Archivbild: LGBT-Aktivisten in Berlin Mitte demonstrieren gegen Homophobie und Transphobie. (Quelle: dpa/Scheunert)
Video: Abendschau | 02.11.2018 | Kerstin Breinig | Bild: dpa/Scheunert

Vorläufige Zahlen für 2018 - Mehr als 100 Straftaten gegen queere Menschen in Berlin

In den ersten neun Monaten dieses Jahres zählte die Berliner Polizei 105 Straftaten gegen homosexuelle und transgeschlechtliche Menschen. Doch das sind noch nicht alle angezeigten Übergriffe. Und insgesamt seien die Zahlen vermutlich deutlich höher, sagt die Polizei. Von Klaas-Wilhelm Brandenburg

Am vergangenen Mittwoch im Regenbogenkiez in Berlin-Schöneberg: Zwei Männer reißen die Tür einer Schwulenbar auf, werfen Eier hinein und beschimpfen die Gäste. Erst zwei Tage davor, am frühen Montagmorgen, wird ein schwules Pärchen in Mitte von Unbekannten beleidigt. Es sind nur zwei von vielen Straftaten, die sich gegen queere Menschen richten – also gegen Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen. 105 solcher Straftaten zählte die Polizei in den ersten neun Monaten dieses Jahres. Darunter waren 30 Gewaltdelikte und 75 sonstige Taten. Im gleichen Zeitraum 2017 waren es insgesamt 139 Fälle.

Der Grund für den Rückgang sei allerdings nicht, dass tatsächlich weniger passiert ist, erklärt Anne Grießbach-Baerns. Sie ist bei der Berliner Polizei eine von zwei Ansprechpersonen für queere Menschen. Die Behörde hat zwar am Freitag eine Statistik veröffentlicht – die enthält aber noch nicht alle Fälle, die angezeigt wurden. "Der kriminalpolizeiliche Meldedienst hat für dieses Jahr noch nicht alle Fälle erfasst – es gibt da einen großen Rückstand", erklärt Grießbach-Baerns. Deshalb ließen sich die Zahlen dieses und des vergangenen Jahres auch nicht sinnvoll miteinander vergleichen.

Polizei geht von Anstieg aus

Tatsächlich geht die Polizei trotz des Zwischenstands nicht von einem Rückgang, sondern "leider von einem Anstieg" der Straftaten aus. Das könne daran liegen, dass mehr Taten angezeigt wurden, oder daran, dass es tatsächlich mehr Taten gegeben hat. Polizeipräsidentin Barbara Slowik sprach am Freitag von einem Thema, "das wir sehr ernst nehmen".

Jörg Steinert ist Bürgerrechtler und Geschäftsführer des LSVD. (Quelle: rbb/K.W. Brandenburg)
Jörg Steinert ist Bürgerrechtler und Geschäftsführer des LSVD. | Bild: rbb/K.W. Brandenburg

Polizei: Zahlen generell zu gering

Die meisten Taten gibt es laut Polizei in Bezirken wie Mitte, Tempelhof-Schöneberg oder Neukölln – und das schon seit Jahren. Für Jörg Steinert vom Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg ist das kein Zufall: "Dort, wo es viele Lokalitäten gibt, in denen sich queere Menschen zeigen, und wo sie Händchen haltend durch die Straßen laufen, findet Gewalt statt." Besondere Sorge bereitet Anne Grießbach-Baerns von der Berliner Polizei der Bezirk Neukölln: "Dort liegt unser Fokus auf dem öffentlichen Nahverkehr, weil es da in letzter Zeit zu massiven Gewaltvorfällen kam – insbesondere in U-Bahnhöfen oder Zügen."

Trotzdem könne man nicht automatisch schlussfolgern, dass ein bestimmter Bezirk besonders gefährlich ist, nur weil die Polizei in diesem mehr Taten erfasst hat. Denn: Die Zahlen sind generell zu gering. "Wir schätzen, dass 80 bis 90 Prozent der Fälle nicht angezeigt werden", so Grießbach-Baerns. Über mögliche Gründe kann sie nur spekulieren: "Vielleicht haben einige noch Vorurteile gegen die Polizei aus der Vergangenheit." Jahrzehntelang verfolgte die Polizei homosexuelle Männer wegen des früheren Paragraphen 175 im Strafgesetzbuch, der erst 1994 abgeschafft wurde. Ein weiterer möglicher Grund: "Ich vermute, dass viele Opfer die Straftat zu gering finden oder möglicherweise denken, dass die Polizei nichts macht", so Grießbach-Baerns.

Geflüchtete haben oft Angst vor der Polizei

Dabei sagt auch Jörg Steinert vom Lesben- und Schwulenverband: "Jede Anzeige hilft, Kriminalitätsschwerpunkte zu identifizieren." Erst das ermögliche auch, Maßnahmen einzuleiten, um Straftaten zu verhindern. Deshalb empfiehlt Steinert jedem Opfer von Hasskriminalität eine Anzeige – egal, wie vermeintlich gering die Straftat auch ist. Dies könne mittlerweile ganz unkompliziert online [Internetwache Polizei Berlin] erledigt werden.

Aber selbst das kann für manche eine unüberwindbare Hürde sein – das weiß Jörg Steinert aus seiner Arbeit mit Geflüchteten: "Gerade Geflüchtete haben oft eine große Angst, sich an die Polizei zu wenden." Denn in ihren Heimatländern sei es eben oft die Polizei, die sie wegen ihrer Homosexualität oder Transgeschlechtlichkeit verfolge – "und nicht beschützt, wie es eigentlich ihre Aufgabe wäre", so Steinert.

Er spricht ein weiteres Problem der Übergriffe jenseits der Kriminalstatistik an: Zwangsehen von Frauen und Männern besonders in türkischen und arabischen Familien. Im vergangenen Jahr seien 38 Fälle von Männern, die zwangsverheiratet wurden oder bei denen das bevorstand, bekannt geworden. Mindestens bei 17 davon sei der Grund dafür ihre Homosexualität gewesen. Aktuelle Zahlen dazu sollen demnächst veröffentlicht werden. 

"Nur die Spitze eines Eisberges"

Näher an der Realität als die Statistiken der Polizei sind die Zahlen der Beratungsstelle Maneo, dem "schwulen Anti-Gewalt-Projekt in Berlin", wie es sich selbst nennt. 324 Fälle wurden dort im vergangenen Jahr gezählt, das sind etwa doppelt so viele wie bei der Polizei. Aktuellere Zahlen für dieses Jahr gibt es von Maneo bislang noch nicht.

Den Unterschied zwischen den Werten von Maneo und Polizei erklärt sich Maneo-Chef Bastian Finke so: "Wir sind mehr mit den Szenen vernetzt, vor allem aber eine unabhängige Stelle." Trotzdem betont er: "Sichtbar wird nur die Spitze eines Eisberges" – auch bei Maneo. Denn Maneo richte sich vor allem an schwule Männer, weniger an lesbische Frauen oder transgeschlechtliche Menschen. Das wahre Ausmaß der Übergriffe gegen queere Menschen bleibt also weiter im Dunklen.

Justizsenator: hohe Dunkelziffer

Berlins Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne) verurteilte die hohe Zahl homophober Straftaten in der Stadt. Jede einzelne Tat, jeder Angriff gegen Schwule und Lesben sei zu viel, sagte der Grünen-Politiker am Freitag im rbb. Dadurch werde Berlin zurückgeworfen im Bemühen, eine Stadt für alle zu sein. 

Behrendt sprach in diesem Zusammenhang auch von einer hohen Dunkelziffer. Er appellierte an alle Betroffenen und Zeugen, sich zu melden. Nur dann könne die strafrechtliche Verfolgung Erfolg haben. 

Beitrag von Klaas-Wilhelm Brandenburg

Kommentar

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2 Kommentare

  1. 2.

    Angriffe sind immer dämlich. Niemand muss irgendwen angreifen. Hier kommt noch Hass auf das Anderseien dazu, so dass die Motive einfach nur niedertirächtig sind. Widerlich.

  2. 1.

    Anhand dieser Übergriffe erkennt man die Verblödung der Angreifer.

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