Zehntausende Menschen demonstrieren in Belgrad gegen das "Waterfront Project" (Quelle: YouTube/nedavimobeograd)
Audio: Radioeins | 12.11.2018 | Interview mit Nico Schmolke | Bild: YouTube/nedavimobeograd

Eine Reise zu Europas Stadtrebellen - Städter, hört die Signale!

Ob Berlin, Belgrad oder Barcelona – überall kämpfen Aktivisten für eine bezahlbare Stadt. Doch während die eine Bürgermeisterin wird, bekommt es ein anderer mit dem Geheimdienst zu tun. Von Maximilian Horn und Nico Schmolke

Wenn man aus einem Hipster-Café mit unverputzten Wänden tritt und dabei auf dem Bürgersteig fast von einem Elektro-Roller überfahren wird - dann könnte das eigentlich überall in Europa sein. So uneins der Kontinent derzeit wirkt, so ähnlich sind sich zumindest die Innenstädte Europas längst geworden. Die gleichen Läden in der Fußgängerzone, die gleichen Klamotten an den Menschen – und die gleichen Probleme. Überall steigende Mieten und Verdrängung, Zuzug und Touristenströme, Immobilienspekulation und Zwangsräumungen.

Und überall Proteste. In Berlin streitet Anna Heilgemeir für selbstverwalteten Wohnraum. Radomir Lazovic will in Belgrad ein Mega-Projekt stoppen. Und in Barcelona verhindert Ricardo Dubcek Zwangsräumungen. Drei Aktivisten, drei Städte: Was verbindet sie, was trennt sie?

Berlin – Zusammenarbeit ist kein Selbstläufer

Die Reise zu Europas Stadtrebellen beginnt am Kreuzberger Dragoner-Areal. Sobald man die chaotische Kreuzung am Mehringdamm hinter sich gelassen und den Parkplatz des Öko-Ladens überquert hat, kehrt Ruhe ein. Garagen, alte Fabrikbauten, Brachfläche. Viel Raum, um Neues zu schaffen. Anna Heilgemeir und ihre Initiative "Stadt von unten" würden hier gerne Wohnungen errichten, aber selbstverwaltet, zum Beispiel mit Genossenschaften. 100 Prozent bezahlbarer Wohnraum ist ihr Ziel. Eigentümer des Geländes aber ist der Bund – und der wollte an den Meistbietenden verkaufen.

Video: Kampf um das kreuzberger Dragoner-Areal

Anna Heilgemeir (Quelle: rbb / Schmolke)
rbb / Schmolke

 

Heilgemeir und ihre Mitstreiter organisieren Demos, schreiben Petitionen und entwickeln Nutzungskonzepte – mit Erfolg: Der rot-rot-grüne Senat übt Druck auf den Bund aus und kann ein Tauschgeschäft einfädeln. Weitere Monate wird um einen Vertrag gerungen, bis endlich das Land Berlin offiziell Eigentümer des Geländes ist. Doch für die Aktivisten ist das nur ein Etappenziel – mehr nicht.

Denn der Senat will am liebsten Wohnungen bauen, um die Neubauziele zu erreichen. Heilgemeir ist nicht dagegen, doch sie fordert eine Einbeziehung von Initiativen und Anwohnern. Eine Wohnungsbaugesellschaft würde einfach bauen, an den lokalen Bedürfnissen vorbei und nicht günstig genug, so Heilgemeirs Befürchtung. Und sie will, dass neben lokalem Gewerbe auch Projekträume Platz auf dem künftigen Dragoner-Areal finden.

So sehr sich die Seiten einander beäugen, längst wird intensiv zusammengearbeitet. Der Senat holt sich Mieterinitiativen an den Tisch, um über die Wohnungspolitik zu beraten. Und besonders in Friedrichshain-Kreuzberg geht das Bezirksamt auf viele Forderungen aus der Zivilgesellschaft ein. Auch wenn es lange dauert und nicht jede Forderung erfüllt werden kann – in Berlin wird miteinander geredet.

Belgrad - Der Aktivist als "Verräter"

Ganz anders in Belgrad, der Hauptstadt Serbiens. Auch hier geht es um eine Brache, eine riesige: halb so groß wie das Tempelhofer Feld. Und auch hier protestieren Anwohner gegen die Pläne der Regierung. Doch anders als in Berlin wird einfach gebaut – ohne Beteiligung der Bürger.

Video: Proteste gegen das "Waterfront Project" in Belgrad

Radomir Lazovic (Quelle: rbb / Schmolke)
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Radomir Lazovic will sich das nicht gefallen lassen. Im Jahr 2015 erfährt er vom "Waterfront Project". Mehr als vier Milliarden Dollar werden aus Abu Dhabi investiert, um ein Viertel direkt neben der Innenstadt zu errichten. 20.000 Menschen sollen dort wohnen. Doch für die günstigste Eigentumswohnung müsste ein serbischer Durchschnittsverdiener 30 Jahre lang arbeiten. Und dann werden Bewohner aus den Baracken der Brachfläche, Flüchtlinge und Wohnungslose auch noch von maskierten Schlägern vertrieben. Um hier zu protestieren, ist Mut gefragt.

Die Demos werden von einem riesigen Polizeiaufgebot begleitet. Lazovic wird im nationalen Parlament "Verräter" genannt, weil er die Proteste organisiert. Und noch heute tauchen Polizisten in Zivil auf, wenn man Lazovic filmt. Auffällig unauffällig machen sie Fotos vom Aktivisten. Diesem großen Druck halten die Demos nicht lange stand – anfangs sind Zehntausende auf der Straße, doch nach einigen Monaten kehrt wieder Stille auf Belgrads Straßen ein.

Lazovic fürchtet sich vor gar nichts mehr, sagt er. Die Proteste hätten ihm Kraft gegeben. Doch damit steht er ziemlich allein da. Die ersten Gebäude des neuen Waterfront-Viertels stehen schon. Proteste hingegen gibt es keine mehr.

Barcelona - Von der Straße ins Rathaus

Proteste haben vor einigen Jahren auch Barcelona erfasst. Wie in Belgrad zogen Tausende durch die Straße – gegen den Ausverkauf ihrer Stadt. Doch während die Demonstranten in Belgrad ruhiggestellt werden, lief es in Barcelona ganz anders. Eben noch auf der Straße mit Megafon und Plakat, sitzt Ada Colau nun im Rathaus der Stadt. Aus einer Aktivistin ist eine Bürgermeisterin geworden.

Für Ricardo Dubcek ist das allein kein Grund zur Freude. Er wohnt nur wenige Straßen von "La Rambla" entfernt, der bekannten Fußgängermeile der katalanischen Hauptstadt. Souvenirladen reiht sich an Souvenirladen. Mehr und mehr Touristen kommen in die Stadt und treiben die Preise in die Höhe. Wer sich verschuldet oder seine Miete nicht mehr zahlen kann, wird zwangsgeräumt. Allein in Barcelona gebe es zehn Räumungen am Tag, sagt Ricardo Dubcek.

Video: Zwangsräumungen in Barcelona

Ricardo Dubcek (Quelle: rbb / Schmolke)
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Dubcek engagiert sich bei der Plataforma de Afectados por la Hipoteca (PAH), der Plattform gegen Zwangsräumungen. PAH ist in ganz Spanien bekannt. Während der Finanzkrise wurde sie zur Stimme der geschundenen Spanier. Und nun ist die damalige Anführerin, Ada Colau, zwar Bürgermeisterin in Barcelona. Aber auch sie kann keine Wunder bewirken. Bei den Kommunalwahlen 2019 muss Colau sogar um ihre Wiederwahl fürchten. Ob mit Protest auf der Straße oder mit Gesetzen aus dem Rathaus – die Probleme von Europas Städten scheint eine Stadt allein nicht lösen zu können.

Drei Aktivisten, ein Ziel

Deswegen versucht insbesondere Barcelona mit anderen Städten zusammenzuarbeiten. Auf Konferenzen wird sich ausgetauscht und voneinander gelernt. "Rebel Cities" oder "Solidarity Cities" nennen sich die Netzwerke, die eine "Stadt für alle" entwickeln wollen – also Wohnraum schaffen, Flüchtlinge integrieren und Mitbestimmung der Bürger ermöglichen.

Barcelona - Licht und Schatten des Touristenbooms (Quelle: rbb/Nico Schmolke)
Barcelona - Licht und Schatten des Touristenbooms Bild: rbb/Nico Schmolke

Und die Städte wollen nun sogar große Politik machen. Barcelona schickt eine eigene Kandidatin für die Europawahl ins Rennen, auf der spanischen Liste von Podemos. Und in Italien hat sich eine Partei der Bürgermeister gegründet, die ebenfalls im Mai 2019 zu den europäischen Parlamentswahlen antreten möchte. Auf EU-Ebene will man Migration, Finanzen oder Arbeit regulieren und damit den Städten das Leben erleichtern.

Für Barcelona und Berlin, in denen Aktivisten und Stadtverwaltungen eng zusammenarbeiten, bieten solche Städtenetzwerke und Europa-Initiativen große Chancen. In Belgrad hingegen sind Stadtaktivisten völlig marginalisiert. "Für mich ist das enorm motivierend, Aktivisten aus anderen Städten zu treffen, denen es besser geht", sagt Radomir Lazovic aus Belgrad.

Die Städtenetzwerke sind vor allem ein Ort, um von den Erfahrungen aus anderen Städten zu profitieren. So haben sich auch Berliner Aktivisten von Barcelona inspirieren lassen und überlegen nun, ob die Gründung einer gemeinsamen Plattform sinnvoll ist – mit der man dann sogar zu den Berlin-Wahlen antreten kann. Die Diskussionen dazu stehen jedoch noch am Anfang.

Sendung: Radioeins, 12.11.2018, 18:40 Uhr

Beitrag von Maximilian Horn und Nico Schmolke

Kommentar

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3 Kommentare

  1. 3.

    Überall dasselbe: Wo Sozialisten und Kommunisten den selbsterzeugten Mangel verwalten, protestieren die, deren Interessen sie (vorgeblich) vertreten, gegen die von ihnen selbst gewählten Machthaber. Absurd. Venezuela lässt grüßen.

  2. 2.

    Dazu :
    "denn sie wissen nicht, was sie tun" weil sie nicht wissen, waszu tun ist, um gut zu leben
    ARBEITEN und nicht auf die Strasse gehen für alles mögliche-sind doch m.M.n immer die selben----

  3. 1.

    Die andere Seite der Medaille: "Heilgemeir"? Wenn alle aus ihren hinterbayrischen Dörfern nach Berlin strömen, müssen sie sich doch nicht nicht wundern, wenn's teuer wird. Angebot und Nachfrage. Eine Binsenweisheit. Die Herbeischaffung alimentierter Konsumenten aus aller Welt macht's nicht besser sondern verschärft die Situation drastisch. Paradoxerweise wird diese zweifelhafte Entwicklung regelmäßig von genau dieser Aktivist_InnInnInnen-Klientel bejubelt. Im Übrigen kann man immer noch auf's Dorf ziehen oder sich die DDR zurückwünschen. Da gab's den Quadratmeter für eine Ostmark.

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