Gisela Düllberg, Bürgerinitative Berliner Schnauze (Quelle: rbb/ Marcus Groß)
Audio: Inforadio | 18.02.2018 | Marcus Groß | Bild: rbb/ Marcus Groß

Neue Vorschrift ab Januar - Hundeführerschein in Berlin wird Pflicht - und auch wieder nicht

Von Januar an müssen Hundebesitzer eine Prüfung ablegen, wenn sie ihr Tier ohne Leine laufen lassen wollen. Sinnvoll? Eine Zumutung? Wie auch immer man dazu steht: Die Umsetzung ist so oder so kompliziert. Von Marcus Groß

Der Hundesportplatz liegt auf einem Fabrikgelände, es ist kalt und dunkel - und trotzdem stehen vier Hundebesitzer mit ihren kurz- und langbeinigen Lieblingen bei Fuß. Die Teams warten auf das Kommando von Trainerin Paula Hase. Heute geht es darum, dem Hund das Warten beizubringen. "Der Mensch läuft zwei Runden, der Hund eine Runde", fasst Hase die Aufgabe zusammen. "Du umrundest diesen Kreis mit Leonito zusammen, er soll nahe mit Dir mitlaufen. Und wenn Du hier wieder ankommst, soll er warten und Du gehst noch einmal eine Runde."

Es ist das Einmaleins der Hundeerziehung, das die Hundebesitzer hier lernen sollen - die Grundschule sozusagen. Die Befehle "Sitz", "Platz", "Steh" - all das braucht man für einen Berliner Hundeführerschein, wie er im Hundegesetz von 2016 vorgesehen ist.

Daniela Wäsche (Quelle: rbb/ Marcus Groß)
Daniela Wäsche mit Emmy | Bild: rbb/Marcus Groß

Geprüft werden Alltagssituationen

Die schwarze Labradorhündin Emmy und Frauchen Daniela Wäsche kommen seit Anfang des Jahres in die Hundeschule. Ihr Ziel: Emmy soll fit gemacht werden für die Prüfung im nächsten Jahr. "Wir haben für alles ein Hörzeichen und ein Sichtzeichen", sagt Daniela. "Und wenn ich Glück hab', klappt eines von beidem."

Wenn Emmy und Daniela Wäsche die Sachkundeprüfung - so heißt der Hundeführerschein offiziell - bestehen, darf die junge Hündin auch mal ohne Leine spazieren gehen. Vorher muss ihre Halterin 30 theoretische Fragen beantworten und die verspielte Emmy 15 praktische Übungen bestehen. Beobachtet wird das Training von der Besitzerin der Hundeschule, Katja Kraus - sie nimmt am Ende die Prüfung ab. Die einzelnen Übungen seien Alltagssituationen, wie die Begrüßung eines anderen Menschens, erläutert Kraus. "Der Hund soll dabei unauffällig sein: Er kann, liegen, sitzen oder stehen - aber er soll niemanden bedrängen." 

Leinenpflicht gilt nicht für "Bestandshunde"

Ein Hundeführerschein ist allerdings nicht für alle Hunde Vorschrift. Auf dem Sportplatz zählen Retriever Leonito, die bunte Mischung Fine und Mischling Leo zu den sogenannten "Bestandshunden" - sie wurden vor dem 22. Juli 2016 angeschafft. Im nächsten Jahr dürfen sie deshalb auch ohne Führerschein ohne Leine laufen. Die Ausbildung in der Hundeschule machen sie trotzdem: weil Hundeerziehung wichtig ist, sagen die Hundebesitzerinnen.

Leonito beim Training in der Hundeschule (Quelle: rbb/Marcus Groß)Leonito beim Hundetraining

Anders ist es bei Emmy: Hier braucht nicht nur Halterin Daniela Wäsche einen Hundeführerschein, sondern auch ihr Mann, wenn er mit Emmy ab Januar eine Runde ohne Leine drehen will, erklärt Katja Kraus. Und: "Wenn ich mir vier oder fünf Hunde anschaffe, muss ich mit jedem Tier den Hundeführerschein machen. Und jeder, der mit diesen Hunden ohne Leine unterwegs ist, muss das ebenfalls tun."

Das Laufenlassen ohne Leine kann teuer werden: 30 Euro kostet die theoretische Prüfung, 60 Euro die praktische. Dann sind noch Verwaltungsgebühr, Anmeldegebühr und grüne Plakette fällig: alles in allem fast 200 Euro pro Hund und Halter.

"Viele Hunde sind völlig unerzogen"

Der Hundeführerschein bedeutet für Daniela Wäsche und Labradorhündin Emmy eine Menge Aufwand - die Idee dahinter kann sie aber verstehen. "Viele Hunde rasen einfach los und sind völlig unerzogen. Man muss ja auch davon ausgehen, dass sich viele Leute vor Hunden fürchten", erklärt Daniela Wäsche. "Morgens auf dem Schulweg haben die Kinder oft Angst vor meinem Hund und freuen sich, wenn wir zur Seite treten. Und auch kleine Hunde haben oft Angst vor großen."

"Hund kann sich nicht ausleben"

Gisela Düllberg mit Hund Paulchen sieht das anders. Sie hat vor 20 Jahren die Bürgerinitiative "Berliner Schnauze" mitgegründet. Schon damals hatte sie der Leinenzwang, der in Berliner Parks eingeführt wurde, aufgeregt. Jetzt ist sie überzeugte Gegnerin der Leinenpflicht. Es komme auf die Kommunikation zwischen Mensch und Tier an, erklärt die ehemalige Lehrerin. Hunde gehören für sie nur dann an die Leine, wenn sie nicht hören oder nicht erzogen sind.

Sie hat keine Sorge, dass ihr Paulchen ohne Leine auf die Straße rennt. "Der Leinenzwang führt dazu, dass wir immer mehr verhaltensgestörte Hunde bekommen. Ein Hund an der kurzen Leine kann seine natürliche Körpersprache nicht ausleben, hat Angst und kann aggressiv werden."

Hundeerziehung ist für sie das Mittel der Wahl. Hundeschulen findet sie gut, einen Pflichtführerschein aber lehnt sie ab. "Man kann die Bürger nicht immer wie Idioten behandeln. Die Bürger sind nicht dumm und wissen selber, was sie tun. Durch positive Anreize kann man viel mehr erreichen als durch Zwang und Strafe."

Mit ihrer Bürgerinitiative fordert Gisela Düllberg mehr Hundeauslaufgebiete. Denn 2019 müssen Paulchen und Co. in öffentlichen Grünanlagen, im Wald und in öffentlichen Verkehrsmitteln weiterhin an die Leine. Hunde-Führerschein hin oder her.

Strafen drohen - zumindest auf dem Papier

Ab Januar kontrollieren Berlins Ordnungsämter die Leinenpflicht. Das wird allerdings nicht ganz einfach, gibt Stadtrat Arne Herz zu, der im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf für Ordnungsangelegenheiten zuständig ist. Schon die Überprüfung, wie lange sich der Hund im Besitz des Halters befindet, kann zum Problem werden: Hundehalter müssten eine Haftpflichtpolice oder den Steuerbescheid immer griffbereit haben.

Wer ab Januar gegen die Leinenpflicht verstößt, muss 25 Euro zahlen - müsste, sagt Bezirksstadtrat Arne Herz. "Real werden sie aufgefordert, ihren Hund an die Leine zu nehmen. Das ist unser Hauptanliegen, nicht die Strafe. In der Übergangszeit werden wir wohl eher mal ein Auge zudrücken und erstmal informieren."

Sendung: Inforadio, 18.12.2018, 09:45 Uhr

Fragen und Antworten zur Leinenpflicht

  • Wo muss ich meinen Hund an die Leine nehmen?

  • Ausnahmen von der Leinenpflicht

  • Muss ich die Sachkundeprüfung ("Hundeführerschein") machen?

  • Wo kann ich die Sachkundeprüfung machen?

  • Offene Fragen

Beitrag von Marcus Groß

Kommentar

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5 Kommentare

  1. 5.

    Unterteilung in Bestandshunde ist echt lächerlich. Ich sehe leider auch viele Hunde, die ihrem "Herrchen" nicht gehorchen und völlig wild umherlaufen. Zu dem Thema Hundeerziehung habe ich eine tolle Seite gefunden, die ich nur herzlichst empfehlen kann. https://bit.ly/2Gusu3F

  2. 4.

    Vorschriften, Vorschriften, Vorschriften - Immer mehr mit heißer Nadel gestrickter Unsinn macht die Bürger verrückt.

  3. 3.

    Was soll der quatsch mit der Unterteilung in bestandshunde nach dem anschaffungsdatum? Sind Hunde die vor diesem Datum angeschafft wurden automatisch anders als später gekaufte? Das ist wirklich der größte Blödsinn den der Senat sich bisher einfallen ließ. Entweder gleiche Rechte und Pflichten für alle Hundehalter oder man kann es gleich sein lassen. Nimmt doch niemand erst so etwas.

  4. 2.

    Gibt es dann auch eine MPU bei ignorierten Hinterlassenschaften?

  5. 1.

    Wischiwaschi. Pflicht mit Bußgeld ? Soll aber nicht verhängt werden. Sowas will ich auch als BVG Nutzer ! Ordnungsämter sollen kontrollieren ? Die schaffen es ja nicht mal Falschfahrer und Parker in Zaum zu halten.

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