Eine junge Frau mit Kopftuch (Quelle: dpa/Roland Weihrauch)
Audio: Inforadio | 22.1.2018 | Peter Klinke | Bild: dpa/Roland Weihrauch

Zahlen für 2017 - Hunderte Jugendliche aus Berlin unter Zwang verheiratet

In Berlin sind im vergangenen Jahr mehr als 500 Fälle von Zwangsverheiratungen registriert worden - teils geplant, teils schon vollzogen. Das hat eine Umfrage ergeben. Meist werden die Ehen im Ausland geschlossen, Betroffene wurden sogar unter Gewalt dorthin gebracht.

Einer Umfrage zufolge sind in Berlin im vergangenen Jahr mehrere Hundert Zwangsheiraten oder Versuche dazu registriert worden. Insgesamt seien 570 versuchte oder erfolgte Fälle bekannt geworden, heißt es in einer Erhebung des "Berliner Arbeitskreises gegen Zwangsverheiratung", die am Mittwoch veröffentlicht wurde. Das seien 19 Prozent mehr als bei der letzten Befragung im Jahr 2013; damals waren 460 Fälle gezählt worden.

An der nicht repräsentativen Befragung nahmen 420 Einrichtungen in Berlin teil, darunter Jugendämter, Migrations- und Frauenprojekte sowie Schulen und Flüchtlingsunterkünfte. Die Federführung bei der Umfrage hatte die Gleichstellungsbeauftragte von Friedrichshain-Kreuzberg, Petra Koch-Knöbel.

Überwiegend Mädchen betroffen

Der Umfrage zufolge waren überwiegend Mädchen und junge Frauen betroffen (93 Prozent). Die meisten der Betroffenen waren zwischen 16 und 21 Jahren alt. Jünger als 16 Jahre waren zwölf Prozent der weiblichen sowie drei Prozent der männlichen Betroffenen.

Erfasst wurden Fälle von Personen, die in Berlin leben, aber auch solche, die aus den Herkunftsländern der Familien nach Berlin verheiratet wurden oder werden sollten. Ungefähr vier Fünftel hatten überwiegend Migrationshintergrund (444 Fälle). Rund 48 Prozent hatten arabische, 20 Prozent türkische Wurzeln. 15 Prozent stammten aus Balkanländern und sechs Prozent aus kurdischen Gebieten. 83 Prozent der Betroffenen hatten einen muslimischen Hintergrund, die anderen waren christlichen, jüdischen oder jesidischen Glaubens.

Viele Verheiratungen außerhalb Deutschlands

In rund jedem zweiten Fall, der erfasst worden war, war die Zwangsheirat noch nicht erfolgt (283 Fälle), sondern die Betroffenen berichteten von konkreten Planungen. Grund dafür könnte auch sein, dass die Fälle zu großen Teilen von Hilfsstellen erfasst wurden.

87 Prozent der vollzogenen Fälle fanden außerhalb Deutschlands statt. In 71 Fällen berichteten die Beratungseinrichtungen von einer Verschleppung ins Ausland. Die Verheiratungen im Ausland finden größtenteils während der Ferien statt, heißt es auf der Webseite der Gleichstellungsbeauftragten von Friedrichshain-Kreuzberg.

"Gewalt auch in Berlin in signifikantem Ausmaß gegeben"

Die Frauenbeauftragte des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg, Petra Koch-Knöbel, betonte,  Zwangsverheiratung sei kein "typisches Merkmal" der Berliner Bevölkerung mit Migrationshintergrund. In Berlin hat nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes jeder Dritte einen Migrationshintergrund. "Vorschnelle und unreflektierte Zuschreibungen" entbehrten "jeder Grundlage", so Koch-Knöbel. Jedoch mache die Umfrage deutlich, dass diese "in keiner Weise zu rechtfertigende Form der Gewalt auch in Berlin in einem signifikanten Ausmaß gegeben ist".

Der Berliner Arbeitskreis gegen Zwangsverheiratung wurde 2001 initiiert. Er wird von der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg koordiniert. Mitglieder sind etwa Mitarbeiter von Anti-Gewalt-, Mädchen- und Migrantinnenprojekten sowie Frauenrechtsorganisationen, Vertreter von Schulen, dem Landeskriminalamt und der Senatsverwaltung für Gesundheit.

§ 237 Zwangsheirat

(1) Wer einen Menschen rechtswidrig mit Gewalt oder durch Drohung mit einem empfindlichen Übel zur Eingehung der Ehe nötigt, wird mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren bestraft. Rechtswidrig ist die Tat, wenn die Anwendung der Gewalt oder die Androhung des Übels zu dem angestrebten Zweck als verwerflich anzusehen ist.

(2) Ebenso wird bestraft, wer zur Begehung einer Tat nach Absatz 1 den Menschen durch Gewalt, Drohung mit einem empfindlichen Übel oder durch List in ein Gebiet außerhalb des räumlichen Geltungsbereiches dieses Gesetzes verbringt oder veranlasst, sich dorthin zu begeben, oder davon abhält, von dort zurückzukehren.

(3) Der Versuch ist strafbar.

(4) In minder schweren Fällen ist die Strafe Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe.

Kommentar

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10 Kommentare

  1. 10.

    Zu einseitig ist Ihr Beitrag. Es gibt in Deutschland das gesetzliche Verbot der Zwanksverheiratung. Wenn dies aber im Ausland geschied, ist dem so einfach nicht nachzukommen. Oft werden diese Mädchen und Frauen vor der Öffentlichkeit fern gehalten und in Wohnungen regelrecht eingesperrt u.unter Bewachung durch Familienangehörige gestellt. Darüber sollten Sie auch nachdenken, bevor Sie dies den Parteien anlasten.

  2. 9.

    Ich verstehe es auch nicht, dass Parteien, denen es wichtig ist Texte zu Geldern oder sich so für die Gleichberehtigung der Frauen einsetzt, dies zulässt und auch noch unterstützt. Beschämend.

  3. 8.

    Diese Religioten. Mir tun diese Jugendlichen leid, die in solch einer fragwürdigen Gemeinschaft aufwachsen. Besonders die Mädchen haben echt nichts zu lachen, müssen alles stoisch hinnehmen. Sollen für reichlich Nachwuchs sorgen, denn sonst ist die Ehre des Gatten, Familie pfutsch. Was für ein Irrglaube.

  4. 7.

    Ich würde sagen, dass die involvierten, rechtsverletzenden Erziehungsberechtigten entweder keinen oder einen sehr geringen Bezug zur Menschwürde und den Rechten der betroffenen Kinder haben. Wer seine Kinder wirklich liebt, schützt ihre Seele bzw. Psyche vor den zahlreichen schädlichen Folgen einer Zwangsheirat und fördert ihr Lebensglück statt dessen auf eine akzeptable, einverständliche Weise.

  5. 6.

    Da braucht man sich nicht zu wundern, wenn man diese Zahl der Zwangsverheiratungen liest, daß sehr viele den ISLAM abgrundtief verabscheuen.
    Wie Sie zurecht sagen, mißbrauchen die Erziehungsberechtigten ihre Rechtsstellung und das darf in einem liberalen Land nicht hingenommen werden. 2017 allein in Berlin 500 Zwangsverheiratungen, unglaublich!
    Die jungen Frauen, die ihrer Freiheit beraubt werden, können einem echt leid tun.

  6. 3.

    ...Problem? 87% der Deutschen wollen das doch so.

  7. 2.

    Erziehungsberechtigte, die ihre Rechtsstellung derart schändlich missbrauchen, bedürfen der Bestrafung.

  8. 1.

    Alles schön ins Archiv legen. Dann lassen sich auch im kommenden Jahr die Zahlen mit denen der letzten dreißig Jahre sauber verglichen und zu weiterer Besorgnis verwenden.

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