Grigori aus Bulgarien (Quelle: rbb)
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Video: Julia Rehkopf und Oliver Soos | 17.11.2018 | Bild: rbb

Obdachlose aus Osteuropa in Berlin - "Trinken, trinken, trinken - dann spürst du nichts mehr"

Schätzungen gehen davon aus, dass in der Hauptstadt bis zu 8.000 Menschen obdachlos sind, viele stammen aus Osteuropa, alleine 4.000 aus Polen. Wer sind diese Menschen und was führt sie nach Berlin? Von Oliver Soos und Julia Rehkopf

Grigori sitzt auf einer Holzpalette im Dickicht eines kleinen Wäldchens direkt am Flughafen Tegel. Um ihn herum auf dem Boden verteilt liegen Kleider, Rasierzeug, Zeitungen und leere Wein-Packungen. Er hebt einen Schlafsack auf. Dutzende Kellerasseln und Tausendfüßler fallen auf den Boden. "Wenn es geregnet hat und ich im warmen Schlafsack lag, kamen sie hineingekrabbelt - tack, tack, tack. Schrecklich. Dann musst du trinken, trinken, trinken und dann spürst du nichts mehr." Der 48-jährige Bulgare lacht und dabei fällt auf, dass er kaum noch Zähne hat.

Schlafplatz in Berlin-Tiergarten
Schlafplatz von Obdachlosen in Berlin-Tegel. | Bild: rbb/Oliver Soos

Grigori ist zum Arbeiten nach Deutschland gekommen, war auf verschiedenen Baustellen, wurde immer wieder um seinen Lohn geprellt und ist irgendwann in Berlin auf der Straße gelandet. Im Sommer hat er mit zwei weiteren Bulgaren im Wald unter einer Plastikplane geschlafen. Jeden Morgen sind sie zum Flughafen Tegel gelaufen, um Pfandflaschen zu sammeln, die die Passagiere vor dem Abflug wegwerfen. "Mein Rekord waren 56 Euro in 12 Stunden", sagt Grigori. "Ich musste immer gucken, dass nette Security-Mitarbeiter in den Terminals stehen, manche haben mich nicht reingelassen." Mittlerweile hat Grigori wieder einen Job, leider nur Schwarzarbeit.

"Mr. Gucci" hat einen streng geregelten Tagesablauf

Vytautas schläft, wenn es draußen warm ist, auf einer Bank im Park direkt neben dem Bundeswirtschaftsministerium. Für den Winter hat er sich in einer Notübernachtung in Neukölln einquartiert. Dem 60-jährigen Litauer sieht man nicht an, dass er obdachlos ist. Er trinkt keinen Alkohol und trägt meistens einen gut sitzenden schwarzen Anzug mit Krawatte. Irgendjemand hatte den als Spende in der Kleiderkammer abgegeben und zufällig passte der Anzug. "Ich mag Ordnung, ich bin im Leben noch nie unordentlich herumgelaufen", sagt Vytautas. Manche Obdachlosen nennen ihn "Mr. Gucci".

In seiner Heimatstadt Vilnius hat er bis vor kurzem als Lkw-Fahrer gearbeitet. Dann ging seine Ehe zu Bruch, seine Frau bekam die gemeinsame Eigentumswohnung. Vytautas wurde arm. "400 Euro Lohn haben einfach nicht mehr gereicht, weil ich 200 alleine für die Miete bezahlen musste. Ich konnte mir nur noch eine Mahlzeit pro Tag leisten", erzählt der Litauer.

Vytauatas in der Notübernachtung"Mr. Gucci": Vytautas aus Litauen - auch er ist in Berlin gestrandet.

In Berlin verdient er nichts, doch hier ist er versorgt. Vytautas hat einen streng geregelten Tagesablauf. Er hat ihn einfach an die Hilfsangebote für Berliner Obdachlose angepasst: "Ich beginne morgens im Kaffee Bankrott in der Storkower Straße, da gibt es Brötchen, einen Fernseher und zwei Computer mit Internet. Mittags esse ich im Warmen Otto in Moabit, und Abendbrot gibt es in der Notübernachtung. In Berlin muss ich nicht hungern." Doch wirklich zufrieden ist er nicht. Er sucht einen Job in Deutschland, als Lkw-Fahrer. Mit Hilfe einer russischsprachigen Sozialarbeiterin will er sich auf Stellenanzeigen bewerben.

In Deutschland sei das Leben auf der Straße einfacher als in Polen, sagt Maciek

Nicht alle Obdachlosen wollen arbeiten. Viele haben mit ihrer Sucht zu kämpfen, wie der 24-jährige Maciek (Name geändert) aus Polen. Er hängt mit anderen polnischen Obdachlosen am Spreeufer ab, direkt hinter der East Side Gallery. Dort stehen drei Zelte und ein geklauter Einkaufswagen. Eine junge Frau brät Hühnerfleisch auf einem Campingkocher. "Wir sind alle Alkoholiker, da muss man nicht drumherum reden“, sagt Maciek.

Seine Mutter ist vor Jahren gestorben, zu seinem Vater hat er keinen Kontakt mehr. In Polen war er schon als Jugendlicher im Gefängnis. "Weil ich einen Typen verprügelt habe. Ich war betrunken, er hat mir ins Gesicht geschlagen und ich habe mich gewehrt. Ich war Vizemeister im Thaiboxen", erzählt Maciek. Zwei Jahre und zwei Monate saß er in Haft, dann ist er nach Berlin gekommen. Hier sei das Leben auf der Straße einfacher. "In Polen musst du Strafe zahlen, wenn du draußen Bier trinkst, und wenn du dann aggressiv wirst, schlagen dich die Polizisten zusammen", sagt Maciek. Außerdem könne man in Berlin leichter Geld verdienen, um seinen Alkohol zu bezahlen. Maciek verkauft Obdachlosenzeitungen und sammelt Pfandflaschen.

Maciek aus PolenMaciek aus Polen lebt jetzt in Berlin - ohne feste Bleibe.

Zwei polnische Sozialarbeiter im Einsatz auf Berlins Straßen

Seit Herbst dieses Jahres sind zwei Sozialarbeiter aus Polen in Berlin im Einsatz, um ihre Landsleute von der Straße zu holen. Sie kommen von der Stiftung "Barka", die in Polen Wohneinrichtungen für den Alkoholentzug betreibt. Die Streetworker suchen die Obdachlosen vor allem rund um den Hauptbahnhof, den Ostbahnhof und den Bahnhof Zoo. Piotr Mikolaszek spricht sie an, denn er kennt ihr Schicksal aus eigener Erfahrung. "Ich war selbst jahrelang auf der Straße, war harter Alkoholiker, völlig verwahrlost, mit verfilzten Haaren und langem Bart. Jetzt bin ich seit zwölf Jahren trocken", erzählt der 58-Jährige.

Die Stiftung wurde von der polnischen Botschaft in Berlin engagiert, weil dort immer mehr Obdachlose um Hilfe gebeten hatten. Das Konzept von "Barka": Die Leute müssen zurück in ihr Heimatland, weil sie in Berlin auf Dauer keine Chance haben. Piotr Mikolaszek versucht zu den Obdachlosen Vertrauen aufzubauen. Das gehe nur, wenn man ihnen auf Augenhöhe begegnet, sagt Piotr Mikolaszek. "Ich frage den Obdachlosen nicht: Wie siehst du denn aus? Ich behandle ihn wie einen Freund. Neulich habe ich Marek getroffen. Ich habe ihm von meinem Leben erzählt und er mir von seinem, und dann konnte ich ihn überzeugen, zusammen mit mir mit dem Zug nach Polen zu fahren, zu einer "Barka"-Einrichtung, in der ich auch selbst wohne."

Die Streetworker haben im ersten Monat ihres Einsatzes 13 Obdachlose nach Polen begleitet. Manche sind zurück zu ihren Familien gegangen, andere haben in "Barka"-Einrichtungen Therapien begonnen. Doch auf Berlins Straßen gibt es weiter tausende Obdachlose.

Sendung: rbb Fernsehen, Himmel und Erde, 17.11.2018, 17.25 Uhr

Beitrag von Oliver Soos und Julia Rehkopf

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3 Kommentare

  1. 3.

    Die Masche, Obdachlose gegen Flüchtlinge auszuspielen ist ganz besonders eklig. Beiden Gruppen werden Hilfsangebote gemacht und in beiden Fällen müssen diese noch besser werden in einem der reichsten Länder der Welt.

  2. 2.

    @woldgsng

    Zuerst einmal sind es keine Emigranten, das waren Bürger aus Deutschland, die das Land verlassen.
    Wenn Menschen nach Deutschland kommen sind es imigranten.

    Davon abgesehen gibt es schon eine Menge Hilfe. Wurde im Text auch erwähnt, dass der Junge polnische Bürger gar keinen Job will...dann hat er hält Pech gehabt

  3. 1.

    Jeder Obdachlose ist einer zuviel-------
    Wann wird endlich dagegen etwas unternommen---"Flüchtlinge"( Emigranten-) bekamen doch
    auch Unterkünfte : z.B.: Flughafen Tempelhof-----

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