rbb24
  1. rbb|24
  2. Politik

Leider gibt es ein Problem beim Abspielen des Videos.

Audio: Inforadio | 29.11.2018 | Bettina Rehmann | Quelle: rbb|24/Mitya

Wie es sich mit dem Wechselmodell lebt

Eine Woche Mama, eine Woche Papa

Vier Jahre alt ist Jean, als seine Eltern sich trennen. Mutter und Vater entscheiden, weiter gemeinsam für ihr Kind da zu sein. Jean verliert keinen Elternteil - und hat jetzt sogar zwei Familien: eine bei Mama und eine bei Papa. Von Bettina Rehmann

Jean hat zwei Zahnbürsten, zwei Wohnungsschlüssel, zwei Wege zur Schule: einen aus Tempelhof an sein Gymnasium, einen aus Friedrichshain. Heute ist Jean, ein selbstbewusster Jugendlicher, 14 Jahre alt. Vor zehn Jahren haben sich seine Eltern getrennt, seitdem wechselt er immer freitags den Haushalt.

Dieser Rhythmus ist heute für ihn und seine zwei Familien Alltag, aber als er damals erfuhr, dass seine Eltern sich trennen würden, sei er schockiert gewesen, erzählt Jean: "Mama ist zu mir gekommen und hat zu mir gesagt: 'Wir trennen uns jetzt'." Da habe er das dem Sinn nach noch gar nicht richtig wahrgenommen. Als sie aber gesagt habe, "'wir leben dann auch noch in der gleichen Stadt und dem gleichen Umfeld und du kannst den anderen besuchen gehen und wir wechseln uns da ab' - da war ich erst einmal total geschockt", sagt Jean. "Man geht als Kind davon aus, dass die beiden immer da sind und auch immer zu zweit für einen da sind. Ich hatte Angst, dass ich nur noch einen sehe und den anderen nicht mehr. Das war schon krass."

Als Jeans Eltern Christoph und Gerda sich trennen, leben alle zusammen in dem Stadtteil, in dem auch Jeans Kindergarten ist. Um ihn nicht aus seinem gewohnten Umfeld zu reißen, bleibt Jeans Vater zunächst in der gemeinsamen Wohnung. "Am Anfang hatten wir noch keine richtige Struktur, was die Betreuung von Jean angeht, das hat sich erst im Laufe der Zeit entwickelt", erinnert sich Christoph. "In den ersten Monaten waren es so vier, fünf Tage, manchmal auch kürzer. Aber wir haben eben beide gemerkt, dass es Jean überhaupt nicht guttut." Die Eltern testen auch einen Zwei-Wochen-Rhythmus. Aber der habe weder zu ihren Bedürfnissen als Eltern, noch zu Jeans gepasst, er hätte "den anderen Elternteil zu lange vermisst", sagt Christoph.

"Ich hatte einen Knoten im Hals und konnte ihm nicht helfen"

Auf Erfahrungen im Bekanntenkreis können Gerda und Christoph zu diesem Zeitpunkt nicht zurückgreifen, sie suchen Hilfe bei einer Familienberatung. Viel Konkretes erfahren sie auch dort nicht, doch man gibt ihnen den Tipp, sich in die Lage des Kindes zu versetzen. "Es ist schwierig, mit einem vierjährigen Kind darüber zu sprechen, da es in dem Alter noch nicht Entscheidungen treffen kann, die so weitreichend sind", sagt Christoph. "Wir haben uns mit ihm unterhalten, wir mussten ja auch die ganze Situation der Trennung irgendwie aufarbeiten. Wir haben versucht, unser Kind mit ganz viel Rücksichtnahme, Fürsorge und Liebe aufzufangen, und in den Gesprächen haben wir dann auch herausgefunden, dass es mit dem Wochenwechsel vielleicht das beste ist - auch, wenn es schmerzhaft ist." Am Anfang hätten sich herzzerreißende Szenen abgespielt, erinnert sich Christoph: "Wenn ich mit ihm an Gerdas Wohnung vorbeigefahren bin, hat er angefangen zu weinen. Ich hatte selbst einen Knoten im Hals und konnte ihm nicht helfen. Ich konnte nur sagen: Jean, wir haben dich lieb."

Auch Jean erinnert sich: "Es war anfangs schwer, aber es hat sich dann eingependelt und wurde immer leichter, wenn ich beim Übergang war. Am Anfang fiel es mir immer schwer, von Mama zu Papa zu wechseln oder andersherum, aber mittlerweile macht es mir gar nichts mehr aus."

Jean hat neue Geschwister in beiden Familien

Heute ist der Wechselrhythmus normal – und Jeans zwei Familien sind über die Jahre gewachsen. Seine Mutter lebt seit einigen Jahren mit ihrem Freund zusammen in Friedrichshain, vor zweieinhalb Jahren hat Jean zwei Geschwister, Zwillinge, bekommen. Auch Jeans Vater ist nicht alleine: "Ich lebe jetzt seit zwei Jahren mit einer neuen Partnerin zusammen, die selber einen achtjährigen Sohn hat, da besteht zwischen meiner jetzigen Partnerin und ihrem Ex-Partner auch ein Wechselmodell, Woche, Woche und wir erwarten jetzt noch Nachwuchs, so dass also Jean nochmal einen Bruder kriegt."

Bei so viel Patchwork ist auch einiges an Absprachen nötig und, so Christoph, glücklicherweise möglich: "Wir können miteinander reden, das ist auch ganz wichtig, nicht nur für die Eltern, sondern auch für das Kind." So können sich die Familien auch eine gewisse Flexibilität erhalten. Das Wechselmodell sei geregelt, aber nicht statisch. Was Familienfeiern, Ferien oder Urlaub angehe, sei man variabel. Jeans Geburtstag allerdings ist ein Fixum: "Wenn ich mit Freunden feiere, ist es so, dass wir das ein Jahr beim einen, und im nächsten Jahr beim anderen machen, aber da sind dann auch beide Elternteile mit dabei, das ist eigentlich ziemlich locker und entspannt."

Klare Aufteilung auch bei den Kosten

Gesetzlich geregelt ist das Wechselmodell nicht, lediglich das sogenannte Residenzmodell ist abgebildet. Danach lebt das Kind nach der Trennung bei einem Elternteil und wird von diesem betreut. Den anderen, der Unterhalt zahlt, trifft das Kind mehr oder weniger häufig. Auch hier betraten Gerda und Christoph neues Terrain und waren bei der Aufteilung der Kosten für die Betreuung auf sich gestellt. Doch schwierig war die Rechnung nicht.

Bei der Trennung waren sowohl Christoph als auch Gerda berufstätig. "Wir hatten beide ein Einkommen, das auch ähnlich hoch war. Und wenn es nicht ähnlich hoch war, haben wir unsere Kosten anteilig verrechnet. Wer gerade mehr hatte, hat anteilig mehr bezahlt, das funktioniert ganz gut, weil da ja auch die Aufwendungen für beide gleich sind: Beide müssen Wohnraum, Lebensmittel und Kleidung zur Verfügung stellen. Wir haben auch das Kindergeld geteilt und größere Anschaffungen, Geschenke, Jacke, Schuhe, Schulranzen oder so - das haben wir dann anteilig bestritten." Das müsse nicht bei allen funktionieren, sagt Christoph, "meistens geht eine Partnerschaft ja im Streit auseinander und mit bösen Worten, dann ist es eher schwierig und man mag dem andern gar nicht Verständnis für dessen Situation aufbringen. Wir haben uns gütlich getrennt und konnten deswegen auch das Finanzielle besprechen. Wir haben gesagt, das Fairste ist es einfach, wenn wir die Kosten teilen."

Streit ums Geld, nicht Streit ums Kind

Streit hat es aber dennoch gegeben, nämlich als sich die finanzielle Situation von Gerda nach der Geburt ihrer Zwillinge drastisch veränderte und Christoph mehr zahlen sollte. Ein Beratungstermin beim Jugendamt half überhaupt nicht. "Wir hatten gehofft, dass uns jemand mit Kompetenz einen Rat geben kann, wie man diesen Streit schlichten kann, weil wir auch unser Verhältnis nicht aufs Spiel setzen wollten." Der Berater habe aber nicht helfen können. "Man hatte den Eindruck, dass der vielleicht gar nichts wusste, keine Richtlinien oder irgendwas zur Verfügung hatte, an denen er sich orientieren konnte. Er hatte auch vielleicht einfach zu wenig Zeit." Mit dem Problem allein, gingen die beiden dann doch irgendwann wieder aufeinander zu und einigten sich darauf, dass Christoph zu einem größeren Anteil die Kosten übernahm, bis Gerda wieder arbeiten gehen konnte. Die freiwillige Lösung war in dem Fall für die Familie die richtige. Der Streit über das Geld bedeutete nicht das Ende des Wechselmodells.

"Insgesamt würde ich sagen, klappt es gut", resümiert Christoph. "Dafür, dass die Eltern sich getrennt haben, ist Jean ein selbstsicheres, glückliches Kind, das auf eigenen Beinen steht, eine ausgebildete Persönlichkeit hat, charakterstark ist. Manchmal gibt es vielleicht Missverständnisse, in Absprachen mit der Mama oder so, aber das sind Banalitäten." Sein Sohn kann sogar Vorteile im Wechselmodell erkennen: "Für mich wäre es viel schlimmer gewesen, wenn sich meine Eltern, wenn wir noch zusammen leben würden, dauernd streiten würden – das ist mein absoluter Horror. Oder wenn ich jetzt nur zu einem hätte gehen können, das wäre für mich absolut unvorstellbar gewesen. Ich glaube, da hätte ich richtig Radau gemacht. Einen Elternteil zu verlieren, ist für mich keine Option."

Sendung: Inforadio, 29.11.2018, 09:45 Uhr

Beitrag von Bettina Rehmann

Artikel im mobilen Angebot lesen