 17.

    Schon lustig was Sie da schreiben, richtig lustig wird es wenn man bedenkt das der Berliner Kultursenator, laut Gesetz die Personalstelle der Gedenkstätte und somit für den Umgang der Mitarbeiter untereinander verantwortlich ist.

    Lederer wirft also jemanden raus, wofür er eigendlich gerade stehen müsste.

    Zumal Knabe im April 2018 die Staatsanwaltschaft eingeschaltet hat, die das Verfahren aufgrund einer relativierenden Stellungnahme der Berliner Kulturverwaltung wieder einstellte,man also damals keine sexuelle Belästigung feststellte.

  2. 15.

    Es ist eigentlich müßig, auf die immer wiederkehrenden Formeln wie "Schreckensherrschaft" und "Unrechtsregime" einzugehen. Ich brauche mir nur die Neuigkeiten vom heutigen Tage anzusehen, um zu wissen, wie sehr die Proportionen verlorengegangen sind. Über solche Leute wie Herrn Dr. Knabe ist einfach die Zeit hinweggegangen.
    Die Zeiten, wo es ausreichte, die Stasikarte zu ziehen. um seinen Standpunkt durchzusetzen, sollten vorbei sein. Der offene Brief von Herrn Dombrwoski spricht Bände. Herr Frauendorfer ist von der rumänischen Staatssicherheit verfolgt und misshandelt worden. Hat ihn das zu einem integren Menschen gemacht? Auch die, die sich DDR-Bürgerrechtler nennen und nennen lassen, können und müssen in ihren Handlungen hinterfragt werden. Sie gleichen in ihren Bemühungen, sich außerhalb der Kritik zu stellen, den SED Funktionären, die ich zu DDR Zeiten erlebt habe.

  3. 14.

    Sie verunglimpfen mal wieder Bürger der DDR, die sich für die gleichen Rechte, die Sie anscheinend im Westen genossen haben, gekämpft haben und damit ins Visier der Stasi kamen, sich Repressionen ausgesetzt sahen und sogar ins Gefängnis kamen. Auch War nicht jeder Dessident, sondern nur einer, der das Leben in der DDR verbessern wollte.
    Um den Freiheitsdrang zu unterbinden, bediente man sich willfähriger Personen, wie Dehm, Kahane u,a., um diesen Personenkreis zu bespitzeln, diffamieren, verraten.
    Heute wird dieser Personenkreis von der LINKEN hofiert und man bedient sich anderer Personen, wie Sie einer scheint.

  4. 13.

    In der Aufarbeitungsszene, in der ich arbeite, und in den zuständigen Aufsichtsgremien und Senatsverwaltungen, gibt es keinerlei Tendenzen, das Gedenken an das in der DDR geschehene Unrecht "Stück für Stück beseitigen zu wollen". Mein Eindruck ist vielmehr, dass Senator Lederer (Jahrgang 1974!) sehr an einer ehrlichen Aufarbeitung interessiert ist, sie sogar aktiv vorantreibt. Diejenigen, die das Gegenteil behaupten, sind wohl eher in der verschwörungstheoretischen Ecke zu verorten.
    Im Übrigen ist die Gedenkstätte Hohenschönhausen samt ihrer Beschäftigten nicht das persönliche Eigentum von Herrn Knabe, worüber er nach Belieben verfügen kann. Diese Gedenkstätte wird auch ohne Knabe sehr gute Arbeit leisten.

  5. 12.

    Wie kommen sie denn auf "Chef von Linken Gnaden"? Sie tun ja so als wäre Lederer Alleinherrscher, das ist völliger Blödsinn.
    Er hatte weder die Absetzung Knabes allein zu verantworten, er wird auch nicht den Nachfolger bestimmen.

    Sie verbreiten also klassische FakeNews. Es fällt auf dass viele DDR Dissidenten(aber bei weiten nicht alle)an den extremen rechten Rand gewandert sind, wie z.B. Fr. Lengsfeld. Genau diese Leute haben ein Interesse diese FakeNews zu verbreiten.

  6. 11.

    Die Aussage ist in der Tat "unglücklich" formuliert, keine Ahnung was Fr. Birthler damit ausdrücken wollt.

    Sie aber ignorieren die Aussagen von 40 Mitarbeiterinnen! Die rechtliche Beurteilung der Vorwürfe ist eine Sache aber auch in der freien Wirtschaft wäre eine Führungsperson sehr schnell beurlaubt worden wenn solche massiven Vorwürfe im Raum stehen würden.

    Es ist ein Hr. Knabe der der Gedenkstätte großen Schaden zugefügt hat und es noch immer tut. Hier ist jemanden sein Ego wichtiger als die Aufarbeitung der DDR Diktatur und deren perfiden Machenschaften.

  7. 10.

    Ich habe eher Angst, dass das Andenken an die SED-Schreckensherrschaft verwässert wird.
    Für die Opfer, die noch heute auf die Aufklärung hofften, die die Schuldigen benannt haben wollten, die die Spitzel enttarnt und Handlager erkennbar gemacht haben wollten, bleiben alleine.
    Ab jetzt wird die Geschichte über die Stasi und der SED geglättet.
    Wir wissen mehr über den NS-Staat und dessen Hintermänner, die Mitläufer, als über das SED-Unrechtssystem. So ist es eben, wenn man den Bock zum Gärtner macht.
    Die Opfer sind zum zweiten Mal bestraft.
    Was glaubt denn einer, was jetzt noch heraus kommt, wenn ein Chef von Linken Gnaden die Aufarbeitung übernimmt?

  8. 9.

    Interessant ist die Aussage: "Nach 18 Jahren im Amt ist es auch nichts Ungewöhnliches, dass nach einer bestimmten Zeit auch Führungspositionen erneuert werden.", welche doch ein deutliches Indiz beinhaltet, dass die Motivation nicht etwa die Vorwürfe sind, sondern ein ganz genereller - aus anderen Motiven gespeister - Wunsch nach Auswechslung der Leitung.
    "Ich war in einigen Debatten des Stiftungsrates zugegen. Ich habe keinen Anhaltspunkt dafür gefunden, dass parteipolitische Motive eine Rolle spielen - im Gegenteil. Es ging um das Ansehen der Aufarbeitung." Die Aktuere, welche ein Gedenken an das Unrecht des DDR-Staates Stück für Stück beseitigen wollen, werden dies wohl kaum öffentlich in den Debatten des Stiftungsrates vorbringen.
    Dr. Knabe wirkt als Person (in Interviews) nicht immer einfach, aber für die Gedenkstätte und deren Ansehen hat er Großes geleistet und könnte dies auch in Zukunft, wenn die Politik an einem wirkungsvollen Fortbestand der Gedenkstätte Interesse hätte.

  9. 7.

    Was ich in dieser Knabe-Debatte bei den Knabe-Verstehern nicht verstehe ist, dass ein "rechtskräftiges Urteil" gefordert wird, um ihn entlassen zu können. Als Außenstehender muss man das doch völlig entemotionalisiert betrachten: eine Kündigung oder Abberufung ist Ausdruck des Wunsches, die Zusammenarbeit zu beenden. Dieser Wunsch kann Gründe haben, muss er aber nicht zwingend. Der Beendigungswunsch ist immer und jedenfalls legitim. Deshalb ist die Kündigung eine e i n s e i t i g e Willenserklärung. Dass Knabe sich als Betroffener ärgert, ist menschlich verständlich, aber das Verhalten eines trotzigen kleinen Kindes ist schlicht unprofessionell.

  10. 6.

    Im aktuellen Kontext scheint es doch nicht darum zu gehen, was er tat, sondern was er nicht tat. Nämlich seine Mitarbeiterinnen vor sexueller Belästigung zu schützen. Der Stiftungsrat (Arbeitgeber/Auftraggeber oder wie immer dies hier heißt), war mit dieser Personalführung nicht einverstanden.

  11. 5.

    SIE machen und was vor, bzw. versuchen uns etwas vorzumachen.

    "Warum muss er sich anstelle dessen Unterstellungen in feinster Stasi Manier gefallen lassen? Ist das etwa Demokratie?"

    Ich bezweifle dass sie Stasiopfer sind wenn sie hier solche Vergleiche ziehen. Was sie hier machen ist eine unglaubliche Verhöhnung von "echten" Opfern und eine Verharmlosung der Stasi und der gesamten DDR Diktatur.

  12. 3.

    Also es gibt wohl auch Mitarbeiter/innen die voll und ganz zu Herrn Dr. Knabe stehen. Auch das gehört zur Wahrheit.
    Warten wir doch einfach mal ab.....von uns war doch keiner dabei. .

  13. 2.

    ...und die Mitarbeiter lügen alle? Und die Mitarbeiter haben auch das Gericht angelogen? Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz ist ein sehr heikles Thema. Damit traut sich eine Mitarbeiterin nicht ohne weiteres an die Öffentlichkeit. Warum glauben Sie einem Menschen mehr als der Belegschaft? Es geht hier um die Personalführung. Da hat der Vorstand versagt, oder wollen Sie das in Abrede stellen?

  14. 1.

    Machen wir uns nichts vor. Die Existenz der Gedenkstätte ist vielen ein Dorn im Auge. Sie fürchten ob ihre Pfründe. So ist jedes Mittel recht Menschen wie Herrn Knabe in Misskredit zu bringen. Dabei ist es doch ganz einfach: Wenn er wirklich was auch immer wo auch immer je tat, warum gibt es dann kein rechtskräftiges Urteil gegen ihn? Warum muss er sich anstelle dessen Unterstellungen in feinster Stasi Manier gefallen lassen? Ist das etwa Demokratie?

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