Die ersten Schutzpolizistinnen treten ihren Dienst an, Bild: Berliner Abendschau
Video: Berliner Abendschau | 29.09.1980 | Bild: rbb | Berliner Abendschau

Interview | Schutzpolizistin der ersten Stunde - "Die Männer dachten, Frauen können gar nicht schießen"

Die Schutzpolizei? War lange Zeit bundesweit Männersache. Bis im Herbst 1978 Berlin als erstes Bundesland einen Probelauf ins Leben rief und Politessen zu Schutzpolizistinnen ausbildete. Nicht allen gefiel das. Brigitte Jacobi (73) kann davon ein Lied singen.

rbb|24: Frau Jacobi, Sie waren eine der ersten weiblichen Schutzpolizistinnen Berlins. Können Sie sich noch an Ihren ersten Tag erinnern?

Brigitte Jacobi: Ich habe 1980 im Oktober meinen Dienst begonnen und bin in eine reine Männergesellschaft gekommen. In eine Schicht mit ganz vielen netten Kollegen - aber auch vielen mit skeptischen Gesichtern. Es gab welche, die von vornherein gesagt haben, 'Nein, mit einer Frau fahre ich nicht". Die Männer sind auf freiwilliger Basis mit mir gefahren. Aber ich habe dann Stammkollegen gehabt und das hat gut harmoniert.

Aus welchen Gründen waren die männlichen Kollegen skeptisch?

Die dachten, sie müssten uns beschützen und Frauen können gar nicht schießen. Sie würden zittern an der Waffe. Oder sie ängstigen sich, wenn sie in eine Kneipenschlägerei kommen.

Sie selbst haben ja damals mit auf den Weg gebracht, dass Frauen in Berlin zur Schutzpolizei gehen konnten…

Als wir, ein paar Frauen, 1978 anfragten, ob es nicht die Möglichkeit gibt, zur Schutzpolizei zu gehen mit der gleichen Ausbildung wie Männer, gab es eine große Empörung. Der Polizeipräsident und der Innensenator waren strikt dagegen. Wir könnten ja schwanger werden und hätten nicht die richtige Psyche. Wir seien empfindlicher und würden vielleicht in Tränen aufgelöst vom Einsatz kommen, wurde befürchtet. Gesagt hat das so zwar keiner, aber man traute uns das offensichtlich nicht zu. Es sah also erst mal nicht gut aus für uns. Ich hab dann mal gefragt, was man davon halten würde, wenn wir den Nachtdienst nicht mehr machten. Oder wir unsere Arbeit einstellen würden und nur noch das machen, was wir eigentlich sollen.

Aber Sie haben damals faktisch längst im Sicherheits- und Ordnungsdienst auf Polizeiwachen gearbeitet und im Prinzip für die gleiche Arbeit einfach weniger Geld bekommen?

Ja. Ich habe ab 1974 ganz normal auf den Wachen der damals neu gegründeten Polizeiabschnitte mitgearbeitet und die Kollegen begleitet, sobald eine weibliche Person involviert war bei irgendwelchen Straftaten oder Razzien. Vorher war ich Politesse.

Wie ging es dann weiter? Berlin beschloss ja 1978 als erstes Bundesland, Politessen in den Dienst der Schutzpolizei zu übernehmen.

Wir durften uns dann frei bewerben. Aber die Behörde war entsetzt, dass sich dann gar nicht so viele Frauen bewarben. Wir waren mit 27 Frauen im Ausbildungsjahrgang die ersten. Als ich dann nach der Ausbildung anfing, war ich die einzige Frau in Kreuzberg auf der Dienststelle. Ich war in der Friedrichstraße, auf dem Abschnitt 53 am Checkpoint. Das war schön. Da war viel los. Es dauerte ungefähr zweieinhalb Jahre, bis dann eine zweite Frau hinzukam. Die wurde dann aber meistens in eine andere Schicht gesteckt.

Polizeibeamtin Brigitte Jacobi, 1982
Brigitte Jacobi als Schutzpolizistin in Berlin-KreuzbergBild: Brigitte Jacobi

Wie war Ihre persönliche Situation damals?

Ich war 33 Jahre alt als ich meine Ausbildung als Schutzpolizistin angefangen habe. Ich habe dann noch mal geheiratet und später ein Kind gekriegt. Da war ich 38 Jahre alt. Da haben die sich gefragt, wie eine Frau in dem Alter noch schwanger werden kann. Schwangere waren nicht vorgesehen für die Behörde. Es gab keinen Plan B für die Frauen, die schwanger wurden. Als noch eine Frau aus meiner Gruppe schwanger wurde, stand die Behörde Kopf. Die wussten echt nicht, was sie machen sollen. Ich wurde während der Schwangerschaft dann zu meinem Schutz und dem des Babys in den Innendienst gesteckt. Nach der Geburt bin ich ohne Bezahlung zuhause geblieben. Als meine Tochter zwölf Jahre alt war, bin ich zurückgekehrt.

Wie waren die Anfänge für Sie? Gab es beispielsweise passende Ausrüstung für Frauen?

Wir haben während der Ausbildung die normalen Uniformen bekommen. Anfangs liefen wir noch in unseren Politessenkleidern herum. Das sorgte bei den jungen männlichen Kollegen für Unmut. Die haben uns unterstellt, wir würden mit den Lehrern sehr viel mehr anfangen als nur zu lernen und dadurch wüssten wir die Ergebnisse der Aufgaben vorher. Es gab ganz böse Sprüche teilweise. Dann hat unsere Abteilung die  Pressemeldung herausgegeben, dass wir 27 Frauen im Schnitt eine ganze Note besser waren als die 120 jungen Männer. Selbst beim Schießen haben wir öfter ins Schwarze getroffen als so mancher Mann. Die Jungs waren ziemlich sauer. Das lag aber einfach daran, dass wir schon gestandene Frauen waren. Das haben die teils erst 16-jährigen Jungs noch nicht so begriffen.

Es gab also anfangs einen großen Altersunterschied zwischen Männern und Frauen?

Ja. Und ich habe dann mit darum gekämpft, dass endlich auch junge Mädchen eingestellt werden. Damals sagten mir der Innensenator und der Polizeipräsident, die seien viel zu unreif. Da sagte ich, das sei ja eine ganz neue Philosophie, dass 16-jährige Jungs reifer seien als 16-jährige Mädchen. Es hat aber trotzdem ein paar Jahre gedauert, bis sich auch jüngere Frauen als 19-jährige bewerben durften. Die Behörde hat sich schwer getan damit.

Gab es Einsätze, bei denen Sie nicht mitdurften, weil sie eine Frau sind?

Nein. Ich bin zu allen Einsätzen ganz normal herangezogen worden. Die Funkbetriebszentrale verteilt ja die Einsätze, und das ging ruckzuck in Kreuzberg. Es gab nichts, was ich nicht machen durfte oder was man mir vorenthalten hätte. Allerdings wurde ich immer mit Skepsis beobachtet. Ich habe diese Männer dann eingeladen, mal mit mir zu fahren. Und ihnen gesagt, dass sich ihr Bild von mir dann ja vielleicht ändere und sie auch wieder Spaß am Beruf hätten. Das hat auch geklappt. Auch die, die gesagt haben, sie würden nie mit einer Frau fahren, haben am Schluss gesagt, dass es Spaß gemacht hat. Ich kann nicht klagen. Ich habe eine tolle Schicht erwischt in Kreuzberg. Es war immer was los. Wir hatten so viel Arbeit, dass wir nie pünktlich nach Hause gehen konnten. Später habe ich dann auf dem Kurfürstendamm und im Grunewald gearbeitet. Da war es wesentlich ruhiger. Aber in Kreuzberg habe ich in kürzester Zeit mehr gelernt als meine Kolleginnen auf den ruhigeren Abschnitten.

Wie haben denn damals die Bürgerinnen und Bürger reagiert, wenn sie auf einmal einer Polizistin gegenüber standen wo vorher nur Männer waren?

Ich habe keine negativen Erfahrungen gemacht. Ganz im Gegenteil. Ich habe bei verschiedenen Einsätzen gemerkt, dass Frauen glücklich waren, wenn Frauen mit an Bord waren. Bei Familienauseinandersetzungen mit häuslicher Gewalt zum Beispiel. Weil Frauen da eigentlich  intuitiv das Richtige tun. Vor allen Dingen gehen wir mit Köpfchen ran und nicht mit Fäusten.

Polizeibeamtin Brigitte Jacobi im Funkstreifenwagen, 1982Die Schutzpolizistin Brigitte Jacobi im Funkwagen unterwegs

Haben Sie das Gefühl, dass Frauen mittlerweile in der Polizei vollständig anerkannt sind?

Ja, doch. Es ist Normalität eingetreten. Allerdings natürlich nur im mittleren und noch nicht im gehobenen Dienst.

Das heißt, im gehobenen Dienst ist der Frauenanteil noch sehr gering?

Da ist er mager, ja.

Denken Sie, dass junge Polizistinnen es heute leichter haben als Sie damals?

Ach, ich hatte es ja nicht schwer. Mir hat der Dienst immer Spaß gemacht.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Nele Haring

Kommentar

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6 Kommentare

  1. 5.

    wie meinen Sie das: "Trotzdem habe ich größten Respekt vor den Polizisten und Polizistinnen, für die freiheitlich demokratische Grundordnung einzustehen, wenn die Akzeptanz auch leider immer weiter schwindet". Jeder Polizist steht auf dem Boden der FDGO,,,, Da schwindet nichts.

  2. 4.

    Eine echte Berliner Erfolgsgeschichte mit Vorbildcharakter. Bewunderung für die Hauptakteurin!

  3. 3.

    Polizistinnen mit RAF-Terroristen, Rotarmisten, etc., quasi gleichzusetzen ist sowas von daneben, schlecht - einfach nur sch..sse und "extraplatt".
    Ich mache den "Job" seit nunmehr 41 Jahren. Klar waren "wir" skeptisch - war halt 'ne "Männerwelt". Recht schnell war (nicht "wurde") man überzeugt - das waren keine "Püppchen". Es gibt viele Einsatzsituationen, wo man froh war 'ne Frau "an Board" zu haben. So ganz "nebenbei" wurde der Umgangston untereinander auch angenehmer. Klar, es wurde auch "gegockelt" - war damals normal - und oftmals lustig, wenn sich Kollegen eine gepfefferte Abfuhr eingefangen haben.
    Ich für meinen Teil möchte sie "in der Firma" nicht mehr missen.

  4. 2.

    Natürlich können Frauen schießen. Das hat nicht erst die RAF bewiesen, die von Frauen dominiert wurde. Das war schon der Roten Armee im 2. WK üblich.

  5. 1.

    Ich kenne als damaliger Polizeischüler anfangs der achtziger Jahre die Vorbehalte der Führungs"riege" gegenüber Frauen in Uniform noch zu gut und erinnere mich, dass ein Polizeirat die zukünftigen Kolleginnen als "Wehrmacht.. tzen" bezeichnet hat, was ich nie verstand und auf Nachfrage als Nestbeschmutzer stigmatisiert wurde. Mein Entschluss, aus dem Polizeidienst auszuscheiden habe ich nie bereut.
    Trotzdem habe ich größten Respekt vor den Polizisten und Polizistinnen, für die freiheitlich demokratische Grundordnung einzustehen, wenn die Akzeptanz auch leider immer weiter schwindet.

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