19.12.2018, Berlin: Eine Frau trägt am Breitscheidplatz am Mahnmal nach einer Abendandacht einen Rosenstrauss (Quelle: dpa/Carsten Koall)
dpa
Video: rbb|24 | 19.12.2018 | Bild: dpa

Gedenken an Opfer des Breitscheidplatz-Anschlags - Innehalten am "Riss"

Zwei Jahre nach dem Terroranschlag am Breitscheidplatz gedenkt Berlin der Opfer. Hinterbliebene und Poltiker haben an der Gedenkstätte "Der Riss" Kränze und Blumen niedergelegt. Am Abend erklangen zwölf Glockenschläge, die an die Todesopfer erinnern.

Zum zweiten Jahrestag des Anschlags auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz haben Angehörige und Politiker der Opfer gedacht. Bei einer Gedenkandacht in der Gedächtniskirche rief Pfarrer Martin Germer am Abend jedes einzelne Opfer in Erinnerung. Um 20.02 Uhr wurde die Glocke im alten Turm zwölfmal angeschlagen - symbolisch für die zwölf Opfer.

Hinterbliebene, der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) und weitere Senatsmitglieder hatten zuvor im Rahmen einer öffentlichen Gedenkzeremonie Kränze und Blumen vor der Gedächtniskirche niedergelegt - darunter waren auch Gebinde der Botschaften von Israel, Polen und Italien.

Am Mahnmal vor der Kirche nahe dem Anschlagsort hatten sich bereits am Morgen rund hundert Menschen versammelt. Den ganzen Tag bot die Kirche professionelle Beratungs- und Gesprächsangebote für Hinterbliebene und überlebende Opfer an.

Bei der Gedenkzeremonie wurde auch an diejenigen erinnert, die schwer verletzt wurden und nun mit bleibenden gesundheitliche Schäden leben müssten. Außerdem richtete Pfarrer Germer einige Worte an die Hinterbliebenen. Sie seien teils von weit her angereist, so etwa die Angehörigen einer bei dem Anschlag getöteten Israelin, sagte er. Berlin verneige sich vor den Opfern. "Tag für Tag halten viele Menschen an dieser Stelle inne, Menschen aus aller Welt", ergänzte er auf den Treppen vor der Gedächtniskirche, wo vor einem Jahr die Gedenkstelle "Der Riss" eingeweiht worden war. "Sie bringen damit ihre Verbundenheit mit den Opfern, mit Ihnen zum Ausdruck."

"Die Wunde ist noch nicht verheilt"

Berlins Regierender Bürgermeister hatte bereits im Vorfeld der Gedenkfeier erklärt: "Noch immer ist die Wunde nicht verheilt, die dieser feige Anschlag gerissen hat. Wir denken heute an die Opfer und ihre Angehörigen, die Opfer eines unsinnigen und kaltblütigen Verbrechens wurden."

Geisel: Es kommt darauf an, nicht in Panik zu verfallen

Innensenator Andreas Geisel (SPD) hatte am Morgen im rbb-Inforadio dazu aufgerufen, sich von möglichen Terror-Anschlägen nicht einschüchtern zu lassen. Niemand könne ein Attentat ausschließen, sagte Geisel. Worauf es aber ankomme, sei nicht in Angst zu verfallen. Der Jahrestag des Terroranschlags stehe "ganz eindeutig im Zeichen des Gedenkens an die Opfer", sagte Geisel weiter. Wichtig sei aber, deutlich zu machen, dass "unsere offene Gesellschaft, unsere Demokratie zwar verletzbar ist, dass wir aber diese offene Gesellschaft weiter leben, dass wir unser Leben nicht ändern, dass wir nicht anders denken, nicht anders glauben, denn das wäre ein Erfolg für die Terroristen, und den gönnen wir ihnen nicht." Die Erkenntnis, dass es sich bei dem Attentäter Anis Amri um einen Mann handelte, der im Visier der Sicherheitsbehörden war, bezeichnete Geisel als "bitter".

Auch Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) drückte den Opfern und Hinterbliebenen sein Mitgefühl aus und erklärte: "Der fürchterliche Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz hat uns vor zwei Jahren alle tief erschüttert. Auch ich persönlich denke immer wieder an diesen traurigen Tag zurück." Mit Blick auf den Anschlag auf den Straßburger Weihnachtsmarkt sagte Seehofer, der habe auf schmerzliche Weise gezeigt, "dass wir nicht darin nachlassen dürfen, uns gegen solchen menschenverachtenden Terrorismus zur Wehr zu setzen". Die deutschen Sicherheitsbehörden würden das weiter konsequent tun.

Der CDU-Fraktionsvorsitzende im Berliner Abgeordnetenhaus, Burkard Dregger, betonte in einer Mitteilung, den Betroffenen des Anschlags müsse nicht nur in Sonntagsreden beigestanden werden, sondern auch durch bessere Kommunikation und unbürokratische Hilfen.

"Der Staat hat aus den Versäumnissen nach dem Anschlag gelernt"

Auf Kritik von Seiten der Hinterbliebenen reagierte der Opferbeauftragte der Bundesregierung, Edgar Franke (SPD), am Mittwoch in einem Interview im Südwestrundfunk. Viele Menschen litten weiterhin unter den Folgen des Anschlags, es gebe noch immer viel Gesprächsbedarf bei Opfern und Hinterbliebenen, sagte er. Der Staat habe aus den Versäumnissen nach dem Anschlag vor zwei Jahren gelernt, fügte der Opferbeauftragte hinzu. So seien die psychologische Hilfe und Betreuung nach Anschlägen verbessert, die finanziellen Hilfen seien deutlich aufgestockt worden.

Bundesjustizministerin Katarina Barley (SPD) forderte als Konsequenz aus den Erfahrungen nach dem Terroranschlag von Berlin, in allen Bundesländern Opferbeauftragte zu installieren. "Ich mache da weiterhin Druck", sagte die SPD-Politikerin am Mittwoch im ZDF-Morgenmagazin. Es helfe einfach unglaublich, wenn es in solchen Fällen vor Ort Ansprechpartner gebe. Bislang gebe es Opferbeauftragte nur in fünf Ländern und im Bund. Sie werbe sehr bei ihren Kollegen aus den anderen Ländern, ebenfalls solche Stellen zu schaffen.

Für die Bundesregierung bezeichnete Regierungssprecher Steffen Seibert eine bessere Unterstützung der Opfer als zentral. Dies drücke sich auch in der Ernennung des Opferbeauftragten Franke aus. "Das alles macht das grausame Geschehen nicht ungeschehen", sagte Seibert. Es könne aber zusätzliches Leid nach der Tat verhindern. Die Gedanken seien am Jahrestag des Anschlags bei den Opfern und all jenen, für die das Leben nach dem 19. Dezember 2016 nicht mehr so ist wie vorher.

Am 19. Dezember 2016 hatte der islamistische Terrorist Anis Amri einen entführten Lastwagen vorsätzlich in die Besuchermenge auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz gelenkt. Dabei kamen zwölf Menschen ums Leben, mehr als 70 wurden teilweise schwer verletzt.

Sendung: Inforadio, 19.12.2018, 9:40 Uhr

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