Blick auf die Altstadt von Tübingen (Quelle: imago/Weber)
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Audio: Inforadio | 04.12.2018 | Maria Ossowski | Bild: imago stock&people/Weber

Maria Ossowski antwortet Boris Palmer - Mir wellad unsere Mülltonne net inne shampooniere!

Der erste Impuls einer Berliner Lokalpatriotin mit beruflicher und privater Südwestbindung, einem Exmann aus Tübingen und dem aktuellen Gatten aus Stuttgart lautet: Palmer, Du Seggl. Du Soichhafer, Du Blärrochs, Du Grasdaggl.

Bloß weil wir hier unsre Kuttereimer und unsre Mülltonnen net jede Woche innen shampoonieren und weil wir die Gehsteige, die Trottoirs net jeden Samschdag morgen fegen, dass der Besen raucht, bloß weil hier net jeder ZWEI Häuser erbt, eins aus der väterlichen Linie, eins von Muttern und die Ferienwohnung von der Tante, bloß weil unser Wein noch saurer is wie Euer Trollinger, ja, als und wie verwechselt ihr Schwaben auch dauernd, und bloß weil unser Dialekt luschdiger isch wie Eurer, lassen wir uns doch nich von jedem herjeloofnen Oberbürgermeister einer Kleinstadt beleidijen.

40 Mal passt Tübingen in Berlin

40 Mal passt Euer pietischtisches Tübingen in unsere hippe Hauptstadt. 40 Mal. Ok, verstehen kann ick den Mann ja. Boris Palmer will nicht am Kotti aus der U Bahn steigen und sich durch Spaliere von Dealern drängen, um in die Kreuzberger Nacht einzutauchen. Er will keenem Taxifahrer 50 Mal erklären, dass die Eichenallee nicht die Eschenallee ist, weil der Kutscher Südkabul besser kennt als Berlin-Westend. Boris Palmer will nicht auf Opas Totenschein sieben Wochen warten wie in Berlin-Steglitz, er will auch im Tiergarten nicht über Obdachlosenzelte steigen und buddhistische Geduld im Schienenersatzverkehr der BVG üben.

Wenn du dich zuhause fühlen willst, geh nach Prenzlauer Berg

Können wir alles verstehen, hin und wieder packt sogar mich die tiefe Sehnsucht nach badischer Freundlichkeit, schwäbischer Verlässlichkeit und Pfälzer Weißburgunder. Nur, mit Verlaub, der Daggl macht einen Denkfehler: 75.000 Baden-Württemberger leben in Berlin. Das ist fast ganz Tübingen. Ok, Euer Bundesland mit dem Bindestrich ist etwas größer, aber Palmer, wenn Du Dich zu Hause fühlen willst, geh nach Prenzlauer Berg und nach Friedrichshain. Dort haben die Schwaben uns die letzten Wohnungen weggekauft. Dort kriegen wir nur Weihnachten Parkplätze, weil Ihr dann alle zu Hause seid. In Schwaben.

Es gibt im Prinzip nur eine Lösung: wenn Berlin so aufgeräumt, so geputzt und so reich ist wie Tübingen, dann wird es hier in der Hauptstadt so langweilig wie bei Euch. Dann gefällt Berlin niemandem mehr außer dem Tübinger Oberbürgermeister. Aber eh dieser Zustand eintritt, haben wir unsren Flughafen eröffnet.

Sendung: Inforadio, 04.12.2018, 12.00 Uhr

Kommentar

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20 Kommentare

  1. 20.

    "75.000 Baden-Württemberger leben in Berlin. Das ist fast ganz Tübingen". Finde ich eine sehr gute Aussage. Die hätten ja auch nach Tübingen ziehen können, haben aber Berlin den Vorzug gegeben. Herr Palmer sollte einfach akzeptieren, dass man lieber sich um seinen eigenen Kram kümmern sollte, bevor man andere kritisiert. Wenn er Angst in Berlin hat und sich hier unwohl fühlt, dann soll es wegbleiben. Es wird hier nicht auffallen

  2. 19.

    Welchen Stecker? Was reden Sie denn da? Hier leben genauso fleißige, anständige und steuerzahlene Menschen wie in anderen Bundesländern. Und haben tagtäglich noch diese Wahnsinnsstadt auszuhalten. Ich liebe Berlin, ab einem bestimmten Alter fallen einem aber einige Nachteile einer Millionenstadt schon schwerer. Lärm, Abgase, die knallharte "Berliner Stimmung"...Und dann wird man ständig auch noch so oberflächlich und ignorant abgewatscht, wie von Ihnen jetzt. Im Gegenteil. Eigentlich müsste die Berlinzulage wieder eingeführt werden. Als Belohnung dafür, dass wir brav funktionieren und die Stadt irgendwo noch zusammen halten. Also anstatt bösartig gegen uns auszuteilen, sollten Sie lieber demütig und dankbar sein, in welchem Luxus der Ruhe, Sauberkeit und des Friedens Sie leben dürfen.

  3. 18.

    Welchen Stecker? Was reden Sie denn da? Hier leben genauso fleißige, anständige und steuerzahlene Menschen wie in anderen Bundesländern. Und haben tagtäglich noch diese Wahnsinnsstadt auszuhalten. Ich liebe Berlin, ab einem bestimmten Alter fallen einem aber einige Nachteile einer Millionenstadt schon schwerer. Lärm, Abgase, die knallharte "Berliner Stimmung"...Und dann wird man ständig auch noch so oberflächlich und ignorant abgewatscht, wie von Ihnen jetzt. Im Gegenteil. Eigentlich müsste die Berlinzulage wieder eingeführt werden. Als Belohnung dafür, dass wir brav funktionieren und die Stadt irgendwo noch zusammen halten. Also anstatt bösartig gegen uns auszuteilen, sollten Sie lieber demütig und dankbar sein, in welchem Luxus der Ruhe, Sauberkeit und des Friedens Sie leben dürfen.

  4. 16.

    Oh man, Sie sprechen mir von der Seele. Danke für diesen wunderbaren Kommentar. Ich zog 72 aus dem damals noch piefigen Münster/Westfalen in diese aufregende Stadt und bereue meinen Schritt nicht eine Minute. Die Berliner mit Schnauze empfingen mich freundlich und aufrichtig geradeaus und das ist nur ein Punkt was diese Stadt auszeichnet. Mein besonderer Dank geht auch an Frau Ossowski. Lange habe ich nicht mehr so herzlich gelacht. Det tut ma jut.

  5. 15.

    Ich bin ja sehr dafür, euch finanziell den Stecker zu ziehen, damit auch ihr merkt, wer eure Probleme löst.

  6. 14.

    Hr. Palmer will sollte Verhältnisse und ich seine Landsleute nicht. Rückführung aller Berlin-Ausländer! Schwaben ist ein sicheres Herkunftsland. Sachsen übrigens auch...

  7. 13.

    Frau Ossowski versucht es auf den Punkt zu bringen und das mit Humor, super! Ansonsten sage ich dazu nur noch, dass es mir eigentlich völlig egal ist, was Außenstehende über unsere Stadt sagen, die sie gar nicht gut genug kennen, um sie beurteilen zu können. Wer es hier nicht mag, muss es entweder zähneknirschend ertragen, oder wegziehen. Ich kenne einige Leute, die hierher zogen, weil sie den blitzeblanken Kleinstadtmief nicht mehr verkraften konnten. Egal aus welcher Perspektive man es betrachtet, für jeden Menschen gibt es irgendwo das richtige Fleckchen zum Leben. Ich gönne dem Provinzler sein Nest und dem leidenschaftlichen Berliner diese wahnsinns Stadt. Über Geschmäcker läßt sich halt nicht streiten. Und was am Besten an der Chose ist: der echte Berliner ist gebeutelt, aber loyal. Und morgen wache ich auf und habe meine Stadt wieder etwas lieber. Gute Nacht!

  8. 12.

    Offen gesagt ist es mir schnurz, was ein Bürgermeister, Brötchenverkäufer oder Bettler von irgendwo über meine Heimatstadt sagt, schreibt, denkt. Soll seine Probleme Zuhause lösen - hat bestimmt dort auch welche. Aber als gebürtiger Berliner finde ich, dass wir IN der Stadt eine Diskussion brauchen. Über den (sehr zu meiner Trübsal) manchmal kaum vermeidbaren Eindruck, Berlin könnte sich zu einer Failed City entwickeln. Innere Sicherheit (damit meine ich NICHT Terrorismusbekämpfung sondern Durchsetzen von Recht und Ordnung in der Öffentlichkeit - siehe Straßenverkehr, ÖPNV), Sauberkeit, "der Ton in der Stadt", Mitmenschlichkeit, positives Miteinander...überall Versagen. Das hat ganz oft mit politisch Handelnden zu tun. ABER EBEN NICHT NUR. Der Hundehalter, der glaubt, sein Hund und er/sie haben immer Recht und Vorrang. Der auf dem Radweg parkende Autofahrer ("ist ja nur kurz"), der bei rot über die Ampel rasende Radfahrer, der Fußgänger, dem der Radweg egal ist... ick wunda mia!

  9. 11.

    @Maria Ossowski Treffer, versenkt! :-D

  10. 10.

    "Was denn nun? Ein Grüner, nennt das kollektive Versagen von Rot/Rot/Grün beim Namen?"

    Hä? Sie verstehen die Äußerung von Herrn Palmer wirklich als Kritik am RRG-Senat?! Ich glaube kaum das Herr Palmer vor 2, 5, 10, 20 oder 50 Jahren was anderes gesagt hätte.

    "Dort haben die Schwaben uns die letzten Wohnungen weggekauft." klingt übrigens nicht danach als ob die Gentrifizierungs-Gegner ruhig bleiben.

  11. 9.

    Herrlich, Frau Ossowski!

  12. 8.

    Geh doch rüber - nach Thübingen. Wo die Grünen sich nicht entscheiden können ob sie ne öko-Fdp oder ne öko-cdu sein wollen.

  13. 7.

    Prima Kommentar !

  14. 6.

    Ick find's wunderbar. Vielen Dank für diese amüsanten Zeilen, Frau Ossowski.

  15. 5.

    Berlin geht es so gut wie seit dem zweiten Weltkrieg nicht mehr. Da will ein Provinzoberbürgermeister Aufmerksamkeit, mehr nicht...

  16. 4.

    Da hat wohl Palmer in ein Wespennest gestoßen?
    Betroffenheit alle halben, geradezu hysterisch der Betroffenen.
    Nur die Gentrifizierung-Gegner bleiben ruhig.
    Was denn nun? Ein Grüner, nennt das kollektive Versagen von Rot/Rot/Grün beim Namen? Rolex-Trägerinnin fabulieren vom "Wir", Frau Pop von "Kehrwoche".
    Vielleicht ist es nur der Neid, zu sehen, wie es unter Grün funktionieren könnte. Dazu muss dann aber die Berliner Mittelmäßigkeit Profil gewinnen. Aber, mit dem Personal?

  17. 2.

    Jenau so isset! :)

  18. 1.

    Hätten Sie für diesen Artikel nicht ein Bild von Tübingen oder einer anderen schwäbischen Stadt benutzen können?!
    Ich denke, dass die Badener in Berlin sich im Vergleich zu den Schwaben doch recht angenehm zurückzuhalten wissen. Zwar sehe ich immer wieder gerne mal ein Bild meiner Heimat, aber bitte nicht in diesem Zusammenhang!

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