Geisterpuppen auf dem Kudamm (rbb|24/Lieder)
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Video: rbb|24 | 20.12.2018 | Grit Lieder | Bild: rbb|24/Lieder

Aktion gegen Verdrängung in Berlin - Weiße Puppen geistern nun auch auf dem Ku'damm herum

Zuerst tauchten am Wochenende gruselige, kreideweiße Puppen im Schillerkiez auf, am Donnerstag nun auf dem prestigeträchtigen Ku'damm. Ein Künstlerkollektiv macht mit der Aktion auf Verdrängung aufmerksam - und hat einen konkreten Adressaten.

Ein weiß angemalter Punk sitzt regungslos auf dem Ku'damm, neben ihm ein Plastikbecher. Ein Pantomime-Künstler? Wer ihm näher kommt, sieht sofort: Reingefallen! Der Punk ist eine Puppe.

Neunzehn solche kreidebleichen Geisterpuppen saßen am Donnerstagvormittag auf dem Berliner Kurfürstendamm in Berlin-Charlottenburg. Und zwar vor der Hausnummer 177. Hier hat eine Immobilienfirma ihre Postadresse. Und die hat einen ihrer Neuköllner Mieter – die Kneipe "Syndikat", zum Jahresende gekündigt. Doch die Mieter wehren sich – nun auch mit Unterstützung des Künstlerkollektivs "Reflektor".

Eine weiße Punker-Puppe auf der Straße (Foto: rbb|24/Grit Lieder)
Eine weiße Punker-Puppe | Bild: rbb|24/Grit Lieder

Kollektiv "Reflektor" erzählt Geschichten der Verdrängten

Nicht nur um die Gewerbemieter des Syndikats, die Anfang des Jahres nach 33 Jahren ihre Räume verlassen müssen, weil der Mietvertrag nicht verlängert wird, geht es bei der Kunstaktion – sondern generell um Mieter im Schillerkiez, die ausgezogen sind, weil sie sich die Miete nicht mehr leisten konnten. "Reflektor" hat die Geschichten gesammelt und verfremdet.

Die Puppen tragen persönliche Gegenstände bei sich: Einen Topf Nudeln, einen Zahnputzbecher und vor allem Kündigungsschreiben – künstlerische Hinweise darauf, was sie zuletzt gemacht haben, bevor sie von ihrer Kündigung erfahren haben. "Der hier hat gerade Zeitung gelesen", sagt ein Mitglied des Kollektivs vor Ort und zeigt auf eine an einer Hauswand sitzende Puppe. Die sind bewusst an die "Geisterfahrräder" angelehnt, die in Berlin an getötete Radfahrer erinnern - denn die Menschen hinter den Puppen hätten den "sozialen Tod" erlebt.

Auf dem Boden ist auch die der Name einer Webseite zu lesen [externer Link: die-verdraengten.de]. Dort "erzählen" insgesamt 20 Puppenköpfe ihre Geschichten von Verdrängung: Familien mit Kindern, Studenten, Arbeiter. "Mit meinem Lohn als Tischler konnte ich das bald nicht mehr zahlen. Ich habe ewig nach einer neuen Wohnung gesucht und wohne jetzt in einer kleineren Wohnung, draußen in Gropiusstadt", sagt etwa die Figur Ulrich H.

Eine Frau arrangiert eine Puppe auf dem Geweg (Foto: rbb|24/Grit Lieder)

De Aktion zweiter Teil

Die Aktion auf dem Kurfürstendamm ist die zweite ihrer Art in Berlin innerhalb einer Woche. Die erste fand am Samstag im Schillerkiez statt.

Das Neuköllner Viertel Schillerkiez zwischen Columbiadamm im Norden und Leinestraße im Süden ist in den vergangenen Jahren, seit der Schließung des Tempelhofer Felds als Flughafen und Eröffnung als Riesenpark, zu einer der begehrtesten Wohngegenden Berlins geworden. Neue Mieter zahlen ein Vielfaches dessen, was wenige Jahre zuvor üblich war, dennoch sind frei werdende Wohnungen sehr begehrt.

Der Kiez ist geprägt von Bars, Restaurants und Cafés, das riesige Tempelhofer Feld zieht vor allem im Sommer viele Menschen - Berliner und Besucher - an.

Der Ku’damm, wo am Donnerstag die zweite Aktion stattfand, ist derweil eine der bekanntesten Einkaufsstraßen Deutschlands und Heimat vieler prestigeträchtiger Geschäfte und Geschäftsräume.

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12 Kommentare

  1. 12.

    50 Jahre? Ja, dann mögen Sie vermutlich grundsätzlich keine Veränderungen und Neuzugezogene sind Störenfriede. Das kenne ich vom platten Land. Da ist man selbst in der dritten Generation noch der Neue. Insofern ist eine Belebung von Stadtteilen durch Neue positiv. Alteingesessene sind oft doch sehr verhaftet am Status Quo. Stillstand bewirkt nichts.

  2. 11.

    Schnöde, arrogant und unverschämt, und nichts begriffen. Wenn ich nur an die Brüll- und Rechthabershows der neuen 'Berliner' bei Kiez-Versammlungen denke.

    Ich wurde nicht verdrängt, vertrieben oder gekündigt. Ich bin letztendlich vor Schmutz, Krach und 'total egal' geflüchtet. Ich habe über 50 Jahre in meinem Kiez gelebt.

  3. 10.

    Die Puppen sind super, wenn man natürlich auch den entsprechenden Artikel dazu gelesen hat. Find es besser als irgendwelche Demonstrationen zum Thema Verdrängung aus dem Kiez oder an dauernde Schilder die irgendwann zerfletter an den Wänden etc. Stehen Tolle Aktion.

  4. 9.

    Das ist das süße Lied des Sterbens von Atmosphäre und Gemeinschaft - das Lied der Verdrängung, das anscheinend der "Berliner" (#2) so gerne und laut singt.

  5. 8.

    es betrifft längst nicht nur die künstler. mit dem syndikat (was keine künstlerkneipe ist!), stirbt ein stück kiezkultur. es gibt immer weniger orte, an denen menschen sich treffen können. mit dem syndikat stirbt dann ein weiterer.

  6. 7.

    ja, ihnen ist das egal, weil sie sind ja wohl auch nicht von verdrängung betroffen.

    ur wundern sie sich dann bitte nicht, wenn die stadt kahl, kalt und tot saniert ist. dann ist es nämlich zu spät.

  7. 6.

    was für eine arogante denke ...

    und damit dann die anfahrt zur arbeit zum mindestlohn drei stunden dauert ...

  8. 5.

    Der Kudamm interessiert mich seit 20 Jahren nicht mehr!

  9. 4.

    Nächstes mal bitte erst zu Halloween. Dann passt das wenigstens dazu. Kunst ist Kunst, na gut. Ansonsten finde ich die Aktion einfach nur uninteressant. Ich hoffe, die Puppen sind wenigstens aus umweltfreundlichen Materialien.

  10. 3.

    Ist so: das "normale Tarifgesicht" kann reden und wird belächelt, aber wenn es Leute trifft, die vermeintlich mehr zu bieten gaben, dann wird demonstriert, aktioniert bis es wehtut.
    Der Senat ist doch eh blind auf diesem Auge und diese Stadt ist dank zugezogener Senatsbüttel dem auch noch zwanghaft unterworfen aber feiert sich weiter.
    Berlin, Du warst mal lebenswert für alle, aber seit Du dem Kapital so vehement hinterher rennst, zeigst Du Deine immer hässlichere Seite, die für Geldsäcke die Verführung ist. Berlin, Du ekelst mich immer mehr an. Die Geburtsurkunde sagt Berlin als Ort, aber den Stolz darauf habe ich verloren und fange an, Dich zu verleugnen, weil Du es mittlerweile verdienst.

  11. 2.

    Na dann Tschüss und viel Vergnügen im Umland. Berlin ist eben nicht für jeden geeignet. Die Verdrängung hat auch positive Seiten.

  12. 1.

    Diese Nummer ist zu spät! Was mich ärgert, sie instrumentieren nur wenn es sie, die Künstler selber betrifft. Ich bin raus aus dieser Nummer. Ich hatte hier gewarnt vor dem airbnb-Terror im Hinterhaus. Ich wurde ausgelacht, nun ist meine ehemalige Wohnung unbeschreiblich mehr als Gold wert. Ich war der letzte (Ost-)Ur-Berliner der seit langen endlich auszog. Ich wohne nun im Umland und treffe viele Berliner und ihre Kinder wieder. Sehr kurz gefasst, es ist unbeschreiblich was ich zuletzt in meinem Kiez erleben durfte. Konform wäre ja, Kritik ist nein. Diktatur! Diese Stadt, dieser Staat wird mir immer mehr fremd.

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